Robert Rant

Oberkellner Robert Rant: Kalter Kaffee

»Warum bist Du eigent­lich immer dage­gen?«, fragt mich eine Freun­din, als ich eine Starbucks–Filiale als Treff­punkt ablehne. In Loka­len, in denen die Bestel­lung einer Tasse Kaf­fee zu einer Quiz­show mutiert, fühle ich mich eben nicht wohl. Ich weiß nicht mal, in wel­che Geträn­ke­gruppe ich Triplefrozen-raspberry’n’macadamiayoghurccinos ein­ord­nen soll. Irgend­wie scheint der Kuchen schon mit drin zu sein – Trink­torte, quasi. »Nie­mand ver­bie­tet dir, ein­fach einen Espresso zu bestel­len«, ent­geg­net meine Freun­din und bezich­tigt mich des Kul­tur­pes­si­mis­mus. Jeder soll sein Busi­ness machen, erwi­dere ich, aber ich muss diese maß­lose Über­zeich­nung der Lifestyle-Aktie nicht gut finden.

Rechteinhaber: LeChef, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Im rich­ti­gen Leben arbei­tet Robert Rant im Ser­vice in einem sehr guten Restau­rant. Höf­lich und form­voll­en­det küm­mert er sich um seine Gäste. Was er sich dabei denkt, steht hier

Gerade beim Thema Kaf­fee klappt oft das Ein­fachste nicht. Der Espresso ist das letzte Getränk auf der Rech­nung, und je hoch­wer­ti­ger die Gas­tro­no­mie, desto höher der Preis – bis hier­hin ganz ein­fach. Aber dop­pelt kos­tet häu­fig dop­pelt, und ich finde es unver­schämt, wenn ein Espresso mit 9 Euro zu Buche schlägt. Der Preis ist aber gar nicht aus­schlag­ge­bend, schließ­lich zahlt man einen gan­zen Abend, ein Erleb­nis. Doch der Espresso ist meist schlecht – und die­ser letzte Ein­druck bleibt, egal wie makel­los alles andere war. Aber nie­man­den scheint das zu interessieren.

»Es ist wirk­lich schwie­rig, sich mit dir auf einen Kaf­fee zu ver­ab­re­den«, wird mir zu Recht vor­ge­wor­fen. Der Preis für das schöne Leben scheint die soziale Ver­wahr­lo­sung zu sein. Ich schlage die völ­lig unhippe Eis­diele vor, wo es für Nüsse und ohne Quiz­fra­gen den bes­ten Kaf­fee des Vier­tels gibt. Zu mei­ner Freude gesteht meine Freun­din, dass der Cap­puc­cino sehr gut ist, indem sie einen zwei­ten bestellt. Die Kon­su­men­ten gur­geln kri­tik­los jeden Kaf­fee in sich rein, auch wenn die saure Brühe für den mensch­li­chen Ver­zehr unge­eig­net ist, erkläre ich mei­nen Ärger. An Tank­stel­len gibt’s sogar kal­ten Kaf­fee in Dosen!

»Es ist erstaun­lich, wieso du bei allem, was die Gas­tro­no­mie angeht, sofort von null auf hun­dert gehen kannst«, sagt meine Freun­din. Weil ich es wich­tig finde! Und weil es Kaf­fee ist! Unter­stütze die kleine Bude um die Ecke, aber renn nicht zur Indus­trie, die die teu­ers­ten Lokale der Innen­städte anmie­tet und Fan­ta­sie­preise für Trink­tor­ten aufruft.Das sind Feinde! Meine Freun­din scheint amü­siert und fragt, ob es nicht anstren­gend sei, sich immer so auf­zu­re­gen. »Abso­lut!«, ent­gegne ich und bekomme post­wen­dend die Frage, warum ich über­haupt in der Gas­tro arbei­ten würde. Viel Arbeit, wenig frei, Freunde zu tref­fen wird auch immer schwie­ri­ger – und anschei­nend ganz viel schlech­ter Kaf­fee. »Weil ich keine Lust auf Hob­bys habe«, ent­gegne ich und bestelle noch zwei Cappuccino.

Illus­tra­tion: Lechef

Aus Effi­lee #16, mai/Juni 2011

1. September 2011
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4 Kommentare

  1. PaulKombüs
    Am 5. September 2011 um 09:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    wer­ter Fach­kol­lege der kie­stre­ten­den Zunft…
    wie wahr, wie wahr, wenn ich einen Kaf­fee trin­ken will, will ich nur einen und net geschätze 1900 Abar­ten von Café Ame­ri­cano oder Aqua sporc­cha senza gusto (ame­ri­ka­ni­schem Kaffe vulgo dre­cki­gem Was­ser ohne Geschmack).
    Nur ein­fach »einen« guten Kaf­fee, Genuss kann so ein­fach sein!
    PaulKombüs

  2. Rottger Roos
    Am 5. September 2011 um 10:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

    …man hätte es bes­ser nicht for­mu­lie­ren kön­nen, denn die­ser Arti­kel trifft sowas von ins schwarze einer Brühe, die lang­läu­fig sogar Kaf­fee­spe­zia­li­tät bezeich­net wird.

    Selbst meine Oma, die nichts von Varie­tä­ten, Sieb­trä­gern und Klicktam­pern wusste, hat mit ihrer alten Por­zel­lankanne ein excel­len­tes Boh­nen­ge­tränk gebüht — im Gegen­satz zu so man­chem »Spe­zia­lis­ten«, der mit einer pro­fes­sio­nel­len Maschine ver­sucht den Welt­re­kord zu bre­chen, indem er den Espresso in unter 10 Sekun­den durch den Sieb­trä­ger kata­pu­liert.
    Ach hät­ten wir doch als Nation der Kaf­fee­trin­ker nur halb so viel inter­esse für Kaf­fee wie für Wein. Unsere Mägen wür­den es uns danken.

  3. Anyuta
    Am 6. Februar 2012 um 11:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Toll geschrie­be­ner Arti­kel, des­sen Wir­kung lei­der durch eine kleine Sache getrübt wird: die Sub­head­line »Kal­ter Kafee«, bei der unbe­ab­sich­tigt (?) ein F weg­ge­las­sen wurde. Hm.

  4. Dirk Müller
    Am 6. Februar 2012 um 11:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    vie­len Dank, habe ich korrigiert.

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