Beilagen Gemüse

Herrn Paulsens Deutschstunde: Grünkohl

Mit dem Ein­set­zen der Frost­nächte bekommt der Win­ter­kohl seine typi­sche Würze und seine leichte Süße

Der Grün­kohl gilt vie­len Deut­schen als König der Kohl­sor­ten, im west­li­chen Nie­der­sach­sen spielt er sogar eine staats­tra­gende Rolle: Jedes Jahr im März wird in der Grün­kohl­stadt Olden­burg beim Deff­tig Olln­bor­ger Gröönkohl-Äten vor 300 Gäs­ten das Amt des Grün­kohl­kö­nigs neu aus­ge­lobt. Ein acht­köp­fi­ges Kurfürsten-Kollegium aus ver­dien­ten Bür­gern beruft den König, der stets aus der Poli­tik kommt. Angela Mer­kel beklei­dete 2001 das wür­de­volle Amt und schaffte es dar­auf­hin nur vier Jahre spä­ter zur Kanz­le­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutschland!


Das Volk in Ham­burg, Bre­men, Schleswig-Holstein, Nie­der­sach­sen, Sachsen-Anhalt und dem Müns­ter­land war­tet jedes Jahr sehn­süch­tig auf den inof­fi­zi­el­len Start der Grün­kohl­sai­son, die erste Frost­nacht. Offi­zi­ell beginnt die Grün­kohl­sai­son schon am Buß– und Bet­tag. Ken­ner wis­sen aber, dass die dem Kohl eige­nen Bit­ter­stoffe erst nach län­ge­rer Rei­fe­zeit mil­der wer­den, wenn der Trau­ben­zu­cker­an­teil in den Pflan­zen steigt. Mit dem Ein­set­zen der Frost­nächte bekommt der Win­ter­kohl seine typi­sche Würze und seine leichte Süße. Das kraus­blätt­rige Sai­son­ge­müse trägt viele Namen, als Frie­sen­palme, Blatt-, Feder-, Pflück– oder Braun­kohl kommt er auf den Markt, oft in impo­san­ten Plas­tik­sä­cken, ent­rappt, der dicks­ten Stän­gel ent­le­digt und schon vorgeputzt.

Beim Garen fällt der Grün­kohl ähn­lich dra­ma­tisch zusam­men wie Spi­nat, darum darf es gerne ein gro­ßer Beu­tel sein – ein Kilo­gramm ergibt eine anstän­dige Mahl­zeit für vier Per­so­nen. Vor dem Ver­zehr ist ein aus­ge­dehn­ter Win­ter­spa­zier­gang zu emp­feh­len: So gesund Grün­kohl ist mit sei­nen hohen Antei­len an Kal­zium, Magne­sium und Vit­amin C, so her­aus­for­dernd ist seine klas­si­sche Dar­rei­chungs­form. Tra­di­tio­nelle Bei­la­gen zu dem mit ordent­lich Schmalz ange­setz­ten Kohl sind geräu­cherte, fett­schwit­zende Schweins– und Grütz­würste, gepö­kel­tes Fleisch, Schwei­ne­bauch und gekochte Schwei­ne­ba­cken – Letz­tere wohl­ge­merkt keine zar­ten Wan­gen, son­dern Stü­cke vom Hin­ter­teil der Sau.

So eine Mahl­zeit ver­langt nach akri­bi­scher Vor­be­rei­tung. In Olden­burg, Ost­fries­land und Bre­men sind soge­nannte Kohl­fahr­ten sehr beliebt, win­ter­li­che Land­par­tien. So manch einer holt sich sei­nen Appe­tit beim Boßeln, einer Mischung aus fran­zö­si­schem Bou­le­spiel, Kegeln und Weit­wurf, bei der es gilt, eine Kugel (Boßel) mit mög­lichst weni­gen Wür­fen über eine fest­ge­legte Stre­cke zu werfen.

Grün­kohl wird, leicht ergraut aber saf­tig, in wür­zi­gem Koch­sud ser­viert, in man­chen Gegen­den wird der Sud mit einer gerie­be­nen Kar­tof­fel oder Hafer­flo­cken leicht gebun­den. Dazu gibt es Brat– oder Salz­kar­tof­feln und schar­fen Senf. In Schleswig-Holstein gehö­ren kleine runde Brat­kar­tof­feln, die am Schluss in der Pfanne mit Zucker ganz leicht gold­braun kara­mel­li­siert wer­den, dazu. Auf den Grün­kohl­ber­gen ruhen Kas­se­ler, Backe, Bauch und regio­nale Wurstspezialitäten.

In Nord­west­deutsch­land wird gerne Pin­kel gereicht, eine dicke, grobe, aber fein geräu­cherte Wurst mit Speck, Hafer– oder Gers­ten­grütze, die im Grün­kohltopf erhitzt wird. In Schleswig-Holstein schmeckt die rus­ti­kale Koch– oder Kohl­wurst, eine kräf­tig geräu­cherte Schweinswurst, die tra­di­tio­nell, heute aber nur noch sel­ten, Lunge ent­hält. Die Bre­gen­wurst (oder Brä­gen­wurst), eine in Nie­der­sach­sen und Sachsen-Anhalt einst sehr beliebte Mett­wurst mit Hirn von Rind oder Schwein, ist schon hirnfrei.

In guter Tra­di­tion wird nach dem Grün­kohl­mahl so man­cher Ver­tei­ler aus­ge­schenkt: Klare Schnäpse sol­len gerade rücken, was unver­rück­bar im Magen drückt, in eis­be­schla­ge­nen Glä­sern schwap­pen träge Aqua­vit, Küm­mel oder Korn. Das klappt natür­lich über­haupt nicht, macht aber gute Laune. Wohl­sein und Pro­sit! Und es lebe der König! Denn im Wirts­haus wäh­len die Grünkohl-Wallfahrer zu vor­ge­rück­ter Stunde oft einen Grün­kohl­kö­nig aus den eige­nen Rei­hen: Wer am meis­ten oder am längs­ten geges­sen hat, hat gute Chan­cen auf den Thron, man­cher­orts ent­schei­det das Los­ver­fah­ren. Ein­zige Auf­gabe des Königs: Dem Wahl­volk einen wei­te­ren Schnaps aus­zu­ge­ben, bevor die Gesell­schaft heim­wärts wankt.

Text, Rezept & Food­sty­ling: Ste­van Paul
Foto: Andrea Thode

aus Effi­lee #14, Januar/Februar 2011

23. Dezember 2011
Dieser Beitrag wurde in Beilagen, Gemüse veröffentlicht und getaggt , . Trackbacks are closed, but you can post a comment.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Das aktuelle Heft

  • Anzeige

  • Schneller Teller

  • Kleinanzeigen

  • Neueste Kommentare