Menschen

Der doppelte Sascha und die halbe Kuh

Von einem gar nicht so verwegenen Senn auf einer gar nicht so einsamem Alp

Plötzlich steht er vor uns. Er sitzt auf einem stämmigen Pferd, hinter ihm erhebt sich die beeindruckende Kulisse der Walliser Alpen. Seine Haut ist braun ge­brannt, sein Haar zerzaust, er wirkt leicht verwegen. In einer Hand hält er die Zügel, mit der anderen kramt er eine Zigarette aus der abgewetzten Westentasche.

Rechteinhaber: Manuela Rüther, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Sascha Imboden, ein Käser aus Leidenschaft

Wir suchten einen gewissen Sascha Imboden, erklären wir ihm, einen Senn, also einen Käser, der irgendwo hier oben Käse mache. »Aha«, antwortet er, »Ja, das wär im Fall dann ich.« Weshalb wir ihn suchten? Wegen des Alpkäses. Wir hatten gestern in der Seilbahn von der Jungenalp runter nach Sankt Nikolaus Käselaibe gesehen, die wir unbedingt probieren wollten. Also fragten wir eine ältere Dame, die auf einer ganzen Kiste dieser Laibe trohnte. Doch sie hatte uns mit erhobenem Zeigefinger erklärt, dass der Käse ihr und dem Pfarrer gehöre, weil sie zusammen eine Kuh gemietet hätten. Wir sollten auf die Alp gehen und beim Senn fragen. Sascha Imboden schmunzelt: »Ja, die Menschen im Dorf lieben ihren Alpkäse, aber für die Landwirte selber ist es nicht mehr rentabel, die Kühe auf die Alp zu treiben. Also mieten sie sich jeden Sommer Kühe, die sie hier oben auf der Alp weiden lassen. Am Ende der Saison bekommen sie pro Kuh etwa 80 Kilogramm Walliser Alpkäse.« Wir sollen doch mal bei ihm vorbeikommen.

Als wir uns einige Tage später den Berg hinauf zur Hütte schleppen, treffen wir dort auf bestimmt ein Dutzend Besucher, Freunde des Senns. Hundewelpen purzeln, ein junger Mann spielt vor den Kühen Akkordeon, ein Mädchen deckt tanzend den Tisch. Joints schwirren umher, es wird erzählt und gelacht. Sascha steht mit glasigen Augen in der Hütte, kocht und serviert ein grandioses Abendessen. Dazu gibt es Rotwein, danach Joints, Aprikosenbrand und zwischendurch immer wieder Käse. Der einmonatige Alpkäse schmeckt herrlich rahmig und mild würzig, der Ziger, eine Art Frischkäse, liegt weich und samtig auf der Zunge. Als Sascha sagt, nun sei es Zeit, schlafen zu gehen, ist die Party zu Ende. Nicht, dass sich der 37-Jährige als Chef aufspielt. Aber jeder hier schätzt ihn wegen seiner ruhigen Art, seiner Erfahrung und seiner Klugheit.

Trenner

Wir haben uns die Alp-Romantik einsamer vorgestellt. Sascha grinst, normalerweise seien sie zu zweit hier oben: er und der Hirte Sascha Creutzer. Freunde seien aber immer willkommen. Ob er auch manchmal runter ins Tal gehe? Er schüttelt den Kopf. »Was soll ich da?« Im Winter müsse er unten arbeiten, aber im Sommer sei er Älpler. Klar, das sei harte Arbeit, er verdiene vergleichsweise wenig, 130 Franken pro Tag, und die 80 Tage auf der Alp werden noch nicht einmal auf die Rentenversicherung angerechnet. Dennoch: »Solange ich kann, bleibe ich Senn.« Sascha sagt das ohne Gehabe, Gestik oder aufgesetzte Dramatik. Er schaut seinem Gegenüber nur tief in die Augen. Das reicht.

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Mietkuh am Morgen

Um fünf Uhr am nächsten Morgen ziehen Nebelschwaden über die Wiesen. Nach dem Melken verschwindet Sascha in der Sennerei. Er stellt das Radio an, macht Feuer unter dem großen Kupferkessel, erwärmt die Milch, impft sie mit Lab, schneidet die fest gewordene Masse, zieht den Bruch mit einem Tuch aus dem Kessel und presst alles in Formen. Schweigend ist er in seiner Arbeit versunken. Seine Bewegungen sind fließend und schön, es wirkt, als habe er noch nie etwas anderes gemacht. Dabei hat Sascha nach der Schule zuerst eine kaufmännische Ausbildung absolviert. »Das war aber nichts«, winkt er ab. Nachdem er einen Sommer auf der Alp eines Freundes geholfen hatte, war klar: Er wollte Senn werden und selber eine Alp bestoßen. Er machte eine landwirtschaftliche Ausbildung und ging, danach jeden Sommer dorthin, wo er gebraucht wurde: ins Gomstal, nach Graubünden, in den Kanton Bern und ins Val Colla im Tessin. »Schon komisch«, wundert er sich, »erst jetzt, nach fast zehn Jahren, bin ich das erste Mal wieder in der Heimat, im Nikolaital.« Draußen verzieht sich der Nebel. Sascha raucht einen Pausen-Joint, dann stapelt er die 30 Kilo schwere Käseproduktion vom Vortag in einem stabilen Rucksack, um sie eine Stunde bergab in den Käsekeller zu schleppen. Der Käsekeller ist, genau wie die Sennerei, ganz und gar sein Refugium. Sascha bürstet die Käse mit Salzlake. Woanders, bemerkt er, benutzten sie Kräutermischungen oder aromatisierte Laken, aber davon hält er nichts. »Wichtig ist das Innere des Käses. Die Kühe müssen viele Alpkräuter fressen, damit Milch und Käse vollmundig, fett und aromatisch werden.« Die Kräuter wüchsen allerdings nur auf Alpwiesen, die beweidet würden. Doch viele Alpen ließe man heute aus Kostengründen brach liegen, so dass sie verwilderten. Dort wachse »statt Enzian und Edelweiß, nur noch Gestrüpp«.

Zum Abschied schenkt uns Sascha einen kleinen Käse, einen »Mutschli«. Er wirkt müde und vielleicht ein wenig traurig. Er sei acht Jahre verheiratet gewesen und habe zusammen mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn jeden Sommer auf der Alp gelebt, sagt er plötzlich. Aber seit kurzem lebe er getrennt. Und seinen Sohn sehe er selten. Während er hinunter ins Tal und hinauf zum Gletscher schaut, hat er nichts Verwegenes mehr. 

Text und Fotos: Manuela Rüther und Stephan Lampen
aus Effilee #7 November/Dezember 2009

29. Oktober 2009Von Ela Ruether
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