Edita Haase, 27, Litauen, kocht Saldi Sriuba

Saldi Sriuba heißt auf Deutsch schlicht süße Suppe.

Edita Haase kocht ihre Suppe zwischen zwei Geschäftsterminen. Deshalb hat sie sich nicht extra umgezogen

Wir fahren bei grauem Regenwetter über einen schlammigen Feldweg im Norden Hamburgs und unterhalten uns in unverständlichem Rallye-Slang. »Links drei, Steine innen.« Wir fühlen uns wie Walter Röhrl und Christian Geissdörfer in ihren besten Tagen, als sie quasi ständig Weltmeister wurden – im Opel! Und erreichen schließlich eine Handvoll ehemaliger Waldarbeiterhäuser, die allein auf weiter Flur stehen.

In einem der Häuser wohnt Edita Haase mit ihrem Mann Michael, einem Hund und einer Katze. Wir stellen den Wagen vor dem Haus ab. Michael schaut kurz aus der Tür und ruft: »Meine Frau ist in zwei Minuten da. Sollte ein großer schwarzer Hund kommen und laut bellen: Einfach ignorieren.« Kurz darauf taucht Edita in ihrem weißen Audi auf. Ein echtes Rallye-Auto. Doch unser Neid wird von der Erleichterung aufgewogen, dass sie uns vor dem Hund erreicht.

Edita führt uns durch den Hintereingang des alten Backsteinhauses über eine Abstellkammer in die Küche, einen großen Raum, in dessen Mitte ein Esstisch steht. Das Fenster geht hinaus auf einen Gemüsegarten und eine Pferdeweide. »Das Pferd fehlt noch. Aber ich wollte zumindest die Möglichkeit haben. Das war mir wichtig, als wir uns nach einem Haus umsahen.«

Edita hat die Zutaten bereits ausgebreitet. »Ich wusste nicht, wie viel Zeit ich haben werde, also habe ich schon mal alles hingelegt, sodass wir gleich anfangen können.« Edita arbeitet im Außendienst für ein Pharmaunternehmen. Sie kommt gerade von einem Termin und fährt, wenn wir fertig sind, zum nächsten. »Wir essen meistens abends warm, weil das die einzige Zeit ist, die wir zusammen haben. Mein Mann ist aber eher ein herzhafter Typ, da kommt süße Suppe selten auf den Tisch.«

Edita setzt Kaffee auf und schneidet die getrockneten Datteln klein. »Litauen ist ein Paradies für Männer. Das Bier ist billig, das Essen besteht meist aus Kartoffeln und Fleisch. Und es gibt viele schöne Frauen.« Während ich schon erste Urlaubspläne schmiede, setzt Edita in einem Wasserkocher Wasser auf. »So geht es schneller.« Das heiße Wasser füllt sie zusammen mit zwei Esslöffeln Zucker in einen großen Topf.

Anschließend hackt sie die Feigen in mundgerechte Stücke. »Man kann für Saldi Sriuba eigentlich jedes Trockenobst verwenden. Und im Sommer oder Herbst tut man alles in die Suppe, was man im Garten findet: Äpfel, Birnen, Beeren. Meine Oma hatte einen Quittenbaum, mit Quitten ist die Suppe ebenfalls sehr lecker.« Saldi Sriuba heißt auf Deutsch schlicht süße Suppe. Edita schüttet die Datteln und Feigen in den Topf und schaut ihnen dann skeptisch hinterher. »Das Wasser hätte ich anstellen sollen.« Sie dreht den Herd an und geht zurück zur Arbeitsplatte, um Aprikosen und Pflaumen zu hacken.

Michael handelt im Internet mit Segelzubehör. Die beiden haben sich auf einem Segelschiff kennengelernt, irgendwo zwischen Deutschland und Finnland, als sie an einem ökologischen Projekt teilnahmen. Kurz darauf sahen sie sich wieder, als Edita ein freiwilliges ökologisches Jahr in Deutschland machte. »Wir fanden uns irgendwie ganz nett.«

Während wir in der Küche arbeiten, geht Michael mit dem Hund spazieren. »Der Hund ist groß und schwarz, und er bellt laut. Da bekommt jeder erst mal Respekt. Auch wenn einer sagt, er habe eigentlich keine Angst vor Hunden.« Ronja heißt die Bestie, die wohl tatsächlich ganz freundlich ist. Vor einiger Zeit hat Ronja sogar im Wald eine verlassene Katze gefunden, die in den Haushalt aufgenommen wurde. »Es ist gut, wenn man auf dem Land eine Katze hat. Dann hat man keine Mäuse. Und mit Ronja versteht sie sich auch prima. Die beiden schlafen zusammen in einem Körbchen.« Die beiden Tiere haben eine Art Arbeitsteilung: Die eine schleppt tote Mäuse an, der andere Briefträger.

