Reportagen

Soylent: Das Ende vom Essen

Hat ein Technologieunternehmer ein Produkt entwickelt, das unsere Mahlzeiten überflüssig macht?

Rob Rhinehart empfindet Essen als Belastung. Er suchte nach einer Alternative – und wurde fündig © JULIO MILES/Soylent

Rob Rhinehart empfindet Essen als Belastung. Er suchte nach einer Alternative – und wurde fündig © JULIO MILES/Soylent

Text: Lizzie Widdicombe, © The New Yorker 2014 Fotos: Julio Miles/Soylent

Im Dezember 2012 lebten drei junge Männer in einem winzigen Apartment im Tenderloin-Distrikt von San Francisco und arbeiteten an einem Technologie-Startup. Sie hatten einhundert­siebzigtausend Dollar von Y Combinator bekommen, einem Inkubator, aber das Projekt – sie hatten geplant, preisgünstige Mobilfunktürme zu bauen – war gescheitert. Da nur noch siebzigtausend Dollar übrig waren, beschlossen sie, ­Ideen für neue Software auszuprobieren, bis das Geld alle wäre. Aber wie könnte man es hinkriegen, dass das Geld länger reichte? Die Miete musste bezahlt werden. Ein Privatleben hatten sie auch nicht, da sie wie verrückt arbeiteten. Beim Blick aufs Budget blieb ein großes Problem: Essen.

Sie hatten zumeist von japanischen Nudelsuppen gelebt, von Corn Dogs, Tiefkühl-Quesadillas, dazu Vitamin-C-Tabletten, um Mangelerscheinungen vorzubeugen, aber die Lebensmittelrechnungen summierten sich immer noch. Rob Rhinehart, einer der jungen Unternehmer war genervt, dass er überhaupt essen musste. »Essen war so eine große Belastung«, erzählt er mir. »Es kostete Zeit und Mühe. Wir hatten eine sehr kleine Küche und keine Spülmaschine.« Er versuchte es mit seiner eigenen Version von Super Size Me und ernährte sich von McDonald’s-Menüs und Fünf-Dollar-Pizzas von Little Caesars. »Aber nach einer Woche«, sagt er, »fühlte ich mich, als ob ich sterben müsste.« Alle Welt redete damals von Grünkohl, also versuchte er es mit einer Grünkohl­diät. Aber das funktionierte auch nicht. »Ich war am Verhungern«, sagt er.

Rhinehart ist fünfundzwanzig Jahre alt und hat Elektro-Ingenieurswesen an der Georgia Tech studiert. Er begann, Ernährung als eine Aufgabe für Ingenieure zu betrachten. »Du brauchst nicht Milch, sondern Aminosäuren und Lipide«, sagt er. »Du brauchst Kohlenhydrate, nicht Brot.« Früchte und Gemüse liefern Vitamine und Mineralien aber sie sind »hautpsächlich Wasser.« Zu essen, so erschien es ihm, war eine wenig effiziente Möglichkeit, zu bekommen, was er zum Überleben brauchte. »Es kam mir vor wie ein System, das zu komplex war, zu teuer und zu instabil«, erklärt er mir.

Der Film endet mit der Ent­deckung, dass Soylent Green aus Menschenfleisch besteht

Was wäre, wenn er sich die einzelnen chemischen Komponenten besorgen würde? Er legte eine Pause bei den Softwareexperimenten ein und las Lehrbücher über die Biochemie der Ernährung und die Webseiten der FDA, USDA und des Institute of Medicine. Bald hatte er eine Liste von fünfunddreißig Nährstoffen, die zum Überleben notwendig sind. Dann ging er statt zum Lebensmittelhändler ins Internet, bestellte sie – zumeist in Form von Pulver und Pillen – und gab alles in einen Mixer zusammen mit etwas Wasser. Das Ergebnis, ein Chemikalienbrei, sah aus wie schleimige Limonade. Dann, so erzählt er, »fing ich an, davon zu leben.« Rhine­hart nannte seinen Trank Soylent, was die meisten an den Science-Fiction-Film Soylent Green mit Charlton Heston erinnert. Der Film spielt in einer dystopischen Zukunft, wo die Menschen aufgrund von Überbevölkerung und Umweltverschmutzung von mysteriösen Waffeln leben, die Soy­lent Green heißen. Der Film endet mit der gruseligen Entdeckung, dass Soylent Green aus Menschenfleisch besteht.

Rhineharts Zimmergenossen waren skeptisch. »Das wirkte ziemlich schräg«, erzählt einer von ihnen. Sie kauften weiter bei Costco. Nach einem Monat veröffentlichte Rhinehart das Ergebnis seines Experiments in einem Blog Post mit dem Titel How I Stopped Eating Food. Der Post klingt nach Heureka!. Der chemische Trank, berichtet Rhinehart, war »köstlich! Ich fühlte mich, als hätte ich gerade das beste Frühstück meines Lebens gegessen.« Soylent zu trinken, sparte ihm Geld und Zeit: Die Kosten für die Ernährung waren von vierhundertfünfzig Dollar im Monat auf fünfzig gesunken. Körperlich fühlte er sich »wie der Sechs-Millionen-Dollar-Mann. Ich bin fitter, meine Haut ist reiner, meine Zähne weißer, mein Haar dichter und meine Schuppen sind weg.« Sein Fazit: »Ich habe seit dreißig Tagen keinen Bissen gegessen, und es hat mein Leben verändert.« Nach einigen Wochen war sein Blog Post an der Spitze bei Hacker News, einem Flurfunkportal für die Technologieszene. Die Reaktionen waren geteilt. »RIP Rob«, war ein Kommentar auf Rhineharts Blog. Aber andere fragten nach der Formel, die er – im Geist der Open-Source-Bewegung – online zur Verfügung stellte.

Einer der Beiträge des Silicon Valley zur Weltkultur in den letzten zehn Jahren ist das Konzept des Lifehacking: Tricks, um das tägliche Leben so zu vereinfachen, dass mehr Zeit für das bleibt, was man eigentlich tun möchte. Rhineharts Zukunftsnahrung schien ein smarter Ansatz zu sein. Überall begannen Lifehacker, es auszuprobieren und eigene Versionen zu entwickeln. Bald gab es Kommentare auf Reddit, wo es darum ging, welches die angemessene Dosis von Kalzium-Magnesium-Pulver sei. Nach drei Monaten, so Rhinehart, begriff er, dass seine Mischung das Zeug zu einem Unternehmen hatte. »Zu meiner Lebensqualität trug es mehr bei als irgendeine App.« Er und seine Zimmergenossen legten die Softwareentwicklung zur Seite und stiegen ins Synthetic Food Business ein.


