Wie wollen wir essen?

Auf der Suche nach einem tollen Restaurant, ergeben sich plötzlich viel bessere Alternativen

Rechteinhaber: Dawin Meckel, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Verkostungen, Event-Gastronomie, Dinnerclubs – unsere Möglichkeiten, außer Haus zu essen, haben sich in den vergangenen Jahren enorm erweitert. Gerne wird behauptet, das läge an unserem ständig steigenden Interesse am Essen – doch warum beschäftigen wir uns so intensiv damit? Kann sein, dass es an einer wachsenden Sehnsucht liegt: nach unvermittelten sinnlichen Genüssen, nach Gemeinschaft und Überraschungen. Allerdings sind Restaurants nur selten geeignet, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Und so suchen wir Alternativen

Wenn alle an einem Tisch sitzen sollen, muss der Tisch bei fast 120 Gästen ziemlich lang sein: die Kitchen Guerilla auf St. Pauli

Es ist ein ungemütlicher Abend im Frühjahr, dunkel, kalt, verregnet, die Straßen wie evakuiert. Doch im Hinterzimmer eines kleinen Ladens in Potsdam-Babelsberg stört das niemanden. Wir sind neun, die hier um einen improvisierten Tisch sitzen: eine Reisejournalistin und ihr lustiger Mann, der irgendwas mit Immobilien macht, ein smarter Foodblogger aus Frankfurt, die charmante Chefin einer Geschirrmanufaktur, ein fast noch junger Weinhändler. Aber das alles weiß ich noch nicht, denn wir haben uns gerade erst gesetzt – noch sind wir neun Fremde, die sich in dem kleinen Raum mit seiner winzigen Küche zu einem Sieben-Gänge-Menü getroffen haben. Zur Begrüßung gab es einen frischen Aperitif auf einem Löffel: ein Sparkling-Mojito-Gelee. Nun sind die Weingläser gefüllt, das Gespräch plätschert dahin, die Stimmung ist entspannt. Und dann kommt das Essen.

Immer wenn mich etwas sehr glücklich macht, habe ich den überwältigenden Drang, jemanden zu umarmen. Und ich glaube, ich bin mit dem Gefühl nicht alleine. An diesem Abend geht mir das oft so: bei dem buttrigen Huhn mit Mandelkruste, Weiße-Schokolade-Kartoffelpüree und Koriander, während wir das zarte Birnen-Panna-Cotta mit Mascarpone-Reis und Kaffee-Öl essen, als das erste Dessert serviert wird, The Last Snowball, eine Zitronencreme mit Joghurtkern, bestäubt mit Kokospuder. Hier wird tatsächlich eingelöst, was der Begriff Komposition oft verspricht, aber selten hält: Verschiedene Geschmäcker, Aromen und Texturen verschmelzen zu mehr als der Summe ihrer Teile, so wie die Instrumente eines Orchesters in den besten Momenten zu einer Welle aus Klang, Licht und Hoffnung werden können. Musik, die man essen kann. Wie mir geht es allen am Tisch. Der Abend ist begleitet von Aahs und Oohs, die zu anderen Gelegenheiten völlig übertrieben wirken würden. Und während wir den Genuss teilen, erzählen wir einander Geschichten aus unserem Leben, als säßen wir seit Jahren zusammen: Angesichts der Freude schmelzen die Grenzen der Menschen dahin. Ab und zu schaltet sich auch Roberto ein, der Schöpfer des Menüs, der zwei Schritte hinter uns die Gerichte fertigstellt, in kaum mehr als der Skizze einer Küche: ein kleiner Herd, eine winzige Anrichte, ein Tisch – jedem Hobbykoch triebe es die Tränen in die Augen. Wie macht er das nur? Ein höchst unwahrscheinliches Kunststück. Aber Roberto Cortez ist ohnehin eine höchst unwahrscheinliche Persönlichkeit.

