Flyvergrillen

In dem alten Imbiss gegenüber des Kopenhagener Flughafens gibt es alle Klassiker des dänischen Junkfoods und viele leidenschaftliche Flugzeugbeobachter. Kristian Ditlev Jensen unterhielt sich mit ihnen und gönnte sich einen Adler mit Brennholz.

 
Flyvergrillen
Geflogen wird immer, und auch der Flyvergrillen hat das ganze Jahr geöffnet

Manchmal sterben beliebte Speisen einfach aus. Sie verlieren den Wettbewerb mit Besserem, Gesünderem oder einfach Neuem. Man kann in Kopenhagen immer noch ein Smørrebrød bekommen, aber die meisten essen lieber Döner Kebab, Pizza oder einen gesunden Salat. Und die Zeit, als die Leute sich ein Tuborg in der Mittagspause gönnten, ist längst vorbei. Heute will man fit bleiben und bleibt deshalb bei den Plastikflaschen mit grotesk überteuertem Quellwasser. Aber glücklicherweise gehen diese Veränderungen schrittweise voran. Und so gibt es immer noch kleine Nischen, in denen die Zeit stillsteht.
Als ich das erste Mal den Flyvergrillen, den Fliegergrill auf der Insel Amager unweit vom Stadtzentrum Kopenhagens besuche, kommt es mir vor, als würde ich in meine Kindheit zurückgezerrt. Da waren sie, all die Dinge, die man bekam, wenn man mit den Eltern einen Ausflug machte.
Ich wuchs in eher armen Verhältnissen auf, da bedeutete Ausflug etwas, wo man umsonst was zu sehen kriegte und die Kinder für wenig Geld vollstopfen konnte. Würstchen natürlich, aber man konnte auch ein Hamburger Steak Sandwich bekommen oder ein Frikadellenbrötchen. Dann gibt es diese seltsamen Erfindungen, die Fastfoodversionen bekannter Gerichte: Nimm ein dänisches Weihnachtsessen und stecke es in ein Brötchen und du hast ein Schweinebratenbrötchen, nimm all die Reste einer Portion roter Würstchen und kombiniere sie mit einem gekochten (!) Hackklops aus vorwiegend Sojabohnen und du hast ein Hamburger Steak Sandwich, das übrigens kein Hamburger ist – es gibt keinen Salat, kein Dressing – aber wenn du Glück hast, wird es mit dicker brauner Sauce und gebratenen Zwiebeln serviert.
Oben auf der Tafel steht stolz A la carte. Es gibt Biksemad – Mischmasch aus Fleischresten mit Kartoffeln und Roter Bete. Die gekochten Klopse gibt es auch mit Currysauce, es gibt Tartelettes mit gekochtem Huhn und dicker weißer Sauce und Pølsemix, Stücke der grellroten dänischen Würstchen, gemischt mit Pommes frites und rohen Zwiebeln, ertränkt in Curryketchup. Und das perfekte Gericht für einen Ort, an dem es ums Fliegen geht: der Adler mit Brennholz. So nennt man bei uns ein halbes Hähnchen, das zu einer knusprigen öligen Konstruktion auf einem Teller frittiert wurde, umgeben von einem riesigen Berg Pommes frites und zwei Dezilitern Remoulade.
Ich frage Rasmus, den Mann hinter dem Tresen, welches Gericht sich am besten verkauft? »Am besten läuft das Schweinebratenbrötchen, dann die hausgemachten Burger und der Pølsemix ist klar auf dem dritten Platz.«

Flyvergrillen
Wer Flugzeuge beobachtet, will dabei auf keinen Fall hungern

Während ich auf dem Gelände herumlaufe, begegnen mir noch andere Erinnerungen an meine Kindheit. Die Arbeiterklasse zu Beispiel. Es gibt sie noch, und zwar hier. Mütter, die ihren Babys Zigarettenrauch ins Gesicht blasen, Väter, auf deren Oberkörpern sich Tribal-Tattoos finden, made in Denmark anno 1998. Menschen von der Größe kleiner Autos, denen das aber nichts auszumachen scheint, während sie zwei Béarnaise-Burger runterschlingen, mit Fritten und Remoulade und alles mit einem Liter Cola runterspülen. Die Kinder spielen währenddessen, die Zahl elf ist unter ihrer Nase mit Rotz notiert. Arbeitslose Arbeiter in blauen Kansas-Overalls mit dem, was sie an Haar noch haben, im Elvis-Stil zurückgekämmt, trinken Bier aus der Flasche und ziehen an filterlosen Zigaretten, die zwischen den Wurzeln ihrer dicken Finger eingeklemmt sind, an einem davon ist ein Ring mit einem quadratischen schwarzen Stein. Es ist nicht so, dass ich diese Leute nicht mag – ich kenne sie gut genug, um mich in ihrer Gegenwart wie zu Hause zu fühlen –, es ist nur jedes Mal überraschend, dass sie sich keinen Millimeter bewegt zu haben scheinen, seit ich vor knapp vierzig Jahren geboren wurde. Und wenn ich ehrlich bin, wünscht ein Teil von mir, dass ich das auch nicht getan hätte.

