2000 Cabernet Sauvignon

Sebastian Bordthäuser hat die Loulan Winery besichtigt. Der 2000 Cabernet Sauvignon blieb in Erinnerung

Foto: Andrea Thode; Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
2000 Cabernet Sauvignon, Foto: Andrea Thode; Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Ein Wein aus einem ungewöhnlichen Anbaugebiet: Chinas Provinz Xinjiang

Es ist zwei Uhr mittags und es sind 52 Grad im Schatten, als mein Freund Mattes und ich in Turpan aus dem Bus steigen. Die Region liegt in Chinas größter Provinz Xinjiang an der östlichen Seidenstraße, 150 Meter unter Normalnull. Es ist der zweitheißeste Ort der Welt. Marco Polo hat von hier schöne Dinge mitgebracht: Nudeln, Eiscreme und Wein.

Turpans Ruhm ist durch den Weinbau begründet, angeblich wird dort noch heute der beste Wein Chinas hergestellt. Auf jeden Fall die größte Menge, obwohl nur 10 Prozent der lokalen Traubenproduktion zu Wein gekeltert wird – die übrigen 90 Prozent werden zu Rosinen verarbeitet.

Zwei Langnasen in der prallen Mittagssonne fallen auf. Es dauert nicht lange, bis uns ein paar Einheimische mittels Hand und Fuß Hotels, Führer, Kamelritte und Frauen anbieten. Später treffen wir im Hotel Ahmet. Er ist weit und breit der Einzige, der Englisch spricht, und wurde wohl geschickt, um uns einen Trip zu irgendwelchen Ruinen zu verkaufen. Doch das alles wollen wir nicht – wir wollen die Loulan Winery besichtigen!

Flaschen der Loulan-Kooperative stehen in ganz China in den Supermärkten. Probiert habe ich sie mehrfach, doch sie waren immer ungenießbar. Anscheinend gibt es in China keine Kühlkette für Wein – die Fehler waren immer auf fehlende Kühlung zurückzuführen. Es gab nur einen Weg herauszufinden, wie der Wein wirklich schmeckt: Ab in die Wüste!

Ahmet telefoniert und bietet Zigaretten an. Es wird schwierig, meint er: Die Kellerei ist ein Staatsbetrieb, Besichtigungen sind nicht gestattet. Es gibt gerade Spannungen in Xinjiang, das chinesische Militär sichert alle staatlichen Produktionsstätten. Er telefoniert erneut. Ein Kollege von ihm telefoniert ebenfalls. Schnell sitzen wir in der Lobby zwischen 20 telefonierenden Geschäftsmännern. Irgendwer stellt eiskaltes Bier auf den Tisch. Wir verstehen kein Wort, doch es werden immer mehr Leute. Die Rauchkultur ist sehr ausgeprägt. Als die Kollegen merken, dass wir wirklich nicht auf Kamelen reiten wollen, ziehen sie ab.

Man braucht einen Fahrer, sagt Ahmet, und einen Mittelsmann, der uns reinbringt. Man müsse schmieren. Ein Problem ist, dass jede Person, die wir brauchen, mindestens zwei Agenten hat, die regelmäßig Bier bestellen. Irgendwann hat sich ein Mittelsmann gefunden: Der lokale Weingroßhändler hat angeblich erstklassige Verbindungen zur Kooperative. Doch die kosten Geld. Und zudem sei es gefährlich, er habe Frau und Kind…

Es folgen endlose Telefonate und mehr Zigaretten. Leute kommen und gehen, aberwitzige Preise werden aufgerufen. Wir lehnen ab. Es wird geschmollt, geschrien und wütend das Hotel verlassen, aber alle kehren immer wieder mit neuem Bier zurück. Irgendwann bekundet der Agent eines möglichen Fahrers Interesse. Es vergehen Stunden, bis die Verhandlungen in vernünftigen Bahnen laufen. Alle sind mittlerweile völlig betrunken. Gegen Mitternacht steht die Gruppe: Ahmet als Dolmetscher, ein Fahrer, der Mittelsmann und wir.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr geht es los. Die Scheiben des VW Passat, Baujahr 1992, sind mit schwarzer Folie abgedunkelt. Es werden kleine, eiskalte Colafläschchen gegen die Nachwehen der nächtlichen Verhandlungen gereicht und die Sonnenblenden runtergeklappt. In jeder Blende ein LED Bildschirm: Michael Jackson Live in Concert, die Anlage mit Subwoofer.

Nach einer Stunde Fahrt durch die Wüste erreichen wir die Kellerei. Übellaunige bewaffnete Wachen ste- hen vor den Toren. Unser Mann beruhigt uns, er erledigt alles, wir sollen nur ein paar rote Scheine bereithalten. Uns ist irgendwie mulmig. Doch die Performance unseres Mittelsmanns ist exzellent, wir passieren die Wachen und betreten illegal chinesisches Staatsbetriebsgelände. Gleißend helles Sonnenlicht, hohe weiße Mauern und wir kurz vorm Feuerfangen: Es sind wieder an die 50 Grad.

1976 wurde die Kooperative gegründet, unter Beratung von Önologen aus Bordeaux. Seitdem liegen die Leitlinien fest: Die Franzosen und der damalige Stand der Technik bestimmen die Qualität. Es gibt keinen Önologen, nach dessen Vision Charakteristika der Trauben herausgearbeitet werden – das Team arbeitet nach technischen Vorgaben. Neben dreizehn autochthonen chinesischen Sorten (u. a. Manaizi, Kashihaer) werden vor allem internationale Bestseller kultiviert: Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir, Grenache, Syrah etc. Weißweine werden aus Chardonnay, Sémillon, Chenin Blanc, Müller-Thurgau, Muskateller und Riesling gekeltert.

»Alles, was ihr in Europa anbaut, bauen wir auch an«, sagt der Betriebsleiter. Einige Kartons mit dem Aufdruck Chateau Du Rhone 1996 in einer Ecke unterstreichen seine Aussage. Wir bekommen zwei Fassproben aus der aktuellen Produktion. Der Cabernet Sauvignon ist ein sauber vinifizierter Wein, etwas viel Alkohol, aber durchaus in Ordnung. Als Weißwein gibt es einen restsüßen Rosenmuskateller, auch der ist einwandfrei.

Während ich im französischen Rebsortenkatalog des Gutes blättere, mischen unsere Führer fröhlich Muskateller und Cabernet. »So schmeckt’s besser, versucht das mal!« Tatsächlich habe ich den Wein nie wieder in solcher Qualität probiert.

Nach zwei Stunden sind wir fertig und tragen uns ins Gästebuch ein. Der letzte Eintrag ist von Joe Rossi, ehemaliger önologischer Berater von E. & J. Gallo – von 1981. Er fand das Gut außergewöhnlich. Ob er unsere Cuvée probiert hat, konnte mir leider keiner sagen.

Text: Sebastian Bordthäuser
Foto: Andrea Thode

aus Effilee #15, März/April 2011

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