Na, min Jung’, schmeckt Di das?

Arno Düsterhenn zieht Bilanz

Johannes Itten

Welcher Anblick mich letztes Jahr beeindruckte? Kulinarisch jetzt? Nee, allgemein, wir sind ja auch ’nen Kulturmagazin! Doch wohl, wie die Flagge der UdSSR über den Relikten des mit sieben Phallussäulen renovierten gustaf-nagel-areals über dem knallblauen Himmel des Arendsees flog – Herz sei erneut/Vorwärts, die Zeit (Majakowski, Eisler, Huppert, Busch)! Nagel war ja Naturapostel, meschugger Wanderprediger à la Matthias Horx, ortografie-Begradiger, GOttbegnadeter, großer Stecher vor seinem HErrn; Vegetarier dazu. Konnte somit nicht die Maränen des Sees fieseln, die Fischer Kagel aus Zießau – früher DDR-Sperrgebiet – seit unzähligen Jahrzehnten aus der Perle der Altmark zieht. Vor fünfundzwanzig Jahren schaffte ich noch zwölf davon, heute nur mehr acht, ewig unter rühriger Aufsicht von Netzjäger Wilfried: »Na, min Jung’, schmeckt di das?« Lecker Lachsartiger; der Fisch.

Komischerweise litten ja auch im Bauhaus einige, Johannes ­Itten voran, unter vegetarischen Zwangsvorstellungen, stellten aber, befeuert von Mazdaznan, immerhin die Freischwingerikone S32 auf ihre Stahlrohrkufen. Mazdaznan? Sie verstanden darunter eine fleischfreie Ernährung, orientiert an der persischen Lehre des Zoroastrismus. Nahm ich hauptsächlich als Berge gemanschter Knoblauchzehen wahr, als sie das vor Jahren noch in Carl Fiegers hinreißendem Elbrestaurant Kornhaus, eben in Dessau, servierten. Verband, wie versprochen, auf das flatulierendste Vegetarismus mit Darmreinigung. Nun wohl aus Gründen der öffentlichen Ordnung von der Karte genommen – seit dort Straßenmusik, zur Vermeidung talentfreien Musizierens, als Sondernutzungserlaubnis fünf Euro kostet. Wird ja hundert, das Bauhaus, also kann man 2019 nicht dorthin, deshalb jetzt bei sirrender Hitze unterm Sonnenschirm vorzügliche Kalbskraftbrühe sowie nach leider einer Dreiviertelstunde Warten ein ebenso gutes Kalbsrückensteak und dem vertrottelten Stand-up-Paddler zugeschaut, wie der so um die Kurve schifft. Man weiß gar nicht, was herrlicher ist.

Enttäuschungen, 2018? Nur milde, als wir mit hängendem Magen in Mühlberg/Elbe abends nix mehr zum Einkehren fanden; dabei schon wie närrisch auf die Pferdebockwurst in Heide’s Imbiss gefreut! Der Ratskeller lockte zwar mit deutsch-italienisch-indischer Küche, Dixi einladend neben der Pforte, die aber zu. »Wenn ihr euch beeilt, könnt ihr auf dem Fest noch ne Bratwurst …«, rief unser Herbergsvater. 17:55 Uhr: Wo andere sich erst warmtrinken, schoben sie Am Sportplatz schon die durchgeweichten Matjesbrötchen von den Alublechen. Besser isses. Doch zur Riesentüte Popcorn steckten sie ihr noch ein Weintraubenschaschlik mit weißem Schokoladenüberzug zu. Gute Nacht, Marie. Apropos: La Vie, Osnabrück? Wo der Milliardär seinen Millionären keinen Essenszuschuss mehr zahlen kann oder will? Unter Bauern, Strom-Großverbrauchern und den privaten Betreibern der A1 sind Journalisten ja wohl die Einzigen, die nicht mehr beamtengleich subventioniert werden, oder?

Wo blieb das Positive? Na, Käsemarkt in Nieheim. Die ganze Stadt voller Super-Käsestände, an denen schöne Entdeckungen möglich sind. Nur, dass bei fleißiger Nutzung der Probierbar im Raum des Geschmacks der Heißhunger ohne jede Vorwarnung und sogar mit leichter Hysterese in ein absolutes Völlegefühl umschlägt, das werden wir beim zwölften Mal und also 2020 berücksichtigen müssen. 

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