Herrn Paulsens Deutschstunde: Currywurst

Hamburger? Berliner? Oder doch einfach nur eine Curry mit Pommes?

 
Currywurst

Currywurst
Die mit viel Leidenschaft ausgefochtene Rivalität der Städte Hamburg und Berlin um Attribute wie Weltoffenheit und Innovationsstärke findet, seit Jahren schon, ihren Zerrüttungstiefpunkt in der Frage, wo denn nun die Currywurst erfunden worden sei. Der Berliner verweist zunächst reflexartig auf die historische Imbisskultur in seiner Stadt, mobile Wurstverkäufer bevölkerten bereits die zerbombten Straßen des Nachkriegsberlins. Noch bevor der Hamburger »ja, aber …« sagen kann, zieht der Berliner seinen größten Trumpf: Herta Heuwer! Die 1913 im ehemaligen Königsberg geborene Ostpreußin kam als Flüchtling nach Berlin und gilt, nach eigenen Aussagen, als Erfinderin der Currywurst: Am 4. September 1949 will sie in ihrer Imbissbude an der Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße in Berlin-Charlottenburg aus Langeweile, Tomatenmark, Wasser und exotischen Gewürzen erstmals jene scharfe Sauce zusammengerührt haben, die sie sich dann zehn Jahre später unter dem Namen Chillup (abgeleitet von Chili und Ketchup) im Münchner Patentamt als Markennamen schützen ließ. Anlässlich ihres 90. Geburtstages enthüllten die Berliner 2003 an der Kantstrasse 101 posthum eine Gedenktafel für Herta Heuwer und 2009, zum mündlich festgelegten 60. Jahrestag der Erfindung der Würzsauce, öffnete das Deutsche Currywurst Museum am Kurfürstendamm, dort wird der Heuwersche Mythos gepflegt und ausgestellt.
Der von Natur aus eher von vornehmer Zurückhaltung geprägte Hanseat schwieg jahrzehntelang zum Sachverhalt, erst 1993 ergriff der Schriftsteller Uwe Timm in seinem Roman Die Entdeckung der Currywurst das Wort. Timm erinnerte sich, schon vor 1949 Currywurst gegessen zu haben, im Hamburg seiner Jugend. Verkörpert wird diese Erinnerung von seiner Romanfigur Lena Brücker, die zu jener Zeit am Großneumarkt einen Imbiss führte. »Diese Frau hatte eine Imbissbude am Großneumarkt. Das ist authentisch, alles andere ist Fiktion«, sagt Uwe Timm dazu.
Gäbe es einen Mediator in Sachen Currywurstfragen, er könnte Haupt- und Hansestadt auf die gemeinsame Besatzungsgeschichte aufmerksam machen. Könnte es nicht einfach an dem schlichten Wunsch der amerikanischen Besatzer nach Ketchup zur Wurst gelegen haben, dass in Berlin aus Dosentomatenmark, Gewürzen, Wasser und Zucker eben jene Sauce entstand, welche zeitgleich auch den britischen Besatzern in Hamburg serviert wurde, die den Curry aus ihrer indischen Kolonialküche gleich beisteuerten? Könnte es nicht sein, dass die Currywurst von mehreren Eltern und hier wie dort geboren wurde?
Einig sind sich die beiden Städte zumindest bei der Grundzutat: Die ist immer eine Brühwurst, egal ob mit oder ohne Darm, sie wird später auf dem Grill oder in der Fettpfanne gebraten. Einzig im Ruhrgebiet pflegt man eine eigene Variante der gesamtdeutschen Currywurst-Leidenschaft. In den Imbissbuden zwischen Duisburg und Dortmund ist traditionell eine Bratwurst Basis für die geliebte Currywurst, die Sauce dazu wird auf Wunsch gerne auch mit etwas Fleischsaft von den, neben dem Grill schmorenden, Schaschlikspießen angereichert. Womit wir bei den Variationen der klassischen Currywurst angekommen wären. Die Grundsauce aus Tomatenmark, Wasser und Gewürzen wurde mit der Zeit hier und da ein wenig modernisiert, gute Currywurstbrater schwören heute auf ihr Hausrezept für vielschichtig-aromatische Saucen. Es wird mit Honig und Rohrzucker gesüßt, mit Currypasten, Mangofleisch, frischem Ingwer und den unterschiedlichsten Chilisorten und Schärfegraden experimentiert – eine erfreuliche Entwicklung. Die Topgastronomie bekleckerte sich dagegen bei Adaptionsversuchen des Volksessens nicht mit Ruhm, nur langsam verblassen die Erinnerungen an eine schlimme kulinarische Phase Ende der Neunziger, als die Currywurst kurz Einzug in die Hochküche hielt. In Hamburg servierte der junge Koch Christian Rach eine Kalbsbratwurst mit handgerührter Currysauce. In Berlin konnte sich die Currywurst vom Havel-Zander gottlob nicht durchsetzen. Und wo schmeckt es heute am besten? Da rücken Berlin und Hamburg eindeutig zusammen: Neben wenigen Spitzenanbietern regiert beider Orts das Mittelmaß. Viele der vermeintlichen Institutionen entpuppten sich im Nachgeschmack als touristischer Nepp, den wässrigen Saucen auf Tomatenmarkbasis fehlt es meist an Eleganz und Tiefe, über die Qualität der verwendeten Würste will ich gnädig schweigen. Es ist schwierig. Die letzte richtig gute Currywurst, ich trau es mich kaum zu sagen, aß ich unlängst in Hannover. 

Zum Rezept: Currywurst

Text: Stevan Paul Foto: Andrea Thode
Aus Effilee #21, Sommer 2012
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1 Kommentar

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  1. Wer immer sie erfunden haben mag, die Berliner glänzen meiner Meinung nach nicht mehr angesichts ihrer vermeintlichen Historie. Die beste Currywurst habe ich letztes Jahr in Hamburg gegessen (gleich nach meinen Frankfurter Lokalfavoriten Best Worsch in Town). Die Curry-Pirates sind ungeschlagen, auch und vor allem, was die Innovationskraft angeht. Enttäuscht haben mich alle Ruhrpott-Curries, besonders die Vielbesungene in Bochum. Das Paulsche Rezept bringt aber bei uns zuhause auch immer wieder Begeisterungsschmatzer hervor.