Brief aus Neufundland: Saint John’s

Unsere Autorin hat getauscht – ein Sauerteigbrot gegen einen Robbeneintopf

 
Text und Fotos: Jennifer Mira Ackermann
Newfoundland, St. John's

Es ist noch immer ziemlich kalt in meiner Zufallsheimat St. John’s, Neufundland. Der Insel mit irischem Stammbaum, die berühmt ist für ihre ausufernde Elchpopulation, die Tragödie der Kabeljaufischerei und den Untergang der Titanic. Mit Kapuzenpulli sitze ich auf unserem Balkon und beobachte das portugiesische Fischerboot, das im Hafen gerade angelegt hat. Mein selbstgepflückter Labradortee dampft in der kalten Luft und ich frage mich, wie lange er warm bleiben wird. Es riecht nach Frühling, die Zeit der Stromausfälle ist vorerst vorbei. Seit ein paar Tagen bin ich wieder in meiner alten WG, auf dem Signal Hill in dem kleinen knallroten Haus, durch das der Wind pfeift und die Geister heulen. Als wir ankamen, saßen Freunde und Nachbarn um ein wunderbares Feuer, mit Schaukelstuhl, Bier und marinierten Elchsteaks auf dem Grill. Die Nacht haben wir auf der Veranda verbracht mit Schlafsack, Rettungsdecke, Banjo und einer Flasche Whiskey. Die Neufundländer sind stolz auf die lange Unabhängigkeit von Kanada und ihre irischen Vorfahren. Whiskey und Folksongs gehören dazu, auch die Flagge der ehemaligen Repub­lik ziert noch immer viele Fassaden. Auf dem Herd taut langsam der Robbeneintopf auf, den ich vorhin von meinem Nachbarn Cory bekommen habe. Wir treffen uns jeden Tag auf der Straße, winken einander zu oder schnacken im Vorbeigehen. Heute über Elch und Robben … und schon hatte ich eine Tupperdose mit Seal-Stew in der Hand. Dafür bekommt er ein Sauerteigbrot von mir. Es wird lieber getauscht und geklönt als zum Supermarkt zu gehen. Das läuft hier immer so: Jeder kennt jeden, einen Fischer, Jäger, Farmer oder hat einen Kumpel, der jagen war. Seitdem es gesetzlich verboten ist, unverarbeitetes Wild zu verkaufen, gibt es Robbe, Elch und Möwe unter der Hand im Laden oder von Freunden. Der Eintopf riecht stark nach Fisch und ist dunkel wie Wild. Normalerweise werden nur die Flossen für einen Eintopf verwendet und der Rest als Steak gebraten oder in Pasteten verarbeitet, aber ­Corys Eintopf ist sogar aus dem saftigeren und viel fetteren Bauchfleisch zubereitet. Ganz nach Newfie-Art gibt es kaum Gemüse, das ablenken oder den Geschmack mildern könnte. Das fettige Fleisch wird scharf angebraten mit Zwiebel, Karotte und Steckrübe, Kartoffeln dürfen natürlich auch nicht fehlen, anschließend abgelöscht mit einem dunklen Stout und den obligatorischen grünen Erbsen aus der Dose, die man in fast jedem klas­sischen Kochbuch aus Neufundland findet. Es ist eine Mischung aus irischer Küche und der frühen, sehr fetten und proteinreichen Ernährungs­weise der Beothuk, eines Stamms der Inuit, die hauptsächlich in Neufundland und Labrador lebten und sich vornehmlich von Eisbären, Robben, Fisch, und Walen ernährten. Heute kostet eine Robbe enthäutet und entfettet zwischen fünf und sechs Dollar, wenn man früh aufsteht, kann man sie auch direkt vom Fischer kaufen, unter der Hand. Wie auch mal den einen oder anderen Wildvogel oder Beifang. Es schmeckt eigentlich genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, etwas fischig mit einem starken Wild­geschmack, tranig und ein bisschen wie ­Leber, wonach der Eintopf auch streng riecht. Das Fleisch ist sehr faserig und heizt ganz schön ein und erinnert mich etwas an den Von-innen-heraus-wärmenden-Effekt von Haggis, perfekt für einen kalten Wintertag in Kanadas Norden. Kein Muss auf meiner permanenten Speise­karte, definitiv gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlecht. 

Eine enthäutete und entfettete Robbe kostet heute zwischen fünf und sechs Dollar
Eine enthäutete und entfettete Robbe kostet heute zwischen fünf und sechs Dollar
Unsere Autorin an der rauhen Küste Neufundlands
Unsere Autorin an der rauhen Küste Neufundlands

Aus Effilee #28, Frühjahr 2014
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