Beim Flyvergrillen wissen sie, warum die Leute kommen, daher haben sie hinter dem Gastraum eine Terrasse gebaut, mit Blick auf die Landebahn. Dies ist ein Ort für Flugzeugkundler, von denen einige ihr Hobby sehr, sehr ernst nehmen. Ich habe da High-End-Amateurfotografen gesehen, mit Objektiven wie beim Fußball, die auf der letzten Stufe einer Trittleiter balancierten. So ernst nehmen sie die Sache. Mein größtes Problem ist, dass ich nicht wirklich weiß, was sie tatsächlich tun, diese Flugzeugkundler. Warum sind sie hier? Und worum geht es eigentlich? Glücklicherweise konnten wir mit ein paar Experten sprechen.
Zunächst beobachte ich nur. Die glänzenden Augen, die konzentrierte Stille. Wie die Körper sich drehen und in einer Bewegung folgen, während die 16.40-Uhr- Maschine von Easyjet vorbeifliegt, gefolgt von der um 16.43 von Britisch Airways. Plötzlich ertönt ein Ruf, fast ein Schrei: »Verdammt, da ist sie!«, ruft ein Mann und rennt zu der Bank hinter ihm »das muss ich gleich meinem Kumpel erzählen«, sagt er zu sich selbst, holt ein altes Handy aus der Tasche und fängt an, hineinzuschreien.
Es stellt sich heraus, dass er eine King Air gesehen hat. »Das ist ein kleines zweimotoriges Turboflugzeug«, erklärt er. Er lüftet auch das Geheimnis, worum es hier geht: »Worauf du achtest, das ist sozusagen das Nummernschild des Flugzeugs. Das hier zum Beispiel …« Er hält das Fernglas vor die Augen. »Es hat die Nummer N421QS G450! Das bedeutet, es ist eine Gulfstream 450 und dieses spezielle Flugzeug hat die Nummer N421QS, kapiert?« Hab ich. Aber ich bin mir nicht sicher, was ich mit der Information anfangen soll. Er erklärt weiter: »Die Gulfstream ist ein Flugzeug für Geschäftsreisen. Das da drüben ist 2D620 RAF. Das bedeutet, dass es zur Royal Air Force gehört. Es ist ein britisches Kampfflugzeug.«
Kennet, der Fotograf, hat einen Mann entdeckt, der eine Figur wie eine Aubergine hat. Er betrachtet konzentriert die Flugzeuge, die abheben.
»Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?«, frage ich. »Solange ich dabei nichts verpasse«, antwortet er in breitem britischen Englisch, ohne die Kamera herunterzunehmen, mit der er alle Flugzeuge fotografiert. Sein Name ist Alan Greening. Er kommt aus der Grafschaft Gloucester im Westen von England. Und er ist hier auf Urlaub mit seiner Frau. Ironischerweise sind sie den ganzen Weg mit dem Auto gekommen. »Meine Frau hasst es, zu fliegen«, sagt er, immer noch ohne mich anzusehen. Er erzählt, dass er mit seiner Frau in Eslöv, nahe Malmö in Südschweden, auf der jährlichen Konferenz der EAA war. »Das ist die Experimental Aircraft Association«, sagt er und widmet mir zum ersten Mal ein wissendes Lächeln. »Wir dachten, wir gucken hier auf dem Heimweg mal rein.«
»Und Sie kannten diesen Ort?«
»Oh ja, ich war hier schon mehrfach.«

