Erzähltes Leben

Piep, piep, piep – guten Appetit

Über Kinder und Essen

Eltern, insbesondere Mütter, wissen alles über Ernährung – zumindest theoretisch. Doch in der Praxis haben sie es überraschenderweise immer mit Menschen zu tun. Und da merken die Großen, dass Kleinkinder, die noch nicht einmal wissen, was Wissen ist, bereits über einen beeindruckenden Kenntnisstand verfügen. Ihr Wissen übers Essen beruht auf reiner Intuition, auf eigenen Erfahrungen und auf dem, was wir ihnen bei­bringen – und was wir ihnen tatsächlich vorleben

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Elvan ist schon vier: »Und weißt du – nach fünf kommt sechs und dann geh ich in die Schule«, erklärt der kleine Junge stolz und scheint dabei gleich ein paar Zentimeter zu wachsen. Es ist mitten in der Woche, 19?Uhr, Abendbrotzeit bei meiner Freundin Natascha Topba. Wir sitzen in ihrer gemütlichen Wohnküche in Hamburg-Eimsbüttel. Über dem schmalen Holztisch hängt eine riesige Weltkarte, auf der Hamburg und Antalya, der Geburtsort von Elvans Papa Erol, gar nicht so weit auseinanderliegen. Erol arbeitet heute Abend, er kümmert sich als Restaurantfachmann um das Wohl der Menschen. Erol lebte knapp 30 Jahre in der Türkei, bis er Natascha kennenlernte. Für sie zog der 38-Jährige von der sonnigen Mittelmeerküste in den hohen Norden. Natascha ist Grafikerin und wurde vor 39 Jahren in Elmshorn im heutigen Hamburger Speckgürtel geboren. Elvans Name bedeutet übrigens bunt.

Natascha schenkt ihrem Sohn etwas zu trinken ein. Prompt wispert Elvan ihr hinter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Leider hat er die Sache mit dem Flüstern noch nicht hundertprozentig raus, und so kann ich ihn gut verstehen: Er möchte in seinen schwarzen Tee, den er mit viel, viel Milch trinkt, Zucker haben. Natascha schmunzelt, denn sie kennt das Spiel. Mich dagegen überrascht die Geheimniskrämerei und ich hake im angemessenen Verschwörerton nach: »Warum flüsterst du denn, Elvan?« Seine Antwort ist ziemlich einleuchtend: »Weil … andere sollen das nicht hören.« »Und warum sollen andere das nicht hören?« Auch darauf antwortet Elvan schnell und überlegt, als ob er sich schon häufiger mit dieser Frage beschäftigt hat: »Weil … sonst sagen die ›Nein‹!«

Wen Elvan mit die meint, bleibt ein Rätsel. Doch der Zucker ist bereits im Becher und das Thema erledigt. Auf dem Stövchen in der Tischmitte glänzt der schwarze Tee in der gläsernen Kanne wie flüssiges Gold. Wäre Erol jetzt hier, würde er seinen Tee mit mindestens zwei gehäuften Löffeln Zucker versüßen, so wie er es aus seiner Heimat kennt. Wäre Erol hier, würde Elvan seine Mutter irgendwann ablenken: »Guck mal, Mama, da hinten fliegt ein grüner Elefant!« Seine Ablenkungsmanöver sind ausgesprochen fantasiereich. Und während Natascha angestrengt aus dem Fenster schaut, würde Erol schnell ein wenig Zucker in Elvans Becher geben. Darüber freut sich Elvan jedes Mal so diebisch, dass er sofort seine Mutter einweiht: »Mamaaa, ich hab Zucker!«

Offensichtlich weiß Elvan, dass Zucker gut schmeckt und schlecht ist. Mein Sohn weiß das nicht. Und deswegen bekommt Momme – ja, das ist sein richtiger Name und, ja, der kommt aus dem Deutschen, genauer gesagt: aus dem Friesischen – keinen Zucker. Auch nicht von Fachverkäuferinnen jedweder Branche, die großzügig und guten Gewissens einen gesunden Traubenzuckerbonbon über den Tresen reichen wollen. Behände zitiere ich dann einen gängigen Satz aus meinem Mutter-Repertoire: »Solange er noch nicht selbst ›Ja‹ sagen kann, möchten wir nichts Süßes.« Das klingt in meinen Ohren locker und entlässt mich aus der Schuld, dass ich meinem Kind nichts gönne.