Rechteinhaber: Dawin Meckel, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Roberto Cortez und Katja Bremkamp

Bis er 25 war, arbeitete der aus El Paso stammende 43-Jährige an einer Karriere als Rockgitarrist mit eigener Band. Dann konnte er wegen einer Krankheit nicht mehr spielen, und so entschloss er sich, inspiriert von einem TV-Werbespot, Koch zu werden. Er ging in Austin und später in Paris in die Lehre, zog nach L.A. und wurde auf einer Party, für die er gekocht hatte, von einer Agentur für Privatköche entdeckt. Gleich sein erster Job war ein Himmelfahrtskommando: Er sollte bei Eddy Murphy vorkochen. Der Hollywood-Star war damals dafür bekannt, dass er jede Woche seinen Koch rausschmiss – keiner genügte ihm.

»Ich blieb acht Monate bei Eddy Murphy«, erzählt Roberto, ein sanfter, freundlicher Mann, der deutlich jünger wirkt als er ist. »Und sobald man in diesen Kreisen bekannt ist, wird man rumgereicht. Diese Leute achten sehr auf den Schutz ihres Privatlebens, die nehmen nicht gerne Fremde.« Zu seinen Klienten zählten in der Folge unter anderem Antonio Banderas und Melanie Griffith, die Liste der Gäste, die er bekocht hat, ist der feuchte Traum einer Klatschreporterin: Bill Gates, Bono, Peter Gabriel, Iggy Pop, Naomi Campbell … Allein fünf Jahre reiste er mit Paul Allen um die Welt, dem zweiten Microsoft-Gründer. Wer schon immer wissen wollte, was man tut, wenn man zehn Milliarden Dollar besitzt: Man beschäftigt einen Koch wie Roberto Cortez. Und wenn man seit Jahren vom Dispo lebt? Fährt man nach Potsdam.

Das ist eine weitere Unwahrscheinlichkeit: einen solchen Koch an einem solchen Ort zu treffen. Dafür ist Katja Bremkamp verantwortlich, eine sehr konzentrierte, etwas streng wirkende Designerin, die sich mit Tellern und Besteck beschäftigt, sehr speziellem Besteck: Messern ohne Griff, Mischformen aus Gabeln und Löffeln, Glaslöffeln mit hohlen Griffen, aus denen man zum Beispiel einen Dessertwein trinken beziehungsweise löffeln kann – eine verblüffend stimmige Idee. Roberto hat sie vor einigen Jahren angesprochen, ob sie Besteck für sein Essen designen wolle – aus der kleinen Anfrage entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit. Der heutige Abend findet im hinteren Raum ihres Geschäfts statt, das Essen wird mit ihrem Besteck serviert.

Die beiden haben schon größere Events veranstaltet, unter anderem schufen sie für das London Design Festival ein Menü mit Gefühls-Desserts: Man bestellte ein Gefühl, bekam ein entsprechendes Dessert, und anschließend ein weiteres Dessert, das das gegenteilige Gefühl darstellte. Hier in Potsdam ist alles etwas kleiner: Der Name ihres Dinnerclubs, Blushwhispers, ist bisher kaum bekannt, und wie billig neunzig Euro für sieben Gänge plus Getränke sind, versteht man erst, wenn man erlebt hat, was man dafür bekommt. Aber wenigstens müssen sie kein eigenes Restaurant bespielen.

»Ein eigenes Lokal ist für mich schon deshalb nichts, weil ich mich als Koch schnell langweile«, sagt Roberto Cortez. »Wenn du ein Restaurant betreibst, musst du immer dasselbe machen, weil die Gäste einen bestimmten Stil erleben wollen. Außerdem herrscht in Restaurants in der Regel Chaos, irgendetwas geht immer schief. Viele Köche mit eigenen Läden sagen: ›Ich bin ein Sklave meines Restaurants.‹ Die arbeiten Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. Das hält auch keine Beziehung aus. Deshalb habe ich darüber nachgedacht, ob man nicht etwas anderes machen könnte. Warum arbeiten Köche immer nur in Hotels oder Restaurants?«