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Auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten gingen sie ins Internet. Sie starteten eine Crowdfunding-Kampagne über die man einen Wochenvorrat vorproduziertes Soylent für fünfundsechzig Dollar bekommen konnte. Ihr Ziel waren einhunderttausend Dollar, die innerhalb eines Monats zusammenkommen sollten. Aber als sie die Seite freischalteten, erzählt Rhinehart, »hatten wir das innerhalb von zwei Stunden zusammen.« Vor einer Woche seien die ersten dreißigtausend Einheiten kommerziell hergestellten Soylents an Kunden in ganz Amerika verschickt worden. Zusätzlich zu dem Geld aus dem Crowdfunding wurde die Produktion von Kapitalgebern aus dem Silicon Valley finanziert, darunter Y Combinator und die Investmentfirma Andreessen Horowitz, die eine Million Dollar bereitstellte.

Die Presse titelte, Soylent sei »das Ende des Essens« – eine eher düstere Aussicht. Man denkt an eine Welt ohne Pizzabuden oder Tacostände, unsere Vorratskammern bestückt mit einem beigen Pulver statt mit Bananenbrot, Spaghettiessen oder Einladungen zum Eis ersetzt durch Abende, an denen wir Schlick schlürfen. Aber, sagt Rhinehart, das ist nicht wirklich, was er sich vorstellt. »An die meisten Mahlzeiten erinnern wir uns gar nicht«, erzählt er mir. Er stellt sich vor, dass wir in der Zukunft »einen Unterschied sehen werden, zwischen den Mahlzeiten, die wir zum Funktionieren brauchen, und jenen, bei denen es um das Erlebnis und die Gemeinschaft geht.« Soylent will nicht das Sonntagsessen ersetzen, zu dem jeder Gast etwas mitbringt, sondern die Tiefkühl-Quesadillas.

Auf der Fahrt zum Soylent-Stammsitz habe ich einen Stopp an einer teuren kalifornischen Saftbar eingelegt und halte nun einen kaltgepressten Neun-Dollar-Saft in einer gläsernen Milchflasche in der Hand. Rhinehart betrachtet das Getränk, als sei es eine Pfeilspitze aus Feuerstein. »Es ist irgendwie archaisch«, sagt er und weist dar­auf hin, dass es hauptsächlich aus Zucker besteht. »Sieh dir das Design an, es soll bäuerlich und natürlich und kuschelig aussehen … Tatsächlich ist das ziemlich schlecht für dich!«

Der Gedanke, dass wir uns von ­etwas Reinerem und Effizienterem als Essen ernähren könnten, ist schon lange Teil unserer kollektiven Fantasiewelt. Die alten Griechen schrieben über Ambrosia, die Nahrung der Götter, die jedem Unsterblichkeit verlieh, der sie zu sich nahm. Mit dem aufkommenden ­Raumfahrtzeitalter träumten die Menschen von Mahlzeiten in Pillenform: In Ray Bradburys Mars-­Chroniken bewahrt eine Figur in einer Streichholzschachtel genügend solcher Pillen für mehrere Wochen auf; bei den Jetsons liefern die Pillen delikate Geschmacksempfindungen, können aber zu Verstopfung führen.

Rhinehart sagt, dass er den Namen Soylent tatsächlich jenem Science-Fiction-Roman, Make Room! Make Room! (1966), entlehnt hat, der später als Soylent Green verfilmt wurde und in dem eine Kombination aus Sojabohnen und Linsen zur Rettung angesichts der von der Überbevölkerung verursachten Verwüstungen wird. Träume vom Essen können schnell zu Alpträumen werden: zum Beispiel Willie Wonkas schrecklicher Dreigang-Dinner-Kaugummi, und in der Matrix werden Menschen synthetisch gezüchtet, ernährt von den verflüssigten Überresten anderer Menschen die durch künstliche Nabelschnüre gepumpt werden.

Der technische Fortschritt hat eine neue Welle der Verunsicherung über unsere essbare Gegenwart mit sich gebracht und dazu eine wachsende Sehnsucht nach einer Zeit, als es noch keine Nahrungsmittellobby gab, keine genetisch modifizierten Lebensmittel, keine Agrarindustrie und nicht das Unkrautvernichtunsmittel Roundup. Dem Geburtsort von Soylent in San Francisco gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, liegt Alice Waters’ Chez Panisse, das Mekka der saisonalen Küche, das zum Synonym für das bürgerliche Essen in diesem Land geworden ist. In den kalifornischen Farm-to-Table-Restaurants werden Zutaten serviert, die seit der Bronzezeit aus der Mode waren. (Ich hatte kurz darüber nachgedacht, zu meinem Saft noch einen Hirsesalat zu nehmen.)

Aber die Farm-to-Table-Philosophie ist an der arbeitenden Klasse im Wesentlichen vorbeigegangen. Die muss stattdessen mit den Auswirkungen der industriellen Herstellung von billigen Lebensmitteln leben: Übergewicht, Diabetes und ironischerweise Unterernährung. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der UN warnte davor, dass der Klimawandel die globale Nahrungsversorgung bedrohe und die Auswirkungen sich in einer Weise verschlimmern würden, dass sie nicht auf die Armen beschränkt bleiben würden. (Die Restaurantkette Chipotle verkündete vor Kurzem, dass sie aufgrund des Klimawandels keine Guacamole mehr anbieten könne.) Tim Gore, bei Oxfam zuständig für Ernährungspolitik und Klimawandel stellte fest: »Für die meisten Menschen werden die Auswirkungen des Klimawandels in erster Linie am Essen zu spüren sein: welche Lebensmittel sie essen, wie viel sie dafür bezahlen müssen, welche Auswahl sie haben.« Und die Nahrung ist auch ein wesentlicher Teil des Problems, Nutzvieh ist für fast fünfzehn Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. In Kalifornien, das zur Zeit die schlimmste Trockenheit seiner Geschichte erlebt, werden etwa achtzig Prozent des Wassers von der Landwirtschaft verbraucht.

