Was haben Sie gestern gegessen?

Rafik Braham stammt aus Tunesien und arbeitet in einem Lager von H & M. Im Spätsommer war die Arbeit für ihn besonders anstrengend, denn es war Ramadan.

 
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Während des Ramadan esse ich tagsüber gar nichts, auch zu trinken gibt es nichts, nicht mal Wasser, vier Wochen lang. Gestern war die Morgendämmerung und damit der Fastenbeginn, Imsak, um 4.33 Uhr. Ich habe mich um halb vier mit meiner Familie zum Frühstück getroffen. Meine Mutter war schon früher auf, um alles vorzubereiten. Wir haben Sochlup gegessen, eine Creme, die aus einem Pulver mit Wasser und Zucker gekocht wird. Nach dem Frühstück habe ich weitergeschlafen, weil ich erst gegen Mittag anfange zu arbeiten.

Bei Einbruch der Dunkelheit wird das Fasten gebrochen, Iftar nennen wir das. Gestern war das um 20.03 Uhr. Weil ich dann noch auf der Arbeit bin, esse ich dort eine Kleinigkeit, einen Salat zum Beispiel, und trinke etwas. Wir sind etwa 19 muslimische Kollegen, und jetzt im Ramadan bringt jeder etwas mit. Abends wird alles auf den Tisch gestellt, und alle bedienen sich nach Lust und Laune.

Wenn ich nach Hause komme, wartet ein gedeckter Tisch auf mich. Oft essen wir Couscous mit viel Fleisch, aber gestern gab es Reis, Fisch, Datteln, Börek, hausgemachte Harissa von meiner Mutter, Suppe mit Thunfisch, und zum Abschluss einen schönen arabischen Kaffee mit süßem Gebäck wie Halva Schamia, eine feste Masse aus Zucker. So geht das die ganzen vier Wochen. Schwer ist es vor allem an den ersten zwei, drei Tagen, danach ist es eigentlich Gewohnheitssache.

Im Ramadan werden viele Süßigkeiten und Spezialitäten hergestellt, die es sonst kaum gibt. Datteln oder Gebäck mit Datteln zum Beispiel isst man in den arabischen Ländern eigentlich nur im Ramadan. Unser Prophet hat nämlich jeden Abend mit drei Datteln sein Fasten gebrochen. Wir fasten, weil ein Muslim auch an die Menschen denken soll, die nichts zu essen und zu trinken haben. Mit dem Fasten drücken wir unsere Anteilnahme an ihrem Leid aus. Außerdem dient es dazu, den Körper zu entgiften und den Willen zu stärken. Auch Partys und Geschlechtsverkehr sind in dieser Zeit verboten, nicht nur tagsüber, sondern generell.

Im Ramadan geht es sehr brüderlich zu. Man trifft sich mit Familie und Freunden, die Leute trödeln mehr, sind freundlicher und dankbarer. Letztes Jahr war ich im Ramadan in Tunis, und die ganze Stadt war anders, wie die muslimischen Länder überhaupt. Tagsüber bewegt sich vielleicht mal kurz eine Mutter, die noch Besorgungen machen muss, ansonsten ist keiner auf der Straße. Abends dagegen, wenn alle ihr Fasten gebrochen haben, denkt man, die Leute haben kein Zuhause, weil alle draußen sind. Es ist ein sehr geselliger Monat, und man isst vielleicht sogar ein bisschen besser als sonst.

Aus Effilee #7, Nov/Dez 2009
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