Erzähltes Leben

Wilfrieds Wild

Eine Geschichte über Wil­fried, den Land­ma­schi­nen­schlos­ser, der nach der Arbeits­lo­sig­keit das Jagen und Wurs­ten lernte

Wil­fried schleicht mit Gewehr und Fern­glas durch den Wald. Ein Mor­gen im Sep­tem­ber. Fünf Uhr. Die Däm­me­rung kün­digt sich an. Wil­fried ist auf dem Weg zum Ansit­zen. Sollte es sich erge­ben, will er einem Tier die Kugel antra­gen. Für nicht Ein­ge­weihte: Ansit­zen ist, wenn man es sich auf einer Kan­zel, also einem Hoch­sitz gemüt­lich macht und auf wilde Tiere war­tet. Kan­zeln gibt es hier im Jagd­re­vier unge­fähr drei­ßig. Sie tra­gen Namen wie Drei Wege, Bach­stelze, Hun­de­hütte, 113, 116, Huber­tus oder Nice Place. Wil­frieds Ziel ist Pan­orama, eine gemüt­li­che und ver­gleichs­weise kom­for­ta­ble Kan­zel mit Aus­blick über eine Lichtung.

Rechteinhaber: Manuela Rüther, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Der Blick von Wil­frieds Hoch­sitz früh am Morgen

Alles ist ruhig, die Luft frisch und feucht. Auf das Holz­dach pras­seln Regen­trop­fen. Durch das Guck­loch krie­chen Aro­men von Moos, feuch­ter Erde und Wald. Plötz­lich ein Geräusch. Es raschelt, Schat­ten huschen durch das hohe Gras. Wil­frieds Kopf mit den ehe­mals roten, jetzt fast wei­ßen Haa­ren schnellt nach vorne. Der Jäger starrt in die Däm­me­rung. Eine Hand tas­tet nach dem Fern­glas, die andere nach dem Gewehr. Viel­leicht ein Schwein, ein kapi­ta­ler Kei­ler? Ruhe.

Wil­fried ist 54 Jahre alt und seit sie­ben Jah­ren Jäger. Hob­by­mä­ßig. Frü­her hätte er keine Zeit gehabt, stunden­lang auf einem Hoch­sitz aus­zu­har­ren: Haupt­be­ruf­lich war er in einer Landmaschinen-Firma ange­stellt, und neben­bei küm­merte er sich um seine Neben­er­werbs­land­wirt­schaft, repa­rierte oder baute Maschi­nen und ern­tete im Herbst als Lohn­unternehmer Zucker­rü­ben. Kurz nach sei­nem 25-jährigen Fir­men­ju­bi­läum schloss die Land­ma­schi­nen­firma, und es war zwei­fel­haft, ob er in der struk­tur­schwa­chen Region wie­der eine Stelle als Schlos­ser fin­den würde. Seine Frau machte sich Sor­gen um die finan­zi­elle Lage der sechs­köp­fi­gen Fami­lie. Heute winkt er ab. »Alles halb so wild.« Und arbeits­los, das höre sich so schlimm an. Das könne man so aber nicht sagen.

Nach der Fir­men­pleite absol­vierte Wil­fried seine Jäger­prü­fung, in Fach­krei­sen auch Grü­nes Abitur genannt, und ist seit­dem einer von 349?000 offi­zi­el­len Jägern in Deutsch­land. »Den Jäger­schein wollte ich schon immer machen, war aber nie dazu gekom­men«, sagt er. Zufäl­lig lernte er kurze Zeit spä­ter den Päch­ter eines 800 Hektar gro­ßen Jagd­re­viers in der Nähe ken­nen. Der Päch­ter selbst war nur an den Wochen­en­den dort und bot Wil­fried an, das Revier zu beauf­sich­ti­gen. Die Bekannt­schaft erwies sich als Glücks­fall. Wil­frieds Auf­ga­ben­be­reich erwei­terte sich bald, er über­nahm sämt­li­che land­wirt­schaft­li­chen Arbei­ten im Revier. Der Jagd­päch­ter über­lässt ihm dafür, je nach Auf­wand und Arbeits­stun­den, die ent­spre­chende Menge Wild.

