Eigener Herd

Kartoffeln essen

Vijay Sapre hat sich aus­führ­lich mit der Kar­tof­fel beschäf­tigt und aus ihr ein fei­nes Püree zubereitet

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Schme­cken so ver­schie­den wie sie aus­se­hen: Linda, La Ratte und Melody

Wenn es ein kul­tur­stif­ten­des, mythi­sches Lebens­mit­tel der Deut­schen gibt, so ist es zwei­fel­los die Kar­tof­fel. Sie erreichte Europa unge­fähr zur sel­ben Zeit wie die Auf­klä­rung und setzte sich schnell als Grund­nah­rungs­mit­tel durch. Wenn man heute sagt, einer müsse »eine Zeit­lang Kar­tof­feln essen«, so ist damit gemeint, er müsse sich ein­schrän­ken. So gese­hen, lohnt es viel­leicht gerade in der Krise, sich genauer mit Sola­num tube­ro­sum zu beschäf­ti­gen. Zum Bei­spiel, indem man ein Püree zubereitet

Rohe Kar­tof­feln sind unge­nieß­bar. Kunst­voll zube­rei­te­tes Püree dage­gen ist köst­lich. Woran liegt’s?

Die Stärke, die in ers­ter Linie den Nähr­wert der Kar­tof­fel aus­macht, liegt, ähn­lich wie beim Getreide, in fes­ten Körn­chen vor, die wir in die­ser Form nicht ver­dauen kön­nen. Beim Kochen wer­den diese Körn­chen auf­ge­bro­chen und Was­ser kann sich an die Stär­ke­mo­le­küle anla­gern – ein Gel ent­steht. Wenn man jetzt But­ter hin­zu­gibt, fin­det diese mit den sepa­rier­ten Zel­len und den voll­ge­so­ge­nen Stär­ke­körn­chen eine rie­sige Ober­flä­che, an die sie sich anla­gern kann. So ent­wi­ckelt sich eine sei­dige Struk­tur, die der Zunge schmei­chelt. Etwas heiße Milch dazu, Salz und Mus­kat. Das Fett als Geschmacks­trä­ger sorgt dafür, dass auch die fei­nen Aro­men der Kar­tof­fel zutage tre­ten und sich mit der Milch ver­mäh­len kön­nen. Damp­fend heiß in der Schüs­sel auf den Tisch gebracht, ist das Püree eine ideale samt­wei­che Ergän­zung zu kräf­ti­gen Gerich­ten wie Fri­ka­del­len, Würst­chen, Leber oder Königs­ber­ger Klopsen.

Alles ganz ein­fach? Im Prin­zip ja. Man muss nur einige Dinge beachten

Zunächst die Zuta­ten. Die Liste ist kurz: Kar­tof­feln, But­ter, Milch, Salz. Even­tu­ell Pfef­fer und Mus­kat. Vor allem bei den Kar­tof­feln und der But­ter sollte man nicht spa­ren. All­ge­mein wird emp­foh­len, meh­lig kochende Kar­tof­feln zu ver­wen­den. Geschmack­lich sind fest kochende Sor­ten, wie zum Bei­spiel die legen­däre Linda, häu­fig ergie­bi­ger. Ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Mei­nung kann man mit sol­chen Kar­tof­feln durch­aus ein her­vor­ra­gen­des Püree zube­rei­ten. Vor­aus­set­zung ist, dass man sich ein paar Gedan­ken dazu macht, wel­che Fak­to­ren Geschmack und Tex­tur beeinflussen.

Die Tex­tur wird wesent­lich von der Stärke bestimmt. Meh­lig kochende Kar­tof­feln haben sehr viele, sehr große Stär­ke­körn­chen ein­ge­la­gert, die ent­spre­chend viel vom kar­tof­fel­ei­ge­nen Was­ser bin­den und dadurch auf­quel­len. Dabei wer­den die Zell­wände gesprengt, so dass die Kar­tof­fel zer­fällt – das führt zu dem meh­li­gen, tro­cke­nen Mund­ge­fühl. Bei fest kochen­den Kar­tof­feln sind die Kör­ner klei­ner, mehr Was­ser ist übrig, und die Zell­wände blei­ben zum Teil erhal­ten. Die Kar­tof­fel bleibt also feuch­ter und fes­ter. Bei der Wei­ter­ver­ar­bei­tung kommt eine wei­tere Eigen­schaft der Stärke zum Tra­gen: Stärke besteht aus zwei ver­schie­de­nen Sor­ten von Mole­kü­len, Amylo­pek­tin und Amy­lose. Die Amylopektin-Moleküle haben eine drei­di­men­sio­nale Struk­tur, sie sind rela­tiv groß und unbe­weg­lich. Amy­lose hin­ge­gen liegt als lange Kette vor, die spi­ral­för­mig auf­ge­rollt ist. Unter Wär­me­ein­wir­kung ent­fal­ten sich diese Spi­ra­len. Wenn sie jetzt auf andere Stär­ke­mo­le­küle tref­fen, kön­nen sie sich mit die­sen ver­bin­den, so dass ein Netz­werk ent­steht. Der Vor­gang ist der­selbe wie beim Kne­ten von Teig, in die­sem Fall aller­dings uner­wünscht. Des­halb ist es wich­tig, die Kar­tof­feln beim Pürie­ren mög­lichst vor­sich­tig zu behan­deln. Wird die Kar­tof­fel­masse zu stark gerührt oder gar im Mixer ver­ar­bei­tet, wird zuviel Stärke frei­ge­setzt und das Ergeb­nis ist kein Püree, son­dern eine kleist­rige, kleb­rige Masse, die schwer im Magen liegt und eher zur Strafe als zur Beloh­nung taugt.