Rhinehart ist kein Fan von Bauernhöfen, die er als »sehr ineffiziente Fabriken« bezeichnet. Er glaubt, dass die Landwirtschaft mehr und nicht weniger industrialisiert werden sollte. »Was mich wirklich berührt, ist die Arbeit«, sagt er. »Landwirtschaft ist einer der gefährlichsten und dreckigsten Jobs, die es gibt. Und traditionell wird das von der Unterschicht gemacht. Man muss so viel zu Fuß und von Hand erledigen, so viel zählen und messen. Das sollte unbedingt auto­matisiert werden.«

Der Studentenkühlschrank der Zukunft enthält Miller Lite und einen Krug voll Soylent

Rhinehart führt mich durch die Büros von Soylent, die auch als Wohnzimmer für die Männer dienen und an ein etwas unzeitgemäßes Haus eines Drogenkönigs aus Miami Vice erinnern: schwarz schimmernde Fußböden, weiße Sitzelemente, riesige Fenster und ein Swimmingpool hinter dem Haus. Aber die riesigen Beutel mit weißem Pulver, die im Keller gewogen werden, sind nicht voll mit Kokain, sondern mit Nährstoffen – Eiweiß, Kaliumchlorid und Xanthan, einem Verdickungsmittel. Die Küche ist leer, bis auf einen Mixer. Rhinehart öffnet den Kühlschrank und verkündet: »Der Studentenkühlschrank der Zukunft.« Er enthält Miller Lite, Würzsaucen und einen Krug voll Soylent. Ich bemerke eine Tüte mit Babykarotten: Essen! Rhine­hart, der Essen, das nicht Soylent ist, als Freizeitessen bezeichnet, erklärt, dass einer der Zimmergenossen sie als lustigen Snack gekauft hat.

Rhinehart nimmt das Soylent heraus. In der Formel, auf die er und seine Kollegen sich festgelegt haben, sind alle wichtigen Bestandteile der Ernährung vertreten: Die Lipide kommen von Rapsöl, die Kohlenhydrate von Maltodextrin und Hafermehl und das Eiweiß von Reis. Dazu geben sie Fischtran (für Omega-3-Fett­säuren; Veganer können stattdessen Leinsamenöl nehmen) und verschiedene Vitamine und Mineralien: Magnesium, Kalzium, Elektrolyte. Rhinehart möchte Soylent ungern mit einem bestimmten Geschmack verbunden wissen, deshalb enthält es bislang lediglich eine kleine Menge des Süßstoffs Sucralose, um den Geschmack der Vitamine zu überdecken. Das passt zu seiner Einschätzung, dass Soylent zur Grundversorgung gehören sollte. »Ich glaube, die beste Technologie ist die, die man nicht sieht«, sagt er. »Wasser hat nicht viel Geschmack oder Aroma, und es ist das populärste Getränk der Welt.« Er hebt den Krug mit der gelblich beigen Flüssigkeit in die Höhe. »Alles, was dein Körper braucht – willst du probieren?«

Der Geschmack von Soylent kommt einem bekannt vor, in erster Linie hat es etwas Teigiges. Im Mund fühlt sich die Flüssigkeit glatt aber etwas körnig an und es hat eine hefige, wohlige Fadheit an sich. Ich habe gehört, dass es manche an Cream of Wheat erinnert oder an »das Metamucil meines Großvaters.« Ich schlürfe ein bisschen und habe das nicht unangenehme Gefühl, kleine Schlucke aus einer Schüssel mit verwässertem Pfannkuchenteig zu nehmen. Nicht schlecht. Ich schlürfe etwas mehr – und dann, ganz plötzlich, muss ich aufhören. Ich fühle mich viel zu voll. »Wie viel habe ich gerade getrunken?« Rhinehart besieht sich mein Glas. »Hundertfünfzig oder zweihundert Kalorien«, sagt er. »Ungefähr so viel wie ein Granolariegel.«

Rhineharts Schlafzimmer ist karg, abgesehen von den Büchern über Wissenschaft und Technologie: Steven Pinker, Isaac Asimov, R. Buckminster Fuller, der Futurist und Schöpfer der geodätischen Kuppel, den Rhinehart bewundert, weil er ungezügelte Kreativität und Pragmatismus vereint. (Er benutzt seinen Spitz­namen Bucky.) Er deutet auf ein Poster des menschlichen Stoffwechsels. »Das ist das Leben – eine chemische Reaktion auf Beinen«, erklärt er. »Bucky meint, der Körper sei eine hydroelektrische Maschine.« Politisch, sagt Rhinehart, sei er ein »abgefallener Libertärer«, er glaube an die maximale Freiheit, aber er hasse das Verschwenderische am Kapitalismus. »Die Dinge haben keinen Wert mehr«, erzählt er mir. Er versuche, zu optimieren, wie er sich anziehe, und wechsle zwischen zwei Jeans. Dazu bestelle er ­Nylon- oder Polyester-T-Shirts bei Amazon und trage sie einige Wochen, bevor er sie spende. Wenn die Kleider anfangen zu riechen, packe er sie ins Gefrierfach, um den Geruch loszuwerden. »Manchmal, tagsüber, reichen ein paar Stunden dafür«, erzählt er mir. »Ich binde dann ein Handtuch um.«

In dem, was früher das größte Schlafzimmer war, arbeitet der Rest des Soylent-Teams an Laptops. Sie erinnern ein wenig an eine nerdige Boygroup: Matt Cauble sieht aus wie ein Surfer, Dave Renteln, ehemals Anführer des Rugby Teams von Harvard, hat dicke Muskeln, John Coogan ist schlaksig und niedlich, Julio Miles trägt einen Bart aus dem Sezessionskrieg. Wie Rhinehart selbst sind sie alle blühende Beispiele für den Soylent-Lifestyle. Renteln hatte etwas von seinem Oberstufengewicht verloren (»Ich habe mit Kalorienreduktion experimentiert«, sagt er), und Coogan berichtet von »gesunder Gewichtszunahme«, seit er von Soylent lebt. Er ist über zwei Meter groß und hatte Schwierigkeiten, ausreichend Kalorien zu bekommen, als sie sich noch von Ramen ernährten.

