Wie braun ist Bio?

Von NPD-Bauern, Öko-Diktatoren und dem rechten Rand der Bio-Szene

 

Man hat viel zu tun, wenn man ein guter Mensch sein möchte. Man sollte sich bewusst ernähren, gerne mit viel Rohkost und einheimischen, regionalen Produkten, die selbstverständlich ökologisch erzeugt wurden oder sogar biodynamisch. Am besten natürlich, man ist Vegetarier, denn Tiere leiden genau wie Menschen und sollten deshalb dieselben Rechte haben. Selbstverständlich muss man für den Schutz der Natur kämpfen, also gegen Umweltverschmutzung, Atomkraft und, klar, warum nicht, Gentechnik. Dazu passt Kleidung aus ökologisch hergestellten Naturstoffen, und weil die leicht schlechte Gerüche annimmt, hört man besser mit dem Rauchen auf – das ist ohnehin unsozial und schlecht für den Planeten. Zu all dem braucht es nur etwas Disziplin, aber die ist sowieso gut fürs spirituelle Wachstum. Am Ende ist man jedenfalls ein guter Mensch: ein disziplinierter, spiritueller, heimatverbundener Vegetarier, Nichtraucher, Naturschützer und Tierfreund. Genau wie Adolf Hitler

Gepflegte, saftige Felder, so weit das Auge reicht, unterbrochen nur durch ein paar malerische Baumgruppen. Hier kann man noch bis zum Horizont gucken, hier sieht man nachts die Sterne, hier bekommt man es mit, wenn sich die Zugvögel am Himmel in großen Scharen und mit viel Getöse auf die Reise machen. Hier müsste man morgens aufwachen, im Dorf Koppelow: zwei Straßen und rund ein Dutzend Bauernhöfe mitten im grünen Mecklenburg-Vorpommern.

Kein McDonald’s hier, keine Großstadtkriminalität und vor allem keine Gentechnik, dank der Entschlossenheit der Initiative für eine gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See. So etwas wollen die Bauern von Koppe­low, darunter einige Biobauern, hier nicht haben. In den Neunzigerjahren gründeten sie ihre Initiative, und sie war ein voller Erfolg. Die Presse berichtete, die Nachbarn machten mit. Das war grüne Basisarbeit, wie sie sein sollte. Hier waren keine Profipolitiker aus Berlin am Werk, die immer nur Wind machen, wenn eine Wahl bevorsteht. Nein, das hatten echte Bauern geschafft, die die Sache selber etwas anging. Man könnte denken, so ein Dorf sei ein Paradies für Grüne und andere umweltbewusste, links orientierte Menschen. Doch irgendwie blieben die Grünen fern. Oder im niederbayerischen Landshut: Dort vertreibt ein Verein von Biobauern und Umweltschützern die Zeitschrift Umwelt & Aktiv, in der es regelmäßig um Themen wie Der Kampf ums Brot geht: »Die Meere sind nahezu vollständig leergefischt. Gutes Ackerland wird mit Biospritpflanzen bebaut anstatt mit Grundnahrungsmitteln, wird mit Städten zubetoniert …« Das hört sich fast an wie aus den Pamphleten des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Doch die Umwelt & Aktiv-Redaktion warnt ihre Leser schon auf der Homepage, damit kein falscher Eindruck entsteht: »Denken Sie immer daran: Umweltschutz ist nicht grün, sondern für uns, unsere Kinder und unser Land lebenswichtig!«

Oh, Entschuldigung, habe ich Homepage gesagt? Ich meine natürlich Heimseite. Die Zeitschrift hat auch keine E-Mail-, sondern eine E-Post-Adresse. Und ihre Links heißen Verweise. Die verweisen auch nicht etwa auf den BUND oder ähnliche Organisationen, sondern auf Vereine, die die alte germanische Religion zu neuem Leben erwecken wollen. Was auch immer das ist.

Und dann ist da noch ein kleiner, bundesweiter Jugendverein, der in seiner Freiburger Erklärung die wichtige Rolle, die Natur und richtiges Essen für ihn spielen, so beschreibt: »Wir setzen uns für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur ein. Unsere Naturverbundenheit findet auch ihren Ausdruck in unserer Ernährung …« Ein modernes, fortschrittliches Bekenntnis. Nur der Name des Vereins klingt merkwürdig altmodisch: Der Freibund. Weitere altmodische Formulierungen tauchen in der Erklärung auf: »Die Idee der Nation ist für uns etwas Selbstverständliches … Wir begeistern uns für die Vielfalt des Volkstanzes und des Volksliedes … Unverzichtbare Werte sind für uns Treue, Zuverlässigkeit, Mut, Kameradschaft und Aufrichtigkeit.«

Es ist schon eine merkwürdige Erfahrung, ein bisschen, als ob man auf der Straße einer schönen Frau hinterherpfeift und erst erkennt, wenn sie sich umdreht, dass es sich um einen Mann mit langen Haaren handelt: Nicht wenige Biobauern, Vegetarier oder Tier- und Umweltschützer, von denen man grundsätzlich annimmt, sie stünden eher links, entpuppen sich beim näheren Hingucken als politisch rechts. Der Freibund zum Beispiel ist die Nachfolgeorganisation des 1961 vom Verfassungsschutz wegen faschistischer Tendenzen verbotenen Jugendvereins Bund Heimattreuer Jugend (BHJ). Und Umwelt & Aktiv wird vom Verein Midgard vertrieben, dessen Vereinsvorsitzender Christoph Hofer ehemals niederbayerischer NPD-Bezirksvorsitzender war.