Das Ziel ist also, die Kar­tof­feln gar zu kochen und zu pürie­ren, dabei aber mög­lichst wenig Stärke freizusetzen

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Das beste Ergeb­nis erzielt man mit einer Kartoffelpresse

Ich habe mich lange gefragt, warum oft emp­foh­len wird, Kar­tof­feln in kal­tem Was­ser auf­zu­set­zen. Die Ant­wort steht in dem groß­ar­ti­gen Buch On Food and Coo­king von Harold McGee: Wenn man Gemüse bei nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren (etwa 50 Grad) vor­gart, ver­än­dern sich die Zell­wände und die Stär­ke­körn­chen so, dass sie beim anschlie­ßen­den Gar­ko­chen fes­ter blei­ben. Wer­den die Kar­tof­feln kalt auf­ge­setzt, so kom­men zumin­dest die äuße­ren Schich­ten für eine gewisse Zeit in den Genuss die­ser Niedertemperaturbehandlung.

Dann wäre es viel­leicht am bes­ten, wenn die Kar­tof­feln mög­lichst nur aus äuße­ren Schich­ten bestün­den? Nichts ein­fa­cher als das: Wir schä­len sie und schnei­den sie in dünne Schei­ben, 5 mm mit der Auf­schnitt­ma­schine oder einer Man­do­line. Das hat noch einen wei­te­ren Vor­teil: Wir kön­nen die Gar­zeit rela­tiv kurz hal­ten und die Kar­tof­feln lau­gen nicht so aus.

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Für ein fei­nes Püree, streicht man es ein– oder zwei­mal durch ein Sieb

Wich­tig ist, die Kar­tof­feln gerade eben gar zu kochen, auf kei­nen Fall zu lange. Abgie­ßen und im tro­cke­nen Topf auf dem Herd aus­damp­fen las­sen. Heiß durch die Kar­tof­fel­presse drü­cken und mög­lichst schnell – aber vor­sich­tig – die zim­mer­warme, jedoch nicht geschmol­zene But­ter ein­ar­bei­ten. Das Fett umhüllt die Stär­ke­körn­chen und trägt so sei­nen Teil dazu bei, dass das Püree nicht kleb­rig wird.

Wer ein beson­ders fei­nes Püree haben möchte, treibt es noch ein– oder zwei­mal durch ein fei­nes Sieb. Jetzt kann man das Püree ent­we­der mit etwas hei­ßer Milch, Salz, Pfef­fer und Mus­kat voll­en­den und ser­vie­ren oder es zur spä­te­ren Ver­wen­dung kalt stel­len. Es wird im Kühl­schrank hart, kann aber leicht mit etwas Milch unter vor­sich­ti­gem Rüh­ren auf klei­ner Flamme wie­der erwärmt wer­den. Diese Methode lie­fert auch mit fest kochen­den Kar­tof­feln zuver­läs­sig sehr gute Ergeb­nisse. Was mich noch stört ist ledig­lich, dass durch das Schä­len ent­schei­dende geschmack­li­che Kom­po­nen­ten der Kar­tof­fel ver­lo­ren gehen. Wie so häu­fig bei Obst und Gemüse steckt näm­lich auch bei der Kar­tof­fel das meiste Aroma in oder direkt unter der Schale. Beson­ders das erdige, kar­tof­fe­lige Pyra­zin, das zum Teil von der Knolle selbst und zum Teil von im Boden leben­den Mikro­ben her­ge­stellt wird, trägt zum typi­schen Kar­tof­felaroma bei. Für ein wirk­lich per­fek­tes Püree ste­cke ich des­halb die Scha­len in einen (oder meh­rere) Ein­mal­tee­fil­ter aus Papier und koche sie mit.

20. Juli 2012
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3 Kommentare

  1. Katja S.
    Am 21. September 2012 um 12:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Spricht etwas dage­gen Kar­tof­feln in Dampf mit Schale zu garen? Es wurde schon behaup­tet es wäre wich­tig, dass unver­träg­li­che Stoffe ins Koch­was­ser aus­tre­ten können.

    • Vijay Sapre
      Am 24. September 2012 um 11:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Nein, da spricht nichts dage­gen, im Gegenteil.

  2. Am 16. Oktober 2012 um 09:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das Mit­ko­chen der Scha­len ist ein tol­ler Tipp. Ich mag näm­lich die Schale der Kar­tof­fel sehr gerne und fand es bis­her immer schade, für ein Pü die Schale weg­wer­fen zu müssen.

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