Oberkellner Robert Rant: Darth Waiter

In New York, klagt meine Bekannte, bekam sie mit dem Espresso sofort die Rechnung! Direkt danach folgte die Aufforderung des Kellners, sie nannte ihn zu diesem Zeitpunkt Steve, sie zur Garderobe zu begleiten, denn es seien neue Gäste da.

 
Rechteinhaber: LeChef, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Im richtigen Leben arbeitet Robert Rant im Service in einem sehr guten Restaurant. Höflich und formvollendet kümmert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier

»Wie cool«, erwidert mein Rückenmark spontan, während ich die Bedienung hinter der Bar bewundere, die teilnahmslos Flaschenbiere austeilt.

»Du kamst dir benutzt vor?«, knüpfe ich an und merke, dass ich mich bremsen sollte. »Weißt du, der Acker war einfach gepflügt«, versuche ich zu erklären.

»Wenn du Geld abgehoben hast, verlässt du die Bank. Wenn du gegessen hast, das Restaurant. Wenn du noch was trinken willst, gehst du in eine Bar. Wenn du dein Date beeindrucken möchtest, dann beherrschst du diese Regeln.« Ich bestelle Schnaps.

Meine Bekannte schaut mich ratlos an. Sie wollte Trost und Rat vom Fachmann.

»Das Problem ist, dass es in Deutschland in der Gastronomie keine Geschäftszeiten gibt, auch wenn Küchenzeiten angeschrieben sind. Man kommt gerne zu früh und bleibt gerne etwas zu lang. Versacken heißt das. In den USA ist Gastronomie ein Geschäft, das mit der Rechnung abgeschlossen ist. Das ist völlig normal dort. In China schalten sie beim Mittagessen nicht mal den Motor vom Auto aus, so schnell sind die wieder raus aus dem Restaurant. Sogar in Spanien geht man nach dem manchmal tatsächlich langwierigen Essen schleunigst in eine Bar. Dieses stumpfe Rumsitzen ist eine absolut deutsche Angelegenheit, eine verirrte Definition von Gemütlichkeit. Und dort, wo die auf Ungeduld trifft, entsteht Reibung. Deshalb«, die dunkle Seite in mir frohlockt, »mutierte Steve plötzlich zu Darth Waiter!«

»Aber die können mich doch nicht einfach rauswerfen«, versucht es meine Bekannte erneut, als die schlecht gelaunte Bedienung kommt, um zu kassieren. Sie knallt ihr schwarzes Kellner-Portemonnaie auf den Tisch: »Feierabend!« Auf dem Portemonnaie steht golden in Sütterlin eingraviert: Ficken hilft! Die dunkle Seite hat gewonnen. Ich gebe 500 Prozent Trinkgeld und danke still für diesen Fingerzeig. »So wird also der Acker gepflügt?«, begreift meine Bekannte entsetzt. Ich nicke zufrieden, verabschiede mich und überlege, in welcher Bar es wohl weitergeht.

Illustration: LeChef

aus Effilee #15, März/April 2011

Aus Effilee #15, Mär/Apr 2011
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