Die Biobauern von Koppelow wurden von der rechtsgerichteten Zeitung Junge Freiheit unfreiwillig entlarvt. Ein Journalist besuchte Koppelow sowie zwei weitere Dörfer in der Nähe und war begeistert von dem, was er dort sah: die Aussteiger-Idylle, den Familienzusammenhalt, die Unabhängigkeit von den Produkten der globalisierten, großkapitalistischen Weltfirmen, die schönen, selbst gebauten Möbel: »Und so backen sie ihr Brot aus dem eigenen Getreide und fertigen Kleidung aus der Wolle ihrer Tiere. Auf den Tisch kommt, was der eigene Garten hergibt, und wenn es notwendig ist, bauen sie auch ihre Häuser selber. Entschlossen stemmen sie sich gegen die Entfremdung der modernen Welt mit all ihren Discount- und Baumärkten und versuchen ihr Leben auf das Ursprüngliche zurückzuführen.« Doch dann beging der begeisterte Journalist den Fehler, das Wort Artamanen zu erwähnen. Dieser Begriff wurde von dem antisemitischen Schriftsteller Willibald Hentschel erfunden, dessen Idee es war, dass die Deutschen in einer ländlichen, von der Zivilisation verschonten Utopie leben sollten, in einem Menschen-Garten, einer Stätte rassischer Hochzucht, wo eine neue völkische Oberschicht herangezogen werden konnte. 1923 formulierte er seine Vision: »Eine ritterliche deutsche Kampfgemeinschaft auf deutscher Erde – ich nenne sie Artam«. Sein Ruf wurde gehört: In den folgenden Jahren zogen bis zu 2000 Artamanen in den Osten, wo das Land billig war, und gründeten Blut-und-Boden-Biohöfe.

Als der Junge-Freiheit-Journalist erfuhr, dass einer seiner Bauern in einem dieser alten Häuser wohnte, konnte er seine Begeisterung offensichtlich nicht mehr zurückhalten: »Koppelow ist ein altes Artamanendorf«, schrieb er. Es dauerte noch zwei Jahre, bis die seltsame Nachricht, dass hier Artamanen leben, ins öffentliche Bewusstsein durchgesickert war. Doch dann war die Aufregung groß.

Die Bauern wurden auf einer öffentlichen Versammlung mit den Vorwürfen konfrontiert, bald erschienen kritische Zeitungsberichte. Firmen, die Koppelower Bioprodukte kauften, stellten unangenehme Fragen. Irgendwann musste der Biobauer, der gleichzeitig Vorsitzender der Initiative für eine gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See war, zugeben, dass er tatsächlich alles andere als ein biologisch-dynamischer Gutmensch war. Auch von seinem Posten in der Bürgerinitiative trat er zurück.

Für Stefan Köster, NPD-Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern, der sich nach eigenen Angaben überwiegend von Bio-Erzeugnissen ernährt, ist grün mitnichten ein rein grünes Thema. »Es ist ein Heimatthema«, betont er. »Und wir sind eine Heimatpartei. Man kann nicht für die Heimat aktiv werden, wenn man nicht für den Umweltschutz einsteht. Wir haben sehr viele Maßnahmen zum Schutz der Umwelt gestartet, zum Beispiel im Landtag Maßnahmen gegen Genkartoffeln und andere genmanipulierte Pflanzen wie Genmais. Wir glauben, dass ein Volk nur in einer intakten Umwelt existieren kann.«

Wenn alarmierte linke Medien über rechte Biobauern berichten, beschreiben sie das rechte Interesse an grünen Themen gerne als politisches Kalkül, als bloße Strategie, mit der Neonazis Wähler aus der respektablen bürgerlichen Mitte gewinnen wollen. Als ob es undenkbar sei, dass jemand, der nicht links steht, ein aufrichtiges Interesse an gesunder Ernährung entwickeln könnte. Ich sage nur: Adolf Hitler. »Das ist Unfug«, sagt Köster zum Thema Kalkül. »Vor drei oder vier Jahren wurde eine Umfrage gemacht, und selbst zehn Prozent der Wähler der Grünen fanden, dass wir eine vernünftige Umweltpolitik machen.«

»In den vergangenen Jahren ist das nicht mehr so verbreitet, aber es gibt eine rechte Tradition in der Ökologie«, erklärt Alex Demirovic, Professor für Politische Wissenschaft an der Technischen Universität in Berlin. »Bei den Grünen gab es ganz am Anfang auch Faschisten mit rassistischen Ideen.« Zum Beispiel Baldur Springmann, einst Mitglied der SA und SS, nach Kriegsende biodynamischer, pantheistischer Landwirt in Schleswig-Holstein. In den Siebzigern fand Springmann sein Thema. Seine Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) war der Versuch, so viele nationalistische Strömungen wie möglich zu vereinen. Das gelang ihr zwar nicht, doch dafür erkannte sie, vermutlich sogar als erste bundesdeutsche Partei, die Popularität von Umwelt- und Ernährungs­themen. Springmann war in Schleswig-Holstein Landesvorsitzender, doch in den folgenden Jahren wanderte er rastlos von Partei zu Partei. Sein Ziel war anspruchsvoll: Er wollte Rechtsextremismus, Ökologie und Spiritualität verbinden. Springmann war auch dabei, als 1980 die Grünen gegründet wurden. Und zwei Jahre später wieder, als die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) ihre Arbeit aufnahm.