Alle haben uns geraten, den Namen zu ändern. Investoren, Medienleute, meine Mutter

»Ich finde, wir sehen gut aus«, stellt Rhinehart fest. Ich fragte, ob sie wirklich vorhätten, ihr Produkt Soylent zu nennen, was in meinen inoffiziellen Feldstudien im besten Fall unangenehme Assoziationen mit Soja und Soil geweckt hatte, und im schlimmsten Fall zur erschreckten Wiederholung der Schlüsselzeile aus dem Film: »Soylent Green ist Menschenfleisch!« »Alle haben uns geraten, den Namen zu ändern«, sagt Rhinehart, »Investoren, Medienleute, meine Mutter.« »Meine Mutter auch«,sagt Renteln. Ihm gefalle das Selbstironische an dem Namen, fährt Rhinehart fort, und wie er sich über die Empfindlichkeiten von Foodies lustig mache: »Dieses Ethos, natürlich, frisch, bio, strahlend – das ist das Gegenteil.« Wie auch immer, sagt er, viele junge Menschen hätten die Sache, dass Soylent Green aus Menschen bestehe, gar nicht mitgekriegt. »Wenn du Soylent googelst, sind wir vor dem Film.« Und er fügt hinzu: »­Vergiss nicht, Starbucks war der Typ aus ›Moby Dick‹.«


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Patienten in Krankenhäusern bekommen seit Jahrzehnten flüssige Nahrung. Vor fünfzig Jahren pürierten die Ärzte das Essen und füllten es in Schläuche, wenn ein Patient zu krank war, um selbst Nahrung aufzunehmen. Irgendwann übernahmen Unternehmen wie Abbott Nutrition, die Hersteller von Ensure, das Geschäft. Ersatznahrung wurde standardisiert und wissenschaftlich. In den frühen Sechzigerjahren machte die NASA pulverisierte Getränke berühmt, als sie das Produkt Tang bei Raumflügen einsetzte; wie Bruce Bistrian, im Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston für die klinische Ernährung zuständig, erklärt, »explodierte der ganze Bereich.« Von den Sechzigern bis in die Neunzigerjahre waren Flüssigmahlzeiten in der Diätszene populär, weil sie es so leicht machten, genau zu quantifizieren, wie viele Kalorien man zu sich nahm. Das war die Zeit von Metrecal, Slimfast und »ein Shake zum Frühstück, ein Shake zu Mittag und dann ein vernünftiges Abendessen!« Wer heute Bodybuilder werden will, trinkt Muscle Milk, einen Proteinshake, der für mehr Muskeln sorgen soll. Für Bistrian ist Soylent kein Hexenwerk: »Jeder gute Ernährungswissenschaftler könnte die Zutaten in der richtigen Menge zusammenstellen und so ein Rezept entwickeln.«

Vielleicht ist der wichtigste Unterschied zwischen Soylent und Getränken wie Ensure und Muscle Milk das Marketing: Das Produkt – und die Zusammensetzung der Nährstoffe – wendet sich an Büroangestellte, denen es um die Effizienz geht und nicht an Männer im Fitnessstudio oder Senioren. Aus Sicht der Investoren könnte die Strategie für den Erfolg ausreichen. Sam Altman von Y Combinator erwähnt Google und Facebook und weist darauf hin, dass es Suchmaschinen und soziale Netzwerke gab, bevor diese beiden entstanden. »Die meisten Ideen, die man besetzen kann, sind nicht neu«, sagt er. »Oft hat man sie nur nicht richtig umgesetzt oder vermarktet.«

Rhinehart betont in der Regel etwas anderes an seinem Produkt, nämlich die Idee, dass man sich ausschließlich von Soylent ernähren könnte. Chris Running, ein ehemaliger Vor­stand von Muscle Milk und Berater von Soylent nennt diesen Gedanken »riskanter«. Weiter sagt er: »Ich glaube nicht, dass schon mal einer diesen Standpunkt eingenommen hat.«

Die Ärzte, mit denen ich spreche, bestätigen, dass man ausschließlich von Soylent leben könnte. Aber wäre das klug? Es geht dabei vor allem um Substanzen in echtem Essen, die von Pflanzen stammen. Solche Stoffe sind für das Überleben nicht notwendig, aber epidemiologische Studien deuten auf wichtigen gesundheitlichen Nutzen. Lycopin, das Tomaten rot macht, wurde mit niedrigen Raten von Prostatakrebs in Verbindung gebracht, und Flavonoide, die Heidelbeeren blau machen (und auch in Schokolade vorkommen) mit einem gesenkten Diabetesrisiko. Wie unser Körper diese Chemikalien nutzt, ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Aber Walter Willett, der Vorsitzende des Fachbereichs Ernährung an der Harvard School of Public Health meint, dass es unklug wäre, darauf zu verzichten. »Es ist ein wenig vermessen, zu glauben, dass wir tatsächlich wissen, was alles zu einer optimalen gesunden Ernährung gehört«, erzählt er mir. Man könne ohne die pflanzlichen Stoffe leben, »aber vielleicht leben Sie dann nicht das maximal Mögliche und vielleicht funktioniert nicht alles optimal. Es geht um viel mehr als nur um das Überleben.«

Rhinehart überzeugen diese Überlegungen freilich nicht. »Wie viele Menschen in der Geschichte haben denn überhaupt Brokkoli und Tomaten bekommen?«, fragt er. Bei seinen Studien zur Formel von Soylent hatte er überlegt, Phytochemikalien hinzuzufügen, aber nachdem er Dutzende von unschlüssigen und widersprüchlichen Studien gelesen hatte, erschien es ihm kein effizienter Einsatz seiner Ressourcen.

Die Pose als Silicon-Valley-Störenfried mag gestellt wirken, aber Rhine­hart hat sie ehrlich erworben: Bevor er Ernährungsdogmen umstürzen konnte, musste er sich von organisierter Religion befreien. Er wuchs in einem Vorort von Atlanta auf, mit vier älteren Schwestern. Sein Vater war Börsenmakler bei Merrill Lynch, die Mutter war zu Hause. Beide Eltern sind gläubige Christen, und bis er achtzehn wurde, war Rhinehart das auch. Die Schwierigkeiten begannen im natur­wissenschaftlichen Unterricht an seiner kleinen High School, der Whitefield Academy. Rhinehart, der in seiner Freizeit Computer baute, hatte begonnen, sich für Astrophysik zu interessieren. Wie alles an seiner Schule, wurde auch Naturwissenschaft nach den Prinzipien der Kreationisten gelehrt, die überzeugt sind, dass die Welt weniger als zehntausend Jahre alt ist. Rhinehart beschloss, in seiner Hausarbeit den Kreationismus aus wissenschaftlicher Sicht zu beweisen. Er vertiefte sich in Dawkins und Hitchens und suchte im Internet; er dachte, er würde schreiben: »Ich habe mich auf die Suche gemacht und all diese Beweise für das Christentum gefunden, und jetzt habe ich keine Zweifel mehr.« Aber das Gegenteil geschah. In seiner Arbeit mit dem Titel Bad Religion ging es darum, »warum ich kein Christ mehr war, warum ich nicht länger an Gott glaubte.« Er bekam ein F (eine sechs). Und er wurde aus der Gemeinde »verbannt«, wie er sagt. Seine Eltern akzeptieren heute seine Ansichten. »Sie blenden das aus«, sagt Rhinehart.

