Erzähltes Leben Geschichten

Essen im Dunkeln

Für die meisten von uns ist eine Mahlzeit in völliger Finsternis ein reizvolles Abenteuer, ein Experiment, um den dominanten Sehsinn auszuschalten und sich aufs Schmecken, Riechen, Hören und Fühlen einzulassen. Aber was, wenn man die Augen nicht wieder öffnen kann? Schmeckt das Essen anders, wenn man blind ist? Wie kauft man ein?
Und vor allem: Kann man überhaupt noch kochen?

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Heiko Kunert arbeitet als Pressereferent für den Hamburger Blindenverein

Alles ist hell und lichtdurchflutet – die breiten Korridore, das großzügige Treppenhaus, der gläserne Fahrstuhl. Kaum zu glauben, dass es in diesem Haus nicht um das Licht geht, sondern um die Dunkelheit. Auf den ersten Blick wirkt alles ziemlich normal, abgesehen von den Geländern, die sich in Armhöhe an den Wänden entlangziehen. Dann fallen die vielen kleinen Punkte der Brailleschrift ins Auge, die sämtliche Schilder und Hinweistafeln überziehen. Für mich sind sie nur ein verwirrendes Muster aus kleinen Knubbeln, doch für die meisten Besucher dieses Gebäudes ergeben sie lesbare Buchstaben. Ich befinde mich im Louis-Braille-Center, dem Sitz des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg.
Im Treppenhaus kommt mir Heiko Kunert bereits entgegen.
»Guten Tag«, sage ich, etwas unsicher, ob er die Hilfe meiner Stimme benötigt, um mich zu orten.
Zielstrebig geht er auf mich zu und reicht mir die Hand. Er trägt Jeans, Hemd und eine schwarze Sonnenbrille, die auf der Straße problemlos als Modeaccessoire durchgehen würde. Sein Händedruck ist fest und sicher. Nein, denke ich, er hätte meinen Standort auch ohne die Stimme erkannt.

»Kommen Sie«, sagt er und führt mich in sein Büro. Er geht nicht langsamer als ein Sehender. Mit einer Hand streift er flüchtig über das Geländer im Korridor und über die Brailleschrift auf dem Schild neben seinem Zimmer. Seine Bewegungen wirken elegant, mehr wie eine behutsame Liebkosung als wie suchendes Tasten.
Kunert arbeitet als Pressereferent für den Hamburger Blindenverein. Er ist Mitte 30, und wenn er am Schreibtisch hinter seinem PC sitzt, lässt nichts darauf schließen, dass er nicht sehen kann. Nur die Haltung seines Kopfes deutet manchmal darauf hin, dass er die Ohren statt der Augen benutzt. Sein Computer ist mit Sprachausgabe und einer Braillezeile an der Tastatur ausgestattet, die ihn erfühlen lässt, was in der entsprechenden Bildschirmzeile steht.
Kunert gehört zu einer Minderheit, die von den Sehenden meistens kaum wahrgenommen wird. Rund 150 000 Menschen in Deutschland sind blind – das heißt, sie haben höchstens 2 Prozent der normalen Sehfähigkeit. Größer ist die Gruppe der Sehbehinderten, derjenigen, die über höchstens 30 Prozent der normalen Sehfähigkeit verfügen und ebenfalls stark beeinträchtigt sind. Schätzungen gehen von einer halben bis 1,2 Millionen aus.
»Es ist erstaunlich, dass es dazu keine statistischen Erhebungen gibt.« Kunerts feingeschnittener Mund verzieht sich zu einem ironischen Lächeln. »Wo in Deutschland doch sonst alles erfasst wird.«

