Die zweite Haut

Plastikfolie als Verpackung für Obst und Gemüse wird zum Auslauf­modell. Eine pflanzliche Schutzschicht kann das gleiche. Apeel heißt das Ver­fahren. Es formt eine dünne essbare Schicht auf pflanzlicher Basis. Nach erfolgreichen lokalen Testprojekten kommen nun deutschlandweit Avocados und Orangen mit der innovativen Apeel­ Schutzhülle in die Märkte. Die Schicht ist essbar, sie besteht aus Lipiden, geruch-­ und geschmacklosen pflanzlichen Fetten, die in Schalen, Samen und im Fruchtfleisch aller Frucht- und Gemüsesorten vorkommen. Sie verlangsamt den Wasserverlust und die Oxidation – zwei Hauptfaktoren, die den Verderb von frischen Obst­ und Gemüseprodukten verursachen. Gerade bei Avocados ist das wichtig. In reifem Zustand gehören sie zu den empfindlichsten Früchten.
Apeel verlängert so die Haltbarkeit und Transportfähigkeit – das reduziert Abfallmengen, während Geschmack und Qualität bis zum Endverbraucher erhalten bleiben

Prall und stramm liegt sie da, die Tomate. In den Kühlschrank, so predigen die Profis, soll sie auf keinen Fall, da verliert sie Geschmack. Also bleibt sie draußen und wird hoffentlich heute noch gegessen, denn schon morgen kann es mit der Pracht dahin sein. Die Haut verliert ihre Widerstandskraft, Bakterien und Pilze können eindringen, und bald taugt die Tomate nicht mehr für den Salat, sondern nur noch für die Tonne.

Die Evolution ist nun mal kein Zuckerschlecken, alles Lebendige ist vergänglich und für Obst und Gemüse gilt das ganz besonders. Das klingt recht philosophisch, heißt aber natürlich nicht, dass man sich damit abfinden muss.
Ein amerikanisches Unternehmen bringt jetzt ein Produkt auf den Markt, mit dem sich nach eigenen Angaben die Zeit verdoppeln lässt, in der zum Beispiel eine Avocado optimal reif ist, also weich und noch nicht verdorben.

Da runzelt nicht mal mehr die Orangenhaut. WWF-Orangen von EDEKA tragen künftig eine essbare Hülle

Der Gründer und Erfinder, James ­Rogers, erzählt gern, dass er während seines Studiums der Materialwissenschaften mehrere Jahre damit zugebracht hat, »­Farbe beim Trocknen zuzusehen«; er arbeitete an einem Anstrich, der ­Sonnenenergie nutzbar machen sollte. Eines Tages, als er vom Labor nach Hause fuhr, durch die fruchtbare Landschaft von Santa Barbara, hörte er im Radio einen Beitrag über den Hunger in der Welt und fragte sich, wie das sein könne, angesichts des Überflusses an Obst und Gemüse, das hier gedieh. Und er fand schnell heraus, dass das Problem nicht darin liegt, dass zu wenig angebaut wird, sondern dass zu viel verdirbt.

Eine Lösung für das Problem fand er zusammen mit seinem Team in der Natur selbst. Denn alle Pflanzen müssen sich davor schützen, dass sie Wasser verlieren und dass zu viel Sauerstoff eindringt. Dafür haben sie Cutin entwickelt, einen Stoff, der die Haut fast aller Pflanzen überzieht. Wobei es da natürlich Unterschiede gibt, Zitronen halten länger als Erdbeeren, nicht weil die Schicht dicker ist, sondern weil sie etwas anders zusammengesetzt ist.
Die Herausforderung war, einen Stoff zu entwickeln, der wasserlöslich ist, damit man ihn gut auftragen kann, und der gleichzeitig möglichst guten Schutz bietet. Früchte mit Wachs überziehen tut man ja schon länger, Apeel, der neu entwickelte Stoff, passt sich mit seiner Struktur aber viel besser an die Haut der Frucht an.

James Rogers ist Gründer und CEO von Apeel ­Sciences. Er hat Materialwissenschaften studiert
und seinen Doktor an der University of California ­Santa Barbara gemacht

Das Wichtigste sei, sagt Rogers, den Wasserverlust zu minimieren. Wenn das nicht gelänge, habe man sowieso verloren. Fast genauso wichtig sei aber auch, zu verhindern, dass Sauerstoff eindringt. Denn sobald die Frucht gepflückt ist, wird sie nicht mehr von der Pflanze ernährt. Sie lebt aber weiter und fängt gewissermaßen an, sich selbst zu verdauen. Wenn sie aber weniger Sauerstoff bekommt, geht das deutlich langsamer vonstatten. Auf diese Weise bleibt die Frucht länger gesund und kann sich – ganz natürlich – mit ihrem eigenen Immunsystem gegen Schimmel und Fäulnis wehren.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Nach Angaben des Unternehmens wird der Wasserverlust von Avocados zum Beispiel um dreißig Prozent reduziert, zudem wird der Zeitraum, wann sie für den ­Verzehr perfekt sind, von zwei auf vier Tage verdoppelt. Insgesamt, heißt es, sei der Verderb fünffach geringer.

Hergestellt wird Apeel ausschließlich aus Pflanzen, in erster Linie aus Resten, die bei der Ernte sonst weggeworfen würden, wie zum Beispiel Schalen und Samen. Deshalb wurde es auch als völlig unbedenklich für den menschlichen Verzehr eingestuft, es ist nicht einmal nötig, es abzuwaschen. Mittlerweile ist man aus dem Versuchsstadium heraus und es gibt mit Apeel behandelte Früchte bei verschiedene Supermarktketten in den USA. Auch die Finanzierung scheint gesichert, unter anderem haben sich die Bill-und-­Melinda-Gates-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung beteiligt. So steht der weiteren Verbreitung nichts im Wege. In Deutschland ist EDEKA Vorreiter und führt derzeit mit Apeel behandelte Avocados ein. Wenn es damit gelingt, die Verschwendung von Lebensmitteln einzudämmen, ohne gleichzeitig mehr Plastikmüll zu produzieren, ist das ja eine gute Sache. 

Weitere Infos unter apeelsciences.com und unter edeka.de

Aus Effilee #54, Herbst 2020
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