Rhineharts Herkunft macht es etwas leichter, seine Arglosigkeit zu verstehen, wie auch seine Hingabe an eine wissenschaftliche Denkweise. Bio-Fanatiker erinnern ihn an sich selbst als Gläubigen. »Alle sind so ›Natur, bio ist das Beste‹, und für mich klingt das sehr wie christliche Fundamentalisten«, erzählt er mir. Als ich frage, wie der Verlust des Glaubens ihn geformt habe, antwortet er: »Ich schätze, seither bin ich durchweg Skeptiker.«

An einem heißen Tag sind wir auf dem Highway, zwischen uns eine Wasserflasche voll Soylent. Rhinehart hat mich eingeladen, ihn auf einem Ausflug nach El Segundo zu begleiten, wo wir einen anderen Ernährungstechnologen treffen wollen: Ethan Brown, den Vorstand von Beyond Meat, einer Firma, die aus Eiweiß von Erbsen und Soja Ersatz für Huhn und Rindfleisch herstellt. Brown hat einen Food Truck vor einem Whole-Foods-Bioladen aufgestellt und verschenkt Tacos. Um den Food Truck herrscht Party­atmosphäre, Soulmusik tönt aus Lautsprechern und Verkäufer rufen: »Free Tacos!« Bioladenkunden stehen da und gaffen. Am Truck verkündet ein Schild: ECHTES FLEISCH. 100 % pflanzliches Protein. Rhinehart trägt Jeans, sein schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt und eine dünne Lederjacke. Er steckt die Flasche mit Soylent in einen Kurierbeutel und wir gesellen uns zu Brown, den werdenden Falschfleischmagnaten.

Brown ist ein hochgewachsener Mann in den Vierzigern, er trägt Turnhosen und eine Baseballmütze. Er und Rhinehart tauschen Tipps aus, wie man Proteine reinigt, und dann greift Brown sich einen Taco und rupft ein Stück Huhn auseinander. Die weiße Substanz ist bemerkenswert fleischähnlich: Sie schmeckt etwas fettig und die Textur erinnert an Muskelfasern. »Siehst du, wie sich das zupfen lässt?«, fragt Brown. »Das ist es, was uns unterscheidet.« Warum gibt man sich so viel Mühe, es fleischig zu machen? Brown erklärt, dass die größte Herausforderung bei der Nahrungsmitteltechnologie eine kulturelle sei. »Die Leute haben zwei Millionen Jahre Fleisch gegessen«, sagt er. »Sie sind so verdrahtet, dass sie Fleisch mögen, und sie lieben das Drumherum – Thanksgiving, Weihnachten, Sportveranstaltungen.« Den Food Truck hat er, um zu zeigen, dass pflanzliches Huhn und Rind zu einem amerikanischen Lebensstil passen können.

Wir haben überlegt, Soylent mit Drohnen auszuliefern, sagt Rhinehart träumerisch

Ich frage Rhinehart, ob er je darüber nachgedacht hat, selbst einen Food Truck einzusetzen. Er scheint die Frage nicht zu verstehen. »Wir haben überlegt, Soylent mit Drohnen auszuliefern«, sagt er träume­risch. »Wo du einfach auf einen Knopf auf deinem Telefon drückst und eine Drohne kommt, lässt eine Flasche Soylent fallen, und du tankst auf.«

Eine Kundin vom Bioladen, eine Frau mittleren Alters bleibt stehen, um einen Taco zu probieren. Brown beginnt sein Verkaufsgespräch: »Passt zu allem, wozu Rindfleisch passt«, sagt er. Sie wirkt offen. »Wie sieht die Verpackung aus?«, fragt sie. Rhinehart hält sich etwas zurück. Er hat immer noch das Soylent in seinem Beutel, aber er scheint noch nicht bereit, es anzupreisen. Endlich kommt ein bärtiger Mann in einem ärmellosen Hemd und einer Jägermütze mit Tarnmuster auf den Taco Truck zu. Sein Name ist Perry Gil­lotti. Er probiert den Taco, den Brown ihm angeboten hat, und verkündet nachdem er eine Minute gekaut hat: »Das schmeckt gut!« Rhinehart mischt sich in das Gespräch ein. Schüchtern fragt er Gillotti, ob er etwas Soylent probieren wolle. »Soylent?«
»Eine Ersatzmahlzeit«, sagt Brown. »Es ist ein bisschen was anderes als eine Ersatzmahlzeit«, korrigiert Rhinehart. »Es ist eine Art kompletter Nahrungsersatz. Theo­retisch könnten Sie ganz und gar davon leben. Tatsächlich wären Sie ziemlich gesund.« Gillotti hebt die Augenbrauen. »Ihr könntet mich ins All schleudern und ich könnte von diesem Zeug leben?« »Das ist die Idee«, sagt Rhinehart. Mit der etwas angestrengten Stimme eines Marktverkäufers präsentiert er die Wasserflasche. »Es ist billig, es ist einfach … Nur Wasser zugeben, Sie brauchen nicht einmal einen Mixer.« Er schüttet etwas in einen Plastikbecher und Gillotti probiert es. Er scheint überrascht. »Es ist angenehm, nicht zu sandig.«

»Was arbeiten Sie?«, fragt Rhinehart. Gillotti sagt, dass er Bauarbeiter sei in El Segundo. An den Wochenenden male er Landschaften. »Ja«, sagt Rhinehart, »dann könnten Sie das hier während des Tages nehmen, wenn Sie arbeiten.« Gillotti zieht ein iPhone in einer Camouflage-Hülle heraus und macht eine Notiz. »Ich werd mir was davon besorgen«, sagt er. Er fügt hinzu, dass er si ch besonders für Soylent interessiere, weil er ein Prepper sei, er hamstere Wasser und Nahrung für sechs Monate zu Hause für den Fall einer apokalyptischen Katastrophe. Rhinehart scheint das zu gefallen. Er hält die Flasche mit dem Soylent hoch: »Unter idealen Bedingungen könnte das viel länger halten.«


