Erzähltes Leben

Zhan Jie, 39, China, kocht Jiaozi

Für Jiaozi muss man alles klein hacken. Ganz klein. Noch ein biss­chen kleiner

Wir sit­zen in einer gemüt­li­chen, von hel­lem Holz domi­nier­ten Wohn­kü­che. »Sag noch mal, wie mache ich den Tee?«, fragt meine Schul­freun­din Maarit, die ihrer Freun­din Zhang Jie heute die Küche zur Ver­fü­gung stellt. Sie zeigt auf einen Hau­fen Jas­min­knos­pen. »Wie nor­ma­len Tee«, sagt Zhang Jie. Die aus Peking stam­mende Chi­ne­sin kam vor neun Jah­ren mit ihrem Mann nach Dort­mund, um BWL zu stu­die­ren. »In China hatte ich Eng­lisch stu­diert, danach wollte ich im Aus­land leben. Fast alle Chi­ne­sen gehen in die USA oder nach Eng­land, aber ich wollte lie­ber aufs euro­päi­sche Fest­land. Und in Deutsch­land konnte man damals gut und güns­tig stu­die­ren.« Inzwi­schen lebt sie mit Mann und Kind in Hamburg.

Sie weicht einen Mu-Err-Pilz ein. »Es gibt ver­schie­dene Sor­ten: weiße, schwarze und wel­che, die auf einer Seite weiß und auf der ande­ren schwarz sind. Die Grö­ße­ren sind übri­gens fast immer die bes­ten.« Zhang Jie holt eine Schüs­sel aus dem Regal. »Nor­ma­ler­weise bleibt bei der Zube­rei­tung von Jiaozi etwas übrig. Wenn Teig übrig ist, machen wir dar­aus Nudeln, wenn Fül­lung übrig ist, machen wir damit Klöß­chen.« Für den Teig füllt sie Mehl in die Schüs­sel und gibt, wäh­rend sie mit Ess­stäb­chen umrührt, nach und nach Was­ser hinzu, bis sich der Teig anfühlt wie ein Babypopo.

Maarit ist gerade von einem drei­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in Peking zurück­ge­kehrt, wo sie Zhang Jie ken­nen­ge­lernt hat, die dort zwi­schen­zeit­lich wie­der arbei­tete. Sie küm­mert sich heute um Pai Huang­gua, die Vor­speise. Sie winkt mit einem Nudel­holz. »Dar­auf freue ich mich schon die ganze Zeit: Ich werde jetzt hier­mit die Gur­ken erschla­gen.« Enga­giert prü­gelt sie auf die klei­nen Gur­ken ein. »Eigent­lich macht man das mit der fla­chen Seite eines Mes­sers«, wirft Zhang Jie ein. Die auf­ge­platz­ten Gur­ken schnei­det Maarit mit einem Mes­ser klein. »Die Gur­ken wer­den so saf­ti­ger, als wenn man sie nur zer­schnei­det.« Zhang Jie deckt der­weil den Teig mit einem Hand­tuch ab. »Der muss jetzt erst mal ruhen.«

Maarit wetzt ein Mes­ser. »Ich habe kein Schwei­ne­hack bekom­men, also habe ich Schwei­ne­schnit­zel gekauft. Die schneide ich jetzt klein.« Neben ihr zer­klei­nert Zhang Jie einige Lauch­zwie­beln. Dann nimmt sie den Mu-Err-Pilz aus dem Was­ser und drückt ihn aus. »Das ist wich­tig! In der Fül­lung sollte so wenig Flüs­sig­keit wie mög­lich sein.« Sie prüft das Schwei­ne­fleisch. »Noch klei­ner.« Maarit tauscht das Mes­ser gegen ein Wie­ge­mes­ser, um das Fleisch unter erheb­li­cher Geräusch­ent­wick­lung auf chi­ne­si­sche Norm her­un­ter­zu­ha­cken. Zhang Jie schaut wohl­wol­lend her­über. »Das klingt schon sehr chinesisch.«

Sie schnei­det den Pilz klein und mischt ihn in einer Schale mit zwei klein geschnit­te­nen Lauch­zwie­beln. Maarit schnei­det die Gar­ne­len in Stü­cke. »Aber nicht so klein wie das Fleisch, sonst hat man nach­her kei­nen Spaß«, sagt Zhang Jie. Dann macht sich Maarit an den Chi­na­kohl. Sie schnei­det die vor­dere Hälfte ab und hackt sie klein. »Da mache ich jetzt Salz dran, oder?« Ein skep­ti­scher Blick aus Zhang Jies geschul­ten Augen. »Hm. Kannst du den noch etwas klei­ner machen?«

Zhang Jie legt einige Toma­ten zurecht. Maarit erzählt: »In China gel­ten Toma­ten nicht als Gemüse, son­dern als Obst. Es gibt oft Des­sert­tel­ler mit Toma­ten.« Sie prä­sen­tiert Zhang Jie den Kohl. »Hm, etwas klei­ner noch.« Zhang Jie ent­kernt die Toma­ten, wäh­rend Maarit wei­ter den Kohl bear­bei­tet, der sich einem staub­fei­nen Zustand nähert. Maarit gibt zwei Ess­löf­fel Salz an den Kohl. »Damit er Flüs­sig­keit ver­liert. Aus dem glei­chen Grund streue ich etwas Zucker über die Toma­ten«, erklärt Zhang Jie, wäh­rend sie zwei Zehen Knob­lauch hackt. Maarit gibt Knob­lauch und Kori­an­der zu den zer­drück­ten, klein geschnit­te­nen Gur­ken, dunk­len Reis­es­sig, Salz, Zucker und Sesamöl. Die Vor­speise ist fertig.

