Menschen

Der neue Mensch

Über Golan Tishbi, einem kosche­ren Winzer

Golan Tishbi wischt sich das schwarze Maschi­nenöl von den Hän­den und blin­zelt in die Früh­lings­sonne, als er aus der gro­ßen Halle tritt. Drin­nen hat er einen Wagen zum Repa­rie­ren auf­ge­bockt. Große Worte sind nicht sein Ding. Er arbei­tet lie­ber, als zu reden.

Golan Tishbi erlernte das Win­zer­hand­werk in Italien

Der 39-Jährige im kaki­far­be­nen Hemd ist Win­zer auf Isra­els ältes­tem Wein­gut. Seit drei Gene­ra­tio­nen kul­ti­viert die Fami­lie Wein­re­ben an den Hän­gen des Kar­mel­ber­ges nahe der Küs­ten­stadt Haifa. Seit 26 Jah­ren ver­ar­bei­ten die Tish­bis ihre Trau­ben auch selbst – streng koscher, unter Auf­sicht des ört­li­chen Rab­bi­ners.
Vor den sil­ber­nen Gärungs­tanks, in denen der Wein reift, bleibt Tishbi ste­hen. »Für kosche­ren Wein müs­sen die Reben zunächst vier Jahre unbe­rührt wach­sen«, erklärt er. »Zwei Monate vor der Ernte darf nicht mehr orga­nisch gedüngt wer­den. Und alle sie­ben Jahre, im Sab­bat­jahr, wer­den die Trau­ben nicht geerntet.«

Dar­über hin­aus dür­fen die Trau­ben und deren Saft wäh­rend der Wein­her­stel­lung nur von Män­nern berührt wer­den, die den Sab­bat ein­hal­ten. Tishbi selbst, der Win­zer, darf wäh­rend der Wein­her­stel­lung nicht an seine Trau­ben, denn er lebt nicht nach den reli­giö­sen Vor­schrif­ten. »Ich könnte, aber ich will nicht«, sagt er und lacht. »Nichts liegt mir fer­ner als die Reli­gion.« Wäre sein Wein nicht koscher, hätte er auf dem israe­li­schen Markt keine Chance.

Mit sei­nem oliv­grü­nen Schlapp­hut erin­nert Tishbi an das israe­li­sche Ideal des neuen Men­schen: den Kib­buz­nik, der das reli­giöse und gelehrte Leben im Schtetl der euro­päi­schen Dia­spora hin­ter sich gelas­sen hat und nun mit der Kraft sei­ner Hände das Feld bestellt. Nur die Son­nen­bräune fehlt dem hell­häu­ti­gen Mann mit dem roten Stop­pel­bart. Ansons­ten ist das Bild aber gar nicht so abwegig.

Golan Tish­bis Urgroß­el­tern gehör­ten zu den jüdi­schen Pio­nie­ren, die das hei­lige Land vor der Jahr­hun­dert­wende besie­del­ten. 1882 bekam Tish­bis Urgroß­va­ter Michael, der damals noch Cha­mi­letzki hieß und aus Polen nach Israel ein­ge­wan­dert war, den 30 Hektar umfas­sen­den Grund von Baron Edmond de Roth­schild zuge­teilt.
Dass die Cha­mi­letz­kis heute Tishbi hei­ßen, haben sie dem israe­li­schen Natio­nal­dich­ter Chaim Nach­man Bia­lik zu ver­dan­ken. 1925 besuchte er die Fami­lie und hebräi­sierte deren Nach­na­men. Urgroß­va­ter Cha­mi­letzki lernte in der Arbeits­schule des Barons den Wein­an­bau. Gemein­sam mit sei­ner Frau Marta bestellte er die Reben. Die Trau­ben brach­ten sie ihr Leben lang in die umlie­gen­den Winzereien.

Tren­ner

Erst Golan Tish­bis Vater Jona­than ent­schied 1984, die Trau­ben der fami­li­en­ei­ge­nen Wein­re­ben sel­ber zu ver­ar­bei­ten. »In den 80er-Jahren war die wirt­schaft­li­che Situa­tion in Israel kri­tisch. Die Win­zereien konn­ten die Trau­ben mei­nes Vater nicht bezah­len.« Also ent­schloss Jona­than Tishbi, sich selbst in der Wein­pro­duk­tion zu ver­su­chen. Das Hand­werk dafür lernte er in Vaz­zola, einem klei­nen Dorf in Norditalien.

