Oberkellner Robert Rant: Lausiger Abend

Es war ein lausiger Samstagabend. Der Laden voll mit normalen Menschen in Erwartung, Zeuge von gastronomischer Hochkultur und Geschmacksexplosionen zu werden. Es muss ja heute immer alles knallen. Und alles wird kommentiert.

 
Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service eines sehr guten Restaurants. Höflich und formvollendet kümmert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier
Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service eines sehr guten Restaurants. Höflich und formvollendet kümmert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier

Man muss sich manchmal anstrengen, dies nicht persönlich zu nehmen, schließlich ist das Restaurant der einzige Raum, in dem solche Kommentare kommen müssen. Auch wenn sie so banal sind wie: Der kann noch kälter zum Weißwein oder Der braucht noch Luft beim Rotwein. Das Amuse-Gueule ist ja viel zu schön zum Essen und Sie müssen jetzt nicht wirklich bis zum Schluss bleiben?, nur weil man noch gemütlich beisammen sitzen möchte. Es ist zermürbend, aber so normal wie der Applaus bei einem Konzert, das Zähneputzen nach dem Aufstehen oder das Ablehnen von Pizzataxis. Was sollen sie auch sagen, die armen Tore?
Ich brauche einen Drink und funke meinen Kollegen Veit an, um die neue Bar zu testen. Wir treffen uns in der Nähe. »Samstag …«, keucht er kommentarlos und wir winken uns ein Taxi. Das erste hält und ist zu seiner Freude ein Rauchertaxi. Es gibt Gerechtigkeit. Der Fahrer raucht Camel ohne Filter, offensichtlich was das Zeug hält, und es läuft Bob Dylan im Kassettendeck. Wir betreten ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum und fahren los, annoncieren die Destination und ein kleines Schweigen macht es sich gemütlich, bis Veit die Initiative ergreift: »Und, wie war der Abend?«, fragt er nach einer gefühlten Unendlichkeit der Stille.
»Ach du meine Scheiße, du kannst mir nicht wirklich erzählen, dass es dich persönlich interessiert, wie mein Geschäft gelaufen ist, oder?«, pöbelt der Fahrer. »Soll das jetzt Small Talk sein oder was? Es ist zum Kotzen, den ganzen Abend derselbe scheiß Monolog …«
Das hat gesessen. Der Taxifahrer holt Luft, als Veit nachhakt: »Okay, und wie läuft das Studium?«
Jetzt gibt’s auf die Fresse, denke ich, muss aber synchron mit Veit und dem Taxifahrer losprusten. Wir lachen Tränen und er macht Feierabend und kommt einfach mit. Wir nehmen Gin Tonics und es läuft Trios Ja ja ja wo geht’s lang Peter Pank schönen Dank. Keine Ahnung, wie ich den Abend nach Hause gekommen bin.

Aus Effilee #29, Sommer 2014
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