Erzähltes Leben

Wohl bekomm’s! … aber wieso eigentlich?

Woher rührt unsere Vor­liebe für einen guten Trop­fen? Und hat sie viel­leicht sogar einen tie­fe­ren Sinn? Man wird doch mal fra­gen dür­fen. Zum Bei­spiel Pro­fes­sor Tho­mas Jun­ker, der kennt sich näm­lich aus

Text: Hans Kan­te­reit Illus­tra­tio­nen: Wil­helm Busch
THOMAS JUNKer lehrt Geschichte der Biowissenschaften an der Uni Tübingen, schreibt und ist unter anderem Mitherausgeber von Charles ­Darwins Briefwechsel. Zuletzt erschien ›Die 101 wichtigsten Fragen: Evolution‹, C. H. Beck Verlag, 9,95 Euro.

THOMAS JUN­Ker lehrt Geschichte der Bio­wis­sen­schaf­ten an der Uni Tübin­gen, schreibt und ist unter ande­rem Mit­her­aus­ge­ber von Charles ­Dar­wins Brief­wech­sel. Zuletzt erschien ›Die 101 wich­tigs­ten Fra­gen: Evo­lu­tion‹, C. H. Beck Ver­lag, 9,95 Euro.

Die gän­gigste Theo­rie, wie und wann unsere Vor­fah­ren zum ers­ten Mal mit dem Thema Alko­hol kon­fron­tiert wur­den, liest sich natur­ge­mäß hübsch und flüs­sig:
Vor ein paar Tau­send Jah­ren sei ein Trüpp­chen unse­rer Alt­vor­de­ren beim Pick­nick an eine ordent­li­che Por­tion ver­go­re­ner Früchte gera­ten. Den Weg zurück ins Dorf tra­ten sie ver­dat­tert, in Schlan­gen­li­nien, aber auch auf eine bis dahin nicht gekannte Art und Weise gelöst an. Die­ser aus­ge­las­sene Zug durch die Gemeinde blieb natür­lich nie­man­dem ver­bor­gen, und prak­tisch jeder wünschte sich auch mal in die­sem geseg­ne­ten Zustand vom Feld nach Hause zu kom­men. Es dürfte nicht lange gedau­ert haben, bis der Pfad zur Wiese mit dem selig machen­den Fall­obst so sorg­fäl­tig aus­ge­tre­ten war wie heute nur das Lin­oleum vor einem alten Dub­li­ner Tre­sen.
Aber diese Geschichte scheint nicht ganz zu stim­men. So sieht das, neben ande­ren, auch der ame­ri­ka­ni­sche Bio­loge Robert Dud­ley und kann beste­chend ein­leuch­tend erklä­ren warum: Der Schlüs­sel zu sei­nen Zwei­feln steckt in dem hoch kom­pli­zier­ten Sys­tem aus Enzy­men, wel­ches den kon­su­mier­ten Alko­hol in unse­rem Kör­per dank des Wort­un­ge­tüms ­Alko­hol­de­hy­dro­ge­nase wie­der abbaut. Die Pro­duk­tion der spe­zi­ell dafür benö­tig­ten Pro­te­ine funk­tio­niert näm­lich nur über ent­spre­chende gene­ti­sche Befehle. Und für diese Befehle benö­tigt die Evo­lu­tion eine Pro­gram­mier­zeit von Jahr­mil­lio­nen. Unsere Vor­fah­ren müs­sen also schon sehr, sehr viel frü­her begon­nen haben, sich gele­gent­lich ein Tröpf­chen zu gön­nen.

Dud­leys These ist das Gegen­teil von ernüch­ternd, legt sie für den geneig­ten Laien doch den Schluss nahe, dass eine Natur, die Mil­lio­nen von Jah­ren an einem Sys­tem her­um­bas­telt, des­sen ein­zige Auf­gabe es ist, uns den Alko­hol bes­ser ver­tra­gen zu las­sen, ein gewis­ses vita­les Inter­esse daran hat, dass wir den Stoff auch brav zu uns neh­men. Ist das nun eine respek­ta­ble wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis? Oder nur ein erbärm­li­cher, feuch­ter Trin­ker­traum? Und: Wen fragt man so etwas? Den Wein­händ­ler sei­nes Ver­trau­ens in die­sem Fall wohl bes­ser nicht.