Nun gut, dass dies ausgerechnet ein Mann fragt, der einen Großteil seiner Karriere in privaten Küchen verbracht hat, ist wenig überraschend. Doch die Frage ist nicht so abwegig: Die Art, wie wir öffentlich essen, in Restaurants, in denen jeder Gast an einem eigenen Tisch sitzt und aus einer Speisekarte auswählt, auf was er Appetit hat, ist nicht selbstverständlich. Von den Lagern der Jäger und Sammler bis zu den Wirtshäusern des Mittelalters haben Menschen immer zusammen gegessen – und immer dasselbe. Sicher, in den Städten gab es auf Märkten Essen zum Mitnehmen, Garküchen existierten lange vor dem Restaurant, und in Paris gab es bereits Anfang des 18. Jahrhunderts Esslokale. Dort wurde aber nur ein table d’hôte angeboten: Zu einer bestimmten Zeit wurde das Essen in großen Schüsseln auf den Tisch gestellt und alle Gäste mussten es sich teilen.

Das erste Lokal Europas, das im engeren Sinne als Restaurant bezeichnet werden kann, wurde 1766 in Paris eröffnet. Mathurin Roze de Chantoiseau servierte dort unter anderem eine angeblich besonders gesunde Suppe, eine Bouillon restoratif, der wir bis heute den Namen solcher Etablissements verdanken. 16 Jahre später eröffnete in Paris das La Grande Taverne des Londres, über das der Schriftsteller, Philosoph und Gastrosoph Jean An­thelme Brillat-Savarin schrieb, es sei das erste Lokal, das die wesentlichen Elemente eines Restaurants vereine: »einen schönen Raum, elegante Kellner, eine gute Auswahl an Weinen und eine hervorragende Küche.« Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, warum vor allem die Einzeltische für die Gäste attraktiv waren: Bis dahin aßen in der Öffentlichkeit nur wichtige Persönlichkeiten an einem eigenen Tisch, zum Beispiel der König.

Und dabei ist es geblieben. Seltsam, oder? Wir kaufen unsere Lebensmittel auf dem Markt, in Fachgeschäften, bei Aldi und im Internet. Wir kochen komplizierte Gerichte, weil wir Spaß dran haben, und einfache Hausmannskost, weil uns die ebenfalls schmeckt. Wir laden Freunde zum Essen ein und werden eingeladen, wir tauschen Rezepte und Einkaufstipps, behalten aber einige Geheimnisse für uns. Manchmal kochen wir ein kleines Meisterwerk, das wir ganz alleine essen, manchmal holen wir etwas vom besten Thai-Imbiss der Stadt und manchmal bestellen wir eine fette Pizza, die irgendwie auch lecker ist. Wir essen gerne, und wir tun es auf viele verschiedene Arten. Nur wenn wir ausgehen wollen, haben wir kaum eine Wahl: Wir gehen in ein Restaurant.

Vielen Menschen scheint das nicht mehr zu genügen. Genussmessen ziehen in ganz Deutschland die Massen an, auf Biobauernhöfen mit eigener Fleisch-, Brot- und Milchproduktion drängeln sich am Tag der offenen Tür die Städter und, keine regionale Veranstaltungsreihe kommt ohne kulinarische Events aus: In kleinen Restaurants auf dem flachen Land spielen Streichquartette Schubert und Mozart zu viergängigen Sommermenüs, bekannte, befreundete oder auch nur benachbarte Autoren lesen zwischen den Gängen lustige oder besinnliche Geschichten über die Wirrungen der Welt, und in jedem, aber auch wirklich jedem Gasthaus hängen Bilder örtlicher Künstler. In den Städten erfreut man sich derweil an Event-Gastronomie: im Kölner Dinnerclub singen die Kellner, dem Frankfurter Cocoon ist der Club inklusive Star-DJ gleich angeschlossen, außerdem kann man dort im Liegen essen, was übrigens auch in der Wanga DinerClubLounge geht, in Kirchheim unter Teck – nein, ich weiß auch nicht, wo das ist. In Frankreich gibt es inzwischen sogar eine ganze Bewegung, die Alternativen zum konventionellen Restaurantbesuch bietet: Le Fooding.

