Aus der Redaktion

Sternchenwunder, Führerkult

Man kriegts fast nicht mehr zusammen, den Schwung an Bewertungen, der sich in der Zeit kurz bevor die Weihnachtsdeko herausgeholt wird, also im Spätherbst über uns ergießt. Rund um die Präsentation des weißen Wals Michelin schwimmen die Pilotfische mit ihren eigenen Führern und Wettbewerben, Punkten, Hauben, Pfannen, Töpfen und was immer sie zu vergeben haben. Äpfel werden mit Birnen bewertet. Der Koch steht vor dem Führer wie ein Erstklässler, der sich bei den Hausaufgaben besondere Mühe gegeben hat. Bitte, bitte kleb mir ein Sternchen in mein Heft! Und jeder, der was abbekommt, freut sich und wer nichts abbekommt läßt sich auf keinen Fall anmerken, dass es ihn ärgert. Geht’s noch?

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Ein Sack voll Sterne ist wieder ausgeschüttet worden

Foto: Andrea Thode

Text: Vijay Sapre

Da kommt ein Reifenhersteller und teilt kurzerhand alle Restaurants dieser Welt in vier Klassen ein: ohne, mit einem, zwei oder drei Sternen. Und die Pilotfische tun das Gleiche, nur ein bißchen anders. Man stelle sich vor, ein Topfhersteller würde alle Musikstücke so einteilen. Ob Mozartscher Sonatensatz oder Anarchy in the UK – egal, beide, sagen wir, ein Stern. Ein kurzes Hinhören wert. Die Marseillaise? Zwei Sterne. Sgt. Pepper drei. Und das neue Keith Richards Album bekommt im Guide Creuset auch einen Stern, aber das (so munkelt man hinter vorgehaltener Hand) ist wohl eine Konzessionsentscheidung. Man merkt schnell, dass das nicht funktioniert.

Vielleicht ist dieser Führerkult ein Indiz dafür, dass Kochen eben doch keine Kunst ist. Denn der Guide ist (im Ursprung ja tatsächlich) das Handwerkszeug des Herrenfahrers der, wenn er auf seinen Reisen die gelochten Lederhandschuhe abstreift alles will, nur keine Überraschungen. Selbst der Genuss hat bei ihm in erster Linie zu funktionieren. Freiheit ist für ihn, einen Gang zurückgehen zu lassen, oder einen Wein einfach mal korkig zu finden. Aber doch nicht künstlerische Freiheit. Da könnte ja jeder kommen.

So ist die Fixierung auf die Sterne ein Akt der Unterwerfung. Und zwar von beiden Seiten: der Gast unterwirft sich, weil er eingesteht, dass er nicht in der Lage ist, das Gute selbst zu identifizieren und dazu zu stehen, der Koch unterwirft sich, weil er die Definition dessen, was seinen Erfolg ausmacht in fremde Hände legt.

Natürlich freue ich mich für jeden, der die Auszeichnung bekommt. Aber es gibt Wichtigeres. Zum Beispiel Gäste, die die Küche verstehen und zu würdigen wissen. Funktionierende Kalkulation. Und zufriedenes Personal. In diesem Sinne: Weitermachen!

17. November 2015Von Vijay Sapre
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