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Der durch beein­dru­ckende Publi­ka­tio­nen zum Thema aus­ge­wie­sene Frank­fur­ter Evo­lu­ti­ons­bio­loge Pro­fes­sor Tho­mas Jun­ker scheint da die siche­rere Bank. Kurz vor dem Frage-und-Antwort-Spiel will uns die Natur schein­bar auch in die­sem Punkt bewei­sen, wer Herr im Hause ist: Auf der Fahrt an den Main zer­legt sich die These, dass die Evo­lu­tion uns das Trin­ken quasi höchst­per­sön­lich beige­bracht haben muss, im Kopf des Repor­ters zur lai­en­haf­tes­ten bio­lo­gi­schen Milch­mäd­chen­rech­nung seit der Erfin­dung der Frucht­fliege. Kurz vor Kas­sel wird erwo­gen den For­scher unter irgend­ei­nem Vor­wand mit einem ganz ande­ren Anlie­gen zu löchern. Die Bild-Schlagzeile ›Bescheu­ertste Repor­ter­frage aller Zei­ten! Deutsch­lands klügs­ter Pro­fes­sor hat sich tot­ge­lacht!!!‹ nützt schließ­lich nie­man­dem.
Tat­säch­lich lacht Pro­fes­sor Jun­ker bereits als er die Tür öff­net. Aller­dings aus Höf­lich­keit.

Woher kommt Ihres Erach­tens die­ser natür­li­che Drang der gesam­ten nicht­islamischen Welt zu einer Sub­stanz, die, falsch dosiert, im Hand­um­dre­hen Müdig­keit, Ver­wir­rung, Übel­keit und Kopf­schmer­zen her­vor­ru­fen kann? Die Evo­lu­tion lässt uns doch eigent­lich nur Dinge begeh­ren, die uns auf dem Pla­ne­ten irgend­wie vor­wärts­brin­gen?

Sie brau­chen die isla­mi­sche Welt gar nicht aus­zu­schlie­ßen. Die strikte Ver­teu­fe­lung ist auch eine Art von Inter­esse. Und die Sache liegt rela­tiv ein­fach: Die Evo­lu­tion zählt stets erst die Nach­kom­men und ent­schei­det dann, wie es wei­ter­geht. Eigen­schaf­ten, die der Art einen Über­le­bens­vor­teil ver­schaf­fen, sol­len sich durchsetzen.

Könnte man sagen, die Evo­lu­tion sah einen Über­le­bens­vor­teil darin, dass wir den Alko­hol zum Teil unse­rer Ernäh­rung mach­ten?
Offen­bar. Alko­hol kommt schließ­lich über­all in der Natur vor. Schon der Affe, der imstande war, ver­go­rene Früchte zu essen, hatte einen Selek­ti­ons­vor­teil. Er konnte Nah­rung ver­wer­ten, die ­andere lie­gen las­sen muss­ten. Seine ­Chance, eine karge Zeit zu über­le­ben und Nach­kom­men zu zeu­gen, war grö­ßer. Ein ver­gleich­ba­rer Vor­teil bestand spä­ter für ganze Dör­fer. Ein Dorf, das im Herbst Wein gekel­tert hatte, über­lebte einen kal­ten Win­ter eher als ein tro­cke­nes Dorf. Alko­hol lie­fert schnell ver­wert­bare Kalo­rien. Und Wein ist im Win­ter sozu­sa­gen das ein­zig ver­füg­bare Obst. Ein Obst­sa­lat für den Win­ter, den einem die Kin­der nicht weges­sen! Diese Kalo­rien brauchte übri­gens auch der Bauer auf dem Feld. Ein schnel­ler Schluck Honig­wein bei har­ter Arbeit war quasi der Scho­ko­rie­gel der Früh­ge­schichte. Bau­ern, die aus irgend­ei­nem Grund kei­nen Wein hat­ten, waren deut­lich im Nach­teil. Es gab aller­dings auch soziale Aspekte: Wir konn­ten schon damals nicht sehr gut alleine, aber mit den ande­ren auch nicht immer gut. Grüpp­chen, in denen gele­gent­lich ein Schluck genom­men wurde, hat­ten weni­ger Inte­gra­ti­ons­pro­bleme und waren letzt­end­lich erfolg­rei­cher. Sie hat­ten einen höhe­ren Sta­tus und beka­men schnel­ler Frauen.

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Da hat sich ja kaum was geän­dert!?
Die Evo­lu­tion arbei­tet nicht von heute auf mor­gen. Es war schon immer so: Wer ein Glas trinkt, wird locke­rer, sieht ent­spann­ter aus und hat schnel­ler und mehr Sex. Dar­aus resul­tie­ren meist auch mehr Nach­kom­men. Und das ist schließ­lich das erklärte Ziel der Evo­lu­tion.

