Lana Ferara, 24, Ägypten, kocht Lahma Mafruma bel-Bamia

Ein ägyptischer Auflauf aus Tomaten, Okraschoten und Rinderhack

 
Foto: Andrea Thode; Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Lahma Mafruma bel-Bamia, Foto: Andrea Thode; Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Lana Ferara hat vor einem Jahr zum ersten Mal Schnee gesehen

Müde warte ich vor der Haustür mit Blick auf den Sportplatz des USC Paloma. Fotograf Andrea kurvt noch durchs Viertel, weil er sich zwar Hausnummer und Uhrzeit richtig notiert hat, nicht aber die Straße. Seit Tagen ist es nass und grau und kalt. Endlich hat Andrea es geschafft. »Ich bin gerädert«, sage ich, »ich habe bis fünf wach gelegen.« Andrea schaut mich müde an. »Nur bis fünf?«

Wir klingeln bei Lana Ferara. Es öffnet uns ein beeindruckendes Bündel dichter schwarzer Haare. »Kommt herein.« Lana wohnt hier mit zwei Mitbewohnern. »Ich räume mal eben ein paar Sachen zur Seite, wir waren gestern bis fünf auf.« Sie nimmt eine Zeitung vom Tisch, während ich in der Küchencouch versinke.

»Ich bin erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen. Ich bin zwar in Kiel geboren, aber gleich mit meiner Mutter nach Ägypten gezogen.« Dort ging Lana in eine deutsche Schule, anschließend studierte sie Kunstdesign. »Es war nicht einfach in Ägypten. Ich stand immer zwischen den Kulturen. An der Schule wurde ich westlich erzogen, aber das Umfeld war sehr traditionell. Gerade für Frauen gelten sehr strenge Regeln. Aber die fängt man irgendwann an, zu hinterfragen.«

Halb sitzen, halb liegen wir um den Küchentisch, in unterschiedlichen, aber durchweg niedrigen Graden der Wachheit. Als Lana nach Deutschland kam, fand sie für acht Monate bei verschiedenen Freunden Unterschlupf, bis sie in diese Wohnung zog. Dann wurde es das erste Mal richtig kalt und sie floh für drei Monate nach China. »Diese Kälte kannte ich nicht. Aber China war für mich nichts, noch weniger als der deutsche Winter. Letztes Jahr habe ich das erste Mal Schnee gesehen. Natürlich habe ich mich gleich hingelegt. Jetzt habe ich mir Spikes gekauft.«

Während ihrer kurzen Zeit in Deutschland hat sie schon allerhand ausprobiert: eine Ausbildung in psychoanalytischer Kunsttherapie und einige Monate als Helferin in einer Zahnarztpraxis. »Das gefiel mir aber überhaupt nicht. Der Zahnarzt hat mir dann empfohlen, eine Ausbildung zur Ergotherapeutin zu machen. Die mache ich seit zwei Jahren und die ist richtig toll.«

Lana verteilt die Zutaten auf dem Küchentisch. »Das sind Okraschoten. Diese hier sind riesig, ich kenne die sonst höchstens halb so groß. Die kleinen schmecken auch besser.« Sie legt Tomaten, Brühe und Gewürze auf den Tisch. Und ein Kilo Rinderhack. »Meine Mutter sagte, ich soll ein halbes Kilo nehmen, aber ich dachte, ich mache eine große Portion.« Sie liest sich noch mal das Rezept ihrer Mutter durch. Dann wäscht sie die Okraschoten.

»Ich koche gerne gemütlich. In Ägypten ist alles viel langsamer. Die Leute bewegen sich auch anders, ihre Einstellung überträgt sich auf den ganzen Körper. Ägypter denken auch nicht darüber nach, dass sie älter werden. Ich habe hier damit angefangen, aber das ist Quatsch.« Sie schneidet die Stiele ab und brät die Schoten in einer großen Pfanne an, würzt sie mit Salz und Pfeffer und rührt einmal durch. Ein frischer, gemüsiger Duft zieht durch die Küche.