Herbert Gruhl gehörte ebenfalls zu den Gründern der ÖDP. Gruhl fing als CDU-Politiker an, war Abgeordneter im Bundestag und schrieb 1975 den Bestseller Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik. Noch heute nennen viele namhafte Umweltschützer sein Buch als Grund, warum sie in die Umweltpolitik gegangen sind. Gruhl beschrieb sich selbst als Naturkonservativen, wurde aber oft und gerne als Ökofaschist beschimpft, weil er in Ein Planet wird geplündert behauptet hatte, dass der Staat im Falle einer ökologischen Krise die Aufgabe habe, »eine Überlebensstrategie nicht nur zu konzipieren, sondern auch rücksichtslos durchzusetzen.«

Dies wurde ihm von so manchem ehemaligen Parteifreund und anderen kritischen Geistern als Einladung zu einer Ökodiktatur ausgelegt. Hinzu kam die Einstellung der ÖDP gegenüber Menschen mit Migrations­hintergrund – eine Einstellung, die überraschend häufig in Umweltschutztheorien auftaucht. In dem Positionspapier Stellungnahme zur Ausländerfrage der ÖDP schrieb er: »Die Bundesrepublik gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Erde und kann aus diesem Grunde mit Sicherheit kein Einwanderungsland sein. Störungen des ökologischen Gleichgewichts und die Zerstörung natürlicher Lebensräume gehen mit der Bevölkerungsdichte Hand in Hand. Der positive Effekt einer Entlastung der Bevölkerungsdichte durch Verminderung der Geburten darf aber auch nicht durch Zuwanderung von außen wieder beseitigt werden.« Während Springmann und Gruhl von Anfang an offenbar nach rechts neigten, stand Rudolf Bahro ursprünglich eindeutig links. 1977 schrieb Bahro eine marxistische Analyse der DDR, nach der die Führung des Landes ihr Ziel verfehlt hatte. Dafür wurde er in Ost und West weithin bekannt, was für Bahro allerdings nicht unbedingt gut war, denn er lebte im Osten. 1979 wurde er ausgebürgert.

Im Westen schloss sich Bahro schnell den gerade gegründeten Grünen an, wo er bald als unbequemer Gesell galt. Er sprach gerne von der ökologischen Krise, als ob sie eine nahende Apokalypse sei, und nannte die Politik eine Unsichtbare Kirche. 1991 unterstellte der Züricher Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis Bahro in einer Schrift mit dem Titel Der Faschismus der Neuen Linken, er würde eine Ökodiktatur anstreben. Bahro stritt alles ab, doch die Vorwürfe häuften sich, bis ihm seine frühere Parteifreundin Jutta Ditfurth völkische Ideen vorwarf. Damit war seine politische Karriere so gut wie vorbei.

»Bahro war ein maßgebliches Mitglied einer Bundesarbeitsgemeinschaft der Grünen, in der viel Naturmystizismus praktiziert wurde«, sagt Professor Demirovic. »Sie vergruben bei Vollmond Kuhhörner und betrieben Rituale, die ein naturnahes Verhältnis herstellen sollten.« Wie wurde mit solchen Leuten umgegangen? »Es wurde sehr viel diskutiert, und Faschisten wurden schnell aus der Partei ausgegrenzt. Man kann sagen, dass sich die Grünen im Laufe ihrer Entwicklung in zwei Richtungen abgegrenzt haben – nach extrem links und nach rechts gegen eine mystisch-konservative Naturschutzvorstellung, die eigentlich etwas Autoritäres hat.« Hatte ich schon Adolf Hitler erwähnt?

Wenn auch kein großer Unterschied zwischen Linken und Rechten in ihrer Liebe zu anständigem Bio-Essen existiert, so gibt es doch einen rätselhaften Unterschied in der Art von Vorwürfen, die man ihnen macht. Während rechte Biobauern oft den Vorwurf des Nationalismus hören müssen, fällt doch nie das Wort Ökofaschist – dieses Schimpfwort ist den über-intellektualisierten Linken vorbehalten. Warum eigentlich?

Der wettergegerbte, eigenbrötlerische Finne Pentti Linkola liebt den Wald und die Vögel, er lebt abgeschieden als Fischer am Vanajavesi-See und macht sich beim Angeln seine Gedanken über Tiere, Menschen und Umwelt. Die sind so radikal zukunftsträchtig und, das muss man sagen, tierfreundlich, dass seine Anhänger ihn bewundernd den Fischer-Philosophen nennen – ein Titel, den ihm selbst Jesus Christus neiden müsste.

