Oberkellner Robert Rant: Finger weg!

Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service eines sehr guten Restaurants. Höflich und formvollendet kümmert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier.

 

Rechteinhaber: LeChef, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service in einem sehr guten Restaurant.
Cool, dass du mir hilfst, meine Hochzeit zu planen«, freut sich meine Freundin und wir beginnen die ersten Eckdaten durchzugehen. Champagner zum Empfang ist gesetzt, das ist schön, schließlich soll es der schönste Tag bis dato werden. »Und dann können wir nach dem Empfang ja etwas Fingerfood reichen«, schlägt sie vor, als die Musik aufhört zu spielen, die Lichter ausgehen, mir plötzlich die Mimik entgleist und mein Puls sich beschleunigt.
»Fingerfood? Was ist Fingerfood?«, stammele ich und versuche Argumente dem Impuls voranzustellen. Vergebens. Fingerfood ist der größte Irrtum seit Brunch, bricht es aus mir raus. Der Damm ist gebrochen, here comes the flood …
»Aber was ist denn da nun schon wieder falsch dran?«, fragt sie, schlimmste Tiraden ahnend.
»Fingerfood heißt was? Dass man sein Essen anfassen darf? Dass es nicht giftig ist? So ein Scheiß! Fingerfood ist Rumfort, alles, was rumliegt und fort muss, so wie beim Brunch, wo sonntags die Reste aus dem Kühlhaus zusammengekehrt werden und den Leuten als All-you-can-frühstücks-Buffet untergejubelt werden. Was soll es geben? Hackepeter auf Crackern? Oder mal alles in ganz fein?
Was zum Teufel gibt es für einen Grund, ein Steinbuttfilet in kleine Würfel zu schneiden, um Fingerfood draus zu machen? Dafür ist der Fisch nicht gestorben.«
»Es muss ja kein Steinbutt sein. Hast du nicht Urlaub, müsstest du nicht entspannt sein?«, fragt sie, doch ich bin bereits in Fahrt.
»Hasst du deine Gäste? Willst du ihnen nicht was ­Ordentliches geben? Die kommen zu deinen Ehren und ­brettern sich weg. Die haben HUNGER! Du gibst ihnen Champagner, und lässt sie auf Raten verhungern, na ja, verzweifeln. Ich hasse diese Veranstaltungen, wo einem der Magen in den Knien hängt und dann ein paar Kellner mit Tabletts ankommen und hochtönig annoncieren, welche feinen kleinen Miniaturen die Küche extra für diesen besonderen Tag ersonnen hat. Wenn man Glück hat, kommen sie regelmäßig, aber das passiert nie, weil immer sofort eine Traube Hungriger sie umgibt, sobald sie die Küche verlassen. Glaub mir. Und kommen dann mit ’nem Scheiß wie Kirschtomaten, aufgeschnitten und mit Minimozzarella belegt. Ein riesiger Irrtum …«
»Und was wäre dein Vorschlag?«, fragt sie entnervt? »Gib Ihnen Butterbrote, Pausenbrote in Pergamenttüten, mit Wurst und Käse belegt. Irgendwas, wo sie ihre Zähne reinschlagen können, denn es geht um die Zähne, nicht um die Finger!«
»Du brauchst dringend etwas Hopfen«, sagt sie und bestellt noch zwei Bier und wir beschließen einvernehmlichst, uns zunächst um die Getränke zu kümmern.

Aus Effilee #24, Frühling 2013
«
»

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.