Hacer Tanriver, 41, Türkei, macht Tatli Kabak

Butter, Butter und noch mal Butter: Die anatolische Landküche wärmt mit Tatli Kabak gut im Winter.

 

3. Hacer Tanriver, 41, Türkei, macht Tatli Kabak
3. Hacer Tanriver, 41, Türkei, macht Tatli Kabak
Ich habe schon Tee gekocht. Wir können es uns erst mal gemütlich machen, bevor wir loslegen«, begrüßt uns Hacer Tanriver und führt uns in das Wohnzimmer ihrer Wohnung in Glinde bei Hamburg, in der sie mit ihren Kindern Emre, 16, und Esra, 14, wohnt. Sie geht in die Küche, wir setzen uns an den Couchtisch. Unter der gläsernen Tischplatte sind große Blüten drapiert. »Ich komme gleich«, ruft Hacer aus der Küche. »Wir haben doch Zeit, oder?«

Sie stellt für jeden ein kleines türkisches Teeglas auf den Tisch. »Ich wusste nicht, ob ihr ihn lieber hell oder dunkel trinkt. Jedenfalls ist es schwarzer Tee. Verbrüht euch nicht!« Wir trinken die Gläser mit dem mittelhellen Schwarztee schnell aus, Hacer füllt aus der türkischen Doppelkanne nach. Aus der einen Tülle kommt Tee, aus der anderen Wasser. »Das ist ein Demlik: Der Tee in der einen Kanne ist sehr stark, und mit dem Wasser aus der anderen Kanne kann man ihn so weit verdünnen, wie man ihn gerne trinkt.«

Hacer kam in den frühen 80ern nach Deutschland. Ihr Vater lebte hier und holte nach und nach die Familie aus der Türkei zu sich. »Als ich mit meiner Friseurausbildung fertig war, habe ich kurz überlegt, in die Türkei zurückzugehen. Aber meine ganze Familie lebt hier in der Gegend, meine Eltern, mein Bruder, meine drei Schwestern mit ihren Familien. Und in der Türkei gelten wir als die Deutschen. Ich würde da nicht als Einheimische akzeptiert werden.«

Wir gehen zusammen in die Küche. »Ich koche heute anatolisch. Meine Familie kommt aus Ostanatolien, aus Erzincan. Das war eine recht arme Gegend, man hatte dort recht spät Kühlschränke. Deshalb gibt es in der ostanatolischen Küche einen sehr kreativen Umgang mit Gemüse und anderen frischen Sachen. Nur Fleisch kam dort eher selten auf den Tisch.«

Hacer hält uns eine Plastikschale hin. »Das sind türkische getrocknete Aprikosen für das zweite Gericht, für Kurutulmus Kayisi. Das heißt schlicht: getrocknete Aprikosen. Probiert mal, die habe ich aus der Türkei mitgebracht. In Deutschland habe ich die noch nie gesehen.« Im Gegensatz zu deutschen Backobstaprikosen sind die türkischen richtig trocken und schmecken auch nach langem Kauen immer noch nach Aprikose.

Für die Hauptspeise, Tatli Kabak, gesüßter Kürbis, hat Hacer einen riesigen Kürbis gekauft, den sie mit einem großen Messer zu teilen versucht. »Oh, der ist hart. Ich brauche Hilfe.« Ich biete meine Unterstützung an. »Süß«, sagt Hacer und gibt mir ein Messer. Der Kürbis ist wirklich sehr hart. Aber gemeinsam – einer bändigt das Kürbisbiest, einer prügelt das Messer hindurch – haben wir ihn bald in Scheiben zerlegt. »Dafür ist ein Mann doch praktisch.« Das Innere des Kürbisses schneidet Hacer in kleine Würfel. »Normalerweise höre ich beim Kochen Musik und tanze. Aber dann können wir uns nicht mehr unterhalten.«

»Meine Eltern haben neben ihrer Wohnung nebenan auch noch ein kleines Haus in der Türkei, in Izmir. Normalerweise fahre ich da einmal im Jahr hin, auch um mich mit der Kultur des Landes zu beschäftigen. Aber in den letzten zwei Jahren war ich nicht da.« Hacer schiebt die fertigen Kürbiswürfel vom Brett in einen großen Topf, bevor sie weiterschneidet. »Dafür reisen die Kinder, nach Frankreich oder Italien.«

Der Kampf mit dem Kürbis geht weiter. »Eigentlich ist der wirklich zu hart. Aber beim Kochen wird er weich, richtiges Püree.« Sie setzt den Kürbis bei einer recht hohen Temperatur auf, mit einer Tasse Wasser und zwei guten Esslöffeln Butter. »In Ostanatolien wird es im Winter richtig kalt, da kann man die Butter gut gebrauchen.« Während sie umrührt, schaut sie aus dem Küchenfenster hinaus in den grauen Herbsttag. »Lieber hätte ich türkische Kohlrouladen gemacht. Die sind viel besser als die deutschen und ein sehr schönes Gericht für kalte Tage. Mit Spitzkohl. Und ins Hack kommt etwas Reis.«