Allerdings laufe ich Gefahr, dass Momme eines Tages wirklich »Ja« sagt. Und ich befürchte, es könnte jeden Tag so weit sein. Denn Momme ist 1¾ Jahre alt. Damit keine Missverständnisse aufkommen, gebe ich das Alter meines Sohnes sehr präzise an. Zwar bin ich mittlerweile entspannt genug, um auf die Angabe in Monaten oder gar Wocheneinheiten (21 Monate und 1 Woche) zu verzichten. Denn das ist für Außenstehende (insbesondere Nichteltern) sowie für Menschen, die das ausrechnen müssen (also mich), eine schwierige Angelegenheit. Und überhaupt spießig. Aber zu sagen, dass Momme zwei Jahre alt sei, wäre reichlich übertrieben. Denn schließlich kann man mit 24 Monaten bestimmt viel mehr als mit 21 Monaten. Aus demselben Grund ist aber die Altersangabe ein Jahr komplett ausgeschlossen – dazwischen liegen Lichtmonate!

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»Wir machen unser Selberrezept.« Arne ist begeistert von seiner Idee. Er schiebt das Sendung-mit-der-Maus-Kochbuch beiseite, das der Fünfjährige »sowieso noch gar nicht lesen« kann. Wir sitzen in meiner Küche. Seine Mutter Jutta Schäm ist zu Hause, sie freut sich über ihre kinderfreie Zeit und darüber, dass das Kochexperiment nicht in ihrer Küche stattfindet. Ich versuche noch mal mein Glück, blättere demonstrativ im Kochbuch und preise die gefüllten Paprika an, denn für exakt dieses Rezept habe ich alle Zutaten eingekauft: rote, gelbe und orangene Paprika, Reis und Hackfleisch. »Nein, wir brauchen das Kochbuch auf keinen Fall. Wir brauchen Zucker! Was hast du noch?«

Arne ist ein lebendiger Junge – manche würden ihn wohl als laut bezeichnen. Vielleicht klingt seine helle Stimme deswegen immer etwas heiser. Sie ist ein Merkmal für seine Energie. Gemeinsam durchforsten wir unsere Vorräte. »Hast du Kartoffeln? Und Möhren?« Arne hat klare Vorstellungen, die ich zum Glück erfüllen kann. Im Kühlschrank finde ich außerdem ein Stück Ingwer. Arne riecht daran: »Nein, brauch ich nicht.« Stattdessen greift er zu den braunen Vollkornspaghetti. Jetzt haben wir alles für unsere Eigenkreation beisammen.

Um ehrlich zu sein, Momme kann durchaus schon »Ja« sagen. Sogar mit glückseliger Begeisterung: »Jaaaaaa!« schreit er, wenn ich ihn frage, ob wir Nudeln essen wollen. Das ist total niedlich, und deswegen gibt’s bei uns fast jeden Tag »Nuuneln«. Naja, und weil das Kind im Moment auch nicht viel anderes isst. Das ist eben wieder so eine Phase.

Bis vor Kurzem aß Momme tatsächlich alles. Von den Pflaumen im Speckmantel, die er sich bei einer Büroeröffnung selbst vom Buffet angelte und mit Genuss zerlutschte, über Rosen- und Rotkohl bis zu den Königsberger Klopsen mit Kapern bei seiner Oma – was man Momme mundgerecht servierte, wurde mit Freude komplett verspeist. Ich klopfte mir voller Stolz auf meine Mutterschulter, weil ich davon ausging, dass Momme zu dem geworden war, was man landläufig als guten Esser bezeichnet – was gesund und kräftig impliziert. Ich ging davon aus, dass wir nie mehr Probleme mit der Nahrungsaufnahme haben würden. Mittlerweile verstehe ich, was andere Eltern meinen, wenn sie »nur so eine Phase« murmeln, sobald es keine nachvollziehbaren Gründe für das Verhalten ihrer Kinder gibt.

»Ich wollt nur EINEN!«, herrscht Elvan seine Mutter an. Natascha hat es gut gemeint, als Elvan nach einem Bonbon fragte, und ihm gleich zwei in die Hand gedrückt. Verblüfft legt sie den zweiten Bonbon zurück in die Tüte. Neulich hatte Elvans Oma ihm eine Rolle Kaubonbons geschenkt. Er nahm exakt ein Dragee aus der Packung und versteckte die restlichen Bonbons in seinem Kinderzimmerschrank. »Jeden Tag ess ich einen«, erklärte er seiner Mutter und wirkte dabei unglaublich erwachsen. Erst nach 14 Tagen war die Packung leer.