Alan erzählt, dass sein Interesse für Flugzeuge ursprünglich beruflicher Art war: »Ich war Assistent bei den Fluglotsen, bis ich 1962 Diabetes bekam. Das schränkt die Sehkraft ein, da wurde ich sofort entlassen. Seither verschwende ich mein Leben an das hier. Heute habe ich nur noch dreißig Prozent Sehkraft, ohne den Zoom meiner Kamera kann ich eigentlich gar nichts mehr erkennen. Meine Frau fährt mich durch die Gegend, damit ich Flugzeuge beobachten kann.«
Welche Orte auf der Welt sind denn besonders gut, um Flugzeuge zu beobachten? »Das kommt darauf an. Manche Leute haben sich spezialisiert. Ich will mich damit jetzt nicht wichtig machen oder so, aber wir fahren in drei Tagen nach Alaska.«
Um Flugzeuge zu beobachten?
»Um Flugzeuge zu beobachten!«
Was ist denn so besonders an Alaska?
»Nun ja, in Alaska gibt es eine Menge Schwimmflugzeuge, wissen Sie, Wasserflugzeuge. Es gibt Hunderte davon. Überall sonst auf der Welt finden Sie im besten Fall eine Handvoll, höchstens«, sagt er.
Was ist das für ein Flugzeug, das gerade abhebt?
»Thomas Cook, aus Norwegen.«
Und Sie interessieren sich für …
»Wir achten immer auf die Nummer am Heck, was die Amerikaner Tail Number ­nennen.«
Aber warum?

»Nun, es gibt Bücher, in denen die Fluggesellschaften aufgelistet sind. Da kann man nachsehen, wo das Flugzeug herkommt. Das macht richtig Spaß! Und man lernt Leute ­kennen.«
Wo sind denn die besten Orte, um Flugzeuge zu beobachten?
»Es gibt mehrere. Der Flughafen in Düsseldorf hat eine sehr gute Aussichtsterrasse. Überhaupt sind die Anlagen in Deutschland sehr gut.«

Flyvergrillen
Während die Jugend sich mit der PS3 amüsiert, verbringt die reife Generation den Tan an der frischen Luft

