Oberkellner Robert Rant: Die Weinkennerin

Es ist Freitagnacht, halb zwei, die Stadt ist bunt beleuchtet und ich wünsche mir Musik von der Lee Baby Simms Show im Radio. Ich parke im Halteverbot vor meiner Lieblingsbar, um noch bei meinem Freund Tom vorbeizuschauen. Es tut gut, nach der Arbeit mit Menschen zu sprechen, die nicht etwas bestellen wollen. Und selber etwas zu bestellen. »Welches Tonic soll’s sein?«, fragt Tom. Wir überlegen und entscheiden uns für ein Fever Tree mit Tanqueray Ten und etwas Zeste. Schnelle Beratung, schnelle Entscheidung. Eine Sprache.

 
Rechteinhaber: LeChef, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
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Oberkellner Robert Rant

»Und?«, fragt er. Es ist dieses wissende Und? ­unter Kollegen. »Frau F. war wieder da …«, antworte ich und schaufle eine Hand Nüsse in mich hinein. Tom kennt Frau F., ich erzähle nicht das erste Mal von ihr. Sie ist vermögend, gut gekleidet, überparfümiert. Eine Frau von Welt. Natürlich kinderlos, stattdessen hat sie einen kleinen Hund einer überzüchteten Rasse. Manchmal bringen wir ihrem Fahrer Sandwiches und Kaffee. Davon weiß sie nichts, das taucht auf keiner Rechnung auf.

»Und?«, fragt Tom und poliert stoisch seine Old Fashioned Gläser. »Heute sollte es Weißwein sein, aber kein Riesling, denn die Säure verträgt sie nicht.« Toms linke Augenbraue zuckt, der Gast neben mir an der Theke lächelt verschmitzt. »Ich habe ihr etwas Einfaches, Offenes angeboten. ›Der hat mir zuviel Geschmack. Haben Sie nicht etwas Flacheres?‹, hat sie gefragt.« Tom grinst. »Der ist gut! Und was gab’s?«

»Ich hatte beim Ausmisten im Kühlhaus einen 07er Lugana gefunden, den habe ich ihr angedreht. Als eine besondere Flasche, die nicht auf der Liste steht. Sie blökte natürlich sofort: ›Der muss kälter!‹ Die Gäste wissen es bekanntlich immer besser als die Profis. Du hast es dauernd mit Trinktemperaturprofis zu tun, mit Garstufenprofis, Serviceexperten, Mineralwasserfachmännern, Weinspezialisten. Die Leute lesen einfach zuviel …«

»Und den hat die wirklich getrunken?«, fragt Tom. »Natürlich! Ich hab den Wein noch zehn Minuten ins Eis gehangen und gut war’s. Es ging doch nicht um den Wein, sondern um Frau F.s Willen. Flach und eiskalt sollte es sein. Immerhin zahlt sie dafür. Und es war genau ihr Geschmack. Fettes Trinkgeld inklusive.« Tom gießt noch etwas Gin in meine Limonade. »Tja, wir sind halt Auftragskiller.« Ich nicke und zahle. Und habe kein Ticket. Es gibt Gerechtigkeit.

Illustration: LeChef

aus Effilee #13, November/Dezember 2010

Aus Effilee #13, Nov/Dez 2010
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