Alles, was der Mensch in den letzten 100 Jahren geschaffen hat, meint Linkola, muss weg. Die menschliche Bevölkerung der Erde sei ein Krebsgeschwür, das mit einem dritten Weltkrieg, Geburtenkontrolle oder zur Not auch Eugenik auf einen Bruchteil reduziert werden muss. Großstädte müssen weg – mit Hilfe von Atom- oder Biowaffen. Auch die Demokratie hat ihn sehr enttäuscht, da sie nicht in der Lage ist, Umweltprobleme zu lösen. Linkola, der eines seiner Bücher der Baader-Meinhof-Gruppe gewidmet hat, findet, die Menschen müssten gezwungen werden, umweltbewusst zu leben. Unbelehrbare könnten in Umerziehungslager gesteckt werden, bis auch sie es kapiert haben.

Wenn Sie finden, dass Linkola ein wenig übertreibt: Er steht nicht alleine. Schauen Sie sich mal die Website der Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit an. Dort heißt es voller Hoffnung: »Das langsame Aussterben der menschlichen Rasse durch freiwilliges Aufgeben der Fortpflanzung wird es dem Leben auf der Erde ermöglichen, wieder einen gesunden Zustand zu erreichen.« Auf die Frage Meinen Sie das wirklich ernst?, antwortet der Gründer Les U. Knight, der sich selbst als Anarchist bezeichnet: »Wir sind da wirklich vehement.« Gleichzeitig gibt er zu, dass er viel verlangt: »Klar, die Chancen stehen schlecht. Aber die Entscheidung, sich nicht zu vermehren, ist trotzdem richtig. Selbst wenn unsere Erfolgschancen nur eins zu hundert wären oder eins zu einer Milliarde: Wir müssten es dennoch versuchen. Es steht zu viel auf dem Spiel.«

Linkola und seine geistigen Verwandten sind zwar eine verschwindend geringe Gruppe von Verrückten, doch sie holen sich moralische und theoretische Unterstützung von Menschen, die alles anders als verrückt sind. Etwa von dem Australier Peter Singer. Er steht nach eigenem Bekunden politisch links, ist bekennender Vegetarier und zudem ein renommierter Philosoph und Professor für Bioethik an der Princeton University. Ein respektierter Gutmensch also – der als Nazi beschimpft wird. Als Singer auf einer schwedischen Buchmesse sprechen sollte, schrieb der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal einen Protestbrief, in dem er Singer vorwarf, er würde die Tötung von behinderten Neugeborenen rechtfertigen. Ähnliches wurde von dem Präsidenten der amerikanischen National Federation of the Blind geäußert, als Singer seine Professur in Princeton annahm. Singers Vortragstermine in akademischen Institutionen in Saarbrücken, Marburg und Zürich mussten abgesagt werden, weil die Proteste in der deutschen Presse und von Behindertenverbänden zu heftig wurden. Wie konnte es so weit kommen?

Singer ist Anhänger eines einflussreichen englischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Jeremy Bentham, dessen Skelett, adrett gekleidet und mit wächsernem Kopf, immer noch in einem Glaskasten im University College London sitzt – genau wie es sich der Kämpfer für das Frauenwahlrecht und die Legalisierung der Homosexualität in seinem Testament gewünscht hat. Bentham meinte, menschliches Handeln müsse immer darauf abzielen, so viel Gutes wie möglich für so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Das klingt erst mal nach einem hehren Ideal, hat aber einen Haken, denn damit könnte man zum Beispiel die Sterilisation von geistig behinderten Menschen vorschreiben, um zu verhindern, dass genetische Defekte weitergetragen werden. Wenn man schon dabei ist, kann man natürlich auch gleich Föten mit genetischen Defekten abtreiben. Und sollte ein solcher Säugling versehentlich doch mal geboren werden, bevor man den Defekt bemerkt, wäre es selbstverständlich ebenfalls möglich, das Kind nach der Geburt zu töten. Übrigens, habe ich schon Adolf Hitler erwähnt?

In einem seiner Bücher hat sich Singer dazu hinreißen lassen, anzudeuten, dass extrem behindert geborene Kinder nicht nur selber übermäßig leiden, sondern auch das Gemeinwohl behindern. Singer selbst sagt, er sei kein Nazi und auch kein Befürworter von Eugenik, aber solche Sätze kann man durchaus zu seinen Ungunsten interpretieren. Allerdings hat das Ganze nicht viel mit Bio zu tun … Bis man sein sehr einflussreiches Buch Die Befreiung der Tiere (1975) liest, das heute als Tierschutzklassiker gilt. Kreaturen, die Schmerz empfinden können, meint Singer, sollten genauso wie Menschen behandelt werden. Dieses Prinzip hält er für die konsequente Fortsetzung des Kampfes um die Menschenrechte im vergangenen Jahrhundert, gleichzusetzen mit der Befreiung der Sklaven. Für Tierliebhaber ist das selbstverständlich eine knuffige Vorstellung: Tiere aus ihrer Sklaverei zu befreien und ihnen dann die gleichen Rechte einzuräumen wie Menschen. Allerdings hätte das weitreichende Konsequenzen. Jeder Leberwurstbrotesser könnte als Mörder angeklagt werden. Und jeder Mensch, der einen Baum fällen oder einen Fluss begradigen will, würde erst mal im Gericht den Anwälten übel gelaunter Vögel und Biber gegenübersitzen.