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Bei der Mehrzahl der Blinden handelt es sich um Senioren, denn Blindheit entsteht oft durch Alterserkrankungen wie Grüner Star, Makuladegeneration oder Dia­betes. Kunert dagegen erblindete bereits in seinem siebten Lebensjahr. Er besuchte ein Internat für blinde und sehbehinderte Kinder, studierte Politik und fand anschließend einen Arbeitsplatz beim Blindenverein. Ein solcher Lebensweg ist keineswegs die Regel – nur jeder dritte Blinde findet einen Job, oft sind die Vorurteile auf Seiten der Sehenden groß.
»Es ist sehr unterschiedlich, was ein Erblindeter lernen kann oder will. Geburtsblinde kennen die Welt nicht anders. Das kann durchaus ein Vorteil sein. Im Alter ist es viel schwerer, blindenspezifische Techniken zu lernen.«
Je später die Erblindung eintritt, desto seltener lernen die Betroffenen zum Beispiel die Brailleschrift, die heute gängigste Variante der Punktschrift, die 1825 von dem blinden französischen Schüler Louis Braille entwickelt wurde. Um die Buchstaben, die jeweils aus ein bis sechs Punkten bestehen, erfühlen zu können, ist ein guter Tastsinn notwendig. Bei alten Menschen sind die Fingerkuppen oft schon zu rau, um das feine Punktmuster zu entziffern.
Und das Kochen? »Es ist nicht so spektakulär anders, wie Sehende meinen. Unter den Blinden gibt es genauso Kochmuffel wie Kochbegeisterte. Es gibt eine Reihe von Hilfsmitteln, sprechende Waagen zum Beispiel, aber es sind nicht so viele, wie man denkt. Dinge wie sprechende Mikrowellen braucht man eigentlich nicht, weil man die Programme mit Punkten markieren kann. Blinde verbrennen sich auch nicht so oft die Finger, wie Sehende annehmen. Auf einem klassischen E-Herd kann man zum Beispiel mit dem Kochlöffel tasten, wo die Platte ist. Man muss sich stärker konzentrieren als ein Sehender, aber wenn man gerne kocht, macht man das halt.«
Auch wenn es nicht spektakulär anders ist, ist es ein sensibler Bereich, wie vieles, was mit der Kommunikation zwischen Blinden und Sehenden zusammenhängt: Im Verein findet sich niemand, der mich zu einem gemeinsamen Kochen in der eigenen Küche treffen mag. Auch Kunert lehnt höflich ab – er habe keine Zeit dafür.
»Unter der Woche komme ich sowieso kaum zum Kochen. Am Wochenende koche ich oft, manchmal auch zusammen mit meiner Freundin. Sie kann sehen. Ich benutze dabei nur wenig Hilfsmittel. Ich habe einen Messbecher zum Fühlen, bei dem ich die Skala ertasten kann. Praktisch ist auch ein Porzellanplättchen, um Milch zu kochen. Bei Wasser kann ich hören, wenn es kocht. Milch hört man erst, wenn sie überkocht. Deshalb lege ich das Porzellanplättchen in den Milchtopf: es rattert, wenn die Milch kocht. Der Abwasch ist ebenfalls kein großes Problem – man fühlt, ob das Geschirr sauber ist. Der Rest ist Technik. Zum Schneiden gibt es zum Beispiel die sogenannte Brückentechnik.« Er demonstriert sie auf seinem Schreibtisch: Eine Hand führt das Messer, Zeigefinger und Daumen der anderen Hand werden wie eine Brücke über die Klinge gehalten, damit man weiß, wo die Schneide sich befindet. »Hilfreich ist es, eine gewisse Ordnung zu halten und alle Zutaten und Hilfsmittel vor dem Kochen bereitzustellen, weil es zu lange dauert, wenn man zwischendurch etwas suchen muss. Aber bei Blinden ist es nicht so ordentlich, wie das Klischee meint.« Er grinst.
Wie viele Blinde möchte Kunert nicht bedauert werden. »Euer Mitleid kotzt mich an«, platzt es in einem Beitrag auf seinem Blog blindpr.com aus ihm heraus, als er schildert, wie es sich anfühlt, ständig Vorurteilen und wohlgemeinten, aber überflüssigen Mitleidsbekundungen ausgesetzt zu sein. Viel wichtiger ist für ihn, von den Sehenden ganz normal behandelt zu werden und sein Leben selbständig führen zu können. »Jedem Blinden tut es gut, sich mit anderen Blinden auszutauschen, aber die Integration in die Community der Sehenden ist wichtig.«

