Oberkellner Robert Rant: Schlagseite

Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service eines sehr guten Restaurants. Höflich und formvollendet kümmert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier

Oberkellner Robert Rant
Oberkellner Robert Rant

Mein Kumpel und ich stehen nachts um vier nach dem Service mit etwas Schlagseite beim Mäcces und ich wundere mich, warum wir das seit mittlerweile sechsundzwanzig Minuten tun.
Eigentlich ist dies ein Fast-Food-Restaurant, ramentert es in mir, Slow Food hab ich den ganzen Tag über.
»Beruhige dich«, mahnt mein Kumpel und erinnert mich dran, dass diese hohe Stätte des Nachtmahls immerhin Bier ausschenke, was in anderen Ländern nicht selbstverständlich sei. Es sei quasi ein Licht am Ende des Tunnels. Dann muss ich mir Frotzeleien anhören, wie ich es verantworten könne, als Diener der Hochgastronomie in diese Niederungen herabzusteigen. Ich entgegne hungrig, und dadurch etwas unleidlich, das sei ein Impuls. Vielleicht, sage ich, vergleichbar mit dem Zwang von Männern in monogamen Zweierbeziehungen, trotzdem ständig jungen Dingern nachzugaffen, als ich beobachte, wie mein Kumpel der Bedienung beim Frittenmachen betrunken aufs Heck stiert. Noch vier Mann vor uns, ich werde langsam ungeduldig. Als ob es nicht klar wäre, dass samstagnachts eine Horde Besoffener die Filiale stürmt. Fast so schlimm wie sonntagmorgens im Café.
»Die sind nicht nur die Einzigen die Bier ausschenken, sondern auch das einzige Restaurant ohne Weinkarte!«, platzt es vor Langeweile aus mir raus. »Wäre das nicht geil? Ronald McDonald’s Guide to Fine Wine? Monatliche Empfehlungen zu allen Burgern und Aktionen? Empfohlen von den besten Sommeliers des Landes, jeder einen Monat mit Specials? Australischer Shiraz zum McRib, öligen Chenin Blanc aus Südafrika zum Big Mac? Völlig neue Burger-Kreationen wären möglich. Ich meine, was ist das für ein Scheiß, Wein immer nur im richtigen Restaurant zu trinken? Das geht doch auch zu Burgern, oder zur Currywurst oder zum Matjesbrötchen? Das wäre doch die wahre Demokratie, keine Getränkegrenzen mehr. Mr. Ronald McDonald, tear down that wall!«, röhre ich durchs Lokal. »Wine for the people! Set that Wine free … Schaschlik mit rotem Traminer, Schnitzel mit reifem, restsüßem Riesling. Sogar die Deutsche Bahn hat mal Winzerspecials gemacht mit echt coolen Leuten, war dir das klar? Fish and Chips mit einem Manzanilla-Sherry, wäre das nicht großartig?« Ich gerate in Fahrt als wir plötzlich an der Reihe sind. »Klar«, sagt mein Kumpel, »wenn du willst, dass dir die Winzer keinen Wein mehr verkaufen, weil du ihre Topware zu Junk Food empfohlen hast, bitte schön … Zweimal Menü mit Currysauce und, NEIN, keinen Moselriesling für meinen Freund, er ist etwas ausgelassen heute Abend.«
»Tja, Vollmond …«, sagt die Bedienung und lächelt.

Meine Meinung …
Aus Effilee #27, Winter 2013
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