Heute führt die Win­ze­rei vier ver­schie­dene Wein­se­rien: Zwei junge, frucht­ige Tafel­weine und zwei im Bar­ri­que gereifte, hoch­prei­sige Weine: Tishbi Estate und Jona­than Tishbi Spe­cial Reserve. Ins­ge­samt pro­du­zie­ren die Tish­bis um die eine Mil­lion Fla­schen im Jahr. 25 Pro­zent davon wer­den nach Europa und nach Über­see expor­tiert.
Das Areal, das Tish­bis Urgroß­el­tern vom Baron beka­men, reicht für die Pro­duk­tion längst nicht mehr aus. So folgte die Win­zer­fa­mi­lie dem Vor­bild der Wein­pro­du­zen­ten, für die ihre Vor­fah­ren einst Trau­ben ange­baut hat­ten: Die Tish­bis arbei­ten inzwi­schen mit Wein­bau­ern aus allen Anbauregio­nen des Lan­des zusam­men und besit­zen damit geo­gra­fisch gese­hen die viel­fältigste Win­ze­rei Isra­els. »Das ist meine beson­dere Kunst«, sagt Golan Tishbi. »Ich expe­ri­men­tiere und nutze die Trau­ben aus den ver­schie­de­nen Regio­nen wie Gewürze.«

Der Win­zer ver­schnei­det die klei­nen, dich­ten Trau­ben der Negev-Wüste mit ihrem fruch­ti­gen, fast mar­me­la­di­gen Geschmack mit den Trau­ben aus den höher gele­ge­nen Hügeln von Judäa, die dem Wein ein wür­zi­ges, medi­ter­ra­nes Kräu­ter­a­roma von Sal­bei oder der Frucht des Johan­nis­brot­baums ver­lei­hen. Die Trau­ben von den Hän­gen des Kar­mel­ber­ges lie­fern tro­pi­sche Aro­men, die Früchte aus Gali­läa brin­gen fri­sche, grüne Noten ein. Regeln für den Ver­schnitt von Trau­ben und Reb­sor­ten gibt es in Israel nicht. Tishbi sieht dafür auch keine Not­wen­dig­keit – er lässt sich in sei­ner Krea­ti­vi­tät nicht gerne einschränken.

Nur bei der Rein­heit sei­ner Weine ist er streng. Das liegt zum einen an den reli­giö­sen Rein­heits­ge­bo­ten: Die Zugabe von Gela­tine, Kasein und Stier­blut ist bei kosche­ren Wei­nen ver­bo­ten. Aber auch unab­hän­gig davon mag Tishbi sei­nen Wein am liebs­ten pur. Der ist des­halb nicht nur koscher, son­dern auch vegan.
Nach dem Rund­gang über das Anwe­sen hat sich Golan Tishbi an einem mas­si­ven Holz­tisch in der Laube des zur Win­ze­rei gehö­ren­den Restau­rants nie­der­ge­las­sen. Das Lokal ist gut besucht, Tou­ris­ten und Aus­flüg­ler haben den grü­nen Nor­den Isra­els mit sei­nen zahl­rei­chen Wein­gü­tern für sich ent­deckt. Ein jun­ger Kell­ner mit bunt gefärb­ten Haa­ren ser­viert ofen­fri­sche Pizza. Drei Monate habe es ihn gekos­tet, bis er mit dem Rezept für den Piz­za­t­eig zufrie­den war, erzählt Tishbi. Auf­zu­ge­ben kam für ihn aber nicht in Frage. »Ich träume nicht«, sagt er, »ich mache.«

Text: Mar­lene Has­ler
Foto: Kobi Wolf

aus Effi­lee #10 Mai/Juni 2010

18. Februar 2011
Dieser Beitrag wurde in Menschen veröffentlicht und getaggt , . Trackbacks are closed, but you can post a comment.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Das aktuelle Heft

  • Anzeige

  • Schneller Teller

  • Kleinanzeigen

  • Neueste Kommentare