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Im Ausstellungsraum des Blindenvereins zeigt er mir eine ganze Reihe von Hilfsmitteln. In den Schaukästen gibt es blindengerechte Telefone, sprechende Uhren und Thermometer, Farberkennungsgeräte, Markierungspunkte zum Aufkleben, eine Schreibmaschine, die Brailleschrift ausgibt, und auch einige Gegenstände für die Küche: sprechende Waagen, Besteck mit großzügigen Formen, die sich leicht ertasten lassen und tiefe Teller. Daneben liegt ein Backbuch mit Ringbindung, geschrieben in Brailleschrift. »Es gibt eine ganze Reihe von Kochbüchern für Blinde«, erzählt Kunert. »Im Vergleich zum Markt der Sehenden sind es natürlich verschwindend wenige, aber immerhin wird die ganze Spannweite der Küche abgedeckt, von Europa bis nach Asien. Etliche dieser Bücher werden nur zum Hören produziert, im DAISY-Format.« DAISY steht für Digital Accessible Information System. Das Format ermöglicht es, mit dem zugehörigen Player in der CD hierarchisch strukturiert zu navigieren wie in einem Buch. Auch die Sprechgeschwindigkeit lässt sich nach Belieben einstellen – viele Blinde haben ihren Hörsinn so gut geschult, dass sie selbst bei einem Sprechtempo noch folgen können, das für Sehende nur Lautsalat ergibt. »Wer Rezepte sucht, hat außerdem im Internet eine große Auswahl.«
Also ist alles ganz simpel? Schnitzel, Pasta, Braten, Salat, Kuchen, alles kein Problem?
Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Schon der Einkauf stellt eine Herausforderung dar. »Es ist schwierig, alleine in einen Supermarkt zu gehen. In einem kleineren Markt kann man zwar lernen, wo die Sachen stehen – aber dann wird wieder einmal umgebaut. Und fast immer gibt es einen Punkt, an dem man Hilfe braucht. Welche Suppe ist in der Konservendose? Ist es überhaupt Suppe? Märkte wie Edeka haben eine gute Personaldichte, da kann man die Mitarbeiter um Hilfe bitten. Sie gehen mit einem durch den Laden und packen ein, was man braucht. Dann muss man allerdings vorher genau wissen, was man haben möchte.« Ein technisches Hilfsmittel ist der Einkaufsfuchs, den es inzwischen auch als App fürs iPhone gibt. Er kann Barcodes lesen und so das Produkt erkennen. »Aber dazu muss man erst einmal den Barcode auf der Verpackung finden.«
Viele Blinde kaufen notgedrungen gemeinsam mit Sehenden ein oder lassen sich von ihnen Lebensmittel nach Hause bringen. »Manche gehen auch in kleine Feinkostläden, wo noch am Tresen bedient wird. Eine gute Alternative ist die Bestellung im Internet. Da kann ich in Ruhe nach Angeboten stöbern und das Sortiment durchgehen. Ich bestelle mir zum Beispiel regelmäßig eine Kiste mit Bio-Obst, die mir vor die Tür geliefert wird.«
Auch das Kochen ohne Sehsinn bleibt trotz der vorhandenen Hilfsmittel eine aufwendige Angelegenheit, besonders, wenn man noch keine Übung hat. Manche Dinge, zum Beispiel ein Steak zu braten, sind vergleichsweise einfach. Eischnee aufzuschlagen ist dagegen extrem schwer. Etliche Blinde scheuen vor dem Kochen generell zurück. »Es stimmt leider, dass sich viele blinde und sehbehinderte Menschen nicht gut ernähren«, gibt Kunert zu. »Sie bevorzugen Fertiggerichte, bestellen sich Pizza oder lassen sich einmal im Monat die Kühltruhe vollpacken.«
Vieles ist möglich, wenn man blind ist, doch oft muss man die Wege erst einmal finden, was nach dem Schock des Sehverlustes doppelt schwer ist. Die Grundvoraussetzung, um ohne Sehsinn kochen zu können, ist ein Training in den LPFs, den sogenannten lebenspraktischen Fähigkeiten, Techniken, um den Alltag im Dunkeln zu meistern, vom Anziehen über das Wäschewaschen und Putzen bis zur Küche. Das Training findet als Einzel­unterricht statt, um sich den individuellen Wünschen der Schüler anzupassen. »Wenn jemand Hobbykoch ist, will er meistens weiter kochen können. Anderen genügt es, sich erst mal eine Pizza in den Ofen schieben zu können, ohne sich zu verbrennen«, erzählt Conny Sill-Hansen. Die zierliche, sonnengebräunte Frau ist Rehabilitationslehrerin am Hamburger IRIS-Institut, einem gemeinnützigen Verein für die Rehabilitation blinder und sehbehinderter Menschen, der seinen Sitz gleich neben dem Hamburger Blindenverein hat. Seit 20 Jahren arbeitet sie hier, und mitunter ist es ein harter Kampf.

