Restaurantkritik: Alinea, Chicago, USA


Chefkoch: Grant Achatz
Das Hühnerbein ist die Höhe! Es ist bio. Es ist nach den Regeln der Kunst entbeint. Es ist in Konbualgen gewickelt und auf einem Lagerfeuer am Tisch fertig gegart. Es wird mit großer Würde ausgepackt und angerichtet. Laut Karte ist es mit Shishito-Peperoni und Lilie aromatisiert. Man schmeckt nur … Hühnerbein! Das Hühnerbein steht für meinen Abend im Alinea und für einen weltweiten Trend. Banal ist in, Hauptsache die Banalität macht etwas her. Es gibt eine gute Show im Alinea – mit Spielereien fürs Auge, kulinarischen Witzen und einer Art table painting. Auch die Prahlhans-Prosa auf der Menükarte soll wohl beeindrucken: Mehr als 90 Zutaten tauchen auf ihr auf. Und das Wichtigste? Der Geschmack? Spanisch inspirierte Tapas-Variationen? Gut, aber nicht markant. Forelle mit Uchiki-Kuri-Kürbis und Thai-Banane? Gut, aber nicht überzeugend (der begleitende Wein ist ein Gutssilvaner von Hans Wirsching, der im deutschen Einzelhandel 6,50 !!! Euro pro Flasche kostet). Lamm mit Kapernblättern, Trauben und Oliven? Gut, aber nicht beglückend. Einzige echte Ausnahme ist ein stockkonservatives Parmesanrisotto mit weißer Trüffel. Bombastisch gut. Insgesamt gilt: Vielschichtigkeit, Nuancenreichtum, Geschmackstiefe – schwer zu finden in den 15 Gängen. Mehr Schein als Sein. So wie bei Parker-Weinen, die in ihrer holzigen Marmeladigkeit nach zwei Schlucken langweilig sind. Oder bei Popsongs, in denen irgendwelche Diven mit Inbrunst Plastikgefühle hinausröhren. Ich will mehr Sein!
Max Möger

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Essen im Akkord. Essen mit Effekten. Essen ohne Tiefgang

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