Beilagen Fleisch

Herrn Paulsens Deutschstunde: Labskaus

Labskaus fin­det man über­all da, wo es Häfen, Hanse und See­män­ner gibt.

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Spä­tes­tens jetzt ist klar: Rosa ist eine Farbe für echte Kerle

Der Name ist Pro­gramm: Labskaus ist eine hand­feste Ange­le­gen­heit, abge­lei­tet vom Seemanns-englischen lobs für der­ber Kerl und course für Mahl­zeit. Über das nor­we­gi­sche lapskaus (gesal­ze­ner Kabel­jau mit Kar­tof­feln) kam der Name in den nord­deut­schen Sprach­ge­brauch. Tat­säch­lich fin­det sich der nahr­hafte Kar­tof­fel­brei mit gepö­kel­tem Fleisch über­all da, wo es Häfen, Hanse und See­män­ner gibt.

Ham­burg und Bre­men prei­sen das Gericht als tou­ris­ti­sche Attrak­tion, und auch die Stadt Liver­pool rühmt sich ihres Liver­pool Scouse, eines Ein­topfs aus geschmor­tem Lamm– oder Ham­mel­fleisch, der mit Möh­ren, Roter Bete und reich­lich Kar­tof­feln in den ört­li­chen Pubs gereicht wird. In North Wales löf­feln die Men­schen gerne einen ähn­li­chen Ein­topf, lie­be­voll Lobby genannt. In Nor­we­gen, Schwe­den und Däne­mark (wo der Skip­perl­abs­kovs natür­lich als Smør­re­brød gereicht wird) ist das Gericht in Abwand­lun­gen bekannt, gerne auch als gemisch­ter Wochen­rück­blick, über den ein gnä­di­ges Deck­män­tel­chen aus Kar­tof­fel­pü­ree aus­ge­brei­tet wird. Rekord­hal­ter im Labskaus­essen sind aber die Deut­schen: Das größte Labskaus-Essen der Welt fin­det all­jähr­lich in Wil­helms­ha­ven statt, der Welt­re­kord ist von 2005: Wil­helms­ha­ve­ner Gas­tro­no­men, das dor­tige Mari­ne­stütz­punkt­kom­mando sowie die Köche des Kata­stro­phen­schut­zes koch­ten und ser­vier­ten 10?612 Por­tio­nen Labskaus.

Die Rezep­tur, erst­mals 1701 erwähnt, star­tete beschei­den als Kar­tof­fel­stampf mit Pökel­fleisch, Zwie­beln und Speck. Das klas­si­sche deut­sche Labskaus der Segel­schif­fahrts­zeit ist an Nie­der­elbe, Nord– und Ost­see, sowie im nörd­li­chen Nie­der­sach­sen zu Hause. Haupt­be­stand­teile sind gekoch­tes, gepö­kel­tes Rind­fleisch und gekochte Kar­tof­feln, die durch den Fleisch­wolf gedreht, mit Zwie­beln und Brühe in einer Pfanne cre­mig­ge­rührt wer­den. Einst sorgte nur das Pökel­fleisch für die cha­rak­te­ris­ti­sche, röt­li­che Farbe, in neu­zeit­li­chen Rezep­ten färbt auch die gekochte Rote Bete kräf­tig, die mit ein­ge­leg­ten Gur­ken, Herin­gen, Roll­möp­sen oder Mat­jes­fi­let zusätz­lich als Bei­lage gereicht wird. In See­manns­krei­sen setzte sich das Essen bald durch, weil gepö­kel­tes Fleisch, Kar­tof­feln, ein­ge­leg­tes Gemüse und gesal­zene Heringe lange unge­kühlt halt­bar, ein­fach zuzu­be­rei­ten und sehr nahr­haft waren. Und die Eier lie­ferte das mit­ge­führte Feder­vieh; nach Land­gän­gen wur­den auch schon mal frisch geräu­berte Möve­n­eier in die Pfanne gehauen.

Um den beige­leg­ten Fisch mach­ten die Matro­sen aller­dings meist einen gro­ßen Bogen. Alles was nach Fisch schmeckte, war nach Mona­ten auf See höchst unbe­liebt, erklärte der Labskaus-Botschafter, Rein­hard Buttje Rauch vom Ham­bur­ger Tra­di­ti­ons­re­stau­rant Old Com­mer­cial Room in der Sen­dung Gans und Gar auf WDR 5. Wehe dem Smutje, der den Fisch heim­lich ins Püree häck­selte! Auch heute und an Land gilt darum wei­ter­hin: Fisch immer an den Tel­ler­rand legen – Labskaus ist in ers­ter Linie ein Fleischgericht!

Es lohnt, sich vom Metz­ger ein Stück Rin­der­bug oder Rin­der­brust ohne Kno­chen pökeln zu las­sen. Ein bis zwei Tage dau­ert das, dann kann das Fleisch im Wur­zelsud weich­ge­kocht und ver­ar­bei­tet wer­den. Das Fleisch ist wesent­lich geschmack­vol­ler, nicht so sal­zig und weni­ger fett als das in schnel­len Rezep­ten ange­ge­bene Cor­ned Beef aus der Dose.

Eine fins­tere Ent­wick­lung im Zusam­men­hang mit Labskaus darf hier nicht unter die Schiffs­plan­ken gekehrt wer­den. Immer öfter ver­su­chen ambi­tio­nierte Köche, auch nord­deut­scher Abstam­mung, Labskaus zwang­haft zu moder­ni­sie­ren, um das See­mann­ses­sen salon­fä­hig zu machen. Da wird Kar­tof­fel­creme mit japa­ni­schem Meer­ret­tich geschärft oder getrüf­fel­tes Kar­tof­fel­pü­ree mit Kalb­sta­fel­spitz ange­rich­tet, mit Belug­aka­viar und Wach­tel­spie­ge­lei gekrönt, Rote-Bete-Perlen und Gurken-Brunoise gemah­nen an Kon­fetti. Da wei­nen selbst die derbs­ten Kerle.

Text: Ste­van Paul
Foto: Andrea Thode

aus Effi­lee #6, September/Oktober 2009

25. September 2009
Dieser Beitrag wurde in Beilagen, Fleisch veröffentlicht und getaggt , , , , . Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Das aktuelle Heft

  • Anzeige

  • Schneller Teller

  • Kleinanzeigen

  • Neueste Kommentare