Erfunden hat den aus Food und Feeling zusammengesetzten Namen 1999 Alexandre Cammas, ein Journalist, den anfangs vor allem die gastronomische Hofberichterstattung nervte. »Damals beschäftigte sich der kulinarische Journalismus in Frankreich vor allem mit dem Kochen von Nieren und der Zartheit der Poularden. Es zählte nur, was auf dem Teller war. Aber wer lebt so? Und wer isst so? Wir wollten Köche mit Persönlichkeit und Seele, nicht Techniker der Tafel.« Also begründete er einen Restaurantführer, in dem statt der großen Namen wenig bekannte, innovative Lokale empfohlen wurden. Ein winziger Schritt für die Menschheit – aber ein riesengroßer für Frankreich.

Für eine Bewegung, die sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat, und sei es nur die der Gastronomie, ist das natürlich trotzdem ein etwas kläglicher Anfang: noch ein Restaurantführer. Doch seitdem ist viel passiert. Le Fooding ist heute ein Verein wie Slow Food, mit vernetzten Mitgliedern und regelmäßigen Veranstaltungen. Zu den alljährlichen Höhepunkten gehören Events, bei denen berühmte Köche kochen, nur eben nicht für einige wenige Restaurantbesucher in steifer Garderobe auf schwerem Gestühl, sondern für ein zahlreiches, buntes, unübersichtliches Volk, das sich auf Picknicks vergnügt oder in Clubs, wo zwischendurch eine Modenschau stattfindet und nach dem Essen getanzt wird. Das klingt nach Rockfestivals für Leute, die für drei Tage laute Musik und Dixi-Klos zu alt sind – und das ist es wohl auch. So wie bei einem Musikfestival der Auftritt der Lieblingsgruppe nur der Anlass zur Party ist, zum kurzweiligen, aufregenden, lustigen Treffen mit Gleichgesinnten, so ist auch hier das Essen nur der Anfang des Spaßes.

Rechteinhaber: Dawin Meckel, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Kristof Knauer

Dazu braucht es am Ende nicht einmal einen Club, einen DJ, eine Modenschau oder sonstige Sensationen – eine große Tafel reicht völlig. Kristof Knauer hat im April in Karlsruhe sein zweites Underground Dinner veranstaltet, für fünfzig Gäste an einem Tisch.

»Es ist interessant, wie sich das über den Abend entwickelt: Anfangs bleiben alle unter sich und reden nur mit denen, mit denen sie gekommen sind. Aber bereits nach dem ersten Gang unterhalten sie sich mit Leuten, die ihnen gegenübersitzen. Und im Laufe der Zeit vermischt sich das immer mehr, die Gäste stehen zwischen den Gängen in Gruppen herum oder tauschen ihre Plätze. Es gab Leute, die mit jedem Gast wenigstens kurz gesprochen haben. Das ist auch für uns als Veranstalter unheimlich schön mit anzusehen.«

Kristof ist 25, studiert Architektur und kocht gerne. Gemeinsam mit dem ebenso kochbegeisterten Produkt­designstudenten Christian Klotz kam er nach einem Silvester-Dinner für zwölf Freunde auf die Idee, dies auch mal für eine größere Gruppe zu tun. Im Dezember 2009 machten die beiden mit ihrem ersten Underground Dinner vierzig Gäste glücklich, für den zweiten Abend im April dieses Jahres waren die fünfzig Plätze nach drei Tagen weg – insgesamt hatten sie mehr als hundert Anfragen. Die Gäste überwiesen vorab 54 Euro für Essen und Getränke, sodass die beiden Köche nichts vorfinanzieren mussten. Drei Tage gingen für Einkauf und Vorbereitungen drauf, an einem Samstag um 19.30 Uhr war es dann soweit: In der Eingangshalle eines Fitnessstudios gab es unter anderem Hasenpastete auf Preiselbeergelee, St. Jaques auf Erbsenpüree, Hibiskusschnee und Cracker und eine Erdbeerkaltschale mit Brioche.

