Wunderliche Neigungen II oder die Tomate des Vertrauens

Susi Wilkat über kulinarische Spleens

 
Rechteinhaber: selbst erstellt, Lizenzvereinbarung: Creative Commons Attribution 2.0 Germany License
Rechteinhaber: selbst erstellt, Lizenzvereinbarung: Creative Commons Attribution 2.0 Germany License
Die Tomatenviertel werden sorgsam an den Tellerrand gelegt

Ich bin mit ihr seit 15 Jahren befreundet. In dieser Zeit habe ich viele Eigenarten meiner Freundin kennen gelernt, zum Beispiel beim Essen. Frühstückseier werden so lange gekocht bis das Eigelb richtig blau anläuft. Und Kartoffeln. Die Kartoffeln müssen innen noch fest sein. Sie sind dann aber so hart, dass sie vom Teller springen, wenn ich sie mit der Gabel zerdrücken will.

Gestern habe ich meine Freundin wieder etwas näher kennengelernt. Wir sitzen an einem rustikalen Holztisch bei einem Italiener in der Hamburger Schanze. Ein ganz unscheinbarer Laden mit nur zehn Tischen. Es gibt noch nicht einmal einen Hinweis, wie das Restaurant heißt. Vor uns steht jeweils ein gemischter Salat. Für meinen Geschmack ist der Teller etwas überfüllt. Der Salat besteht hier hauptsächlich aus Rucola und Tomaten. Großes Lob: das Dressing ist selbst gemacht, kein Italian-Dressing aus dem 10-Liter-Eimer.

Als wir anfangen zu essen, beobachte ich meine Freundin wie sie hochkonzentriert jede einzelne Tomatenspalte aus ihrem Salat fischt und sie sorgsam an den Tellerrand stapelt.

Ich: „Magst Du die nicht?“

Sie: „Nee.“

Ich: „Die sind aber wirklich lecker, leicht süß. Sie schmecken ausnahmsweise mal nach Tomate.“

Sie: „Ja kann sein, aber die hat ein Fremder angefasst“.

Meine Augen werden groß. Irgendwie geht es nicht um den Geschmack.

Ich: „Aha?! Und was ist mit dem Rucola? Den hat doch auch schon ein Fremder in den Händen gehalten?“

Sie: „Das finde ich nicht schlimm“

Ich: „Also ist es nur bei den Tomaten?“

Sie: „Ja. Ich esse sie nicht, wenn sie von Menschen, die ich nicht kenne, aufgeschnitten werden.“

Ich: „Hm…“

Meine Augen werden größer, meine Stirn runzelt sich. Ich suche gedanklich nach der Ursache für dieses Tun.

Sie: „Ich muss sie im ganzen Zustand sehen, betasten und selbst aufschneiden. Tomaten müssen bei mir fest sein. Dann esse ich sie.“

Ich: „Aber wenn es bei mir Salat gibt, isst Du doch die Tomaten?“

Sie: „Dann ist es kein Problem, weil ich Dich kenne.“…..

Meine Augen werden wieder kleiner, aber meine Stirn ist noch in fragenden Falten gelegt. Ich denke, dass ich nicht jede Marotte verstehen muss, bin aber etwas schlauer, was die Eigenarten meiner Freundin betrifft – Frühstückseier müssen blau sein, Kartoffeln fast hart und Tomaten. Die werden nur im festen Zustand von vertrauten Personen gegessen.

«
»
Posted in Allgemein

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.