Ferme aux Grives

maxmoeger im Dezember 2016: Bilderbuchfrankreich, Bilderbuchessen.

Der Zweitwagen von Mutti ist kleiner als der Erstwagen von Vati. Vier Zylinder statt sechs. 50 PS statt 150. Stoff statt Leder. Ein Zweitwein kommt aus einer schlechteren Lage. Zweitweine in Angeberkellern? Fehlanzeige. Zweitweine sind billiger und schmecken nicht so gut wie Erstweine. Alles irgendwie richtig. Und doch falsch. Zeigt sich am Beispiel des Zweitrestaurants von Michel Guérard in Eugénie-les-Bains. Sie wissen schon, der mittlerweile 83 Jahre alte Erfinder der Nouvelle Cuisine und Propagator der Cuisine Minceur, einer Art Gourmet-Magerküche.

Das Zweitrestaurant heißt Ferme aux Grives und ist ein kleines Juwel. 250 Jahre alte Scheune, alte Tonfliesen, Holz mit Patina, gusseiserne Leuchter, Kaminfeuer. Am Spieß Hühner und ein Spanferkel. Ehrliche Landküche im besten Sinn: leichte und doch geschmackstarke Gougères zum Apéro. Perfekte Belle Tête de Veau mit genau der richtigen Balance aus Kalbszunge, Fleisch von der Maske und dem leckeren Glibber. Hauchdünn aufgeschnitten, sämig, geschmacklich beglückend. Wie die wunderbar saure Sauce Gribiche. Noch besser war ein Innereien-Ragout aus dem Mini-Römertopf: Milde Rinderkutteln, Lammbries, herzhafte Jus, ein paar Möhren. Zum Schreien gut. Ein Wort noch zum Erstrestaurant. Ein US-Kollege hat Guérard einmal mit entwaffnender Offenheit gefragt, warum es dort nur gut schmecke, wenn er, der Altstar nicht am Herd stehe. Guérard schmiss den Kollegen hinaus.

Bilderbuchfrankreich, Bilderbuchessen.
Ferme aux Grives
Eugénie-les-Bains, Frankreich
www.michelguerard.com
Aus Effilee #39, Winter 16 / 17
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