Erzähltes Leben

Mini-Grill, St. Pauli

Sonnenstudio des kleinen Mannes

Text: Alexander Kasbohm Foto: Andrea Thode

Zu uns kommt jeder. Multi­millionäre, Putzfrauen, Nutten, Ganoven, Schauspieler …

Zu uns kommt jeder. Multi­millionäre, Putzfrauen, Nutten, Ganoven, Schauspieler …


Der Mini-Grill sieht exakt so aus, wie man sich einen Grillimbiss vorstellt. Im Fenster zur Straße hin rotiert das Geflügel langsam, hinter der Tür ein Tresen, der den schmalen, länglichen Raum in zwei noch schmalere und länglichere Bereiche unterteilt – links für Personal und das werdende Essen, rechts Platz für eine Handvoll hungriger Hamburger. Etwa zweihundert Meter von der Reeperbahn entfernt, der rechte Nachbar ist ein Juwelier, vor dem Imbiss ein paar Tische und Stühle. Der Mini-Grill wirkt wie aus der Zeit gefallen. Sankt Pauli hat sich in den letzten Jahrzehnten mehrfach vollkommen geändert, von Sünde und Musik in den Sechzigern über Verbrechen und Dreck in den Achtzigern und die Clubszene der Neunzigern zum aufgewerteten Viertel heute, mit allen Vor- und Nachteilen. Der Mini-Grill ist seit über vierzig Jahren eine wohltuende Konstante. Kein Ort für Experimente: Hier gibt es Hähnchen, Pommes, Schaschlik oder Salat. Vor dem Whiteboard mit aktuellen Angeboten sprudelt ein Getränkeautomat, daneben steht eine Kaffeemaschine. Kein sprotzender Espressoautomat, sondern so ein Ding, bei dem Wasser in einen Kaffeefilter tropft. So was hat heute ja schon fast Seltenheitswert. Hinter dem Tresen steht Heike Carstensen, auch sie eine wohltuende Konstante. Sie arbeitet seit siebenundzwanzig Jahren hier und somit schon bevor der heutige Besitzer Peter Luellemann den Laden 1990 übernommen hat. »Das Programm hat sich seit ich hier bin nicht wesentlich geändert.« Noch ist es leer an diesem Dienstagvormittag kurz nach Ladenöffnung um 11 Uhr. Heikes Arbeitstag fängt um 10 Uhr an, dann sind die ersten Spieße pünktlich zur Ladenöffnung fertig.
An den Wänden hängen Bilder und Speisekarten, die der berühmte Kiez-Maler Erwin Ross – zu Lebzeiten selbst ein Stammkunde – mal für den Laden gemacht hat. Seine typischen Pin-ups, wie sie auch den Eingang der berühmten Ritze an der Reeperbahn zieren. Die Originale hängen bei Peter Luellemann zu Hause und sind entschieden zu wertvoll, um tagein, tagaus im Frittierfett zu hängen. Heike ist auch wertvoll, aber ihr scheint das Mikroklima des Mini-Grills nicht zu schaden. Als sie hier angefangen hat, war sie vierzig Jahre alt, erzählt sie. Ich überschlage kurz im Kopf. »Nee, das kann nicht sein, dann wärst du jetzt ja siebenundsechzig!« Heike lächelt. »Das macht das Fett hier in der Luft, das hält jung, da kannst du keine Falten kriegen.“
»Guten Morgen, Heike!«
– gerade hat sich der erste Kunde des Tages an den Tresen gestellt. Viele Kunden sind treue Seelen, die schon seit Jahrzehnten herkommen. »Zu uns kommt eigentlich jeder. Multimillionäre, Putzfrauen, Nutten, Ganoven, Schauspieler, Büroangestellte. Die wissen, dass sie hier gutes Essen bekommen und in Ruhe gelassen werden.«
Vor allem, wissen die Kunden auch, was sie hier bekommen: saftiges Hähnchen, gute Pommes, leckeres Schaschlik und Salate nach Großmutters Rezepten. Und das ist kein Spruch: Die Salatrezepte stammen tatsächlich aus dem handschriftlich in alter deutscher Schrift verfassten Kochbuch von Peter Luellemanns Urgroßmutter.
Ein großer, massiger Mann mit Sonnenbrille betritt den Laden. Ein Typ, mit dem man sich nicht anlegen möchte. Er kommt zielstrebig auf mich zu. »Wir hatten telefoniert?« Er nimmt seine Brille ab und wendet sich an Heike, die gerade einen Korb Pommes ins brodelnde Fett hängt: »Na? Hast du schon alles erzählt?« In den Achtzigern hat Peter Luellemann in den USA gearbeitet und dabei richtig viel Geld verdient. Als er zurück in Hamburg war, hat er sich überlegt, wie er das am besten investieren kann. »Ich habe immer gerne gekocht und auch gerne gegessen. Wie man sieht.« Er tätschelt mit beiden Händen seinen Bauch. »Zu der Zeit stand der Laden hier zum Verkauf, weil der Vorbesitzer aufhören wollte. Ein etablierter Laden in einer belebten Gegend ist eine gute Sache. Hunger haben die Leute immer.« Aber im Mini-Grill geht es nicht nur um den Hunger, sondern vor allem auch um Qualität. »Man kann leckeres Essen mit einfachsten Mitteln machen. Dieser ganze Sushi-Mushi-Hutschi-Gucci-Kram, den du heute überall hast, ist irre teuer. Und satt bist du dann auch nicht.« Er winkt vage in die Gegend hinter seinem Laden. »Natürlich wäre es billiger, wenn wir für den Salat Eimerware benutzen würden. Aber den Unterschied schmeckt man auch. Wir haben auch von Anfang an nur frei laufende Hühner verwendet. Also nicht ›bio‹, aber ›ordentlich großgezogen‹. Ich würde niemals Käfighühner verkaufen. Käfighühner haben fettes, gelbes, wabbeliges Fleisch. Das willst du nicht essen.“
Wir trinken einen Kaffee. »Ich war neulich am Flughafen in so einem Starbucks und wollte einen Kaffee mit Milch und Zucker trinken«
, erzählt Peter Luellemann. »Da werde ich dann erst mal gefragt, ob ich einen Cappuccino oder eine Latte haben will oder weißnichwas. So’n Quatsch! Ich will ’nen Kaffee mit Milch, verdammt!« Er lässt die Hände auf den Tresen fallen. »Und am Ende zahl ich dann fünf dreißig für so ’nen ollen, abgefuckten Kaffee!« Er nimmt einen Schluck aus dem Becher. »Hier bekommst du einen anständigen Filterkaffee, für einen Euro. Und? Schmeckt doch, oder?“
Eine drahtige, energische Dame stellt sich an den Tresen und bestellt ein halbes Hähnchen mit Pommes. Sie hört unserem Gespräch kurz zu und sagt: »Hervorragender Imbiss. Ich komme seit 1978 immer aus Pinneberg hierher, wegen der guten Hähnchen. Das ist kein Müll hier. Man kann ja nicht immer nur von Fastfood leben, da muss ja auch mal ab und zu was Vernünftiges rein …«

Mini-Grill
Clemens-Schultz-Straße 79
20359 Hamburg

20. Januar 2014Von Dirk Müller
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