Edita kippt das restliche Obst in die Suppe. »Ich fühle mich hier wohl, aber es stimmt schon: Deutschland ist sehr bürokratisch. In Litauen herrscht eher so eine Scheißegal-Haltung – irgendwie wird ’s schon werden. Und meistens wird’s auch irgendwie.« Edita kommt aus Taurage an der litauischen Küste, ihre Familie wohnt immer noch dort. Mit ihrer Schwester, die in Litauen mit Mann und Kindern lebt, telefoniert sie regelmäßig per Skype.

Edita öffnet Gläser mit Stachelbeeren und Kirschen und gießt die Früchte mit etwas Saft in den Topf. »Die sind für die Farbe. Irgendwas Rotes muss dabei sein.« Sie schneidet eine Tüte Hörnchennudeln auf und schüttet sie in den Topf. »In Litauen macht man den Nudelteig oft selber. Dann kann man die Nudeln so formen, wie man sie haben will. Wichtig ist nur, dass sie nicht zu groß sind. Und dass sie nur für die letzten zehn Minuten mitkochen.« In einem Glas rührt sie etwas Speisestärke mit Wasser an. »Die kommt zum Schluss rein, um die Suppe anzudicken. Eigentlich ist Saldi Sriuba wie Rote Grütze, nur als Suppe.«

»Ich bin vor allem zu Weihnachten gerne in Litauen. Da ist Weihnachten hei- lig und es gibt tolles Essen. Hier hat man Heiligabend meist nur was Einfaches, Kartoffelsalat oder so. In Litauen gibt es zwölf verschiedene Sachen, für jeden Monat eine. Und man muss von allen gegessen haben, damit die nächsten zwölf Monate gut werden. Es gibt viel Fisch und Rote Bete, aber kein Fleisch. Weihnachten werden die Tiere für drei Tage geschont. Nur die Fische müssen leiden.«
Etwa zweimal im Jahr fährt Edita nach Litauen. Dann besucht sie Familie und Freunde und bringt Lebensmittel mit, die sie hier nur schwer bekommt. Zum Beispiel gezuckerte Kondensmilch oder Griki, ein graupenartiges Getreide. »Das mag hier keiner. Wir essen es wie Müsli.«

Edita schlägt einen Becher Sahne. »Die kommt nachher über die Suppe.« Dann erzählt sie von weiteren litauischen Spezialitäten, von Zeppelini, mit Fleisch gefüllten Kartoffelklößen, und von Mohnsuppe. Ich bin von den Zeppelini sofort angetan, auch die Mohnsuppe klingt gut. »Die schmeckt nur leider nicht so gut«, sagt Edita trocken und dreht sich zum Herd.

Edita rührt Stärke in die Suppe, bis sie die gewünschte Konsistenz hat. »Die Suppe sollte jetzt nicht mehr aufkochen. Wenn sie so dick ist, wie man sie haben möchte, kann man sie servieren.« Sie rührt noch einmal um, dann holt sie drei Teller aus dem Schrank und füllt die Suppe auf. Auf jeden Teller kommt ein Klacks Schlagsahne, der langsam verläuft. »Von der Sahne könnt ihr euch natürlich nachnehmen. Und jetzt: Skanaus!« Das ist Litauisch, heißt Guten Appetit und den haben wir. In der Suppe schmeckt man alles nebeneinander: Stachelbeeren, Kirschen, Pflaumen, Datteln, Feigen. Und die Sahne gibt dem Ganzen etwas wunderbar Rundes, Befriedigendes.

Vor dem Haus sitzt der Hund auf der Pferdewiese. Aus sicherer Entfernung und durch ein geschlossenes Fenster sieht er wirklich ganz friedlich aus. Hinter der Wiese beginnt der Wald. »Das war meine andere Bedingung bei der Haussuche: Ich wollte die Möglichkeit haben, Pilze zu sammeln. Litauer sind alle große Pilzsammler. Dieses Jahr war sehr gut für Pilze. Da konnte ich einen halben Kilometer in den Wald gehen und kam mit vollen Körben zurück.«

Edita führt uns für einen kleinen Verdauungsspaziergang durch den Gemüsegarten zu ihrem Teich. »Die Fische sind alle groß genug, um sie zu essen.« Dann macht sie sich auf den Weg zum nächsten Termin. Und wir begeben uns auf die Rallye-Strecke.

Text: Alexander Kasbohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effilee #14, Januar/Februar 2011

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