Rimbacher Landsknecht, Alter Satz trocken 2011

Weingut Zang, Sommerach, Franken

Text: christoph raffelt Foto: Andrea Thode
Rimbacher Landsknecht, Alter Satz trocken 2011
Rimbacher Landsknecht, Alter Satz trocken 2011

Die Pfützen stehen noch auf dem vollbetonierten Hof des Nachbarschaftsheims im Bonner Stadtteil Hardtberg. Hier, wo sich Hochhäuser und Kasernen aneinanderreihen, treffen sich an einem grauen Wintertag ein paar Weinfreunde zu einem besonderen Abend. Was sie dort erwartet, fällt gehörig aus dem Rahmen. Meist geht es bei solchen Weinabenden um Weine mit Größe, mit Komplexität oder um die schiere Rarität der einzelnen Flasche. Dagegen klingt das, was der Bonner Thomas Riedl in jahrelanger Suche und Kleinarbeit gefunden und gesammelt hat, zunächst einmal banal. Vom Elbling ist die Rede und vom Gutedel, vom Möhrchen und der Putzschere. An diesem Abend geht es um alte Sorten statt um alte Weine – und doch geht es um einen einzigartigen Seltenheitswert. Denn das, was wir probieren dürfen, ist viel rarer als Latour und d’Yquem. Wir probieren Weine aus uralten, wurzelechten Weinbergen, in denen teils vom Aussterben bedrohte Rebsorten bunt gemischt gepflanzt wurden. Von diesen Weinbergen existieren nach heutigem Wissen nur noch achtzehn Stück. Diese sind so klein, der Ertrag der uralten Stöcke ist so gering, dass die Flaschenzahl nur selten einen vierstelligen Umfang erreicht.
Eigentlich gibt es für solche Weine die Bezeichnung Gemischter Satz. Der erlebt momentan eine Renaissance, vor allem bei jenen, die das Terroir stärker betonen, als die Rebsorten. Leider dürfen Winzer in Deutschland den historischen Begriff nicht mehr nutzen, da er seit 2009 nur noch in Österreich verwendet werden darf, wo vor allem rund um Wien die Tradition aufrechterhalten wird. Allerdings sorgt die neue Gesetzgebung nicht wirklich für Klarheit, denn traditionell wird ein Gemischter Satz gemeinsam angebaut, vergoren und ausgebaut. Nach neuestem EU-Recht jedoch dürfen Weine und Moste unterschiedlicher Herkunft und sogar unterschiedlicher Erntejahrgänge miteinander verschnitten werden.
Das Weingut Zang hat das Namens­problem durch die Bezeichnung Alter Satz gelöst. Der Wein hat mich an jenem Abend in einen Zustand von Demut versetzt, der bei mir immer dann aufkommt, wenn mir bewusst wird, wie viel Energie und Geschichte im Wein stecken kann. In diesem Fall ist es das Alter der Rebanlage, das mich tief beeindruckt hat. Der Weinberg wurde 1835 in klassischer Manier gepflanzt, das ist das Jahr, in dem die erste Eisenbahn ihre Fahrt von Nürnberg nach Fürth aufnahm und in Glasgow das erste Mal öffentlich eine Glühbirne präsentiert wurde.
Es ist noch die Zeit vor der Reblausplage, die den europäischen Weinbau zur Mitte des 19. Jahrhunderts heimgesucht hat. Damals, als man noch nicht auf Pflanzenschutzmittel zurückgreifen konnte, hat man, um der Krankheitsanfälligkeit der Monokultur entgegenzuwirken, die Weinberge mit unterschiedlichen Rebsorten wild durcheinander bepflanzt. Der sogenannte Gemischte Satz ist deutlich widerstandsfähiger als reinsortige Anlagen.
Das bemerken auch jene Winzer, die diese historischen Anbauformen wieder kultivieren.
Als man Ende des 19. Jahrhunderts die Lösung gegen die Reblaus fand, waren die meisten Weinberge Europas bereits vernichtet. Man fand heraus, dass amerikanische Wildreben gegen die Reblaus resistent sind. Somit züchtete man diese in großem Stil und pfropfte ihnen die hiesigen Sorten obenauf. Die noch vorhandenen wurzelechten Stöcke, die also von der Wurzel bis zur Spitze aus einer Sorte bestehen, wurden damals aus Panik vor der Reblaus weitestgehend vernichtet. Dass wenige wurzelechte gemischte Weinberge überhaupt erhalten blieben, liegt vermutlich daran, dass man schlicht vergessen hat, sie herauszureißen. Neu pflanzen darf man sie schon lange nicht mehr, so sind Weine von solchen Stöcken eine Spezialität, die immer seltener wird.
Vor diesem Hintergrund probiert man den Alten Satz noch einmal anders. Der Wein, der aus fünfunddreißig unterschiedlichen Rebsorten besteht, zeichnet sich durch eine ganz eigene Aromatik aus. Gelbe Birne und grüner Apfel kommen hier zusammen, eine Handvoll Walnüsse und ein Streifen Lakritz, ein wenig Limette und eine Handvoll Kräuter und Gestein. Die Säure ist, Elbling und Riesling sei Dank, durchaus präsent, die Restsüße zurückhaltend und der Wein in sich absolut stimmig. Die Harmonie dieses Weins entstehe, so Otmar Zang, durch das gemeinsame Vergären der Sorten. Er habe sich vor Jahren einmal die Mühe gemacht, die Sorten einzeln im Weinberg zu ernten und getrennt zu vergären, doch dieses Experiment sei gnadenlos gescheitert.
Die eigentliche Würze dieses Weins aber ist die Zeit – bei einer Blindverkostung wäre der Alte Satz zwar immer noch ein guter fränkischer Wein, doch würde man dann etwas Entscheidendes unter den Tisch fallen lassen. Denn die Tatsache, dass dieser Wingert in knapp einhundertachtzig Jahren jedem Hagelsturm und jeder Jahrhundertkälte getrotzt hat, an ihm Krieg und Zerstörung ebenso vorüber gezogen sind wie unterschiedliche Moden, die es auch im Weinbau gibt, macht ihn einzigartig. Varianten wie der Blaue Kölner, das Möhrchen oder der Weiße Heunisch kommen nur noch in solch uralten Parzellen vor. Dabei hätten sie es verdient, auch außerhalb des Nachbarschaftsheims am Bonner Hardtberg wahrgenommen zu werden, vor allem wenn sie solch charaktervolle Weine ergeben wie den Alten Satz vom Weingut Zang. Dann haben sie vielleicht auch eine Chance, zu überleben. 
Der Jahrgang 2012 ist nur noch in geringen Mengen und ausschließlich auf telefonische Anfrage beim Weingut Zang zu beziehen, Tel.: +49 9381/9278

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Aus Effilee #26, Herbst 2013
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