Nur ’ne Idee, aber ange­nom­men, ab sofort wür­den nur noch sehr starke Trin­ker mit­ein­an­der schla­fen: Würde die Evo­lu­tion dann, wenn sie noch­mal 30 Mil­lio­nen Jahre Zeit hätte, einen Super­säu­fer kon­stru­ie­ren?

Das würde sie, vor­aus­ge­setzt der Säufer­sex wäre erfolg­reich und es kämen genü­gend gesunde Nach­kom­men dabei her­aus. Gerade fällt mir ein: Ein deut­li­ches Indiz dafür, dass Alko­hol­ge­nuss der sexu­el­len Aus­lese dient, ist auch die Tat­sa­che, dass das Inter­esse am Trin­ken erst in der Puber­tät erwacht. Andern­falls würde diese Ein­schrän­kung über­haupt kei­nen Sinn erge­ben. Im Sinne der sexu­el­len Selek­tion ist Trin­ken übri­gens eine Sportart.

Wie bitte?
Wir nen­nen es Handicap-Signal. Wann immer wir etwas voll­kom­men Über­flüs­si­ges oder Ris­kan­tes tun, geschieht dies, um einem poten­zi­el­len oder fik­ti­ven Sexu­al­part­ner zu impo­nie­ren. Wir wol­len demons­trie­ren, dass wir nicht nur pro­blem­los für unser Über­le­ben sor­gen kön­nen, son­dern dar­über hin­aus noch Res­sour­cen frei haben und uns ris­kan­tes Ver­hal­ten leis­ten kön­nen. Wer sturz­be­trun­ken ist, hat am nächs­ten Tag ­Pro­bleme und nimmt auch in Kauf, bei Gefahr nicht schnell genug Fer­sen­geld geben zu kön­nen.
Drau­ßen beginnt eine Truppe Laub­blä­ser ohne Vor­war­nung, unsere Ver­stän­di­gung zu erschwe­ren. Jun­ker springt auf und macht die Fens­ter zu. Für den Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen ist das ein Stichwort:

Im Grunde ist es schön, dass das Prin­zip Alko­hol sich durch­ge­setzt hat. Wir leben in einem ver­dammt hek­ti­schen und lau­ten Zeit­al­ter: Da kann eine Droge mit beru­hi­gen­der Wir­kung nicht schaden.

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Wenn’s erlaubt ist, hier mal eine haus­ge­machte Ver­mu­tung: Ein Groß­teil der Mensch­heit fühlt sich in klei­ner Runde des Abends in der Kneipe aus­ge­spro­chen wohl und sicher. Obwohl das mit dem sicher in der Kneipe heut­zu­tage immer öfter rela­tiv ist. Könnte diese kol­lek­tive Vor­liebe von einer fer­nen Erin­ne­rung her­rüh­ren, an die Abende in der Steppe oder in den Höh­len, wo Mensch durchs Lager­feuer vor Raub­tie­ren geschützt und unter wohl­ge­son­ne­nen Mit­men­schen den Tag aus­klin­gen ließ?
Das liegt sehr nahe. Und erklärt auch gleich, warum wir uns frü­her, in den ver­rauch­ten Knei­pen, immer so wohl­ge­fühlt haben.

Womit wir bei der letz­ten, gro­ßen Frage wären: Es gilt als unbe­strit­ten, dass ein Glas Wein oder Bier zum Essen die Mahl­zeit ver­träg­li­cher macht. Wie kommt das?
Es gibt ver­schie­dene Gründe. Einer: In klei­nen Men­gen genos­sen macht Alko­hol sen­si­bel, alle Sin­nes­ein­drü­cke errei­chen uns leicht ver­stärkt. Das hat einen beru­hi­gen­den Effekt, auch weil wir uns even­tu­el­len Fress­fein­den oder ande­ren Geg­nern bes­ser gewach­sen füh­len. Und die­ser beru­hi­gende Effekt lässt uns locke­rer an die Mahl­zeit her­an­ge­hen. Zu den Sin­nes­ein­drü­cken, die ver­stärkt wer­den, gehört übri­gens auch der Geschmacks­sinn. Wir neh­men Aro­men inten­si­ver wahr.