Wenn Mensch und Tier gleich sind, muss man möglicherweise Benthams Idee ergänzen: Nicht möglichst viel Gutes für die Menschen sollte man tun, sondern möglichst viel Gutes für alles Leben auf Erden. Muss also eine einzige kranke Antilope sterben, um eine ganze Löwenfamilie zu ernähren, ist das gerechtfertigt – umgekehrt darf dann aber auch ein einziger Mensch sterben, wenn man damit einen Wald retten kann. Auch das, sagt Singer, habe er nicht gemeint. Und er kann es mit komplizierten philosophischen Erklärungen beweisen. Doch die Vorwürfe Ökofaschist und Ökozentriker wird er nicht mehr los.

Ökozentrik, auch Land-Ethik genannt, geht auf den 1948 verstorbenen US-Förster und Umweltschützer Aldo Leopold zurück. Der meinte, dass die Ethik nicht nur den Menschen berücksichtigen muss, sondern auch Tiere und Pflanzen, also das Land insgesamt beziehungsweise die Umwelt. Er schrieb: »Eine Ethik der Umwelt verwandelt die Rolle des Homo sapiens vom Eroberer der Umwelt-Gemeinschaft zu einem ganz einfachen Mitglied und Bürger darin.«

In letzter Instanz heißt das: Wenn man Rehe zum Abschuss freigeben darf, um eine umweltschädliche Überpopulation von Rehen zu verhindern, kann man das gleiche Prinzip auch auf Menschen übertragen. Damit sind wir wieder bei Pentti Linkola, der Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit und der Eugenik gelandet. Und nun möchte ich doch mal Adolf Hitler erwähnen.

»Es gibt eine Sache, die ich den Essern des Fleisches voraussagen kann«, verkündete der selbst ernannte Vegetarier 1941 bedrohlich in einem seiner ausschweifenden Tischgespräche. »Die Welt der Zukunft ist vegetarisch«. Kaum eine Vorstellung jagt Vegetariern und Veganern mehr Schreck ein, keine Behauptung wird von ihnen vehementer abgestritten als die, dass der Führer einer von ihnen war.

Historiker sind nicht ganz sicher, wie lange oder wie aufrichtig Hitler Vegetarier war. Einerseits berichteten Augenzeugen immer wieder, dass er kein Fleisch aß und Soldaten an der Front vor allem Rohkost empfahl, was die bestimmt begeistert aufgenommen haben. Andererseits gibt es eine historisch belegte, kompromittierende Episode mit einer gebratenen Taube. Fest steht, dass seine Vorstellung von gesunder Ernährung zum politischen Konzept gehörte: Er gab sich grün, weil sich viele Wähler nur einen grünen Messias vorstellen konnten.

»Wissen Sie, dass Ihr Führer Vegetarier ist und dass er wegen seiner allgemeinen Haltung in Richtung zum Leben und seiner Liebe für die Welt der Tiere kein Fleisch isst?« hieß es in der Zeitschrift Weiße Fahne. »Wissen Sie, dass Ihr Führer ein mustergültiger Tierfreund ist?« Tierschutz war in der Nazipropaganda so selbstverständlich, dass das Schächten als ein weiteres Indiz dafür herhalten musste, dass Juden einfach keinen Anstand haben. »Keine deutsche Regierung hat je den Schutz der deutschen Wälder ernster genommen als das Dritte Reich und sein Reichsforstminister Göring«, schreibt der renommierte US-Historiker Simon Schama über die Umweltpolitik der Nazis in den Vorkriegsjahren. 1933 wurde das Reichstierschutzgesetz verabschiedet, zwei Jahre später folgte das Reichsnaturschutzgesetz, das so fortschrittlich war, dass es bis 1976 in der Bundesrepublik überlebte.

Selbst im Generalplan Ost von 1942 wurde feinsinniger Landschaftsschutz betrieben. Mit Hilfe der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse sollten die eroberten Ostgebiete ein besonderes »Gepräge erhalten, damit der germanisch-deutsche Mensch sich heimisch fühlt, dort sesshaft wird und bereit ist, diese seine neue Heimat zu lieben und zu verteidigen.«

Naturschutz, Tierliebe und Vegetarismus sind den Nazis und den Grünen gleichermaßen wichtig, weil beide ihre Ideen aus der gleichen Quelle schöpfen: aus der Lebensreformbewegung. Lebensreform, das waren unzählige kleine Gruppen, die wahlweise die Abschaffung der Schulmedizin, der Kleidung, der Konservenbüchse oder der üblichen Religionen forderten. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte plötzlich jeder eine Lösung für die Probleme der Moderne. Die Reformideen reichten von Bio-Essen bis zu Esoterik. Auch Helena Petrovna Blavatskys berüchtigte Theosophische Gesellschaft, aus der Rudolf Steiners Anthroposophie hervorging, wurde damals gegründet.