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»Oft ist es nicht leicht, LPF-Stunden vom Sozialamt oder den Krankenkassen bewilligt zu bekommen. In diesem Bereich wird ständig gespart.« Sill-Hansen berichtet nüchtern, ohne bitteren Unterton. Ihre Augen blicken ruhig und klar. Sie ist gelernte Erzieherin, hat sich nach einigen Jahren im Beruf für die Blindenbetreuung entschieden und eine Ausbildung zur Orientierungs-, Mobilitäts- und LPF-Trainerin absolviert.
In der weißen Arbeitsküche des IRIS-Instituts gibt es zwei Herde mit Ceran-Kochfeldern, Backöfen, Einbauschränke und eine Spüle. Sill-Hansen fährt mit der Hand an den dunklen Leisten am vorderen und hinteren Rand der Arbeitsfläche entlang. Auch die Ränder der Steckdosen sind farbig abgesetzt. »Für Sehbehinderte sind Kontrastfarben und eine gute, blendfreie Beleuchtung zur Orientierung wichtig. Wenn sie einen weißen Teller auf eine weiße Fläche stellen, finden sie ihn nur mit Mühe wieder. Da hilft ein farbiges Platzset unter dem Teller.«
An den Schaltern der Herde und Backöfen kleben kleine Markierungspunkte. »Eigentlich reicht es, wenn der Nullpunkt markiert wird«, erklärt Sill-Hansen. »Von dort kann man sich orientieren, Nullpunkt auf drei, sechs oder neun Uhr. Manche markieren mehrere Positionen, aber die Maxime ist: So wenig wie möglich, da man sich alles merken muss.« Sie zuckt mit den Schultern – ein blindengerechtes Umfeld ist für sie längst Selbstverständlichkeit.
»So viele eigens angefertigte Hilfsmittel brauchen wir nicht. Es gibt zum Beispiel Messlöffel für Blinde, deren Stiel im rechten Winkel nach oben gebogen ist, weil es so einfacher ist, Flüssigkeiten aus einem Gefäß zu schöpfen. Aber viele Dinge sind Technik.« Sie zeigt mir, wie eingeschenkt wird: Ein Finger wird innen an den Rand von Tasse oder Becher gehalten, um zu erfühlen, wie voll das Gefäß ist.
»Der Unterricht findet meist bei den Betroffenen zu Hause statt, da kann man sich den Gegebenheiten am besten anpassen. Wir stimmen vorher mit den Schülern ab, welche Tätigkeiten für sie besonders wichtig sind. Wenn wir 40 bis 60 Stunden finanziert bekommen, sind wir schon froh, aber um alle Alltagstätigkeiten durchzugehen, ist das immer noch wenig. Wie viele Stunden auf die Küche entfallen, ist verschieden. Der eine will nur Kaffee kochen, der andere ein Schnitzel braten, einer will seinen Eierkocher benutzen, der andere die Mikrowelle.«
Bevor es mit dem Kochtraining losgeht, überprüft Sill-Hansen die Küche. »Wir kennzeichnen die Schalterungen mit Markierungspunkten, gucken, was für ein Herd vorhanden ist, welches Geschirr, was für eine Arbeitsfläche, ob die Topfgriffe hitzebeständig sind und ähnliche Dinge, um Gefahrenquellen auszuschließen. Dann fangen wir da an, wo es nötig ist.« Manchmal heißt das, erst einmal zu üben, wie man die Arbeitsfläche abwischt: langsam und gründlich, eine Bahn nach der nächsten. Krümel werden in eine Schüssel auf dem Schoß gewischt.
Fast alle Handgriffe müssen neu erlernt werden, nicht nur beim Kochen, sondern auch beim Essen: Wie schneide ich Fleisch klein? Wie schlage ich ein Ei auf? Wo verstaue ich den Einkauf, wie markiere ich ihn, damit ich weiß, wie lange die Lebensmittel haltbar sind? »Jeder entwickelt sein eigenes System. Manche schreiben sich das Mindesthaltbarkeitsdatum in Brailleschrift auf, andere fragen Sehende, was schnell aufgegessen werden muss. Wir haben auch Betroffene, die kaufen auf Vorrat, wenn etwas günstig ist, und achten dann nicht mehr auf das Datum. Das ist natürlich ein Problem.«
Tastfinger müssen trocken sein, sonst spürt man nichts, Flüssigkeiten müssen kalt sein, wenn man sie abmessen will – an vielen Stellen ist ein Umdenken bei den Abläufen und viel Konzentration nötig. »Manchmal ist man mit einem Schüler gerade gut ins Arbeiten gekommen, und dann sind die Stunden schon vorbei. Im Moment trainiere ich mit einem 12-Jährigen. Er möchte sich mit Backofen und Mikrowelle vertraut machen, aber vor dem Backofen hat er noch große Angst, denn mit Backhandschuhen ist es ein anderes Tastgefühl als mit bloßen Händen. Diese Angst müssen wir erst einmal abbauen, aber wir haben nur noch vier Stunden.«
Eine Spur von Resignation schleicht sich in ihre Stimme. Kunerts Einschätzung der oftmals mangelhaften Ernährungssituation vieler Blinder bestätigt sie. »Aber man darf den Arbeitsaufwand nicht unterschätzen. Alle Tätigkeiten, auch alles, was mit Kochen zu tun hat, sind sehr konzentrationsintensiv für Blinde und Sehbehinderte. Wenn man sich schnell eine Tüte warm machen kann, ist das oft eine Hilfe.« Doch sie kennt auch andere Fälle: »Vor 20 Jahren, in meiner Ausbildung, mussten wir mit einer Augenbinde Forelle essen. Das war eine enorme Herausforderung. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Blinder so etwas machen möchte. Ein halbes Jahr später bekam ich eine sehr fitte Schülerin, die liebte Forelle und wollte sie tatsächlich essen. Als das funktionierte, wollte sie sie selber braten können und hat es geschafft. Das sind aber eher Ausnahmen.«
Kochprojekte, die sich gleichermaßen an Blinde wie an Sehende richten, sind rar. Nur selten bietet zum Beispiel eine Volkshochschule Kochkurse für beide Gruppen an. Dabei könnten solche Projekte gut zur Integration blinder Menschen beitragen, bei der es immer noch Nachholbedarf gibt. Einen kulinarischen Brückenschlag zwischen der Welt der Blinden und der Sehenden will das Kochbuch Trust in Taste schaffen, das im Herbst 2011 im jungen Münchner Justina-Verlag erschienen ist.