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Mommes erste Begegnung mit einem Käsekuchen hinterließ nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck. Er war etwa 14 Monate alt und wir waren zum Kaffeetrinken eingeladen. Während Oma und ihre Freundin nach einem Stück pappsatt waren, schaufelte Momme zufrieden sein zweites Stück in den kleinen Mund.

Eine Zeit lang aß Momme allein zum Frühstück so viel wie manche meiner Freundinnen den ganzen Tag über: eine große Schale Haferbrei, selbstverständlich mit fetter (3,8?%) Bio-Vollmilch gekocht, dazu einen kleinen Bio-Apfel, in griffige Schnitze zerteilt, danach ein hart (wegen Salmonellengefahr!) gekochtes Bio-Ei, ein Bio-Vollkorntoast mit Bio-Frischkäse und gern noch eins mit Marmelade, aber nur hauchdünn bestrichen – das muss dann kein Bio sein.

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Kleine Kinder haben ein gesundes Bauchgefühl: Sie essen, was sie gerade brauchen. Eltern sollten ebenfalls ihrem Bauchgefühl trauen. Deswegen habe ich intuitiv einen Kurs belegt: Vom ersten Brei zur Familienkost. Hier lerne ich, dass man Karotten und Kartoffeln ganz einfach selbst stampfen kann, dass zurzeit Rapsöl das favorisierte Fett für Kleinkinderkost ist, dass gemahlenes Getreide gesünder ist und vor allem günstiger als Instant-Babybrei und dass 100 Gramm Hirse mehr als viermal so viel Eisen enthält wie 100 Gramm Rindfleisch. Außerdem erfahre ich, dass zu viel Milch den Stoffwechsel belasten kann – ein Glas Milch und eine Scheibe Käse pro Tag reichen, um den Calciumbedarf eines Schulkindes zu decken. Zu guter Letzt weist unsere patente Referentin mit einem Augenzwinkern darauf hin, dass es beim Essen ständig neue Heilslehren gibt und dass man Ernährung an sich nicht zu verbissen sehen sollte. Am besten vertraue man seinem Bauchgefühl.

»Papi, warum isst du kein Schweinefleisch? Bist du dagegen allergisch, so wie Mami gegen Fisch?« Natascha hat eine schwere Fischallergie. Erol ist ein gläubiger Moslem. »Nein, ich ess kein Schweinefleisch, weil mein Gott sagt, dass das nicht gut ist«, erklärt Erol. »Und, Mami, was sagt dein Gott dazu?« Nataschas Gott hat keine Meinung dazu, denn sie hat keinen. »Und ich?« fragt Elvan. Er darf essen, was er will. »Das kannst du dir später überlegen«, antwortet Natascha.

»Darf Momme Hackfleisch essen?« fragt Arne mich. »Momme darf alles essen«, gebe ich generös zur Antwort. »Marten nicht! Dann bekommt er Ausschlag.« Marten ist Arnes kleiner Bruder. Der 1½-Jährige verträgt in erster Linie keine Milch. Da aber in sehr vielen Nahrungsmitteln Milch beziehungsweise Milcheiweiß vorhanden ist, nimmt Familie Schäm beim Essen darauf besondere Rücksicht. Als Kleinkind hatte Arne selbst eine Milchallergie. Dank Ziegenmilch und konsequenter Diät hat sie sich aber im Laufe der Zeit verflüchtigt.

Stichwort Laktoseintoleranz: Verstärkt durch meine feinen Sinnesorgane Auge und Nase, fragt sich mein unbeirrbares Bauchgefühl immer wieder, ob Momme daran leidet. Denn wenn das Kind Milch in flüssiger Form zu sich nimmt, fließt diese schnell durch seinen Körper, wechselt ihren Aggregatzustand nicht und bleibt bis zum Schluss flüssig. Ich weiß das so genau, weil ich nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende von Mommes Nahrungskette stehe, wenn ich ihn wickele. Diese alltägliche Beobachtung lässt mich ohne Weiteres an ein erhöhtes Gefahrenpotenzial von Milch glauben.