So unterschiedlich sie auch waren, eines hatten sie gemeinsam: Alle waren sie gegen das, was um sie herum passierte. Und alle suchten eine Utopie, die sie mit ein paar einfachen Schritten zu Hause erreichen konnten und die sich in der Regel mit den Worten zurück in das goldene Zeitalter umschreiben ließ. »Die damalige moderne Zivilisation, die sich entwickelnde industrielle Gesellschaft, all das schien bedrohlich«, erklärt der Berliner Historiker Hans Bergemann. »Zum Teil zu Recht, die Mietskasernen in Berlin zum Beispiel waren Ursache gesundheitlicher Probleme. Doch der gesamte Prozess der Veränderung und die Entfremdung von einem vermeintlich idyllischen ländlichen Leben, all das wurde von den Lebensreformern vehement abgelehnt.«

Manche Utopien waren bizarr. So forderten Heinrich Pudor und Richard Ungewitter für ganz Deutschland eine neue Nacktkultur. »Der schlichte Gedanke dahinter war, dass sich Mann und Frau richtig sehen sollten, bevor sie sich zur Fortpflanzung zusammenfinden, um ihre Vorzüge beurteilen zu können«, sagt Bergemann. »Man glaubte, dass dadurch gute und gesunde Körper zueinander fänden.« Ungewitter schrieb, nicht ohne einen gewissen beleidigten Unterton: »Würde jedes deutsche Weib öfter einen nackten germanischen Mann sehen, so würde sie nicht so vielen exotischen fremden Rassen nachlaufen … Aus Gründen der gesunden Zuchtwahl fordere ich deshalb die Nacktkultur, damit Starke und Gesunde sich paaren, Schwächlinge aber nicht zur Vermehrung kommen.«

Wenn sämtliche Deutsche den ganzen Tag lang nackt herumliefen, spekulierte man, würde das nicht nur einer vernünftigen Partnerwahl zugute kommen – es würde auch die Sittlichkeit fördern. »Nacktkultur sollte dazu führen, dass man sich beherrscht und sittlicher wird«, erklärt Bergemann. »Eben weil es beim Mann diese große Angst gibt, dass er eine Erektion bekommen könnte, muss er seine sexuellen Impulse beherrschen lernen. Das muss er nicht, wenn er angezogen ist. Er kann seine schmutzigen Gedanken verstecken.«

Bei einem großen Teil der Lebensreform ging es um die richtige Ernährung. Vor allem die neumodische, industrielle Lebensmittelproduktion war vielen suspekt. Ernährungsreformer wetterten gegen Lebensmittel aus Konserven, gegen die frühen Fertigprodukte Fleischextrakt und Brühwürfel und gegen sinkende Preise für Zucker und Weißmehl. Ärzte deklarierten Zivilisationskost als Hauptursache für viele Krankheiten, sie predigten die Vorzüge von Rohkost und Vollkornprodukten und die Schädlichkeit von Tabak, Kaffee, Alkohol und Zucker. Reformhäuser und biologisch-dynamische Landkommunen schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit anderen Worten: genau wie heute.

Auch der Vegetarismus entsprang der Lebensreformbewegung. Nachdem der Rechtsanwalt, Politiker und Revolutionär Gustav von Struve die demokratische Märzrevolution von 1848/1849 im Großherzogtum Baden scheitern sah, fand er eine andere Möglichkeit, die Welt zu ändern. Inspiriert durch Jean-Jacques Rousseau gründete er 1868 Deutschlands vermutlich ersten vegetarischen Verein. Ein Jahr später erschien sein Werk Pflanzenkost – die Grundlage einer neuen Weltanschauung. Damit drückte er der vegetarischen Bewegung ihren heilsbringenden Stempel auf. Seither trugen Vereinsgründungen immer wieder esoterische, spirituelle oder zumindest moralisch penetrante Züge. Der Pfarrer Eduard Baltzer etwa, der den Verein für natürliche Lebensweise gründete, war Vegetarier aus religiösen Motiven. Und eine der bekanntesten vegetarischen Landkommunen nannte sich Eden. Der Aspekt des Heils war vielen Lebensreformern gemein. »Durch die Gesundung des Einzelnen wollte man eine Gesundung der Gesellschaft erreichen«, sagt Bergemann. »Und dabei legte jeder den Schwerpunkt ein bisschen anders.« Auch politisch. »Die Lebensreformbewegung ist ein getreues Spiegelbild der Gesellschaft jener Zeit«, meint Hans Bergemann. »Von antisemitischen Kreisen bis hin zum linken Spektrum war alles vertreten. Bestimmte Positionen, die für uns heute undenkbar sind, waren damals salonfähig, wie zum Beispiel die Eugenik.« Von der Lebensreform haben die Nazis aber nicht nur die Eugenik übernommen. Hitlers Vegetarismus wie auch sein Anti-Alkoholismus, sein Status als überzeugter Nichtraucher wie sein Hang zur Rohkost waren Ideen der Lebensreform. Auch die muskelverliebte Körperkultur der Nationalsozialisten stammt daher. Und die Idee des überlegenen Herrenmenschen aus dem geheimnisvollen Norden wurde von Blavatskys Theosophie mitgeformt. Aber nicht nur die Nazis hat die Lebensreform maßgeblich beeinflusst. Der Bioladen um die Ecke, der Turnverein, das vom Arzt empfohlene Müsli am Morgen und der Schrebergarten – alles Ideen aus jener Zeit.

