Kantine

Kantine des Monats: Unilever

Zugang zur Kan­tine erhält aber nur, wer einen gül­ti­gen Fir­men­aus­weis hat

Das Leben eines Kan­ti­nen­kri­ti­kers ist übli­cher­weise hart. Die meis­ten Indus­trie­un­ter­neh­men ver­sor­gen ihre Mit­ar­bei­ter nur noch im Rah­men küm­mer­li­cher Mini­mal­an­for­de­run­gen. Spä­tes­tens seit den Restruk­tu­rie­rungs­pro­jek­ten der 90er-Jahre gehört nach gän­gi­ger Bera­ter­mei­nung die Ver­pfle­gung der Mit­ar­bei­ter nicht mehr zu den Kern­kom­pe­ten­zen eines Unter­neh­mens. Kon­se­quen­ter­weise wer­den die Kan­ti­nen gerne an den­je­nin­gen out­ge­sourct, der das bil­ligste Ange­bot abge­ge­ben hat: Con­ve­ni­ence, Krankenhaus­essen und Ape­tito las­sen grüßen …

Unilever , Wer hier arbeitet, kann auch ganz gut essen

Wer hier arbei­tet, kann auch ganz gut essen

Die Erwar­tun­gen an die neue Unilever-Kantine in der Hafen­city waren trotz­dem ziem­lich hoch, glänzt doch der Neu­bau mit Super­la­ti­ven: Grüns­tes Büro­ge­bäude Euro­pas, Vor­rei­ter in Sachen Ener­gie­ef­fi­zi­enz, ein­ma­li­ger Blick auf die ent­ste­hende Elb­phil­har­mo­nie und den Ham­bur­ger Hafen, preis­ge­krönte Archi­tek­tur. Dar­über hin­aus erwirt­schaf­tet Uni­le­ver als glo­ba­les Unter­neh­men immer­hin die Hälfte sei­nes Umsat­zes von 40 Mil­li­ar­den Euro mit Nah­rungs­mit­teln.
Teile des Gebäu­des sind öffent­lich zugäng­lich, unter ande­rem die Mar­ken­shops und das Langnese-Café direkt am Was­ser. Zugang zur Kan­tine erhält aber nur, wer einen gül­ti­gen Fir­men­aus­weis hat oder sich zum Essen ein­la­den lässt. Zur Aus­wahl ste­hen fünf bis sechs täg­lich wech­selnde Gerichte, die sehr modern auf Bild­schir­men ange­zeigt wer­den. Das Spek­trum reicht von eher hoch­prei­si­gen Ange­bo­ten wie Rump­steak für 7,80 Euro bis hin zu einer ein­la­den­den Salat­bar und einer Wok-Station, an der kleine Por­tio­nen frisch zube­rei­tet wer­den. Die Küche ist offen und ordent­lich mit Öfen, Kip­pern und gro­ßen Pfan­nen und Töp­fen aus­ge­stat­tet.
Die 1200 Mit­ar­bei­ter kön­nen auf meh­re­ren Ebe­nen essen, im Som­mer auch drau­ßen. Die Ein­rich­tung ist modern und redu­ziert, die Farb­ge­bung wirkt leicht psy­che­de­lisch. Ich habe mich an ein asia­ti­sches Reis­ge­richt aus dem Wok für 3,50 Euro gewagt: kna­cki­ges Gemüse, das Fleisch nicht zu tro­cken, frisch gehack­ter Kori­an­der zum Sel­ber­wür­zen. Ser­viert wird in gutem, wei­ßem Por­zel­lan mit Unter­tel­ler und far­bi­ger Ser­vi­ette.
Also eigent­lich alles per­fekt, oder? Lei­der nicht: Die Sauce kommt aus der Indus­trie­pro­duk­tion, und auch sonst über­la­gert ein unbe­stimm­tes Gefühl von Tüten­suppe, eine leichte Ahnung von Maggi, den unbe­schwer­ten Genuss. Ganz aus sei­nem Geschäft wollte sich Uni­le­ver wohl doch nicht lösen. Schade! Aber im Som­mer komme ich sicher gerne auf ein Eis wieder.

Text: Serge Gorodish
27. Dezember 2012
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