Poteen

Manchmal muss er einfach raus, der Abenteurer in uns allen, der Bandit, der Rebell, der Mann, der einsam seinen Weg geht und auf das Gesetz pfeift. Seite an Seite mit Butch Cassidy und Sundance Kid reiten. Einmal einer hübschen Bonnie den Clyde machen. Wie Johnny Depp als Pirat durch die Karibik segeln. Im bürgerlichen Alltag beschränken sich solche Ausbruchsversuche in der Regel darauf, als Fußgänger mal bei Rot über die Ampel zu gehen oder auf dem Fahrrad verkehrt herum durch eine Einbahnstraße zu fahren. Gelegentlich darf es aber auch ein bisschen mehr sein, ein Akt der Auflehnung gegen die Fesseln der Obrigkeit. Und da kann eine einzige Flasche genügen.

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»Isce beatha«, das Wasser des Lebens, so nennen die Iren ihren Whisky

Das haben die Leute von der Brennerei Knockeen Hills mit sicherem Instinkt geahnt, als sie die Marke Poteen auf den Markt brachten. Der Name erzählt eine ganze Geschichte: von einsamen Nächten im Mondschein, von dunklen Gestalten, die sich um eine versteckte Brennblase versammeln, von Schmugglern, von verbotenen Freuden und dem schönen Gefühl, es denen da oben mal so richtig gezeigt zu haben.

Poteen, das ist der weiße Blitz, der Moonshine, die verbotene Substanz, um die in Irland seit Jahrhunderten ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel zwischen Zöllnern und Schwarzbrennern tobt, so wie in den Alpen zwischen Jagdaufsehern und Wilderern. Und genau wie in Bayern der Brandner Kaspar auch heute noch verehrt und posthum zum Filmhelden hochstilisiert wird, erzählen sich die Leute in den Pubs von Donegal, Raphoe, Enniskerry oder Knockanarrigan noch heute Geschichten von legendären Poteen-Brennern wie dem alten Morrison aus Clonmany: Die Rotröcke hatten sein Haus, in dem er gerade Poteen brannte, umstellt, und der Anführer, ein gewisser Dalziel, versuchte durch den Kamin zu steigen, um ihn dingfest zu machen. Morrison warf das Bettstroh ins Feuer und räucherte den ungebeten Gast aus, während seine Frau die inkriminierende Flüssigkeit in den Ausguss kippte.

»Isce beatha«, das Wasser des Lebens, nennen die Iren ihren Whiskey, den sie trotzig mit einem »e« schreiben, aus stillem Protest gegen die jahrhundertelange Besetzung und Unterdrückung durch die Briten. »Sasanach« nennen sie jemanden von der Nachbarinsel, und es ist kein sehr schönes Wort auf Gälisch.

Die Eroberer hausten im Dublin Castle und versuchten, Steuern zu verlangen für das, was nach Ansicht aller aufrechten Iren ihr gottgegebenes Recht ist: so viel Whiskey zu brennen und zu trinken wie sie wollen oder können. Doch die Republik Irland macht es in ihren Augen keinen Deut besser: Die Garda trägt zwar keine roten Uniformen sondern schwarze, aber sie jagen Schwarzbrenner genauso unerbittlich. In den 70ern kam die kleine Brennerei in der Grafschaft Waterford auf die marktwirksame Idee, einen weißen, hochprozentigen Whiskey herzustellen und ganz legal unter dem Markennamen Poteen zu vermarkten. Doch kaum war die erste Flasche abgefüllt, standen schon die Beamten von der Irish Revenue Commission auf der Matte und verlangten, dass sie damit aufhören sollten. Es wäre in diesem Zusammenhang ganz interessant zu wissen, wie deutsche Steuerbehörden reagieren würden, wenn einer hierzulande «Schwarzbrand« auf seine Flaschen­etiketten schreiben würde. Es dauerte jedenfalls eine ganze Weile, bis die irischen Zöllner begriffen, dass die Leute von Knockeen Hill tatsächlich vorhatten, Steuern zu zahlen, und dem irischen Fiskus durch das Verbot Einnahmeausfälle drohten. Also lenkten sie ein und der Verkauf konnte weitergehen. Die Flasche, die ich in Irland er­standen habe, hat allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Sie stammt eigentlich aus England, aus dem Land der verhassten Sasanachs. John Murphy, der Pressechef von Knockeen Hill, versicherte mir aber, dass der Inhalt ein echter Ire sei. Es habe technische Probleme mit der Abfüllanlage in Irland gegeben, und seitdem transportiere man den Poteen in Fässern über die Irische See nach Canterbury und dann in Flaschen zurück in die alte Heimat. Irgendwie macht das Ganze für einen Iren Sinn. Wir Nicht-Iren müssen erst mal ein paar kräftige Schlucke nehmen, bis es uns einleuchtet.

Dann allerdings fahren wir zur Hochform auf, denn der Poteen brennt im Bauch wie ein teuflisches Torffeuer. In der Nase sticht er leicht, der Geschmack ist dagegen unerwartet rund und irgendwie süßlich, mit einem Hauch von Torf oder Gras, der an eine saftgrüne irische Wiese erinnert. Eigentlich müsste man ihn mit frischem irischem Quellwasser verdünnen, denn pur ist der 60-Prozenter nur etwas für jemanden, der schon sehr lange Bekanntschaft mit dem weißen Blitz geschlossen hat. Der Werbetexter von Knockeen Hills hat sich eine feinsinnige Formulierung für das Label einfallen lassen:

»Farmers Strength« – Bauernstärke. Ich stelle mir dabei unwillkürlich einen irischen Dorfältesten in Sligo oder Kilkenny vor, die Haut von Wind und Wetter gegerbt, die Nase so rot wie seine Haare, wie er langsam und genüsslich seinen »wee dram«, ein Schlückchen Whiskey aus dem traditionellen eckigen Whiskeyglas schlürft.

Beim Anstoßen sagen die Iren übrigens »Sláinte!«: Gesundheit! Es klingt wie Slonscha, was typisch Irisch ist. Nach dem zweiten Glas wird man fröhlich, nach dem dritten melancholisch. Ein Viertes trinken nur echte Desperados. Und die sind dann auf einmal ganz friedlich.

Text: Tim Cole
Foto: Andrea Thode

aus Effilee #6 September/Oktober 2010

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