Warum haben Flughäfen eigentlich Aussichtsterrassen?
»Nun, früher hatte jeder Flughafen eine öffentliche Aussichtsterrasse. Es war völlig normal, dass man einen ganzen Tag damit zubrachte, Flugzeuge zu beobachten. Dann kam der Terrorismus und die Palästinenser und all das. In Großbritannien gibt es heute gar keine solchen Anlagen mehr. Gut, in Manchester noch, aber abgesehen davon gibt es nichts. Für mich ist am besten der Narita Airport in Tokio, da haben sie eine Aussichtsterrasse oben auf dem Dach des Terminal­gebäudes.«
Gibt es etwas Besonderes in Kopenhagen, das man nicht auch woanders zu sehen bekäme?
»Klar. Die Langstreckenflugzeuge der SAS. Hier erwischt man sie alle. Woanders auf der Welt sieht man eins oder zwei, hier kann man sie alle abhaken.«
Sie haben vorhin von den Wasserflugzeugen erzählt. Gibt es noch andere Spezialitäten, die Leute sammeln?
»Oh ja, viele. Manche spezialisieren sich auf Kolbenmotorflugzeuge.«
Kolben …?
»Ja, das sind die, die vorne Propeller haben. Die werden noch oft als Lastflugzeuge in Südamerika eingesetzt. In Europa gibt es heute nur noch eine Handvoll davon. Vielleicht drei oder fünf«, Alan zählt sie im Kopf durch.
Und Sie kennen jedes einzelne?
»Klar. Es gibt eins in Norwegen, zwei in Schweden, zwei in der Schweiz. Ich denke, das war’s. Oder gut, wenn sie die holländischen mitzählen wollen … ich würde sagen, vielleicht ein Dutzend alle zusammen.«
Weitere Spezialitäten? Sind welche schwieriger als andere?
»Es gibt Leute, die haben sich auf Privatjets spezialisiert und die haben’s manchmal schwer, weil die Besitzer denken, sie sollten fotografiert werden, dabei geht es nur um die Tail Number. Außerdem ist es schwer, Informationen über die Maschinen zu bekommen, aus dem gleichen Grund. Die Besitzer denken, sie sind einfach nur aufdringlich. Und die Leute, die Helikopter sammeln … Das ist eine echte Herausforderung; Helikopter können praktisch überall landen, deshalb gibt es nicht den einen Platz, wo man seine Ausrüstung aufbaut und wartet. Man muss immer auf dem Sprung sein.«
Kommen die Planespotter aus allen Ländern?
»Es gibt viele aus Deutschland, Holland und England. Die meisten sind nicht mehr ganz jung. Wissen Sie, die jungen Leute spielen PS3, anstatt auf die Aussichtsterrasse zu gehen und frische Luft zu schnappen.«
Aber der Terrorismus hat Ihr Hobby zerstört, sagten Sie?
»Nicht ganz. In London muss man sich eine Erlaubnis von der Polizei holen, dann bekommt man einen Ausweis und sie können dich identifizieren, wenn du am Flughafen bist. Es nennt sich das Aviation Enthusiast Scheme, das Flugzeugenthusiastenprogramm.«
Was war das für ein Flugzeug, das gerade gelandet ist?
»Das war Cimber Air, dänisch, aus Sønderborg«, Alan spricht den dänischen Namen des Orts fast akzentfrei aus.
»Seid ihr bald fertig?«
Zwei Frauen sitzen auf der zwanzig Meter langen Bank hinter uns. Ich bin nicht sicher, welche gerufen hat.
Welche ist Ihre Frau?
»Die groooße …«
Ich luschere und sehe einen Grund, warum seine Frau etwas gegen das Fliegen hat. Sie würde nicht wirklich in einen Flugzeugsitz passen. Sie ist sehr dick.
Während Kennet fotografiert, macht Alan ein paar Scherze: »Soll ich irgendwas Besonderes machen? Oder einfach nur ›Cheese‹ sagen?«
Das ist okay, ja.
»Fromage!«
Er betrachtet Kennet eine Weile. Dann fragt er: »Wer kriegt die Supermodels?«
Was?
»Die Supermodels. Ich meine, du hast mich, wer kriegt die Supermodels?«
Oh, früher hab ich Supermodels gemacht. Kannst du dich etwas mehr nach rechts drehen?
»Meine Frau könnte auch ein Supermodel sein. Richtig, Liebste? Du könntest ein Supermodel sein. Genau genommen … könntest Du mehrere sein!!«
Ich frage ihn, ob er ein Belegexemplar von Effilee haben will, und er gibt mir seine Adresse. Er lebt in einer kleinen Stadt namens Brockworth.
»Wussten Sie, wofür der Ort bekannt ist? Da hat die Closter Aircraft Company das erste Düsenflugzeug der Welt gebaut.«
Kennet ist unten beim Spielplatz und macht Bilder von einer Arbeiterfamilie. Als ich nach ihren Namen frage, sagt der Vater mit sehr strenger Stimme, dass es schön wäre, wenn ich nicht »zu viel« über sie verriete.
»Sie können schreiben, dass wir die Familie Svane sind«, sagt er so, dass ich weiß, das es sich nicht um den Anfang einer Diskussion handelt.
Svane bedeutet übrigens Schwan, das Luftfahrtthema ist also noch intakt.
Auf der Aussichtsterrasse hat eine Frau ein Walkie-Talkie in der Hand und hört aufmerksam zu.
»Das ist nur ein Scanner. Damit kann ich der Konversation zwischen dem Tower und den Flugzeugen folgen«, sagt sie mit ernstem Gesicht.
Was sagen sie gerade?
»Einige Piloten haben Gewitter im Südwesten Dänemarks gesehen.«
Darf man da einfach so zuhören?
»Ja, in Dänemark jedenfalls. In Deutschland nicht.«
Darf ich mal?
Sie reicht mir das schwere Gerät. Plötzlich ertönt ein lautes Kratzen. »­Tower, lane fifteen, tower lane fifteen.«
»Ich bin fast jeden Tag hier«, gesteht sie. »Wir haben auch noch eine Katze zu füttern, wissen Sie.«
Darf ich nach Ihrem Namen fragen?
»Vergessen Sie das mit dem Namen. Man nennt mich die Schwarze Witwe. Das genügt.«
Alles in allem ist die Atmosphäre hier aber nett und freundlich.
Als die Polizei, die auf dem Rollfeld patrouilliert, vor dem Zaun anhält und das Fenster herunterkurbelt, ist das nicht, um jemanden zu ermahnen. Sie fragen zwei Jungen, die schaukeln, ob sie sehen wollen, wie das Blaulicht eingeschaltet wird.
Sie nicken eifrig und es gibt eine kleine Lightshow, bevor das Polizeiauto weiterfährt.
Als wir wieder losgehen, ruft Rasmus Bestellungen der Frau zu, die den beiden Friture Masters in der Küche keine Pause gönnt.
»Zwei Käse und ein Mexi!«
Sie nickt. Und lässt noch ein Hähnchen in das Öl hinab.

Text: Kristian Ditlev Jensen Fotos: Kennet Havgaard
Aus Effilee #24, Frühling 2013
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