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»Natürlich wäre es viel einfacher gewesen, für blinde Hobbyköche lediglich eine DAISY-CD mit Rezepten zu produzieren«, erzählt Justina Hoegerl. »Aber wir wollten ein Buch, das die Blinden nicht in eine Nische stellt. ›Trust in Taste‹ ist ein Kochbuch für Blinde und für Sehende. Es soll die Anforderungen, die nötig sind, um das Buch blindengerecht zu machen, so selbstverständlich integrieren, dass man es gar nicht merkt.«
Eigentlich ist Hoegerl ausgebildete Bühnenschauspielerin. Nach mehreren Jahren am Theater und im Chanson-Duo Zimt und Zucker brachte eine Stoffwechsel­erkrankung ihres Sohnes sie dazu, ästhetisch ansprechende Kochbücher für Menschen mit Gesundheitsstörungen oder einem Handicap zu entwickeln, die sich auch an Gesunde richten.
Trust in Taste war ein besonders ehrgeiziges Projekt, denn für viele Produktionsschritte musste ein neuer Weg gefunden werden. Das Kochbuch enthält Bilder, ­Rezepttexte in Schwarz- und in Brailleschrift und eine CD mit den Rezepten zum Hören, inklusive einiger Musikstücke, die eigens komponiert und mit Küchengeräuschen hinterlegt wurden. Die CD ist vor allem für Blinde gedacht, die keine Brailleschrift lesen können. Auf 264 Seiten finden sich 30 Rezepte, was zunächst wenig klingt. Doch die Brailleschrift benötigt erheblich mehr Platz als Schwarzschrift, selbst wenn man ihre Kurzschrift-Variante benutzt, wie es für Trust in Taste geschehen ist. Das Werk besteht aus zwei Bänden, damit das Blättern handlich bleibt. Die Seiten sind so aufwendig zellophaniert, dass man ihnen gar nicht ansieht, dass sie abwaschbar sind. Ein Blinder kann sie weiterlesen, auch wenn er Öl oder Mehl an den Fingern hat, und die Ringbindung innen im Einband verhindert, dass das Buch beim Kochen zuklappt.
In der Entstehungsphase waren Blinde und Sehende gemeinsam am Werk. »Eigentlich gab es am Anfang gar keine konkrete Idee«, erzählt Hoegerl. »Das Projekt entstand Schritt für Schritt, ein Teil ergab den anderen. Ein kluger und von mir sehr geschätzter Mensch hat einmal zu mir gesagt: ›Wege entstehen dadurch, dass man sie geht‹, und das habe ich getan.« Bei einer Blindverkostung von Weinen in Südtirol lernte sie den blinden Hobbykoch Hans Meier kennen, der die Seminarteilnehmer im abgedunkelten Raum betreute. Diese Begegnung lieferte den ersten Anstoß. Michael Hoffmann, Küchenchef des Berliner Sternerestaurants Margaux, erklärte sich bereit – unter anderem zusammen mit einer blinden Hobbyköchin – die Rezepte zu entwerfen.
Von den 30 Kochanleitungen des Buches können Blinde nicht alle selbst bewältigen. Etwa die Hälfte ist für die Teamarbeit von Blinden und Sehenden gedacht – auch hier steht die Integration im Vordergrund. »Wenn am offenen Grill gearbeitet wird, ist das für Blinde zum Beispiel zu gefährlich. Man darf sich nichts vormachen: Für manche Dinge braucht es eben den Sehsinn.« Aber Gerichte wie Salat aus Kürbis und Gartenkräutern mit Bergkäse, Spaghettini mit Minze und Zucchini, Curryhuhn mit Früchten und Koriander oder eingelegtes Obst mit Lavendel und Holunderblütensorbet können Blinde durchaus alleine zubereiten. Immer vorausgesetzt, sie haben schon Übung am Herd, denn Trust in Taste richtet sich an erfahrene Hobbyköche, egal ob blind oder sehend.