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Während ich mit Rhinehart unterwegs bin, mache ich mir Sorgen über einen möglichen Fehler in seiner Geschäfts­idee. Wie kann er erwarten, mit Soylent Geld zu verdienen, wenn die Formel im Internet steht. Es ist schwer vorstellbar, dass Coca-Cola das tun würde. Aber Alexis Ohanian, einer der Gründer der Website Reddit und ebenfalls Investor bei Soylent, bezeichnet es als »die brillanteste Marketingstrategie ­aller Zeiten, auch wenn sie es vielleicht gar nicht so gemeint haben.« Die Heerscharen von Leuten, die zu Hause mit ihren eigenen Soylentformeln herumexperimentieren, sind zu einer Fanbasis geworden, die das Produkt verbessern und es bekannt machen. »Das ist ein Traum!«, sagt Oha­nian. Rhinehart hat einen eher philosophischen Ansatz: »Wenn jemand einen besseren Weg findet, es herzustellen, ist es immer noch ein Gewinn für die Menschheit.«

Die Tagesration kommt in einem Plastikbeutel, der 1500 Kalorien aus beigem Staub enthält. Das Öl, das für etwa 500 Kalorien gut ist, kommt in einer Extraflasche

Die Tagesration kommt in einem Plastikbeutel, der 1500 Kalorien aus beigem Staub enthält. Das Öl, das für etwa 500 Kalorien gut ist, kommt in einer Extraflasche © JULIO MILES/Soylent

Angesichts des Enthusiasmus für Do-It-Yourself-Soylent weiß ich, dass ich irgendwann selbst welches werde machen müssen. Vorproduziertes Soylent wird in Pulverform geliefert, eine Tagesration kommt in einem Plastikbeutel, der fünfzehnhundert Kalorien aus beigem Staub enthält. Das Öl, das für etwa fünfhundert Kalorien gut ist, kommt in einer Extra­flasche. Die Verpackung ist Space Age mit minimalistischer schwarz-weißer Typo­grafie, die an Paul-Mitchell-Shampoo erinnert. Zwei Zuberhörteile sind dabei, ein metallener Messlöffel und ein Plastikbecher mit einem luftdichten Deckel. Um die Mahlzeit zuzubereiten, misst man das Pulver in den Becher ab, fügt Wasser, Öl und nach Belieben Eis hinzu und schüttelt es auf. »Soylent, das ranzig riecht«, so der unsentimentale Rat auf der Packung, »ist unverzüglich zu entsorgen.«

Do-It-Yourself-Soylent ist eine größere Herausforderung. Ich koche gern, aber, wie Rhinehart sagt: »Wir backen hier keinen Kuchen.« Man kann nicht einfach eine Prise Kalium hineinwerfen und hoffen, dass es funktioniert. (In der Anfangszeit hatte Rhinehart mit Unter- und Überdosierungen bestimmter Nährstoffe experimentiert. Mit zu wenig Natrium fühlte er sich »benebelt«. Magnesium zu hoch zu dosieren, »war vermutlich das Schlimmste. Ich fühlte stechende Schmerzen im ganzen Körper und konnte mich nicht richtig bewegen.«) Ich logge mich bei DIY.Soylent.me ein, einer Website, die von Nick Poulden programmiert wurde, einem Programmierer aus der Bay Area. Um anzufangen, gibt man ­Größe, Gewicht, Alter und Aktivitäts­level ein und sucht sich ein Nahrungsmittel­profil aus verschiedenen offiziellen und inoffiziellen Empfehlungen heraus. Dicker Mann, circa dreißig Jahre, zum Beispiel.
Dann stellt man sein Rezept zusammen. Während das vorproduzierte Soylent für alle passen soll, ist die Do-It-Yourself-Version das Paradies für wählerische Esser. Auf der Website scrolle ich durch mehr als vierzehnhundert Variationen von Rhineharts Rezept, ein Füllhorn von Diätvorlieben, Allergien, Komplexen und Obsessionen: Soccer Soylent, Cuckoo for Coco­Cocoa, Soy Hemp, Super Food, the Gorilla, Brian’s Brain Booster, Canadian People Chow, Food?, Standing Desk Diet, Soylent in Paris. Ich entscheide mich endlich, weil es so populär ist, für Bachelorette Chow, ein Rezept, das auf dem Maismehl Masa basiert. Es ist abgeleitet von Bachelor Chow, einem der bekanntesten Rezepte, und es enthält Schokolade. Anhand meines Profils (Sitzende Lebensweise, weiblich) wurde eine Zielgröße von fünfzehnhunderteinunddreißig Kalorien pro Tag errechnet.

Nährstoffe sind »wie ein Puzzle«, erzählt mir Rhinehart. »Du kannst die ­Teile auf viele Weisen zusammenstellen.« Eine nützliche Funktion der Do-It-Yourself-Website ist, dass sie einem das Rechnen abnimmt. Wenn man einmal weiß, welche Nährstoffe man braucht, findet man viele verschiedene Möglichkeiten, sie zu bekommen. Wenn man eine Zutat eingibt, zum Beispiel zwanzig Gramm Chia­samen, füllt die Website das Nährstoffprofil aus. Dann kann man sehen, wie nah man dran ist, seinen täglichen Bedarf zu befriedigen – Kalorien, Kohlenhydrate, Eiweiß, Ballaststoffe, ungesättigte Fette und Vitamine –, sodass man das Rezept entsprechend anpassen kann. Mein Rezept enthielt Weizenprotein, Hafermehl, vorgekochtes Masa, Sojaöl, braunen Zucker und Jodsalz. Seltsamere Sachen kamen in Form von Mineral- und Vitaminpulver (Cholin, Kaliumgluconat), die ich auf der Website iHerb.com bestellt hatte. Das Kakaopulver hatte ich beim Lebensmittelhändler vor Ort gekauft, und wie viele andere entschloss ich mich, täglich eine Multivitamintablette zu schlucken, statt sie in mein Rezept hineinzureiben.

