Kaufhaus des Westens, KaDeWe

Kaufhaus des Westens, KaDeWe – Berlin
Zukünftige Archäologen sollten aus Kaufhäusern den Lebensstil einer gesellschaftlichen Schicht in ihrer Epoche rekonstruieren können. Doch schon heute mutet ein Gang durch die sechste Etage von Europas größtem Kaufhaus historisch an: Nur ein Drittel der Fische sieht frisch aus, ein Drittel mag angehen, dem letzten Drittel hätten wir zumindest den Kopf abgeschnitten

 

Offenbar landet das, was dann selbst filetiert nicht mehr verkäuflich ist, magenschnürend in der Bouillabaisse (ab 18,50 Euro), deren an sich schöner Fond gottlob à part serviert wird. Wir essen sie seit über 25 Jahren dort; ihre stets wechselnde Qualität scheint nun ihrem Ende zuzuschwanken.

Die Idee, große Dinge an kleinen Ständen probieren zu lassen, ist nicht schlecht. Aber Lenôtres Pfirsich-Tarte auf matschigem Blätterteig ist ebenso wenig ein Ruhmesblatt wie das Viertel Knollensellerie am Gemüsestand, das seit Tagen bräunlich vor sich hintrocknet und niemandem mehr aufhelfen wird. Oder die heftig vorgekochten Langusten, die offen auf Eis liegend ihre Saftigkeit längst verloren haben. Zuverlässig hingegen die Stände auf heimischem Terroir: Bratkartoffeln, Hackepeter, Solei, Bockwurst. Käse? Übersichtliche Auswahl üblich Verdächtiger in rauen Mengen, sehr mäßig affiniert.

Das Konzept ist nicht Erziehung zur Gourmandise in nuce, sondern demonstrativer Konsum.

Den Archäologen sollten wir eine Flaschenpost hinterlassen: Hier sehen Sie eine Illusionsmaschine, die erfolgreich die Suggestionskraft großer Namen mit strammen Preisen verbindet, um im besten Fall durchschnittlichem Essen katzengoldhaften Glanz zu verleihen.

Feinschmeckeretage im KaDeWe
Tauentzienstraße 21–24
10789 Berlin
www.kadewe.de

Text: Nils Schiffhauer

aus Effilee #14, Januar/Februar 2011

Aus Effilee #14, Jan/Feb 2011
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