Contrada Labirinto 2004

Sebastian Bordthäuser hat sich mit sizilianischem Rotwein erfrischt

 
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Ein erfrischender Nero d'Avola aus Sizilien

Es ist Anfang August und Berlin ein Backofen. Wir sitzen auf der Terrasse unserer liebsten Weinbar, trinken zur Erfrischung sizilianischen Rotwein und müssen einfach nur lachen. Der Toskana-Effekt mal umgekehrt: Man trinkt kein Schmunzelwasser an pittoresken Orten, sondern exzellenten Wein in einer städtebaulichen Katastrophe. Und das nach so einem Wochenende.

Es sind 28 Grad, mitten in der Nacht. Vor einer Woche habe ich noch in Apulien am Meer gesessen, mangels Strand auf Felsen. Ich hatte die Hoffnung auf ein Glas schmackhaften Weißwein aufgegeben und saugte an einer kalten Pulle Peroni. Dann klingelte das Telefon. Das ganze Spektakel wirkte von vornherein suspekt. Mein Gesprächspartner hatte einen Job für mich, darüber hinaus aber nur wenige Informationen. Er sagte, es solle die erste Veranstaltung dieser Art werden, Erfahrungswerte gebe es noch nicht. Man veranstalte quasi ins Blaue hinein. Tendenziell stünde ich zur Verfügung, schrie ich ins Telefon, die Verbindung war schlecht. Was denn das Thema sei und was vor allem meine Aufgabe, fragte ich. Der Geschmack der Hauptstadt solle auf einem gleichnamigen Festival abgefeiert werden.

Ein fragwürdiges Unterfangen, dachte ich. Wenn ich an die kulinarische Tradition Berlins dachte, sah ich Solei und Salzgurke auf einer Insel inmitten kärglicher, unfruchtbarer Sandböden zwischen weitläufigen Kiefernwäldern. Auf der Rückfahrt aus Apulien schaute ich aus dem Zugfenster: Olivenbäume und von der Juli­sonne ausgezehrte Melonenfelder. Ich biss in meine Mortadella-Stulle und spülte mit Peroni nach. Außer einem passablen, weiß gekelterten Negroamaro gab es nicht viele erfrischende Weißweine. Meine Gedanken schweiften ab. Das Festival solle die kulinarisch neu erstarkte Hauptstadt auf das Niveau von London und Tokio heben, hatte mein Auftraggeber ins Telefon gebrüllt. Dort gebe es gastronomische Festivals, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Die Menschen stünden dort Schlange, um die neuen Kreationen der angesagtesten Chefs zu probieren, Fernsehköche live zu erleben und die fantastische Gelegenheit zu bekommen, Spezialitäten der teilnehmenden Lokale en miniature zu verkosten. Eine gastronomische Achterbahnfahrt. Und das solle es nun endlich auch in Berlin geben. In der Hauptstadt!

Aber was sei denn meine Aufgabe, schreie ich erneut ins Telefon. Ich solle Wein verkaufen, an einem Stand, der aus vier Teilnehmern bestehen würde: einer Fleischboutique, einem Fischfreund und zwei Berliner Gaststätten. Eine davon bekannt aus Funk und Fernsehen, die andere mit einem Weltmeister am Herd. Das höre sich alles sehr spannend an, sage ich. Wie denn das Wetter in Berlin sei? Es sei sehr heiß, warum? Ich nehme einen Schluck kaltes Peroni und sage zu.

Eine Woche später stehe ich in einem traumhaft schönen Sommergarten inmitten des Messegeländes. Die Sonne schlägt mit Schmiedehämmern auf uns ein, der Himmel scheint blauer als üblich, und so soll’s auch die nächsten Tage bleiben. Alles sieht ganz prächtig aus: weiße Pavillons am Rande des Sommergartens, edle Holztische und Stühle, Riedel-Gläser sowie eine samt und sonders perfekte Infrastruktur. Gläser klingen, Gelächter, weiße Jacketts und schöne Frauen. Hier könnte Jennifer Lopez heiraten, denke ich, als ich voller Freude die ersten Kisten Riesling in die Kühlung räume.

Die Kollegen, mit denen ich die folgenden Tage auf dieser Insel der Gastlichkeit verbringen werde, sind guter Dinge, obschon die Frage nach der Publikumsresonanz wie ein Damoklesschwert über dem Sommergarten hängt. Hier hat jemand ganz offensichtlich viel Geld in die Hand genommen, das möglichst schnell zurück in die Kasse muss. Die Stände werden eingerichtet und man verabschiedet sich guter Dinge bis zum nächsten Tag, der Eröffnung.

Zur Eröffnung ist eine große Pressekonferenz angesetzt, mit Fingerfood vom Fernsehkoch und einem Rahmenprogramm, das von Livebands bis zu einem Gläserspieler mit Buckel und Dreads reicht, der ununterbrochen I’m dreaming of a white Christmas spielt. In Sachen Prominenz wurde kräftig auf den Schlamm gehauen. Zwei Stunden später ist der Pressezauber vorbei und das Gelände leert sich dramatisch. Und bleibt leer. Ob die Veranstaltung denn hinreichend beworben wurde, frage ich in die Runde. Die vermeintlich alles erklärende Antwort wird konspirativ von rechts geraunt: Der Veranstalter habe bereits eine Klage am Hals, munkelt man. Er habe den Titel des Festivals nicht prüfen lassen – und der sei geschützt. Die Anwälte der entsprechenden Veranstalter hätten bereits Unterlassungsklagen eingereicht. Da man allerdings schon inmitten der Vorbereitungen steckte, seien sie bereit gewesen, gegen Zahlung eines Betrages X die Sache erst mal ruhen, beziehungsweise das Festival stattfinden zu lassen. Und eben deshalb stehe jetzt zwar die Infrastruktur, aber für Werbung wäre kein Geld übrig gewesen.