Zeit, zu kochen. Eines Abends, zur Essenszeit maß ich meine Pulver und das Öl ab, gab alles in einen Mixer und fügte Wasser hinzu. Das Bachelorette Chow erwies sich als dicke braune Flüssigkeit, die überwältigend schokoladig schmeckte und roch, dazu ein kleines bisschen sauer. Man konnte es schlucken – Kollegen verglichen es mit misslungenem Keksteig und mit ­Instant Breakfast, einem Frühstückstrunk der Marke Carnation, aber beim Gedanken, davon leben zu müssen, wurde mir übel.
Ich war erleichtert, als das Fabrik-­Soylent mit der Post kam. Das war mehr oder weniger Rhineharts Rezept, das ich in Los Angeles probiert hatte, eine dicke, braune Flüssigkeit, hefig, körnig und ganz leicht süß. Verglichen mit meiner Schokoladenversion schmeckte das normale Soylent angenehm. (Ergebnis des Bürotests: »Wie ein neutraler Proteinshake aus Spelzen«, »Etwas besser als das, was man vor einer Darmspiegelung zu trinken bekommt.«)
Ich ernährte mich, mehr oder weniger, für ein langes Wochenende von der Mixtur. Viele der Hinweise, die man mir gegeben hatte, erwiesen sich als zutreffend. Soylent schmeckt besser, wenn es über Nacht im Kühlschrank war. (Ein Do-It-Yourselfer erklärte mir, das wäre, »weil die Zutaten verdicken konnten.«) Nach körperlicher Aktivität ist es attraktiver – wenn man Hunger hat, stellt man fest, dass man es wirklich begehrt. Nachteilig ist der Geruch. Am Freitag, nach einigen Stunden, hing der teigige Geruch scheinbar überall – in meinem Mund, meinem Atem, meinen Fingern und meinem Gesicht. Und der Magen braucht eine Weile, um sich an das flüssige Essen zu gewöhnen. Am Nachmittag fühlte ich mich wie ein Wasserballon auf Beinen.

So ernüchternd könnte der Sonntagsbraten der Zukunft aussehen. Überflüssig macht Soylent ihn, laut Rhinehart, schon heute

So ernüchternd könnte der Sonntagsbraten der Zukunft aussehen. Überflüssig macht Soylent ihn, laut Rhinehart, schon heute © JULIO MILES/Soylent

Von Soylent zu leben, hat aber auch seine Vorteile. Wie Rhinehart sagt, »g­leitet« man durch den Tag. Wenn es am Computer gerade läuft und der Hunger plötzlich nagt, muss man nicht unterbrechen und Mittag essen. Das Energielevel bleibt gleich. »Es gibt kein Nachmittagstief, kein Post-Burrito-Koma.« Nachmittage können genauso produktiv sein wie Vormittage.
Aber das ist auch der Nachteil von Soylent. Man fängt an zu verstehen, wie viel sich jeden Tag ums Essen dreht. Die Mahlzeiten sind wie Satzzeichen in unserem Leben: Wir sind ständig dabei, uns von ihnen zu erholen, uns darauf zu freuen, die Aufs und Abs eines guten oder schlechten Sandwichs zu verarbeiten. Mit einer Flasche Soylent auf dem Schreibtisch streckt sich die Zeit vor einem aus, eigenschaftslos und ein wenig traurig. Am Samstag wachte ich auf und nippte an einem Glas Soylent. Was jetzt? Frühstück stand außer Frage, Mittagessen genauso. Ich hatte zu tun, aber keine Lust dazu, also ging ich in ein Café. Auf dem Weg dahin kam ich an dem Bagelshop in meiner Nachbarschaft vorbei, wo jemand mein übliches Frühstück bestellte: einen Bagel mit Butter. Ich sah neidisch zu. Hungrig war ich nicht und ich wusste, dass ich das bessere Los hatte als der mit dem Bagel: Das Soylent war billiger, hatte weniger leere Kalorien und versorgte mich mit wesentlich besseren Nährstoffen. Bagel mit Butter sind gar nicht so großartig, ich sollte sie sowieso nicht essen. Aber mit Soylent begreift man, wie viel Genuss wir uns gönnen unter dem Vorwand, uns am Leben erhalten zu müssen.


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Rhinehart verbringt viel Zeit in Diskussionsforen über Soylent, um zu sehen, wie andere sein Rezept angepasst haben. Er sagt mir, dass er sich über Kritik freut, solange sie belegbar ist, und nicht »emotional«. »Wenn viele auf ein Problem draufschauen, kann das nur hilfreich sein.« Nach unserem Besuch bei dem Taco Truck begleite ich ihn zu Do-It-Yourselfern, einer Gruppe von Studenten im RickettsHouse, einem Wohnheim an der Caltech, dem California Institute of Technology. Er hat gehört, dass sie sich komplett von Soylent ernähren.

Es ist am Ende des Tages und weder Rhinehart noch ich haben irgendwelche feste Nahrung gegessen, außer dem Taco mit dem künstlichen Huhn. Aber wir sind nicht hungrig, wir haben an der Soylent-Flasche genippt, die Rhinehart in seinem Beutel mit sich trägt. Wir erreichen Caltech am frühen Abend und werden von Rachel Galimidi empfangen, einer Doktorandin in Biologie, die Wohnheimtutorin am Ricketts Dorm ist. Galimidi sagt, viele der Bewohner seien »sehr beschäftigte Ingenieurs- und Physikstudenten, die keine Zeit haben, irgendetwas zu tun« – auch nicht, um zu essen. (Die Studenten, die dort leben werden Skurves genannt, ein Wortspiel mit scurvy, Skorbut.) Seit Rhine­harts Rezept online gestellt wurde, sagt Galimidi, hätten die Skurves von nichts anderem gesprochen.

Rhinehart und ich folgen ­Galimidi in einen Patio, wo laute Musik läuft, Fahrräder liegen auf einem Haufen und ein Student schläft auf einer Couch, er erholt sich von einer durchgemachten Nacht. In einem Essbereich decken die meisten ­Skurves den Tisch und bereiten sich auf das Essen vor. In der Nähe sitzen etwa zehn Studenten an einem Tisch, umgeben von Laptops und ihren Aufgaben. Sie ignorieren den Tumult um das Abendessen: Soylent-Trinker. Mehrere von ihnen haben Wasserflaschen in der Hand, gefüllt mit beigem Schleim. Die Studenten erkennen Rhinehart, der sich an seine Nerdprominenz zu gewöhnen scheint. Sie schwärmen von seiner Erfindung. »Es macht dich für fünf Stunden voll«, sagt Alex, ein Informatikstudent. »Es ist gut für das Studium.«

Sie haben mit Do-It-Yourself-Soylent seit Beginn des Semesters experimentiert. »Es ist ein ernsthafter iterativer Entwicklungsprozess«, sagt ein Student namens Eugene, »ich habe am ersten Tag einen Fünfzig-Pfund-Sack Maismehl gekauft und hab mir gesagt: ›Kneifen gilt jetzt nicht mehr!‹« Nick, der Mathematik studiert, sagt, es sei schwer in Ricketts zu leben, wenn man kein Soylent-Trinker sei. »Ich kann mich erinnern, dass wir irgendwo hingingen und rumhingen, und die Leute erzählten nur von ihren Rezepten.«