Der Ehrgeizigste unter den Lebensreformern war der bis heute bei vielen Menschen hoch angesehene Rudolf Steiner. Während sich andere mit ihren Theorien auf einzelne Bereiche beschränkten, deckte seine Anthroposophie die ganze Palette ab, von Vegetarismus bis Demokratie. Zur Behandlung von Krebs erfand Steiner die Misteltherapie, die noch heute von manchen Krankenkassen bezahlt wird. Und um die Sittlichkeit zu fördern, propagierte er süßes Essen – wer viel Zucker zu sich nehme, so seine Theorie, komme nicht so schnell in Versuchung und denke weniger an Sex. Deshalb seien auch Völker, die viel Zucker essen, den Völkern moralisch überlegen, die wenig Zucker essen.

Alkohol dagegen sei nicht gut für den Geist, weil er selbst Geist sei – der Alkohol konkurriere mit der Spiritualität des Menschen. Der geistigen Entwicklung hingegen förderlich sei der Vegetarismus, weil Tiere den Menschen evolutionär zu nahe stehen, um sie zu essen. Nach Steiner steht der Mensch auf der höchsten Evolutionsstufe, dann kommt das Tier, dann die Pflanze. Wer Tiere isst, müsse deshalb seinen Geist nicht anstrengen, weil der Mensch und das Tier nur eine Stufe voneinander entfernt sind. Pflanzen hingegen stehen eine Stufe weiter unten und erfordern deshalb mehr geistige Anstrengung. Nun denn.

Rudolf Steiner hatte auch eine Alternative zur Demokratie: Nach der sogenannten Drei-Gliederungs-Idee, die er nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als neue Staatsform vorschlug, sollte die Welt von einer intellektuellen Expertenelite geführt werden, die nicht demokratisch gewählt würde, sondern vom Sachverstand des Einzelnen legitimiert wäre. Vielleicht auch, um zu verhindern, dass er sich in diesem System plötzlich auf der Rückbank wiederfand, stilisierte sich Steiner selbst als spiritueller Führer. »Er stellte sich gerne als Hellseher und Medium dar«, sagt Dr. Miriam Gebhardt, Vertretungsprofessorin für Geschichte an der Universität Konstanz und Autorin der Biografie Rudolf Steiner: Ein moderner Prophet. »Er hat sich frühzeitig selber stilisiert und auf eigentümliche Art sein Äußeres verändert, mit einem schwarzen Frack, einer Künstlerschleife, einer schwarzen Locke, die ihm in die Stirn fiel. Er hat immer behauptet, dass er das, was er weiß, ersieht. Er sagte, er habe Zugang zu einem geheimen Buch, der Akasha-Chronik, in dem alles geheime Wissen niedergeschrieben sei.« Zu diesem geheimen Wissen gehörte wohl auch die Bio-Landwirtschaft. »Es gab da einen Großgrundbesitzer, Graf Keyserlingk, in der Nähe von Breslau, der Steiner einlud«, erzählt Gebhardt. »Steiner veranstaltete dort über 14 Tage einen Kurs, an dem viele Bauern teilnahmen. Bei der Gelegenheit kam er auf die lustige Idee mit dem Dünger. Damals glaubte man, dass Überdüngung dazu führt, dass die Böden an Fruchtbarkeit verlieren. Er hatte die Idee, dass man Kuhmist in ein Horn füllen und bei bestimmten Planetenkonstellationen begraben sollte. Später sollte man das Horn wieder ausgraben, den Kuhmist verdünnen und als Düngemittel benutzen. Es war eine sehr spontane Aktion.«

»Er eignete sich nachts von den Bauern Wissen über Landwirtschaft an, denn er hatte selbst keine Kenntnisse, und lehrte dann tagsüber. Wenn einer zum Beispiel fragte, wie viel Land man mit einem einzigen Horn düngen könne, schaute er aus dem Fenster und sagte: ›Ungefähr das, was man hier sieht.‹ Und seine Jünger haben das dann aufgeschrieben und nachgerechnet.«

Vor der von Steiner erfundenen biodynamischen Landwirtschaft gab es schon ökologischen Landbau, aber man hatte so viel Vertrauen in Steiners Eingebungen, dass die biodynamische Landwirtschaft mitsamt ihren Kuhhörnern noch heute von rund 1400 Biobauern auf über 50 000 Hektar Fläche praktiziert wird.