Das Einzige, was meiner hieb- und stichfesten Theorie widerspricht, ist das Bauchgefühl meines Sohnes: Momme mag Milch in Massen, nicht in Maßen. Das heißt dann wohl, dass er das tierische Eiweiß braucht – für die Knochen. Eines seiner ersten verständlichen Worte war »Ohku« – hochdeutsch: Joghurt. Ohku geht immer. Immer bedeutet in diesem Fall, wenn die Mutter Sorge hat, das Kind könnte verhungern, weil es beispielsweise zum Abendbrot nichts gegessen hat. Außerdem drückt Momme seine Finger ungeniert in die »Bud-dha« (Butter) und leckt sie genüsslich ab. Er ordert auch gerne »Keehke« (Käse), was elternseits zu fatalen Verwechslungen führen kann, denn manchmal möchte er bloß »keehke« (trinken) oder gar »Keehke« (Kekse).

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»Ich brate das Hackfleisch.« Arne ist ganz Feuer und Flamme, denn jetzt darf er in der größten Gefahrenzone der Küche arbeiten. Ich schiebe ihm einen Tritt vor den Herd, damit er eine bessere Übersicht über die Pfanne bekommt. Er zerlegt den massiven Fleischklumpen mit Kochlöffel und Elan. Auf Öl verzichtet er, obwohl ich ihn altklug darauf hinweise, dass das Fleisch festklebt und anbrennt. Dagegen wird mein zweiter Vorschlag sofort angenommen: »Würzen? Das mach ich!«

Wir stehen vor unserer Gewürzschublade. Arne hält seine Nase in verschiedene Gläser und fragt hier und da nach: »Was ist das?« Bei Paprika verzieht er sein Gesicht. Bei Thymian diagnostiziert er: »Wie Tee.« Der Vergleich wundert mich, aber Arne hat recht: In vielen Hustentees ist das schleimlösende Kraut ein Hauptbestandteil. Bei den kleinen Chilischoten erkläre ich, dass sie ganz scharf schmecken. »Ich mag kein ›ganz scharf‹.« Arne stellt das Glas zurück und greift zum Zimt. Seine Augen leuchten. Der Fund hat genau die richtige Note fürs Hack. Ein Gefühl wie Weihnachten.

Jetzt brennt das Hackfleisch an. Arne erkennt sofort den Ernst der Lage: »Wir müssen Öl druntermachen!« Nach der erfolgreichen Rettungs­aktion bestätigt er sich selbstbewusst in seiner neuen Rolle: »Ich bin der Küchenchef.« Euphorisch schwenkt er den Zimtstreuer über dem Hack hin und her. Ich versuche, die Dosis im genießbaren Rahmen zu halten. Dann rührt Arne weiter in der Pfanne herum, was ziemlich schnell langweilig wird, denn offensichtlich passiert beim Braten gar nicht so viel, wie die reizvolle Vorsicht verspricht, die die Erwachsenen stets anmahnen.

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Angeblich sollen Kinder bis zu 30-mal etwas probieren, bis es ihnen schmeckt. Bei Momme und den Kiwis ging das erheblich schneller. Zunächst spuckte er die grünen, glibbrigen Obststücke gleich wieder aus und schüttelte sich. Dann sagte ich, dass Kiwis sauer schmecken. Das schien ihm als Erklärung zu genügen: »Aua«, sagte er, strahlte mich an – und aß sein erstes Stück Kiwi. Jetzt mag er die haarigen Früchtchen richtig gern. Leider funktioniert dieser didaktische Ansatz nicht bei jedem Lebensmittel. Fisch haben wir wahrscheinlich erst 28-mal probiert. Aber auch Weintrauben haben nur eine 50:50-Chance, von Momme gegessen zu werden. Manchmal bleiben sie im Kind, manchmal kleben sie augenblicklich am Kinn.

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»Muschmulla, Musch-Schnuller, Musch­mulla«, singt Elvan vor sich hin. »Musch­mulla« ist das türkische Wort für Mispel. Das klingt doch viel schöner als der deutsche Name – und genauso weich und saftig, wie die gelblichen Früchte anmuten, die bei den Topbas auf dem Abendbrottisch stehen. Ich habe noch nie eine Mispel gegessen. Also frage ich Elvan, wie Muschmulla denn schmecke. Doch ich kriege keine Antwort, sondern sofort den Teller vor die Nase gehalten – samt freudestrahlender Aufforderung: »Probier einmal!« Das kann nur bedeuten, dass die Mispeln Elvan auf jeden Fall richtig gut schmecken.

