Effilee 36, Frühjahr 2016

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral«, hat Bert Brecht geschrieben, sie kommt aber offensichtlich nicht zwangsläufig, sonst müsste es ja wenigstens da, wo die Menschen satt sind, gerecht und vernünftig zugehen.
Dass im Übrigen das Essen ganz schön demoralisieren kann, beweist eine meiner schlimmsten Kindheitserinnerungen, und die hat mit Fisch zu tun: Im Kindergarten gab es Kochfisch. Kabeljau, damals noch billig, mit Mehlpampensauce und strohtrocken gekocht, sodass man keine Chance hatte, den Klumpen runterzuschlucken, wenn man nur etwas zu viel in den Mund genommen hatte. Man saß dann da, ausspucken konnte man ja auch nicht, und musste sitzenbleiben und diesen Teller mit dem Fisch anstarren. Wie die Geschichte genau endete, weiß ich nicht mehr, ich vermute aber, dass Nachtisch da eher keine Rolle gespielt hat.

Wer heute Fisch isst, muss nicht mehr nur auf die Garstufe achten (obwohl das natürlich wichtig bleibt). Es gibt nur noch wenige Arten, die nicht gefährdet sind, und auch die Zucht ist allzu oft längst nicht so unbedenklich, wie man auf den ersten Blick annehmen möchte. Alles also gar nicht so einfach und somit ein guter Grund, mal ein Heft zum Thema zu machen.
Wir waren also mit Fischern draußen, haben einem Angler beim Rutenbauen zugesehen und einen Spitzenkoch interviewt, der seinen Fisch vom Angelverein bekommt. Die sieben Schnellen Teller kommen aus den sieben Meeren, und in der Deutschstunde doziert Stevan Paul über die Hamburger Aalsuppe, die bei ihm ökologisch und kulinarisch korrekt ganz ohne Aal auskommt. Rattelschneck wiederum ist jemand, der selbst bei Gräten im Fisch noch einen Vorteil erkennt.

Und dann war da noch der Knurrhahn. Der wollte unbedingt auf den Titel. »Was denkst du dir dabei?«, wollte der zuständige Redakteur wissen, und nachdem das geklärt war, waren auch alle dafür. »Wird man ja wohl noch mal sagen dürfen!«
Herzlich, Ihr

Vijay Sapre

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