Lana reibt eine Auflaufform mit Öl aus. »Eigentlich ist das Gericht ganz einfach. Erst eine Schicht Tomaten, dann eine Schicht Okraschoten, dann das Hack.« Sie rührt die Schoten noch einmal durch. »Da kann man jetzt kleine Fäden sehen. Okraschoten haben Schleimzellen, und das ist der Schleim, der austritt.«

Die Tomaten schneidet Lana in dünne Scheiben, mit denen sie den Boden der Auflaufform auskleidet. Ich rühre noch mal die Okras um, um eine weitere Nase des Geruchs zu nehmen. »Ich wollte das Gericht erst mit Auberginen machen«, sagt Lana. »Aber ich dachte, Okraschoten sind interessanter.« Sie polstert die letzten Leerstellen auf dem Boden der Form mit kleinen Tomatenscheiben aus, dann gibt sie die Okras darüber. »So, jetzt kommt das Hack. Dafür brauche ich die Zwiebeln. Und Knoblauch. Ich liebe Knoblauch.«

Lana schält und würfelt die Zwiebeln. »Sonst bin ich immer ziemlich aufgedreht, aber heute habe ich so wenig geschlafen.« Ich schaue vom Sofa zu ihr rüber. »Ach, du wirkst eigentlich recht lebhaft.« »Echt? Ich bin halb tot!« Sie schält und hackt drei Knoblauchzehen. »Wenn ich alleine bin, hau ich viel mehr rein.«

In einer zweiten Pfanne erhitzt sie die Zwiebeln in Öl. »Wenn jetzt noch der Knoblauch dazukommt – es gibt nichts Schöneres.« Sie schiebt den Knoblauch vom Schneidebrett in die Pfanne und holt das Fleisch. »Oha, das ist viel Fleisch!« Während das Hack in der Pfanne vor sich hin schmurgelt, würzt Lana es mit Salz, Pfeffer und Kreuzkümmel. Dann drückt sie eine Tube Tomatenmark dazu und gießt die Gemüsebrühe an. »Eigentlich ist Fleischbrühe besser, aber ich habe gerade keine im Haus. Ihr könnt ruhig probieren.« Lana winkt mit dem Löffel. »Aber es kommen noch Zitrone und Joghurt dazu, der Geschmack ändert sich also noch.«

Lana drückt mit der Hand zwei halbe Zitronen über dem Hack aus und gibt den Großteil eines Halbliterbechers Joghurt in die Pfanne. Sie rührt um, lässt alles ein wenig einkochen und probiert. »Hm, genau richtig. So soll es schmecken.« Lana füllt das Hackgemisch auf die Okraschoten, gießt noch etwas Zitronensaft darüber und schiebt alles in den Ofen.

Wir begeben uns wieder in Ruheposition. »Meine Hobbys sind Essen und Schlafen. Ich finde es schade, dass man immer so wenig Zeit zum Kochen hat.« Lanas Mutter ist Medizinerin, also eine gut ausgebildete Frau. »Aber in vielen Dingen ist sie sehr traditionell. Das ist manchmal schwer zu verstehen. Überhaupt sind im arabischen Raum manche Dinge nicht mit dem westlichen Denken zusammenzubringen. Der Islam sagt zum Beispiel, wenn du Moslem bist, musst du an alle Religionen glauben und tolerant sein. Aber viele sind es überhaupt nicht.« Sie schaut zum Ofen. »Fünf Minuten noch.«

Lana stellt die Form auf den Tisch und gießt noch etwas Zitrone über den Auflauf. Sie tut uns großzügig auf. »Das isst man bei uns im Ramadan ganz oft.« Ich dachte, im Ramadan wird gefastet. »Im Ramadan darf man nur nach Sonnenuntergang essen und soll an die Armen denken. Aber oft wird dann von Sonnenuntergang bis in den Morgen wahnsinnig viel gegessen. Wenn der Ramadan vorbei ist, machen viele Frauen erst mal eine Diät.«

Wir essen in stillem Vergnügen. Das Hack hat durch die Zitrone eine ungewohnte Frische, der Knoblauch, und vor allem der Kreuzkümmel, geben eine unverwechselbar arabische Note. »Wenn man so große Okraschoten nimmt, sollte man sie klein schneiden«, meint Lana. Die Schoten lassen sich tatsächlich bisweilen schwer zerteilen, aber sie haben einen schönen grünen Gemüsegeschmack. Zusammen mit den Tomaten und dem Hack bilden sie am Gaumen eine Ahnung der wohlig satten Entspanntheit, die uns gleich überfallen wird.

Im ägyptischen Sommer würde man wohl deutlich kleinere Portionen essen, aber im Hamburger Winter geht auch der zweite Nachschlag gut rein. Wir lungern noch eine Weile herum, nehmen uns immer wieder löffelweise aus der Auflaufform und erzählen von Plänen und Ideen, von regionalem Essen und Dorfkrügen.

Text: Alexander Kasbohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effilee #15, März/April 2011

Aus Effilee #15, Mär/Apr 2011
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