Mehr als zwei Jahre dauerte es von der Idee bis zum fertigen Buch. So gelungen das Ergebnis ist, die aufwendige Produktion bringt einen Haken mit sich: Das Buch kostet 125 Euro. »Eigentlich hätten wir es noch teurer machen müssen, um halbwegs sinnvoll zu kalkulieren, aber dann wäre es kaum mehr verkäuflich gewesen«, erklärt Hoegerl. »Anfangs habe ich bei mehreren Hundert möglichen Sponsoren angefragt. Alle fanden die Idee gut, aber niemand war bereit, Geld dafür zu geben. Immer hieß es: Die Zielgruppe der Blindencommunity sei zu klein. Also sind alle, die am Projekt beteiligt waren – vom Drucker bis zum Koch – in Vorleistung gegangen.«
Ein anderes kulinarisches Projekt, das Blinde und Sehende zusammenführt, ist bereits seit einigen Jahren erfolgreich: das Dinner im Dunkeln. In mehr als 20 deutschen Städten gibt es inzwischen mindestens eine kulturelle Einrichtung oder ein Restaurant, das ein Dunkeldinner anbietet. Sie heißen Finster, aus:sicht, Nacht-Mahl, Von Sinnen!, Zappenduster, Taste of Darkness oder Zum Blinden Engel. Die unsicht-Bar, das erste Dunkelrestaurant Deutschlands, eröffnete 2001 in Köln. Das Konzept ist stets ähnlich: In einem abgedunkelten Raum wird den Gästen ein vorher bekanntes oder ein Überraschungsmenü serviert. Das Servicepersonal ist blind oder sehbehindert, das Küchenteam ist sehend. Der Preis für ein Dinner liegt meistens zwischen 50 und 80 Euro.
Viele Anbieter werben mit dem sinnlichen Erlebnis. Bei ihnen geht es weniger darum, nachzuempfinden, wie ein blinder Mensch sich in der Umwelt fühlt, sondern um Erlebnisgastronomie. Und in der Tat ist das Essen im Dunkeln eine faszinierende Erfahrung: Normalerweise erfolgen 70 bis 80 Prozent unserer Wahrnehmung über den Sehsinn. Wenn er ausgeschaltet wird, treten die anderen Sinneseindrücke ungleich stärker hervor, was gerade beim Essen, einem Akt, an dem alle Sinne beteiligt sind, ein intensives Erlebnis beschert.
Viele Blinde und Sehbehinderte profitieren von dem Trend – sie finden nicht nur Arbeit, sondern auch Selbstbestätigung, vor allem in solchen Projekten, wo es wirklich um den Austausch zwischen Blinden und Sehenden geht. Denn auf einmal sind die Sehenden die Hilflosen und können von den blinden Mitarbeitern etwas lernen.
Mark lerne ich nur als Stimme kennen, eine hohe, leicht nasale Stimme, die offen, unbeschwert, fast ein wenig kindlich klingt. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er beim Hamburger Dialog im Dunkeln, einer Dauerausstellung, bei der die Besucher sich mit einem Blindenstock durch verschiedene Räume tasten und nachspüren können, wie ein blinder Mensch seine Umgebung erlebt. Fünf Tage die Woche führt Mark Besuchergruppen durch die Ausstellung. Manchmal bedient er auch beim Dinner in the Dark, das zum Projekt dazugehört, so wie heute Abend. Das Dinner findet dreimal in der Woche statt und ist meist einen Monat im Voraus ausgebucht.