Vielleicht mag Elvan »Muschmulla« auch deshalb so gern, weil er das »sch« darin perfekt beherrscht. Das war bis vor Kurzem noch nicht abzusehen, und so besuchte er einmal in der Woche eine Logopädin. Ein außerordentlich wichtiger Termin in Elvans Kalender – denn wann kommt es sonst vor, dass sich ein Erwachsener (Eltern zählen nicht dazu!) eine dreiviertel Stunde lang nur mit ihm beschäftigt und man außerdem noch prickelnde Experimente machen kann. Zum Beispiel, um den Schlafplatz der Zunge genauer zu orten. Dazu tupft die Logopädin mit einem Wattestäbchen etwas Brausepulver in Elvans Mund, damit er spürt, wo sich die Zunge beim sch-Sagen ausruhen kann.

Bei meiner Recherche zu diesem Artikel erfuhr ich, dass Essen und Trinken das Sprechen-Lernen nachhaltig unterstützt. Spaghetti aufsaugen, Kaugummi kauen, mit dem Strohhalm trinken – alles, was Kindern besonderen Spaß macht, fördert die Aussprache. So erklärte mir Grit Feller, Leiterin der Johanniter-Kindertagesstätte in Quickborn-Heide, dass »eine gute Kaumuskulatur ein wesentlicher Faktor für eine gute Mund- und Gesichtsmotorik ist – und dann weitergehend für den Spracherwerb. Eisessen zum Beispiel ist ein hervorragendes Mittel zum Training des Mundschlusses. Wenn man nach links und rechts schleckt, kräftigt das die Zungenmuskulatur. Oder dagegen anzulecken, dass das Eis nicht herunterläuft, und all diese Sachen …«

Eine Offenbarung! Spracherwerb – das wollen wir auch. Je früher, desto besser. Deshalb radle ich nach Verkündigung der frohen Botschaft umgehend mit Momme zur Eisdiele meines Vertrauens. Und siehe da, Momme lutscht, leckt und schleckt an seiner ersten Kugel in der Waffel, schon ganz wie ein Großer. Nur nicht so zügig, aber da hilft Mama gerne aus. Außerdem können wir das Ganze von nun an täglich üben – aus rein pädagogischen Gründen, versteht sich. Als wir unser Eis tauschen – Mama bekommt Vanille, Momme Buttermilch-Erdbeer –, gefällt ihm die fettarme Geschmacksvariante sogar noch viel besser. Was für ein Tag!

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Wie schon erwähnt, ist Mommes Geschmack im Moment eher einseitig, oder besser gesagt: Der Geschmack ist nicht so entscheidend wie die Machart. Mommes Lieblingszubereitung lautet nämlich gerade selbstgemacht. Bei Getränken ist Momme deshalb nicht wählerisch. Er trinkt alles, was sich in einem Behältnis mit Schraubverschluss befindet: Mineralwasser (auch mit Kohlensäure), Milch und jede Art von Saft. Hauptsache, Momme darf (mit Mamas Unterstützung) selbst aufschrauben, selbst eingießen, den Deckel selbst wieder auf die Flasche setzen und selbst zuschrauben. Ebensolcher Beliebtheit erfreuen sich lauwarme Heißgetränke, die Momme umrührt, bis sie komplett kalt sind.

Beim Essen liegt nach wie vor Joghurt ganz weit vorn, denn der hat auch für die Feinmotorik einiges zu bieten: Momme kann den Deckel mehr oder minder allein abziehen. Er kann den Joghurt mit dem Löffel auf den Teller klecksen oder aber in die Untiefen des Bechers abtauchen und den Joghurt direkt in den Mund schaufeln. Und zum Schluss kann Momme den Becher mit dem Löffel sauber auskratzen. Ansonsten bevorzugt er alle Speisen, die er mit der Gabel aufspießen kann, wie zum Beispiel die bereits erwähnten Nuuneln, am besten in Form von Schmetterlingen.