Tren­ner

Zhang Jie mischt Gar­ne­len, Fleisch, Kohl, Pilz und Lauch­zwie­beln, dann rührt sie ein rohes Ei unter. Sie gießt einen Schuss Soja­sauce und ein paar Sprit­zer Sesamöl dazu. »Davon darf man nicht zu viel neh­men, das schmeckt sehr inten­siv. Es gibt tau­send Fül­lun­gen für Jiaozi, aber diese ist eine wirk­lich tra­di­tio­nelle.« Für die zweite Fül­lung berei­tet Maarit Rührei. »Wenn das fer­tig ist, schütte ich die Toma­ten dazu, damit gleich ein wenig Flüs­sig­keit ver­duns­tet, weil die Pfanne noch heiß ist.« Zhang Jie schaut ihr über die Schul­ter. »Achte drauf, dass die Mischung am Schluss mehr rot als gelb ist.« Sie mischt Sesamöl, Salz und etwas gehackte Lauch­zwie­bel zum Tomaten-Rührei und rührt alles gut durch. »Kochen ist in China Fami­li­en­sa­che, da machen alle mit. Das ist auch gut für den Familienzusammenhalt.«

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Maarit packt für eine zweite Vor­speise Tau­send­jäh­rige Eier aus. »Ich liebe die Din­ger. Nur wenn sie schwef­lig rie­chen, sind sie schlecht, habe ich mir sagen las­sen.« Diese rie­chen nicht schlecht, aber trotz­dem gewöh­nungs­be­dürf­tig. Maarit hackt die Eier klein, gießt eine Mischung aus Zucker, Salz und dunk­lem Reis­es­sig dazu und rich­tet alles auf Tofu an. Dazu kom­men Kori­an­der, Lauch­zwie­bel und Ingwer.

Zhang Jie formt den Teig zu einer Rolle und schnei­det dau­men­di­cke Stü­cke davon ab, die sie geschickt und schnell mit einem Holz­stab aus­rollt. Der Trick besteht darin, den Teig an einer Seite fest­zu­hal­ten, wäh­rend man ihn aus­rollt. »So wird er am Rand dün­ner, wo er spä­ter zusam­men­ge­klebt wird, wo also zwei Lagen auf­ein­an­der­kom­men.« Wir sit­zen am Tisch und fül­len gemein­sam die Teig­ta­schen wie eine gute chi­ne­si­sche Familie.

Zhang Jie setzt in zwei gro­ßen Töp­fen Was­ser auf. »Wenn das Was­ser kocht, kom­men die Jiaozi in den Topf. Und immer, wenn das Was­ser wie­der anfängt zu kochen, gießt man kal­tes Was­ser nach, um die Tem­pe­ra­tur etwas zu sen­ken. Wenn das Was­ser nach dem drit­ten Nach­fül­len wie­der auf­kocht, sind die Jiaozi mit der Fleisch­fül­lung fer­tig. Die ande­ren sind schon nach dem zwei­ten Mal gar.«

Das Was­ser kocht, Zhang Jie legt die Taschen hin­ein. »Wenn du genau wis­sen willst, ob die Jiaozi gut sind, musst du pro­bie­ren.« Wir essen die Vor­spei­sen. Die Gur­ken sind sehr frisch, sie wir­ken durch die Soja­sauce und den Reis­es­sig ganz anders als im mit­tel­eu­ro­päi­schen Salat. Auch die schwar­zen Eier sind nicht voll­kom­men inkom­pa­ti­bel mit dem euro­päi­schen Gau­men. Sie pas­sen sich gut in das Ensem­ble aus Sau­cen und Gemüse ein, des­sen Geschmack schwer zu beschrei­ben ist: leicht, sal­zig, sehr eigen.

Dann gibt es das, worum es eigent­lich geht: die Jiaozi. »In das Schäl­chen mischt ihr Soja­sauce, Reis­es­sig und Sesamöl, wie es euch am bes­ten schmeckt.« Darin wer­den die Jiaozi ein­ge­taucht, ähn­lich wie Sushi. Beson­ders die mit der Fleisch­fül­lung sind lecker, wür­zig, fischig und flei­schig zugleich. Der Berg Jiaozi wird rasant klei­ner. »Wenn etwas übrig bleibt, könnt ihr die mor­gen bra­ten.« Ein Ver­gnü­gen, das man sich kei­nes­falls ent­ge­hen las­sen sollte: Die beim Anbra­ten ent­ste­hende Kruste bil­det einen schö­nen Gegen­satz zur wei­chen Füllung.

Text: Alex­an­der Kas­bohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effi­lee #13, November/Dezember 2010

18. Juli 2012
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