Andererseits, denke ich: Es ist Donnerstagvormittag, 11 Uhr, wer soll da schon Stopfleber essen kommen? Das klingt vernünftig und alle raufen sich wieder zusammen. Man beschnuppert sich an den Nachbarständen, erste Tauschabkommen werden geschlossen. Steinbutt gegen Wagyu, Riesling gegen Jakobsmuscheln. Essen und essen lassen. Ich bin in kulinarischer Poleposition, denn ich führe den einzigen Weinstand der Veranstaltung. Zwei Glas Riesling, und die Hostessen organisieren das Gästeleitsystem zu unseren Gunsten.

Doch die Gästezahlen bleiben auch an den folgenden Tagen bescheiden, was das Wochenende einschließt. Ungeachtet dessen machen wir uns eine schöne Zeit und arbeiten an unserem Teint. Wir essen jede Menge zu Tode gestreicheltes Rindfleisch, glückliche Lachse, und meine vinophile Situation hat sich seit Apulien auch dramatisch verbessert. Am letzten Abend kommt etwas Wehmut auf und wir beschließen, gemeinsam in unsere liebste Weinbar zu gehen, um dort auf der Terrasse noch etwas Kühles zu trinken. Trotz des Misserfolges der Veranstaltung hatten wir einen Bombenspaß miteinander, tauschen Nummern aus und schwören uns ewige Liebe. Der Maître empfiehlt nach den ersten Flaschen Riesling in Anspielung auf meinen jüngsten Ausflug nach Apulien etwas Rotes aus Italien. Bei einer nächtlichen Temperatur von 28 Grad steht einem normalerweise nicht unbedingt der Sinn nach Rotwein, doch dann lässt er die Katze aus dem Sack: 2004er Contrada Labirinto von der Azienda Agricola COS aus 100% Nero d’Avola.

Es klingt vielleicht komisch, aber der Wein ist, wohl auch dank der perfekten Serviertemperatur, tatsächlich höchst erfrischend. Das ist nun kein Attribut, das man ad hoc einem sizilianischen Rotwein zuschreibt, aber auch das Weingut ist nicht das, was man sich unter einer sizilianischen Azienda vorstellt. 1980 gründeten drei Schulfreunde das Gut aus purer Liebe zum Wein. Der Name setzt sich aus den Initialen ihrer Nachnamen zusammen, die Rebflächen übernahmen sie von ihren Eltern. Zwar arbeiteten sie bereits alle erfolgreich als Architekten und Sozialarbeiter, hatten aber die Vision eines Weines, der seine Herkunft bestmöglich widerspiegelte.

Der Betrieb hat mittlerweile komplett auf biodynamische Arbeitsweise umgestellt, und es wird nur autoch­thones Rebmaterial sowohl für die Weiß- als auch für die Rotweine verwendet. Die Erträge liegen durchschnittlich bei zwanzig Hektoliter pro Hektar, gemaischt wird mit den Füßen und Schwefel nur in minimalen Dosen verwendet. Der Contrada wird bei kontrollierter Temperatur in Betontanks vergoren und reift 24 Monate in französischen Barriques, danach sechs Monate im Stahltank und dann nochmals zwölf Monate auf der Flasche, bevor er in den Verkauf geht. Man lässt sich Zeit …

Das Weingut liegt in Vittoria in der Provinz Ragusa, immerhin auf einem Breitengrad mit Tunesien. Das lässt erst mal an alkoholstarke, körperreiche Weine denken. Doch dieser Wein ist ein Sizilianer mit piemontesem Charakter, so fein ist er: schlanke 13,5 Prozent Alkohol und im Mund eine phänomenale Frische, wie man sie aus solch heißen Regionen sonst nur sehr selten bekommt. Die Säure erinnert mich an grünen Apfel, in der Nase etwas Pfefferkuchen und ein bisschen Sandelholz. Mit mehr und mehr Luft kommen Amarenakirsche, Marzipan und Lorbeer hinzu. Im Mund lässt er zwar die Hitze spüren, in der er gewachsen ist, doch seine beeindruckend lebendige Säure und seine Mineralität lassen ihn hier, auf dieser Terrasse, bei dieser Temperatur zur perfekten Erfrischung werden, die ich gegen nichts eintauschen würde. Der Toskana-Effekt, denke ich, und muss lachen.

Gelacht haben wir an diesem Abend alle, trotz der Beschwerden der Nachbarn. Sei es wegen der guten Laune unserer Truppe, oder in der Vorahnung, dass der Veranstalter mit den Einnahmen durchbrennen würde, wie wir am nächsten Tag tatsächlich erfahren. Der geniale Dreh des Festivals war nämlich, dass am Eingang Wertmarken verkauft wurden, die die teilnehmenden Restaurants am Ende beim Veranstalter gegen Bargeld zurücktauschen mussten. Der aber ward nicht mehr gesehen. Über Solei und Salzgurke ist Berlin aber mittlerweile auch ohne dieses Festival zum Glück mehr als erhaben.

Text: Sebastian Bordthäuser
Foto: Andrea Thode

aus Effilee #9, März/April 2010

Aus Effilee #9, Mar/Apr 2010
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