»Wir waren überrascht, wie viele Gäste wir nicht kannten«, erzählt Kristof. »Aber das war auch unsere Idee gewesen: wildfremde Leute anzusprechen und dann zu schauen, wer zu so einem Essen kommt.« Ursprünglich wollten sich die beiden selber mit den Gästen unterhalten. »Das ging bei der ersten Veranstaltung ganz gut, weil da ein Freund aus Stuttgart dabei war, der uns viel Arbeit in der Küche abgenommen hat. Beim zweiten Abend haben wir zu zweit gekocht, da war das schwieriger.« Zum Konzept gehört auch, dass die Gäste beim Anrichten und Servieren mithelfen. »Das funktionierte beim ersten Mal ebenfalls gut, weil wir unterbesetzt waren. Diesmal hatten wir sechs Helfer, da fühlte sich keiner mehr mitverantwortlich.« Auf der Website steht: Jeder Gast darf sich beteiligen. Muss aber nicht.

Angesichts des Erfolgs wollen Kris­tof und Christian weitermachen, und natürlich haben sie darüber nachgedacht, solche Abende professionell zu veranstalten. Aber wie kann das gehen? Tja, gute Frage. Schon die finanzielle Seite ist ein Problem: Die beiden Karlsruher mussten keine Miete zahlen und konnten sich auf die Hilfe von sechs Freunden verlassen, die allein für den Spaß mitmachten. Würden sie mit ihrem Underground Dinner Geld verdienen, bekämen die Helfer sicherlich gerne ihren Teil. Ein Koch wie Roberto Cortez mag in der Lage sein, Preise zu fordern, die so einen Abend trotzdem rentabel machen, aber selbst wenn das Duo das ebenfalls schaffen würde: Die »demokratische Idee, dass ganz unterschiedliche Menschen, vom Manager bis zum Studenten, gemeinsam essen«, bliebe auf der Strecke. Und dann wäre da noch das Finanzamt, das bei einer privaten Veranstaltung selbstverständlich nichts verloren hat.

Rechteinhaber: Dawin Meckel, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Christian Klotz

Aber ist so ein Underground Dinner überhaupt eine private Veranstaltung? In Berlin gibt es seit einiger Zeit eine ganze Reihe sogenannter Supper- oder Dinnerclubs: Mehr oder weniger brillante Köche bieten in ihren Wohnungen mehr oder weniger regelmäßig mehr oder weniger originelle Menüs an, eingeladen wird per E-Mail oder über soziale Netzwerke wie Facebook, bezahlt werden Kostenbeiträge beziehungsweise Spenden.

In den USA, in England und Kanada gibt es das schon länger, aber in Deutschland ist es ein vergleichsweise neues Phänomen, und so wird darüber gerne berichtet, zumindest in der Berliner Lokalpresse. Kein Text kommt dabei ohne zwei Hinweise aus: Es ist illegal! Und es ist gefährlich! Letzteres, weil die Küchen nicht wie Restaurantküchen vom Gesundheitsamt kontrolliert werden, und so könne vieles passieren: dass sich der Gast mit Bakterien oder Salmonellen vergiftet, sich in den Finger schneidet mit rostigem Besteck oder versehentlich das Brackwasser trinkt, mit dem die Blumen gegossen werden.

Bull­shit, klar, schließlich kochen wir alle in Küchen, die nicht staatlich geprüft sind, und leben immer noch. Die Frage nach der Legalität dagegen ist nicht so einfach zu beantworten. Private Essen mit Freunden sind natürlich legal, auch mit Kostenbeteiligung. Wo die Freundschaft endet, ist allerdings unklar. Wer etwa über Facebook einlädt, kann behaupten, alle Menschen am Tisch seien Freunde oder zumindest Freunde von Freunden, schließlich ist dort jeder irgendwie mit jedem befreundet. Wer seine Gäste stattdessen über seinen Blog oder seinen privaten E-Mail-Verteiler findet, kann sich nicht auf den Begriff Freund berufen und wäre, tja: illegaler? Das klingt nach einem prima Fall für das Bundesverfassungsgericht: Ist ein eigener Blog mit einigen Hundert Besuchern weniger privat als Facebook mit seinen Millionen Usern? Eine klare Regelung für solche unregelmäßigen Veranstaltungen gibt es jedenfalls nicht, aber noch gab es auch keinen Grund, sich damit zu beschäftigen: Bisher hat sich niemand beschwert.

