Öküzgözü 2009

Single VineYard Aydincik, Türkei

 
Öküzgözü 2009
Öküzgözü 2009

Muss man sich in einen Wein, dessen Name volle vier Umlaute enthält, nicht einfach verlieben? In Öküzgözü habe ich mich verliebt. Er hat Gänsehaut über mich laufen lassen und mir die Welt neu gezeigt, hat trockenes Wissen in tatsächlich Erfassbares übersetzt. Ich schwärme hier von einem Wein, den ich zwar bereits 2010 auf einer Messe erlebt und gemocht, aber erst auf einer vom Produzenten organisierten und bezahlten Veranstaltung richtig begriffen habe. Oder er mich ergriffen. Nun bin ich hoffentlich nicht gänzlich käuflich in meinem Urteil. Aber nach einem Essen der Handelskammer von Gaziantep, einem für seine Küche bekannten Ort nahe der syrischen Grenze, wollte ich einfach so schnell wie möglich an den Ursprung dieses Essens. Und der Kayra-Weine, die es dazu gegeben hatte. Ich wollte so bald wie möglich, endlich, zum ersten Mal, in die Türkei. Das ist für jemanden, der mit Döner Kebab in Berlin aufgewachsen ist und nicht auf Charterflug-Cluburlaub steht, durchaus eine Ansage.
Clever von den Kayra-Leuten, mich genau in diesem Moment zu einem Kurztrip zur Weinlese nach Elazıg˘ im Osten Anatoliens einzuladen, mit Zwischenstopp in Istanbul. Alles organisiert, ich brauche nur rechtzeitig am Flughafen zu sein – perfekt. Am Abend sitzen wir im Restaurant Mikla auf der Dachterrasse unseres Hotels. Die Wikinger, die als Händler bis ins Schwarze Meer kamen, nannten Istanbul Miklagard, die große Stadt. Der Küchenchef des Mikla, Mehmet Gürs, ist finnisch-türkisch, in Finnland geboren und in Schweden aufgewachsen. Er bringt skandinavisch anmutende Klarheit in sehr traditionelle türkische Gerichte und Ingredienzen, frittiert zum Beispiel kleine Sardinen zwischen hauchdünnen Scheiben Olivenölbrot und serviert sie auf Kieseln aus dem Schwarzen Meer mit Zitronencreme. Natürlich stehen eine ganze Reihe von Weinflaschen auf dem Tisch. Kayra ist ein großes Unternehmen, das vor allem Trauben aufkauft, die traditionell zur Rosinen-, Sirup- und Fruchtgummiherstellung angebaut wurden. Bis heute wird nur ein verschwindend kleiner Teil davon zu Wein verarbeitet. Die türkische Weinindustrie zielt größtenteils auf eine kleine Schicht wohlhabender inländischer Konsumenten, und die wiederum sind vor allem an internationalen Sorten interessiert. Das erklärt, warum uns Sangiovese und Shiraz eingeschenkt werden, beide an der Ägäis gewachsen. Blind hätten wir die sicher nach Chianti und Gigondas verortet. Doch dann: Öküzgözü. Dicht und blaustichig, teerig, rauchig und kraftvoll, die geschmeidigen Gerbstoffe durch eine herbe Frucht balanciert, die an Granatapfelmelasse erinnert. Hier traut sich jemand, trotz aller moderner Weinkultur zu seiner Andersartigkeit zu stehen. Ein Brückenschlag weit über den Bosporus in den Westen und zugleich eine Einladung, die Wurzeln im Osten zu erkunden.
Ja, ich weiß, klingt alles nach Klischee. Aber ich bin verliebt, wie soll ich da objektiv sein? Das einzige Problem an diesem Abend ist der nächste Morgen: Wir müssen um halb sechs abmarsch­bereit an der Rezeption stehen. Ich kann mich meiner Liebschaft also nur begrenzt hingeben. Doch die frühe Morgenstunde und das unglaubliche Gewimmel auf dem Flughafen sind ein geringer Preis dafür, an den Ursprung des Öküzgözü zu gelangen. Weit im Osten Anatoliens, nördlich des Taurusgebirges auf tausend Meter Höhe, in einer kargen Landschaft, die eine Istanbuler Mitarbeiterin von Kayra als »wie auf dem Mars« beschreibt, wächst er seit der Antike. Im Sommer wird es richtig heiß, im Winter ebenso extrem kalt. Das wenige Wasser im felsigen, teils eisen-, teils kalkgeprägten Boden ist das des Euphrat, der von hier nach Mesopotamien fließt – Geschichte zum Greifen oder vielmehr Schmecken nahe. Schon in der Grundschule hat man uns beigebracht, dass der Ursprung unserer Zivilisation im sogenannten fruchtbaren Halbmond liegt, dem mesopotamischen Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Ninive, Babylon und Ur, erste Keilschrift auf Tontafeln und das Gilgamesch-Epos, das den Rausch als zivilisierenden Akt darstellt. Die Assyrer haben hier mit den Hethitern gehandelt und dabei vielleicht auch schon Öküzgözü getrunken.
Zu dem Brunch, der uns inmitten der Weinberge unter einem Zeltdach erwartet, pflücken wir Öküzgözü in Traubenform: überraschend groß und eher sanft in Säure und Gerbstoff. Daniel O’Donnell, Kalifornier und seit sieben Jahren für Kayra als beratender Önologe tätig, sagt, die Sorte brauche gelegentlich ein wenig Gerbstoffzusatz, was in der klassischen Buzbag˘-Cuvée der Bog˘azkere übernimmt. Der ähnelt in seinem Wesen Tannat und anderen harten Kerlen dieser Art, ist ebenso alt und autochthon wie der Öküzgözü und lässt einen solo ausgebaut an georgische Gewächse aus Quevri-Amphoren denken. Der 2009 Single Vineyard Öküzgözü hingegen hat zu einem Fünftel in neuen Barriquefässern gelegen. Auf dem Rückflug lese ich Orhan Pamuks Istanbul-Memoiren. Die sind von einer grundlegenden Melancholie durchzogen, der Nostalgie sterbender, nicht wiederkehrender Zivilisationen. Daniel O’Donnell nennt seine Arbeit bei Kayra eine Pilgerfahrt zurück zu den Anfängen des Weins, ein Anknüpfen an die Ursprünge. Das ist zwar kein Auferstehen der Toten, aber ein Wiederaufleben ihrer Ideen. Öküzgözü, dich erwecke ich gerne und jederzeit zu neuem Leben in meinem Glas.
Der Öküzgözü Single Vineyard ist bei seiner einzigen deutschen Quelle www.gourient.de derzeit leider ausverkauft, sein wohlgeratener kleiner Bruder aus der ­Terra-Serie von Kayra ist dort für 8,90 Euro zu haben.

Interview: Ursula Heinzelmann Fotos: Andrea Thode
Aus Effilee #25, Sommer 2013
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