Kevin Murphy, 44, England, bereitet Abdochear zu

Bei bestem englischem Sommerklima probiert Alexander Kasbohm Abdochear, eine kalte Joghurtsuppe.

 
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

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Das Wetter passt auf eine perfide Weise zu meinem Termin: Der Himmel ist hellgrau, der Regen warm – bestes englisches Sommerklima begleitet mich also auf dem Weg zu Kevin Murphy. Die koloniale Schwüle lässt das Sakko nach wenigen Metern am Körper kleben. Das ist nicht im engeren Sinne schön, passt aber hervorragend zu der erfrischenden Suppe, die Kevin für uns zubereiten wird. Abdochear heißt sie. »Das Rezept habe ich von meiner ersten Frau gelernt, die aus Persien kommt. Aber die Zutaten sind zum Teil sehr englisch.«

Wir stehen in Kevins Küche und schauen in den Garten hinaus, der zur Wohnung gehört. »Wir wollen die Terrasse mit Holz auslegen. Von einem Freund kann ich gutes Bootsholz bekommen, das ist schöner als Fliesen.« Kevin ist Friseur, er hat einen eigenen Laden in dem Hamburger In-Viertel Ottensen. Er wohnt nur ein paar Straßen weiter, zusammen mit seiner Frau Ekaterina und seiner jüngsten Tochter Maya Siobhan, die 21 Monate alt ist. »Vielleicht bist du mal an meinem Salon vorbeigekommen. Er fällt im Moment ziemlich auf: Ich habe 16 Bilder von einem befreundeten Künstler hängen. Die sehen etwas nach Mark Rothko aus.«

Aus dem Wohnzimmer weht Musik herüber. »Das ist Serge Gainsbourg. Mick Harvey, den man vor allem als Musiker bei Nick Cave kennt, hat mal einige Gainsbourg-Stücke auf Englisch aufgenommen. Auf der CD, die gerade läuft, hörst du jedes Stück zweimal: einmal in der Originalversion und dann auf Englisch. Aber die CD gibt es nicht zu kaufen, die hat ein Freund für mich gemacht. Wollt ihr was trinken? Wasser? Tee?« Kevin sucht den Tee. »Verdammt, jetzt sind die Teefilter weg. Dann mache ich ihn eben in der Kanne.« Er gießt das heiße Wasser auf. »Ich bin vor zwanzig Jahren nach Hamburg gekommen, eher zufällig. Ich bin in Manchester aufgewachsen und hatte ein tolles Angebot, in London für Vidal Sassoon zu arbeiten. Aber ich dachte, ich würde lieber noch ein Jahr auf dem Kontinent arbeiten und landete deshalb in der Hamburger Filiale. Dann habe ich meine erste Frau kennengelernt, die arbeitet in der Modebranche. Meine älteste Tochter Adonia studiert inzwischen Kunst in London, am berühmten St. Martins College. Das ist nicht schlecht.«

Kevin fühlt sich wohl in Hamburg, auch sein Salon läuft gut. »Manchmal fehlen mir die alten Freunde und der unterschwellige Humor. Gerade der Sprachwitz funktioniert im Englischen wesentlich besser. Ich bin ein großer Fan von Berlin. Wenn ich in bestimmten Läden in noblen Stadtteilen wie Eppendorf das Falsche anhabe, fange ich mir schon mal komische Blicke ein. In Berlin dagegen ist es völlig egal, was du trägst.«

Nach London fährt er kaum noch, eher fliegt er zu seiner Mutter nach Manchester. »London ist extrem teuer geworden, seit es die russischen Milliardäre als ihre Hauptstadt entdeckt haben. Wenn du in den späten Achtzigern da ein Haus gekauft hast und es jetzt verkaufst, bist du Millionär. Adonia hat sich mit zwei Kommilitoninnen eine Wohnung in Islington gemietet. Ich dachte: Wow, wie haben sie die bekommen? Aber nach einigen Wochen mussten sie wieder raus, weil die Wohnung voll Schimmel war. Der Vermieter klatscht jetzt wohl eine Tapete drüber und dreht die Wohnung dem Nächsten für ein paar Wochen an.«

Kevin holt Joghurt aus dem Kühlschrank und sucht die anderen Zutaten zusammen. »Ich bin ein Bio-Freak, das war ich schon vor 25 Jahren in London. Ich bin sozusagen ein Bio-Pionier. Damals waren wir Müslis, heute ist es der große Trend. In London gibt es eine richtige neue Öko-Elite. Bei mir fing das damals an, weil ich Asthma hatte und mein Bruder die Partys immer viel besser verkraftet hat als ich. Da habe ich gemerkt, dass das bei mir nicht von alleine geht, dass ich auf meine Ernährung achten muss. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch so eine Angst vor Krankheiten.« Er klopft dreimal auf den Holzhocker vor dem Küchenschrank.