Warum Hitler die Anthroposophie verbot, nicht aber die biodynamische Landwirtschaft, ist unklar. »Eine Interpretation ist, dass die Nazis diese Art von Propheten als Konkurrenz ansahen«, sagt Miriam Gebhardt. »Es sollte nur einen Propheten geben. Hinzu kommt, dass die Anthroposophie im Gegensatz zum Nationalsozialismus den Individualismus pflegte. Jeder Einzelne musste das eigene Seelenheil verfolgen, nur das würde die Menschheit voranbringen. Die Nazis dagegen waren alles andere als individualistisch veranlagt.«

Die Ablehnung war aber nicht ungebrochen. »Andererseits hatten die Leute um Hitler durchaus Sympathien für den Lebensreformgedanken«, so Gebhardt. »Himmler zum Beispiel hatte Interesse an biodynamischer Landwirtschaft.« Am Ende durften die anthroposophischen Firmen Demeter und Weleda bestehen bleiben. »Die biodynamische Landwirtschaft fand in der Zeit des National­sozialismus Förderer«, sagt Gebhardt. »Deshalb konnte sie diese Zeit überstehen, im Gegensatz zu anderen Bewegungen wie der Psychoanalyse, die sich nach dem Krieg ganz neu aufbauen musste.«

»Wenn man das 20. Jahrhundert betrachtet«, resümiert Hans Bergemann, »kann man sagen, dass es ein Sieg der Lebensreform war. Und das Bio-Essen von heute ist ein Teil davon.« Auch andere Ideen sind selbstverständlich geworden, etwa dass wir unseren Körper optimieren können. Die Hoffnungen, die wir mit Sport verbinden, aber auch unsere Bedürfnisse nach Bräunung, Bodybuilding und Schönheitschirurgie, genau wie unser Schlankheitswahn, haben ihre Wurzeln in der Lebensreform. Die Nacktkörperkultur forderte nicht nur Nacktheit, sondern auch die Befreiung aus der einengenden Kleidung des 19. Jahrhunderts. Dass Frauen heute keine Korsetts mehr tragen, ist ein Sieg der Reformkleidung. Ohne Lebensreform keine Coco Chanel. »In der gesamten Mittelschicht sind viele Forderungen der Lebensreformer heute Standard«, meint Bergemann. Das gilt auch beim Einkaufen. »Kaum ein Kunde weiß, dass er, wenn er Produkte von Demeter oder Weleda kauft, anthroposophisches Gedankengut mitkauft«, sagt Gebhardt. »Es gibt heute aber einen Unterschied zu damals: Wir müssen die ganze Religion nicht mitnehmen. Wir reden von Ganzheitlichkeit, aber das ist nur ein Wort. Wir glauben nicht mehr, dass uns ein Fluidum in unserem Körper mit dem Kosmos verbindet. Wir betrachten heute alles aus der Sicht des Konsumenten. Wir finden das Versprechen attraktiv, dass ein Produkt in Handarbeit, seriös und vertrauenswürdig hergestellt wird, weil wir Massenprodukten misstrauen. Dazu kommt, dass wir uns damit sozial von anderen Gesellschaftsschichten absetzen können, die sich diese Produkte nicht leisten können.« Auch Helmut Ernst, ehemaliger Sprecher der Koppelower Initiative für eine gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See, muss nicht die ganze Religion mitnehmen, nur weil er an Bio und die NPD glaubt. »Wir verstehen uns nicht als Artamanen«, sagt er. »Wir sind nur ein paar Freunde, die in den Osten gezogen und in einem alten Artamanendorf gelandet sind. Die Artamanen gibt es nicht mehr.«

Und die Kundschaft kauft Bio nicht unbedingt, weil es links ist. »Es gab 2006 ein paar Proteste, als die Sache mit der NPD rauskam«, erzählt der Biobauer, der seinen Weizen, Roggen, Hafer und Gerste zum größten Teil an die überregionale Erzeugergemeinschaft Bioland Markt liefert. »Aber unterm Strich gab es keine großen Nachteile. Auch in der Nachbarschaft und regional gab es kaum Probleme.« Scheinbar interessiert es den Verbraucher letztlich nicht, ob sein Roggenbrötchen eher links oder eher rechts steht. Hauptsache, es ist gesund.

Text: Eric T. Hansen

aus Effilee #14, Januar/Februar 2010

Aus Effilee #14, Jan/Feb 2011
«
»

Beteilige dich an der Unterhaltung

5 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. Unerträgliches dümmliches Geschreibsel eines unter Verfolgungswahn leidendem Möchtegern-Gutmenschen… dass sowas hier auch noch eine Publikationsplattform findet..!

  2. Großartiger Artikel, deswegen hatte ich mir das Heft gekauft.
    Es ist sehr wichtig, diese Grundlagen bekanntzumachen. Schließlich haben Vollkorn und Homöopathie in Deutschalnd auch aus dem Grund, dass die nazis dieses so förderten, solche Erfolge!

  3. Wie braun ist BIO ? Mit diesen schizoiden Artikel geht es dem Autor doch nur zur Differmierung der äußerst schwachen Öko-Bewegung. Grüne und Alternative ging es niemals um Ökologie.
    Unsere Lebensumwelt geht aber jeden etwas an, um unsere Nachfahren eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen. Wenn die Linken (und Bolschewisten) für unsere Nachkommen nichts tun wollen oder können, dann werden eben die Rechten bzw. die Conservativen unsere Heimat schützen (wobei hier nur die wert-u. naturkonservativen gemeint sind ). Die Globalisten, Banken und Konzerne werden uns mit Sicherheit in den Abgrund führen. Der Autor hat niemals Gruhl gelesen, sonst wüßte er, daß bisher keiner an Gruhls ökologischer Weitsicht herankommt. Man kann nur hoffen, daß die Rechten das Thema Ökologie und Heimat besser angehen als die Linken.