Hat ein Mensch, der zum Mit­tag­es­sen ein Glas Wein trinkt, dem Was­ser­trin­ker, abge­se­hen vom Genuss, rein medi­zi­nisch etwas vor­aus? Irgend­ei­nen nach­hal­ti­gen Vor­teil sozu­sa­gen?
In die­ser Menge in jedem Fall. Ab fünf Volu­men­pro­zent, zum Bei­spiel, wirkt Alko­hol des­in­fi­zie­rend. Even­tu­ell in der Nah­rung vor­han­dene Keime wer­den also bereits in der Mund­höhle und im Schlund abge­tö­tet und nicht erst, wenn sie mit der Salz­säure des Magens in Berüh­rung kom­men. Das kann unter ande­rem im Fall von Tatar oder rohem Fisch sehr nütz­lich sein. Fette Nah­rungs­mit­tel wer­den bekömm­li­cher, weil der Alko­hol die Fett­mo­le­küle in viele klei­nere Mole­küle auf­spal­tet. Letz­te­res pas­siert übri­gens nicht nur im Darm, son­dern auch schon beim Kochen mit etwas Alko­hol. Außer­dem machen wir uns mit dem Glas Wein die leicht betäu­bende Wir­kung des Alko­hols zunutze: Wir sedie­ren die sen­si­blen Deh­nungs­re­zep­to­ren in Magen und Darm, dadurch wird das Völ­le­ge­fühl gemin­dert oder kommt gar nicht erst auf. Dann soll­ten wir die eupho­ri­sie­rende Wir­kung der Droge nicht ver­ges­sen. Essen ist schließ­lich Arbeit, eine lebens­wich­tige noch dazu, da ist es von Vor­teil, wenn wir mit einer gewis­sen Lust bei der Sache sind. Außer­dem wirkt das Zell­gift Alko­hol auf die glatte Mus­ku­la­tur in den Gefä­ßen. Diese erschlaf­fen ein wenig, dadurch kommt es zur Blutdrucksenkung.

Blut­druck­sen­ken beim Essen klingt toll! Wie lange hält die Wir­kung an?
Sie haben noch zwei bis drei Stun­den nach der Mahl­zeit etwas davon.

Fast zu schön, um wahr zu sein. Klingt wie ein Frei­brief!
Ist es natür­lich nicht. All das Gesagte gilt für gesunde Men­schen und kleine Men­gen. Sowie Sie anfan­gen zu sau­fen, ist der Scha­den grö­ßer als der Nutzen.

Das stand zu befürch­ten! Ganz herz­li­chen Dank!

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Die fromme Helene: Die Versuchung

Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sor­gen hat, hat auch Likör!

»Nein!« — ruft Helene — »Aber nun Will ich‘s auch ganz — und ganz — und ganz — und ganz gewiß nicht wie­der tun!«

Sie kniet von ferne fromm und frisch. Die Fla­sche ste­het auf dem Tisch.

Es läßt sich knien auch ohne Pult. Die Fla­sche war­tet mit Geduld.

Man liest nicht gerne weit vom Licht. Die Fla­sche glänzt und rührt sich nicht.

Oft liest man mehr als wie genug. Die Fla­sche ist kein Liederbuch.

Gefähr­lich ist des Freun­des Nähe. O Lene, Lene! Wehe, wehe!

Mit geis­ter­haf­tem Schmerz­ge­töne — »Helene!« — ruft sie — »Oh, Helene!!!«

Umsonst! — Es fällt die Lampe um, Gefüllt mit dem Petroleum.

Und hilf­los und mit Angst­ge­wim­mer Ver­kohlt dies fromme Frauenzimmer.

Hier sieht man ihre Trümmer rauchen, Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.

Hier sieht man ihre Trüm­mer rau­chen, Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.

6. Juni 2012
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Ein Kommentar

  1. Bernhard Schäfer
    Am 7. Juni 2012 um 09:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schlan­gen­li­nien?
    Eher kaum, irgend­was was da vor Urzei­ten vom Baum fielt, mit natür­li­chen Hefen drauf, wird kaum mehr als 10 %Vol bekom­men haben. Da hät­ten die »Alt­vor­de­ren« schon ne Menge essen müs­sen. Mal abge­se­hen davon dass ich nicht glaube das es lecker schmeckt. Da hat der Bio­loge bestimmt die rich­tige Spur, irgend­wel­che Pri­ma­ten die neben ande­rem eben auch ver­go­re­nes geges­sen hat­ten. Die die es bes­ser ver­tra­gen haben hat­ten damit auch einen evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil, da ihnen mehr Nah­rung zur Ver­fü­gung stand…

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