Mommes Lieblingsfrucht ist Nane, denn die dicke Schale der krummen Dinger lässt sich wunderbar leicht abziehen und danach hat die weiche Obstwurst auch noch so tolle Fäden, die man einen nach dem anderen abfummeln kann. Natürlich weiß ich als Mutter im Informationszeitalter, dass Bananen überhaupt nicht gesund sind: Sie werden unreif verschickt, sodass sie noch grün hinter den Ohren bei uns auf den Markt kommen. Sind sie allerdings zu reif, enthalten sie AL-KO-HOL! Ein Wort, das bei mir die Alarmglocken läuten lässt. Das Internet bestätigt mir, dass Bananen, die zehn Tage reifen, etwa 0,6 Prozent Alkohol enthalten. Überhaupt ist das bisschen Kalium nichts im Vergleich zu den geballten Kohlen­hydraten, die verstopfen und dick machen, außerdem klebt der zerkaute Bananenschleim hinterhältig an den Zähnchen und verursacht Karies. Ich versuche deshalb, Mommes Konsum auf eine Banane pro Tag zu beschränken. Aber die Sorge vor dem plötzlichen Hungertod macht mir oft einen Strich durch die Rechnung. Da lobe ich mir die Butterbrote, die Momme unter meiner Aufsicht mit dem Messer selbst schmiert und manchmal sogar selber isst.

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Wie es um die Feinmotorik eines Fünfjährigen bestellt ist, kann ich noch nicht beurteilen. Deshalb verlasse ich mich voll auf Arnes Bauchgefühl, als wir das Gemüse zerkleinern. Arne greift sich drei Möhren und schält sie mit dem Sparschäler. Dann legt er sie aufs Brett, zerlegt sie mit dem Messer und wird dabei immer ausgelassener. Der Abstand von der Klinge zum Brett vergrößert sich zunehmend. Schließlich streckt er den Arm sogar über den Kopf, bevor er mit Schwung auf die Möhre einhackt und etwa drei Zentimeter lange Stücke abtrennt. Doch alle Finger bleiben dran.

Zwischendurch schaue ich aufs Hack. »Wenn es fertig ist, sag es mir«, lässt mich der Küchenchef wissen, der gerade einer Paprika den Hut abschneidet. Dann fällt Arne ein, dass wir unbedingt noch Käse brauchen. Wir finden ein Stück Gouda, das Arne mit der Reibe kunstvoll in ein Haus mit Satteldach verwandelt.

Nach gut zwei Stunden steht unser »Selberrezept« in vier Schüsseln verteilt auf dem Tisch: Spaghetti, Hackfleisch, Gemüsesauce und Reibekäse. Das Hackfleisch mit der orientalischen Note kommt auch bei Momme und den zwei Vätern sehr gut an. Dagegen verzichtet Arne von vornherein auf die Sauce. Vielleicht liegt es daran, dass ich ohne die Zustimmung des Küchenchefs passierte Tomaten zum Gemüse hinzugefügt habe. Vielleicht liegt es aber auch an seiner Essweise, denn Arne greift mitten rein in die Spaghetti, zieht sie mit beiden Händen stramm, beißt mittig in die gespannten Nudeln und saugt sie dann genüsslich in den Mund. Mit Sauce wäre das ganz klar zu schmierig.

Momme greift ebenfalls beherzt mit beiden Händen in das Nudelknäuel auf seinem Teller. Das ist wieder so eine Phase – seine Tischmanieren entwickeln sich zurzeit rückläufig. Momme konnte schon mit einem Jahr ganz alleine mit dem Löffel essen, egal ob Milchbrei oder zerdrückte Kartoffel. War das Essen nur ausreichend fest und klebrig, sodass es eine gute Haftung am Löffel hatte, gelangte es treffsicher und kleckerfrei in Mommes Mund. Sogar als Momme noch gefüttert wurde, verblüffte er uns mit seinem salonfähigen Benehmen: Er hasste es, wenn sich sein Vater beim Füttern mit dem Ellenbogen aufstützte und schob ihn immer wieder rigoros vom Tisch.

Aber die nächste Phase kommt bestimmt. Und ich weiß inzwischen zwei Dinge ganz sicher: Kinder lernen beim Essen eine ganze Menge fürs Leben – und Eltern lernen dabei genauso viel durch ihre Kinder. Ich bin gespannt, wann Momme genug Eis gegessen hat, um so knifflige Fragen zu stellen wie Elvan: »Auch wenn ich Milch oder ganz roten Saft trink, pinkel ich immer gelb. Wieso?«

Text: May Solga
Illustrationen: Jeanne Kind

aus Effilee #7, November/Dezember 2009

29. Oktober 2009Von May Solga
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