Rechteinhaber: LeChef, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Oberkellner Robert Rant: Samstagsgäste

Wann immer es regnet, kommt es mir so vor, als ob es keine Zeit gäbe. Es ist zu allererst eklig und nass, erst dann irgendwie spät oder früh. Ich betrete meine Lieblingsbar und wundere mich, wie absurd voll es heute ist.

Rechteinhaber: LeChef, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service in einem sehr guten Restaurant. Höflich und formvollendet kümmert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier

»Es ist Samstagabend, du bist früh dran«, sagt mein Freund Tom, der Barkeeper. Ich schaufle eine Hand Nüsse in mich rein, während Tom mir einen Gin Tonic serviert.
»Samstagsgäste?«, fragt er.
»Doppelplussamstag«, bestätige ich seine Nachfrage.
»Die Leute ticken nicht mehr richtig. Ein Sechsertisch schrieb vor sechs Wochen, er plane in die Stadt zu reisen, und wir sollten ihm mal ein Angebot unterbreiten, was wir denn für ihn kochen würden und wie er seinen Aufenthalt gestalten könne.«
»Das Angebot hängt im Schaukasten, oder?«, fragt Tom.
»Richtig, und steht im Internet. Da kannst du alles nachlesen. Aber Leute wollen, dass man ihnen ein Angebot ­zuschickt. Individuell und persönlich. Per Post. Auf Papier. Am liebsten handschriftlich. Ich bin Kellner, kein Sekretär.«
»Und was haste jetzt gemacht?«, fragt Tom, während er eine Batterie Juleps mit Minze bestückt.
»Na, natürlich trotzdem alles losgeschickt. Du weißt ja nicht, welche Lawine du lostrittst: 16 Seiten Briefverkehr über eineinhalb Monate, Menüabsprachen bis ins Detail. Wo man sitzt, wie das Licht dort ist, ob es laut ist, ob eine Straße vorbeiführt, welche Farbe der Teppich hat und wie weit es zum Klo ist. Ein Staatsakt. Und nur, weil sechs Personen bescheidene vier Gänge zu Abend essen wollen.«
»Und was waren das für Leute? Waren die dann okay?«
»Keine Ahnung, die sind nicht gekommen. Eine Dame hatte Erkältung. Haben die Absage vergessen.«
»Irre«, schüttelt Tom den Kopf.
»Irre war der Dreier-Mädels-Tisch! Auch ein bisschen Mailverkehr, wenigstens keine 16 Seiten Papier für die Tonne. Nur ein, zwei Mails, eigentlich recht vorbildlich. Die eine hatte Laktose, die andere war Vegetarierin und einmal Gluten­allergie. Harmlos eigentlich.«
»Aber?«
»Die standen dann mit zwei Wolfshunden und einem Rottweiler in der Tür.«
»Wie meinst du?«, fragt Tom ahnend.
»Das Restaurant ist ein Ort, an dem Menschen speisen. Hunde sind bei uns nicht erwünscht.«
»Und du hast ….?«
»… die drei Mädels mitsamt ihren stinkenden Kötern in die regennasse Nacht entlassen. Unter Salven von Verwünschungen und Titulierungen, die in dieser kultivierten Bar wiederzugeben geradezu obszön wäre«, sage ich.

Meine Meinung …
Aus Effilee #23, Winter 2012
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