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Wenn Kevin Murphy erzählt, kommt er  vom Hundertsten ins Tausendste. Irgendwann sind die Frühlings-zwiebeln trotzdem kleingeschnitten

Dann erzählt er von Misosuppe, Kombu-Algen und Bonitoflocken. Mit der Zeit kommt er vom Hundertsten ins Tausendste, bis es ihm schließlich selber auffällt. Er lacht und konzentriert sich auf unsere heutige Suppe. Kevin wäscht zwei Bund Lauchzwiebeln ab und schneidet sie klein. »Es ist eigentlich mutig von mir, dass ich diese Suppe mache. Ich habe sie seit zehn Jahren nicht mehr zubereitet.« Den größten Teil der Lauchzwiebeln legt er in eine Schüssel, den Rest behält er zurück. »Erst mal sehen, wie viel das wird.«

Kevin wirft eine Handvoll Rosinen zu den Lauchzwiebeln. »Beim Kochen muss man gut organisiert sein. Ich bin leider ein absoluter Chaot, deshalb ist es hier auch so aufgeräumt – sonst hätte ich keine Chance!« Ich erzähle ihm von meinem Plan, Fotos von dem Verfall englischer Seebäder zu machen. »Oh, da musst du nach Blackpool. Da war ich vor ein paar Jahren, ich war vorher schon jahrelang nicht mehr dort gewesen. Und ab 17 Uhr war es plötzlich wie in einem Horrorfilm: Die ganze Stadt war voller Junggesellenabschiede. Alle waren laut und besoffen. Und jeder trug eine dieser billigen Masken oder Plastikverkleidungen.«

Kevin legt sich drei kleine Gurken zurecht. »Ich glaube, ich lasse die Haut dran, die sind schließlich bio. Kleine Gurken sind viel besser als große, sie schmecken intensiver.« Nach den Gurken schneidet er eine Handvoll frischer Minze klein. »Ich bin eigentlich kein Freund von Minze. Aber im Joghurt ist sie sehr gut, vor allem im Sommer ist sie sehr erfrischend.« Minze und Gurken kommen in die Schüssel, dazu zwei große Becher Joghurt und ein großes Glas Mineralwasser. Durch die Kohlensäure entwickelt sich ein vitales Geblubber. »Es lebt.« Kevin attackiert die Suppe mit einem Löffel. »Kill it! Kill it!«

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Gurke, Lauchzwiebeln, Minze, Rosinen, Joghurt und Mineralwasser – jetzt muss sich diese Mischung nur noch zu einer Suppe verbinden

Kevin salzt, pfeffert und schaut dann skeptisch in die Schüssel. »Vielleicht ist es doch etwas viel Gemüse für diese Menge Joghurt. Aber es sieht lecker aus.« Er probiert mit einen Löffel. »Es schmeckt …«, er konzentriert sich, »… nach nichts.« Kevin überdenkt seine Strategie. »Vielleicht ändert sich das, wenn die Suppe zieht. Aber Salz und Pfeffer können auf jeden Fall noch rein. Und Minze.« Nach den Korrekturen stellt er die Suppe in den Kühlschrank.
Wir gehen ins Wohnzimmer, wo uns Kevin ein Bild seiner großen Tochter zeigt. »Adonia wusste immer genau, was sie machen wollte. Und sie wollte unbedingt ans St. Martins. Es ist nicht leicht, da angenommen zu werden, aber für sie gab es keine Alternative. Und sie hat es geschafft.« Wir trinken einen Tee und essen Espresso-Karamell-Schokolade, während im Kühlschrank die Zutaten der Suppe zu einer Einheit verschmelzen. Schließlich stellt Kevin vorsichtshalber etwas Salz und Pfeffer auf den Tisch, bevor er die Suppe aus dem Kühlschrank holt.

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Etwa eine Stunde später ist die Joghurrtsuppe fertig

Wir setzen uns, Kevin füllt auf. Den Sonnenschein müssen wir uns zu dieser Sommersuppe dazudenken, aber das funktioniert bei dem Geschmack sehr gut. Die Frische von Joghurt und Gurken, die leichte Schärfe der Minze und die fruchtige Note der Rosinen bekommen durch die Lauchzwiebeln ein herzhaftes Gegengewicht. Während wir essen, unterhalten wir uns über die Musikszene längst vergangener Tage in Manchester. »Von den frühen Achtzigern bis in die Neunziger war Manchester Großbritanniens wichtigste Musikstadt. Wie es heute ist, weiß ich nicht, aber damals sind die ganzen wichtigen Sachen passiert. Da gab es Joy Division und später New Order, die Smiths, dann kamen die Raves und mit ihnen die Happy Mondays. Das war eine sehr kreative Szene. Auch wenn ich Morrissey überhaupt nicht leiden kann.«
Die künstlerisch angehauchten Manchester-Gene scheint Kevin an seine Kinder weiterzugeben, auch an seine zweite Tochter Minou, die bei ihrer Mutter in Hamburg lebt und sich ebenfalls auf ein Kunststudium zube-wegt. Bei Maya Siobhan ist es zu früh, etwas zu sagen – aber das Gesetz der Serie lässt hoffen. Wir nehmen uns noch Suppe nach und wünschen uns, dass es nach dem Monsun, der draußen gerade niedergeht, bald richtig Sommer wird.

Das Rezept
Text: Alexander Kasbohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effilee #11, Juli/August 2010

Aus Effilee #11, Jul/Aug 2010
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