Damit das zumindest in Hamburg so bleibt, hat die Hamburger Kitchen Guerilla vor einigen Monaten eine GbR gegründet. Der Zweck des Unternehmens ist der Lebensmittelhandel, was Mietkochen einschließt und damit auch Veranstaltungen. So bürokratisch hatten sich das Koral Elci, 31, und Olaf Deharde, 32, wohl kaum vorgestellt, als sie im Herbst 2009 ihre Guerilla-Tätigkeit aufnahmen. Damals kannten sich der Produktdesigner und der Fotograf schon lange, und auch mit dem Kochen für größere Gruppen hatten sie sich schon intensiv beschäftigt: Bereits 2002 hatten sie kurz die Idee gehabt, ein Zimmer ihrer WG in ein Restaurant zu verwandeln.

Rechteinhaber: Dawin Meckel, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Drei von der Kitchen Guerilla, von links: Koral Elci, Okan Faiti, Olaf Deharde

Beide sind kulinarisch vorbelastet. Korals Vater hat in Istanbul ein Restaurant betrieben, »für mich gehörte das deshalb immer zusammen: jagen oder ernten, zubereiten, essen.« Und Olaf, der aus einer ländlichen Gegend Bremerhavens stammt, ergänzt: »Das war bei mir ähnlich. Wir haben Lämmer gehabt, die ich mit der Flasche aufgezogen habe. Aber mir war schon als Kind klar: Die werden später geschlachtet.«

Die beiden lernten sich im Familieneck kennen, ­einer Hamburger Szenekneipe, die Koral fünf Jahre betrieb, kochten miteinander, wurden Freunde. Immer wieder sprachen sie darüber, für mehr Menschen zu kochen, doch ein Restaurant stand nie zur Debatte, erklärt Olaf: »Zum einen weil wir beide einen Beruf haben, den wir gerne ausüben. Und zum anderen wissen wir sehr gut, wie hart es ist, ein Restaurant zu betreiben.«

Stattdessen begannen sie vor zwei Jahren, ab und zu für rund zwanzig Gäste zu kochen. »Wir stellten aber bald fest, dass wir uns das nicht leisten konnten, und die Leute kamen selten selber auf die Idee, etwas dazuzugeben. Sie fragten bloß immer: ›Sollen wir was mitbringen?’‹ Und wir sagten: ›Nein, bloß nicht, wir haben alles!‹« Koral lacht. Auf gut gemeinte Mitbringsel, die ihren Ansprüchen kaum genügen würden, verzichten sie lieber. Im Herbst 2009 begannen sie, in Restaurants an deren Ruhetag kulinarische Abenteuer­reisen zu unternehmen. Anfangs gab es türkisch-norddeutsche Fusionsküche, Lahmacun mit Ochsenzunge oder Börek mit Nordseekrabben, doch das Spek­trum erweiterte sich schnell.

Ebenso schnell sprachen sich die lus­tigen, leckeren Abende der Kitchen Guerilla in der Szene rum, und so kamen zu einem Event im Juni mit griechischem Essen, bei dem der Soul-Kitchen-Star Adam Bousdoukos als DJ auftrat, fast 120 Besucher.

Ein ­Rekord – aber auch ein Problem. In der Arbeitshalle eines Handwerkers auf St. Pauli saßen zwar immer noch alle Gäste zusammen an zwei sehr langen Tischen, doch es herrschte eine eher anonyme Atmosphäre, wie bei einem Konzert, wo man auch nicht mit jedem spricht. Für solch eine Masse Essen zu bereiten, ist nicht einfach. Dass es den Guerillas ohne eine Küche mit einigen Helfern und zwei Grills gelang, einen leckeren Abend zu gestalten, spricht für ihre logistischen und kulinarischen Fähigkeiten – aber Gourmetküche pro­duziert man so nicht.

