1993 Montes Alpha Cabernet Sauvignon

Valle de Curicó, Chile

 
Alpha Cabarnet Sauvignon

 Alpha Cabarnet Sauvignon
Als Anfang der 1990er-Jahre die ersten Rotweine aus Australien und Chile in die Weinhandlung kamen, in der über Jahre nur Weine aus Frankreich und Italien verkauft worden waren, rümpften die Snobs die Nase, meinten sie doch zu wissen, dass wahrhaft guter Wein in der Jugend kantig und unnahbar schmecken müsse, um sich über Jahre verfeinern zu können. Trotzig griffen sie zum Bordeaux, denn von reifen Früchten, Säuren und Gerbstoffen hatten sie keine Ahnung: Ihre Bordeaux lieferten kaum derlei. Für 11 oder 12 D-Mark habe ich als Student damals Cabernets und Merlots aus dem Valle de Curicó und Valle de Colchagua in Chile verkauft, die etwa die deutlich teureren Crus bourgeois aus dem Médoc und Haut-Médoc im Vergleich wie rustikale Landweine schmecken ließen. Die Frucht der von reichlich Sonne und empfindlich kühlen Nächten profitierenden Andenweine war nicht nur reif und intensiv, sondern auch präzise und frisch, die Gerbstoff- und Säurestruktur fein und ausgewogen, der gesamte Wein rund und animierend, kurzum: ein Spaß zu trinken. Gut, gestanden die vermeintlichen Kenner irgendwann: Mag sein, dass die Chilenen gute Alltagsweine erzeugen; individuelle Spitzenweine aber können sie nicht.
Der Beweis des Gegenteils kam eines Tages in einer kleinen Holzkiste ins Geschäft, in der sechs Flaschen eines Cabernet Sauvignon aus dem Valle de Curicó lagen: Montes Alpha, Jahrgang 1993. Preis: 24 D-Mark. Das war zwar noch nicht das Preisniveau der Bordelaiser Grands Crus classés, lag aber schon deutlich über den Crus bourgeois. Der Wein schmeckte mir damals derart gut – reif, rund, saftig, intensiv und doch vornehm und elegant –, dass ich gleich einige Stundenlöhne investierte und ihn mir in den Keller packte.
Im September hörte ich, dass der Alpha-Macher, Aurelio Montes, in Hamburg sei und mich zu treffen gedachte. Ich kannte ihn nicht persönlich, wusste aber um die enorme Bedeutung, die Montes für die rasante Entwicklung des chilenischen Weines hatte. Er war einer der ersten (vielleicht sogar der allerersten) Produzenten, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, in Chile nicht nur trinkbare Alltagsweine zu erzeugen – das hatte er als Weinmacher für verschiedene Kellereien über viele Jahre machen müssen –, sondern international konkurrenzfähige Spitzenweine. Montes kannte sich im Land bestens aus und wusste, wo man große Weine erzeugen könnte, wenn man es denn gedurft hätte.
Natürlich würden mich seine heutigen Weine interessieren, sagte ich der Dame, die uns am Telefon kurzschloss. Vor allem aber wollte ich mit ihm eine Flasche aus meinem Keller trinken, die etwas betagter sei und vor der ich selber nicht wisse, wie sie heute schmecke. Es sei ein bekannter Chilene, dem ich damals einiges Entwicklungspotenzial zugesprochen hatte, sagte ich. Mehr aber wollte ich nicht preis­geben.
Montes willigte ein, und so trafen wir uns Ende September in der Hanse Lounge in Hamburg. Er war noch mit dem Öffnen von Dutzenden von aktuellen Weinen beschäftigt, als ich ihm seinen eigenen 1993er Montes Alpha mit der Bitte überreichte, ihn sogleich zu entkorken. Montes zeigte sich überrascht und hoch­erfreut über das Geschenk, wiewohl ich ihm ansah, dass ihm die Sache nicht geheuer war. Der Wein sah zwar tadellos aus, der Füllstand war bestens. Doch siebzehn Jahre sind eine lange Zeit, gerade wenn man sich, wie Montes damals, aus dem Nichts entwickelt hatte. Im Valle de Curicó sei er damals mit ein paar Rebzeilen gestartet, erzählt Montes, aber heute habe er dort keinen mit Rotwein bestockten Besitz mehr, weil das Valle de Colchagua einfach chileni­schere Weine hervorbringe.
Der Montes Alpha von damals hat mit dem von heute nur noch den Namen und die Feinheit der Tannine gemein. Wobei: wirklich fein sind sie nicht im 1993er, eher herb und streng. Aber ich mag das, zeigen sie doch, dass sich der Wein mit Stolz und Würde dagegen wehrt, wie ein moderner Weichling konsumiert zu werden. Montes findet die Tannine im Valle de Curicó französischer als im Valle de Colchagua. Den 1993er Alpha habe man in den ersten Jahren kaum trinken können, weil die Gerbstoffe so hart gewesen seien. Nun seien sie zwar überraschend fein geworden, aber eigentlich habe er in Chile nie einen Bordeaux erzeugen wollen, sondern chilenischen Spitzenwein: fruchtintensiv, füllig und rund. Daher ist er ins Valle de Colchagua gewechselt, wo der Alpha seit Ende der 1990er-Jahre erzeugt wird – mit violetter Farbe und unverkennbar chilenischer Seele. Doch Montes ist verblüfft, wie gut sich der 1993er heute präsentiert: »Er könnte noch locker fünf Jahre liegen«, sagt er. Vor allem aber widerspreche er dem Mythos, wonach Weine der Neuen Welt nicht altern können.
Tatsächlich ist der 93er überaus delikat. Sein sattes Rubinrot zeugt souverän von Stabilität; sein süßer, an rote Beeren, Kirschen, Tabak, Rauch, Rosen, Trüffel und Erde erinnernder Duft offenbart Reife. Am Gaumen ist er seidig, frisch und ausgesprochen elegant, während die vitale Säure- und Tanninstruktur der feinen Alterssüße einen spannenden Kontrapunkt setzt. Mir gefällt diese klare, schlanke, geradlinige Art, doch Montes mag es lieber fülliger in allem: Frucht, Körper, Tanninen. Die Gerbstoffe zu zähmen beherrscht er so gut wie kaum ein anderer seiner Zunft. Egal in welchem Land er Weine erzeugt: Die Tannine in Montes’ Weinen sind stets bemerkenswert reif, fein und elegant. Dennoch sind mir die zeitgenössischen Montes-Weine fast schon zu perfektionistisch. Ich bin eben ein Trinker. Daher trinke ich den reifen französischen 93er Alpha und überlasse die wahren Chilenen anderen.

Text: Stephan Reinhardt Foto: Andrea Thode
Aus Effilee #24, Frühling 2013
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