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Nachdem ich mit den anderen Gästen die abgedunkelten Räume der Ausstellung betreten habe, taucht Marks Stimme in der Finsternis vor mir auf und leitet mich an den Tisch, für den er zuständig ist. Behutsam geht er voran, Panik und Hektik sind in der Dunkelheit fehl am Platz. Als alle Gäste am Tisch sitzen, nähert er sich ihnen mit einem fröhlichen Hallo, damit sie nicht erschrecken, wenn er in der Schwärze die Teller vor sie hinstellt.
Es ist eine Begegnung quasi auf Augenhöhe – keiner kann den anderen sehen. Auch später, nach dem Ende des Dinners, kommt Mark nicht mit ans Licht. So sind die Regeln beim Dialog im Dunkeln, und sie sind nur fair.
Mark schätzt seinen Job sehr. »Es ist immer wieder spannend, neue Menschen durch die Dunkelheit zu führen, zu sehen, wie sie sich orientieren und ihre anderen Sinne entdecken.«
Erblindet ist Mark als junger Mann. »Ich weiß, was Sehen bedeutet«, sagt er, und leise, ganz weit entfernt hört man in seiner Stimme Trauer und Sehnsucht. »Aber es ist schon so lange her, fast 20 Jahre, dass ich mich nicht mehr wirklich daran erinnere. Man vergisst mit der Zeit die Bilder und die Farben. Draußen auf der Straße kann ich das Tageslicht wahrnehmen. Gegenstände sehe ich als schwache Schatten.«
Kann er intensiver schmecken als Sehende? »Ich glaube nicht. Ich schmecke mal mehr, mal weniger, je nachdem, wie stark ich mich darauf konzentriere. Eigentlich ist das nicht anders als bei Sehenden auch.«
»Wenn ich Zeit habe, koche ich«, erzählt Mark. »Ganz normal, wie ihr auch. Ich brauche nur etwas länger dazu. Und manche Dinge muss ich üben. Aber ich verbrenne mich nicht häufiger als ihr, und ich schneide mich nicht häufiger. Ob eine Platte heiß ist oder nicht, könnt ihr ja auch nicht sehen.« Ihr und wir – bei Mark klingt es fast wie zwei getrennte Welten. »Ihr kommt mir oft sehr hektisch vor«, sagt er.
Er geht nicht gern allein in den Supermarkt – es ist schwierig, dort einen Verkäufer zu finden, der ihm hilft. »Meistens helfen mir sehende Freunde. Sie begleiten mich oder sie kaufen für mich ein.«
Für die Gäste ist das Essen im Dunkeln ein Abenteuer, ein kurzer Abstecher in eine fremde Welt. Sie wissen, dass sie bald wieder zurück ans Licht kommen. Neugierig wird das Essen auf dem Teller untersucht, und es dauert nicht lange, bis im Dunkeln miteinander geflirtet wird. Die Gerichte des Überraschungsmenüs lassen sich erstaunlich gut identifizieren: ein Wrap mit Krautsalat und Tomaten, eine Kartoffelsuppe mit Räucherlachs, Schweinemedaillons mit Ratatouille und Röstkartoffeln – die Konsistenz von Fleisch empfinde ich im Dunkel als erstaunlich unangenehm –, und als Dessert Panna cotta mit einer Sauce aus roten Beeren. Die größte Schwierigkeit besteht darin, mit Messer und Gabel kleinteiliges Gemüse aufzunehmen. Manchmal helfen nur die Finger weiter. Überhaupt stellt das größte Neuland der Tastsinn dar, ohne ihn ist man hier verloren.
Allerdings ist es nicht ganz einfach, sich dem Schmecken, Riechen und Fühlen hinzugeben, weil es erstaunlich laut ist – manche Gäste reden und lärmen, als wollten sie die Dunkelheit übertönen. Ein Tisch klingt am Ende des Dinners wie ein Kegelklub auf Sonntagsfahrt.
Mark selbst geht nur selten in ein Res­taurant. »Restaurants, die ich nicht kenne, muss ich draußen erst einmal finden. Und Speise­karten in Blindenschrift gibt es nur hier beim ›­Dia­log im Dunkeln‹. Natürlich kann ich fragen, was auf der Karte steht, aber dazu muss das Servicepersonal viel Geduld haben.« Deutlich hört man, was er unausgesprochen lässt: Auf solches Personal ist er nur selten gestoßen. So bleibt er lieber auf vertrautem Terrain.
Er lebt allein in seiner Wohnung. Ob er das Licht anmacht, wenn er abends nach Hause kommt? »Manchmal. Je nachdem, wie ich Lust habe.« Er macht eine Pause, sucht nach einer Erklärung. »Ihr stellt euch das alles meistens sehr kompliziert vor, aber eigentlich ist es das nicht. Wenn ich nicht will, dass jemand hereinkommt, mache ich die Tür zu – so wie ihr auch.«

