Jack Daniel´s Old No. 7

Was passiert, wenn Sebastian Bordthäuser Jack Daniel´s Old No. 7 trinkt?

 
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Das Schnäppchen einer Ehrenfelder Spelunke

Neulich Nacht stand ich mit meinem Kumpel in einer Ehrenfelder Spelunke und wir mussten noch etwas Schnaps zum Bier trinken. Da die Karte nichts Ordentliches hergab, musterte ich das Regal hinterm Tresen und entdeckte das Schnäppchen des Ladens: einen Jack Daniel’s Single Barrel Tennesee Whiskey.

»Du bist Sommelier und trinkst so was?«, fragte der freundliche Mann hinterm Tresen. Dies ist eine der häufigsten Fragen, die man zu hören bekommt, wenn man gerade mal keinen 1961er Pétrus in der Hand hat. Aber die Musik war gerade so schön und Captain Beefheart flüsterte mir ins Ohr, noch etwas Kerosin in die Maschine zu kippen. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal Jack Daniel’s getrunken hatte. Im Sauerland 1988. »Als ich der Mutter meines besten Freundes die Scherben ihrer eigenen Toilette über die Kaffeetafel geschleudert habe«, fügte ich hinzu und schaute in hohle Augen.

In der Retrospektive ist die Pubertät ein leidiger Zustand. Man ist ungelenk, wächst wahllos vor sich hin – und Mädchen sind Außerirdische. In dieser Phase bietet oft die Beschäftigung mit speziellen Themen einen Ausweg. Musik wurde für mich wichtig, sie war ein nie versiegender Quell von Wissen, das man sich erarbeiten konnte. Und der Alkohol trat in legale Reichweite. Kurz: Saufen und Rock war die Antwort auf alle meine wirren Fragen.

Ich lernte Gitarre. Und hatte Idole. Meine Eltern sind bis heute der Meinung, dass meine frühe Liebe zu den Rolling Stones, insbesondere zu Keith Richards, nicht zu meinem Vorteil war. Ich dagegen fand, das passe hervorragend. So bekam ich gerade zum Thema Alkohol reiche Vorlagen, denen ich gerne folgte. Der nachhaltigste Selbstversuch fand an dem Tag statt, an dem mein bester Freund nach einjährigem Aufenthalt als Austauschschüler aus Portland/Indiana zurückkehrte. Würde alles so sein wie vorher? Oder wäre er ein anderer Mensch, nach all den Erfahrungen in den USA, dem Land, aus dem ich Robert-Johnson- und Blues-Saraceno-Tapes geschickt bekommen hatte?

Das Protokoll war von der Familie klar vorgegeben: Abholen am Flughafen mit Freunden und Familie, dann Kaffee trinken mit Opa und Oma. Ab spätnachmittags durften die Freunde ebenfalls in den warmen Schoß der Familie. Ich hatte für mich mittlerweile die Rolle des Rockgitarristen gewählt, war aber trotzdem sehr aufgeregt. Die beste Lösung, mit diesem Zustand umzugehen, schien mir, statusgerecht eine Flasche Jack Daniel’s – damals natürlich keinen Single Barrel, sondern den guten alten Old No. 7 – zu trinken und danach lässig und entspannt in das abendliche Meet & Greet zu gleiten. Die Flasche stammte aus einem Intershop auf einer Tramptour nach West-Berlin. Allerdings erschloss sich mir erst im Laufe des Abends, dass eine solche Menge Schnaps und ein Kinderkörper keine Freunde sind. Außerdem musste ich andauernd wahnsinnig pinkeln.

Die Wohnung lag im Hochparterre und war durch den Hausflur in zwei Teile getrennt: Das Zimmer meines Kumpels und die Küche waren links des Flures, so dass man meist ungestört rauchen, Kaffee trinken und Beefheart hören konnte. Das Zimmer der Mutter und das Bad befanden sich rechts, man betrat also jedes Mal Mutterland, wenn man aufs Klo musste.

Die Kloschüssel befand sich direkt links neben der Tür. Daneben stand ein Regal, in dem Schalen mit getrockneten Rosenblättern, Frotteewaschlappen und solche Sachen lagen. Das Regal war nicht an der Wand fixiert. Um ihm einen besseren Halt zu geben, standen lediglich einige schwere Tonkrüge auf der obersten Ablage. Bis zu diesem Tage.

Ich betrat also den Raum, stellte mich schwankend vor das Klo und suchte schließlich am Regal Halt. Das Regal wackelte, der fetteste Tonkrug lehnte sich leicht nach vorne und gab endlich der Gravitation nach. In Zeitlupe flog er durch meinen herrlich festen Strahl in die Toilettenschüssel.

Derweil saßen draußen, direkt unter dem Toilettenfenster im Hof, an einer weiß gedeckten Kaffeetafel mit Kuchen, Sprühsahne und Eierlikör, die stolze Mutter des zurückgekehrten Sohnes mit ihrem Kollegium bei Erdbeerkuchen und Kaffee. Bis das Toilettenfenster geöffnet wurde und tropfnasse, nato-olivfarbene Porzellanscherben herausgeflogen kamen, gefolgt von einem nassen Handtuch. Darauf folgte vermutlich ein kurzes, verlegenes Lächeln seitens der Gastgeberin, erneutes Kaffeenachschenken sowie die Frage, ob alles recht sei. Dann verschwand sie eilig im Haus.

Im Bad war zu diesem Zeitpunkt bereits alles tippitoppi, kein Tropfen auf dem Boden und der Tontopf wieder auf seinem Platz. Lediglich die Kloschüssel hatte ein paar Lücken. Den süßen Moment, als die Mutter schreiend ins Zimmer gerannt kam, lasse ich mir noch heute gerne in Panik-Color schildern – damals lag ich in tiefem Schlummer neben der Couch. Die Erinnerung setzte erst am nächsten Tag ein, als ich den großen Bruder meines Freundes traf, der mir steckte, dass seine Mutter sehr, sehr sauer sei, weil ein betrunkener Vollidiot ihre Toilette zerlegt habe. Aber davon hätte ich sicherlich schon gehört, oder?

Das Ganze wurde ein Versicherungsfall. Ich habe keine Ahnung, wie ich es meinen Eltern beigebracht habe. Ich erinnere mich nur, wie ich unter den rügenden Blicken meines Vaters und des Verkäufers im Baumarkt eine passende Kloschüssel aussuchte. Was auch immer ich als Erklärung vorbrachte, das war der wahre Grund: Langeweile im Sauerland der 80er-Jahre. »Komisch, wie ein Lied bestimmte Erinnerungen wecken kann«, sagte der Barmann, nachdem ich die Geschichte zum Besten gegeben hatte. Und während Beefhearts Low Yo Yo Stuff lief, nippte ich an meinem ersten Jack Daniel’s seit 21 Jahren.

Text: Sebastian Bordthäuser
Foto: Andrea Thode

aus Effilee #11, Juli/August 2010

Aus Effilee #11, Jul/Aug 2010
«
»

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.