Andererseits überlegen Olaf und Koral, von der Kitchen Guerilla zu leben – und da brauchen sie die Masse, oder? »Am liebsten würden wir reisen, kochen und dabei schauen, wo es welche Produkte gibt – eine Art reisendes Restaurant mit Food-Scouting«, sagt Koral. »Das geht vielleicht, wenn man mit einem Fernsehsender zusammenarbeitet …« Hilfreich könnte sein, dass sie schon jetzt Food-Scouting betreiben: Alles, was sie bei ihren Events auftischen, kommt von kleinen Produzenten, die sie persönlich kennen oder zumindest mal besucht haben. Vielleicht können sie Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten werden, bei denen man feine Produkte isst oder kauft, übers Internet, versteht sich. Aber eigentlich sind sie keine Händler, und noch ein Online-Shop für Pesto vom Ende der Welt und handgedengelte Olivenholzlöffel braucht niemand. Bis jetzt gilt also: »Wir sind froh, wenn wir kein Minus machen.«

Ende Juni fahre ich noch einmal zu Roberto Cortez nach Potsdam. Was gehört zu einem gelungenen Essen? Olaf hatte gesagt: »Eine hübsche Frau.« Und gegrinst. Dann fügten die Guerilleros hinzu: Geselligkeit, eine Tisch-Idee, guter Wein. Und Musik, live oder vom DJ. Kristof Knauer will Gastauftritte organisieren: Winzer ein­laden, die ihre Weine vorstellen, oder Köche, die ein oder zwei Gänge kochen. Roberto Cortez dagegen scheint es vor allem ums Essen zu gehen. Er sagt: »Wenn ich eine Idee für ein Essen habe, koche ich es immer zuerst im Kopf, ändere es im Kopf – ich schmecke alles im Kopf. Ich koche bei einem Dinner immer auch Sachen, die ich nie zuvor ­gekocht habe. Ich habe schon mal ein sechsgängiges Menu gekocht, von dem ich noch nie einen Teil gekocht hatte.«

Der Abend ist schön, ein milder Sommertag, die akkurat gefegten Straßen in Potsdam-Babelsberg wirken trotzdem wieder wie evakuiert. Die Runde ist diesmal etwas größer, alle sind auf Empfehlung von früheren Gästen gekommen. Das Essen ist grandios, vielleicht sogar einen Tick besser als beim ersten Mal, das Risot­to mit Syrah-Kaffeesplitter-Sauce sollte nie enden. Die Gäste dagegen … Nun ja, mehr als die Hälfte der Anwesenden kennt sich und scheint nicht interessiert am Austausch mit Menschen, denen die Tiefe, der Ernst und die Dringlichkeit der Verwicklungen in der Potsdamer Gesellschaft fremd sind. Aber kein Problem, wir können uns gut selber unterhalten. Schließlich gilt am Tisch wie stets im Leben: Nur wer mitspielt, kann gewinnen.

Weblinks

blushwhispers.wordpress.com
www.katjabremkamp.com
www.lefooding.com
www.undergrounddinner.de
www.kitchenguerilla.com

Text: Peter Lau
Fotos: Dawin Meckel

aus Effilee #12, September/Oktober 2010

«
»

6 Anmerkungen zu “Wie wollen wir essen?

Guter Artikel. Die Massenausspeisung der KitchenGuerilla für 120 Leute unterscheidet sisch allerdings optisch nicht so sehr von einem Zeltfest der freiwilligen Feuerwehr (mit abitionierten Buffet der ländlichen Hausfrauen). Hochklassig fand ich dagegen als Kontrast die Menüs von Roberto Cortez. Allerdings gibt es auf blushwhispers.wordpress.com seit Oktober 2010 kein Menü mehr. 90 EUR Spende für so ein handwerklich hochklassiges Menü inkl. Wein ist auch viel zu wenig. Das kann sich finanziell nie ausgehen und grenzt an Selbstausbeutung.

Wer sich für Supper Clubs und Underground Restaurants interessiert, sollte mal bei Funtasty Adventures vorbeischauen: Ein Blog, der geheime Dinnerveranstaltungen vor allem in Deutschland vorstellt, davon gibt es nämlich inzwischen einige. Und es werden immer mehr…

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.