Deutscher blinden- und ­sehbehindertenverband

10. Oktober 2012Von Dirk Müller
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Ein Kommentar

  1. Am 23. Januar 2014 um 15:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Dieser Beitrag hat mir grundsätzlich sehr gut gefallen, es ist eine interessante Geschichte, die viele Aspekte des Lebens als Blinder zumindest aus der Sicht Einzelner beleuchtet. Es gibt hier allerdings eine Ausnahme, und die sollte man nicht unerwähnt lassen:

    Zitat: „Wenn am offenen Grill gearbeitet wird, ist das für Blinde zum Beispiel zu gefährlich. Man darf sich nichts vormachen: Für manche Dinge braucht es eben den Sehsinn.“

    Ich empfinde es als zutiefst verstörend, wie oft Vorurteile und die Unterschätzung von Blinden ausgerechnet aus der Welt der Blinden kommen. Solche Sätze von Menschen, die es besser wissen müssen, lassen mir immer wieder die Hutkrempe platzen, egal, wie gut es diese Personen meinen.

    Und wem das zu kryptisch ist: Grillen ist eine Tätigkeit, die auch Blinde ohne Probleme meistern können, offener Grill inklusive. Es kommt nicht auf die Behinderung an, sondern auf den Menschen, seine Fähigkeiten und seinen Willen, zu lernen. Und was mögliche Bedenken in Sachen Sicherheit angeht: auch hier gibt es Lösungsmöglichkeiten, und mit ein wenig Hirnschmalz lässt sich auch in dieser Hinsicht vieles optimieren.

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