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Christian Romanowski: Der Messermann

Es ist sicher nicht das erste Mal, dass das Leben eine Erfolgs­story schreibt, die einen schmunzeln lässt. Der Startschuss für das Lebenswerk von Christian Romanowski, dem Betreiber von Kochmesser.de, kam jedenfalls von seinem ärgsten Feind und Neider: dem Industrieverband Schneidwaren in Solingen.

Christian Romanowski, Text: Hans Kantereit, Foto: Andrea Thode

Er machte den Anfängerfehler, mit der Fingerkuppe zu prüfen, ob das Messer zu scharf ist

Aber die Geschichte eines der nützlichsten Küchenhelfers der gehobenen Gastronomie verdient es, der Reihe nach erzählt zu werden: Den ersten wichtigen Schnitt auf dem Weg dorthin, wo Romanowski heute steht, machte, wie so oft, die Schule für ihn. In diesem Fall das Walther-Rathenau-Gymnasium in Berlin, das den jungen Mann zum Dank für diverse besondere Leistungen, darunter das wiederholte Ausrufen der Weltrevolution, kurzerhand und ohne jeden Abschluss vor die Tür setzte.
Romanowski tat das Beste, was man in dem Fall tun kann, und nahm seine weitere Ausbildung selbst in die Hand. Erste Lektion: Schnupperkurs Gastronomie. Es war Anfang der 1980er-Jahre, und frisch gepresster Orangensaft auf Straßenfesten war ein Novum, das die Kundschaft in Scharen anzog. Irgendwann betrieb Christian dreißig Stände, die ab fünf Uhr morgens mithilfe zweier Busse in der Stadt verteilt sowie auf- und schließlich wieder abgebaut werden mussten. Es floss bereits im ersten Jahr beträchtliches Geld in die Kasse.
Doch dann kam das, was Romanowski einen richtigen deutschen Sommer nennt, der Dauerregen spülte das Verdiente den Rinnstein hinunter und die Kassen­stände lagen Abends regelmäßig unter dem Stand, den sie qua Wechselgeld am Morgen gehabt hatten. »Da habe ich begriffen, dass ich zu allem Übel auch noch von den eigenen Mitarbeitern bestohlen ­wurde …«, erinnert sich Romanowski, »und hab aufgehört.«
Ganz folgenlos sollte der missglückte Ausflug in die Saftwirtschaft jedoch nicht bleiben. Romanowski saß seiner arbeitslosen Saftpresse der Marke Hamilton Beach gegenüber und geriet ins Grübeln. Er fand und sah keinen Grund, warum das schlichte Ding mit 700 DM gehandelt wurde. Er bereiste gezielt Länder, in denen Orangen angebaut werden, und sah sich um. In der Türkei wurde er fündig, fortan durfte Christian sich Saftpressenimporteur nennen. Die zu dieser Zeit an jeder Ecke zu findenden sogenannten Designläden waren begeistert. Romanowski legte nach, importierte Boston-Cocktailshaker und verwandten, nützlichen Kleinkram aus den USA, und bald war die Firma Romanowski Design geboren.
Auf einer Einkaufstour für das junge Unternehmen lief Christian dann ins Messer: An einem kleinen Frankfurter Messestand stand er vor einem Stahlmesser mit schwarzen Punkten am Griff, das er einfach nur schick fand. Er machte den blutigen Anfängerfehler, mit der Fingerkuppe zu prüfen, ob es auch wirklich scharf ist, erlebte einen unvergesslichen Aderlass, und als die Blutung gestillt war, konnte er sich weltweit erster Importeur des Global Messers nennen.
Romanowski hatte sich kein zweites Mal geschnitten, das Global verkaufte sich fast von selbst. Bald erreichte ihn eine erfreuliche Nachricht aus England: Die britische Ausgabe der Stiftung Warentest hatte Global unter die Lupe genommen und zum Messer aller Messer gekürt. Diesen Wissensvorsprung wollte Chris­tian seinen Kunden nicht vorenthalten. Im Rundfax stand kurz und knapp: »Wir haben das beste Messer der Welt!« Dieser kleine Freudenschrei genügte, um die Eingangs erwähnte Spaßbremse Industrieverband Schneidwaren aus Solingen auf den Plan zu rufen. Den Inhalt des Schreibens, das Romanowski postwendend bekam, fasst er heute so zusammen: Er solle sich ­seine beschissenen Kackmesser gefälligst irgend­wohin schieben, wo die Sonne nie hinscheint, und aufhören, große Sprüche zu klopfen. Die besten Messer kämen aus Solingen und basta! Anlage: Eine kostenpflichtige Abmahnung.
Der Bundesverband hatte die Rechnung ohne Romanowskis Streitlust gemacht: Er schickte Global Messer an die hundert besten Köche Deutschlands und bat um ihr Urteil. Siebzig antworteten, 68 davon waren begeistert. Roma­nowski begann, Köche mit seinen Messern zu besuchen, und hatte das Gefühl, er trage ihnen das Glück direkt in die Küche. Sie dankten ihm für ein Werkzeug, mit dem man einfach nur mühelos und gern schneidet. An der Stelle, erinnert sich Christian, fing er an, sich im Thema Messer so wohl zu fühlen, dass er Romanowski Design ohne Wehmut verkaufte, um sich künftig ganz und gar dem Schneiden widmen zu können.
Fragt man ihn heute nach seinem Wohnort, erfährt man, dass er sich häuslich ganz gut in »Immer unterwegs« eingerichtet hat. Erfolgserlebnisse können süchtig machen. Christian hat seit dem einschneidenden Start auf jener Frankfurter Messe nicht aufgehört, die Welt nach guten Messern abzusuchen, die er glücklichen deutschen Köchen an die Hand geben kann. Und immer noch fragt er, wenn er ein Messer für gut befunden hat, so viele Zwei- und Drei-Sterne-Köche wie möglich nach ihrer Meinung, ehe er das neue Schneidwerkzeug ins Programm nimmt. Überhaupt hält ihn die feste Überzeugung, dass man auf dieser Welt nur durch ständigen Austausch vorankommt, ziemlich auf Trab. Fast unnötig zu erwähnen, dass diese Arbeitsweise dem Mann, der das Glück in so viele ambitionierte Küchen bringt, jede Menge nahrhafte Freundschaften mit Spitzenköchen beschert hat. Ein bisschen Glück bekommt der Herr Romanowski, der so gerne gut isst, also zurück.

www.kochmesser.de

Text: Hans Kantereit, Foto: Andrea Thode
16. Dezember 2012
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