Der Topf füllt sich mit der Zeit und der Kürbis wird langsam weich. »Ich koche viel. Meist türkisch. Meine Kinder haben mal für ein paar Wochen in der Schule gegessen, aber dann hat mein Sohn mich angerufen und gesagt: ›Bitte koch wieder.‹« Doch die Kinder essen nicht alles, Tatli Kabak hat sie für sie noch nie gekocht. »Sie dürfen auch Sachen nicht mögen. Aber sie müssen dann selber kochen.«

Emre ruft auf dem Weg von der Schule an und bringt dann den Hausmeister mit, weil er mit ihm über die Feuchtigkeit in der Wohnung sprechen will. Sie unterhalten sich eine Weile, bis Hacer »Moment mal« sagt, den Kürbis kurz mit einem großen Holzlöffel umrührt und anschließend erst mal den Hausmeister zusammen staucht.

Emre kommt in die Küche. Er schaut skeptisch in den Topf und schneidet sich dann türkische Wurst in die Pfanne. Er brät die Wurst an, schlägt zwei Eier dazu, würzt mit Chili und fragt uns, ob wir auch etwas möchten. Da sich der Kürbis noch etwas Zeit lässt, nehmen wir dankend an. Emre deckt den Tisch im Wohnzimmer und isst mit uns. »Nehmt ruhig mehr. Ich schaffe das eh nicht alleine, ich habe extra mehr gemacht.« Er füllt uns auch etwas zu trinken nach, ein perfekter Gastgeber. Emre erzählt uns von seinem Tag in der Schule und dass er später gerne zur Polizei möchte. Das ist für ihn schon lange klar, darauf arbeitet er hin.

Als wir zurück in die Küche kommen, weicht Hacer gerade die trockenen Aprikosen kurz in Wasser ein, anschließend legt sie sie in eine Pfanne. Sie dreht die Herdplatte auf, gießt ein Glas Wasser hinzu und gibt an die Aprikosen zwei kräftige Löffel Butter. Dann zerdrückt sie eine Knoblauchzehe und mischt sie mit türkischem Joghurt. »Das ist später zur Dekoration für das Tatli Kabak.«

Sie rührt den Kürbistopf durch, gibt eine Handvoll Rosinen hinzu und probiert von den Aprikosen. »Die müssen richtig weich werden.« Hacer gönnt dem Kürbis zwei weitere sehr großzügige Esslöffel Butter und vier Esslöffel Zucker. An die Aprikosen kommt ebenfalls noch ein ordentlicher Schlag Butter, außerdem rührt sie zwei Eier unter. In einem weiteren Topf schmilzt Hacer noch mehr Butter. »Davon kommt ein wenig auf jeden Teller, bevor der Kürbis aufgefüllt wird. Und dann noch ein wenig drüber.«

Als Hacer und Emre den Tisch decken, kommt Tochter Esra aus der Schule, pünktlich zum Essen. Die Kinder probieren ein wenig, aber ich habe den Eindruck, dass es nicht ihr neues Leibgericht wird. Dabei ist gerade die Tatli Kabak von einem sehr interessanten Kontrast zwischen der Knoblauchsauce und dem süßen Kürbis gekennzeichnet. Ich kann mir das gut als Beilage zu herzhaften Gerichten vorstellen. Die Kurutulmus Kayisi sind ebenfalls eine ungewohnte Mischung, die aber typisch ist für eine gute, nahrhafte Küche vom Lande: Ein ganz schlichtes Gericht, das den Körper mit der Kraft versorgt, die er braucht. Ich finde die aus Zwängen geborene Küche ohnehin oft viel interessanter als die, die aus dem Überfluss schöpfen kann – Kreativität wird häufig gerade durch Beschränkungen zu Höchstleistungen angespornt.

»Das sind wirklich zwei Gerichte, die nichts miteinander zu tun haben«, sagt Hacer. »Die werden normalerweise nicht zusammen serviert. Entweder macht man das eine oder das andere. Ich wollte euch nur beide zeigen.« Ich nehme mir noch einen Nachschlag vom Kürbis, während Esra von ihrem Schultag erzählt. Nach dem Essen räumen alle gemeinsam ab, dann zieht sich Emre in sein Zimmer zurück, um auf der Saz zu üben, einer türkischen Gitarre. Die ganze Wohnung duftet immer noch nach den Gerichten, die wir heute probieren durften.

Text: Alexander Kasbohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effilee #14, Januar/Februar 2011

Aus Effilee #14, Jan/Feb 2011
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