Wochenlang sonderten ­Rhinehart und seine Gefolgsleute schweflige Gase ab

Jeder hat sein ganz persönliches Rezept. Erin, die Maschinenbau studiert, ist für ihr grünes Soylent bekannt. (Sie ­verwendet Spinat: »Ich hatte Schwierig­keiten, drei verschiedene Nährstoffe unter­zubringen. Ich sah nach, was in Spinat drin ist, und stellte fest: ›Oh Gott, das passt ja ­perfekt!‹«) Eugene ist allergisch gegen Soja, daher benutzt er eine sojafreie Variante von Bachelor Chow. Alex isst sein Soylent gern als Haferbrei. Sein Rezept ist »ziemlich normal«, wie er sagt. »Maltodextrin, Hafermehl, Olivenöl.« Rhinehart nickt zustimmend. Ich frage, ob es ihren Eltern Sorgen bereite, dass ihre Kinder sich von synthetischer Nahrung ernährten. »Ich denke eher daran«, sagt Erin, »wie beschissen ich mich ernähre, wenn ich kein Soylent esse. Es gab Wochen, in denen ich nichts außer Nudeln mit Käse gegessen habe.« Ich frage die Skurves, ob der Gebrauch von Soylent Auswirkungen auf ihr soziales Leben gehabt habe. Sie sehen ein­ander an. Erin sagt: »Nun, die erste Woche kann ziemlich schlimm sein, weil du ziemlich heftig furzen musst.« »Es ist ein großes Problem«, sagt John, ein Informatikstudent. Eugene fügt hinzu: »Eine Woche lang ging ich nicht in Vorlesungen.« (Bei meinen Experimenten mit dem Soylent-Lebensstil empfand ich das ebenfalls als großes Problem.) Am Anfang, als er die Formel online gestellt hatte, sei das Problem noch größer gewesen, stellt Rhinehart fest: Er hatte sich beim Schwefel in der Menge verschätzt. Wochenlang sonderten er und seine Gefolgsleute schweflige Gase ab. »Einmal habe ich einen Jazzclub leergemacht«, erinnert er sich nostalgisch. Nach etwa einer Woche, sagen die Studenten, hätten sich ihre Körper angepasst und das Problem sei verschwunden. Rhinehart sagt, sie hätten auch den überschüssigen Schwefel aus der Formel entfernt. »Bei genauerem Hinsehen stellten wir fest, dass wir genug Schwefel von den Aminosäuren bekamen«, sagt er. »Es war ein Bug. Aber wir haben ihn gefixt.«

In den nächsten zwei Monaten will Soylent das Produkt an alle fünfundzwanzigtausend Teilnehmer der ersten ­Crowdfunding-Runde ausliefern. Neue Bestellungen im Wert von zehntausend Dollar kommen täglich herein, und die Firma fängt an, Geld zu verdienen. Das amerikanische Militär und Raumfahrtprogramme wollen Versuche mit Soylent machen.

Rhineharts eigentliches Ziel ist aber noch anspruchsvoller: Das Unternehmen hat ein Omega-3-Öl getestet, das aus Algen statt aus Fischtran gewonnen wird. Irgendwann, hofft Rhinehart, werde er ausgeknobelt haben, wie alle Zutaten von Soylent auf so einem Weg gewonnen werden können – Kohlenhydrate, Eiweiß, Fette. »Dann werden wir keine Landwirtschaft brauchen, um Soylent herzustellen«, sagt er. Noch besser, fügt er hinzu, wäre es, einen Soylent produzierenden »Super­organismus« zu entwickeln. Einen einzelnen Stamm von Algen, die den ganzen Tag Soylent ausschütten. Dann bräuchten wir auch keine Fabriken mehr.

Rhinehart kommt nochmal auf Buckminster Fuller zurück: »Bucky hat eine sehr wichtige Vorstellung von Flüchtigkeit, die etwas von einem Geist hat – reine Energie oder Information.« Soylent produzierende Algen würden die Ernährung zu etwas in der Art machen: Es gäbe keine Kriege mehr um Ackerland, viel weniger Wettbewerb um Ressourcen. Um einem Dorf voller unterernährter Menschen zu helfen, »könnte man einfach einen Schiffscontainer abwerfen«, voll mit Soylent produzierenden Algen. »Die würden die Sonnenenergie aufnehmen und Nahrung produzieren.« Das älteste Problem der Menschheit wäre gelöst. Dann, fügt er hinzu, müssten wir lediglich das Wohnraumproblem auf der Welt lösen »und die Menschen wären frei«.
Der Traum von Soylent ist seltsam: Hier vermischen sich unsere Hoffnungen bezüglich der Ernährung mit unseren Alpträumen. Wenn man genug Zeit mit Rhinehart verbringt, kann der Traum aber anfangen, einen zu fesseln. Vielleicht hängt die Anziehungskraft davon ab, was man von dem Träumer hält.

In Ricketts fragt Rhinehart die Studenten, ob sie noch Fragen hätten. Nick fragt: »Wie findest du es, dass, wenn viele Menschen Soylent essen, Soylent zu Menschen wird?« Rhinehart grinst. »Ziemlich großartig«, sagt er. »Ich denke tatsächlich viel darüber nach.« Er breitet die Arme aus, sodass man seinen gesunden Oberkörper sehen kann. »Ich bin jetzt seit einem Jahr auf Soylent und so ziemlich alles, was du siehst ist daraus gemacht.«

The End of Food – The New Yorker

20. August 2014Von praktikant
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2 Trackbacks

  • Von Eine Ladung Links (39) | repp.cc am 31. Oktober 2014 um 14:24 Uhr veröffentlicht

    […] die Zukunft der Ernährung aus? Rob Rhi­ne­hart meint, darauf eine Antwort gefunden zu haben; ein Getränk mit dem selbstironischen Namen Soylent, das alle wichtigen Nährstoffe enthalten soll und Essen wie wir es kennen überflüssig machen […]

  • Von Das Soylent-Experiment | repp.cc am 6. November 2014 um 20:33 Uhr veröffentlicht

    […] hatte ich einen Artikel über den Nahrungsersatz “Soylent” in meinen Links. Ein Getränk, das alle nötigen Nährstoffe enthält und feste Nahrung ersetzen kann. Ich hatte […]

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