Tren­ner
Rechteinhaber: Manuela Rüther, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Pan­orama, Wil­frieds liebs­ter Hochsitz

Des­halb sitzt der Land­ma­schi­nen­schlos­ser heute auf Pan­orama und guckt durchs Fern­glas. Schon zum drit­ten Mal in die­ser Woche. Er ist zufrie­den. Der Regen hat auf­ge­hört, die Sonne bricht durch die Bäume. Plötz­lich erstarrt Wil­fried. Nicht bewe­gen, da hin­ten kommt Dam­wild. Viel­leicht ist ein Spie­ßer dabei, ein männ­li­cher, jun­ger Dam­wild­hirsch. Die Tiere blei­ben abrupt ste­hen. Wil­fried flucht leise. »Noch zu weit weg!« Schade, denn einen Spie­ßer nach Hause zu brin­gen, das wäre die Krö­nung. Die schme­cken beson­ders gut und eig­nen sich am bes­ten für die 50-Prozent-Damwild-Mettwurst. Die dun­kel­brau­nen Tiere am Ende der Lich­tung sehen das anders: Sie haben wenig Lust auf Mett­wurst und trot­ten zurück in den Wald. »Frü­her hätte ich mir nicht vor­stel­len kön­nen, in ´nem toten Tier rum­zu­wüh­len«, resü­miert Wil­fried und ergänzt in sei­ner tro­cke­nen Art: »Das erste Reh war eine ziem­li­che Schwei­ne­rei.« Beim Lehr­gang zum Jäger­schein habe er das fach­män­ni­sche Auf­bre­chen und Zer­wir­ken nur am Rande durch­ge­nom­men. Die Fein­hei­ten der hygie­ni­schen Fleisch­ver­ar­bei­tung hat er sich des­halb sel­ber ange­eig­net. Er hat Fach­bü­cher gele­sen und Abend­kurse beim Metz­ger­meis­ter des Dor­fes absol­viert. Schließ­lich hat er sogar gelernt, Wurst her­zu­stel­len. »Das hat sich so erge­ben. Beim Zer­le­gen fal­len immer Fleischab­schnitte an, die sich am bes­ten für Wurst eig­nen. Man will doch nicht das halbe Tier zurück in den Wald bringen.«

Tren­ner

»Im ers­ten Jahr war alles Impro­vi­sa­tion«, erin­nert sich Wil­fried. Die pas­sen­den Räum­lich­kei­ten für die Wild­ver­ar­bei­tung fehl­ten. Rehe oder Wild­schweine hin­gen kopf­über an einem Fla­schen­zug in sei­ner Scheune, einem Back­stein­ge­bäude, das er sonst zum Repa­rie­ren von Maschi­nen nutzt. Die erbeu­te­ten Tiere bau­mel­ten zwi­schen Eisen­tei­len, Schrau­ben und Werk­zeu­gen, Bohr­ma­schine, Schweiß­ge­rät und Dreh­bank. Der Schlos­ser stand mit Blau­mann, Gum­mi­hand­schu­hen und gewetz­ten Mes­sern dane­ben. Kat­zen schli­chen in siche­rem Abstand herum, ein hal­bes Dut­zend 500-Watt-Strahler ver­lie­hen der Szene eine gewisse Dramatik.

»Die Scheune war natür­lich nichts«, wes­halb sich Wil­fried im ehe­ma­li­gen Schwei­ne­stall einen Zer­lege– und Kühl­raum ein­rich­tete. Er erstei­gerte einen Räu­cher­schrank, einen Kes­sel, eine Wurst­be­füll­ma­schine und einen alten Kut­ter. Zudem über­nahm er den Fleisch­wolf und die Auf­schnitt­ma­schine des mitt­ler­weile ver­stor­be­nen Metz­gers. Der­art aus­ge­rüs­tet tauchte der Jäger manch­mal tage­lang ins Wurst­universum ab: Er begann mit Mett­würs­ten, Schin­ken­würs­ten, Jagd­würs­ten, gro­ben und fei­nen Grill­würs­ten. Die Ergeb­nisse waren zunächst mäßig. »Test­rei­hen!« Mit stoi­scher Ruhe pro­bierte er wei­ter, ver­än­derte Tech­ni­ken und Zusam­men­set­zun­gen. Heute sind Wil­frieds Pro­dukte per­fekt. Seine Fleisch­pas­te­ten, Brüh­würste und Schnitt­lauch­gril­ler sind wür­zig, flei­schig, fest im Anschnitt. Und die Mett­würste wie der Reh– und Wild­schwein­schin­ken sind wohl­ge­hü­tete Deli­ka­tes­sen, aro­ma­tisch und zart.

Von sei­nen Fach­kennt­nis­sen ist Wil­fried sel­ber so begeis­tert, dass er jedem – gern auch unge­fragt – Vor­träge hält. Freun­den ser­viert er die neu­es­ten Wurst­krea­tio­nen samt den dazu­ge­hö­ri­gen Ent­ste­hungs­ge­schich­ten: »Beim letz­ten Schwein, da hab ich mit der Steck­dose mit­ge­zo­gen, dann genau die Vor­der­achse getrof­fen. Ging glatt durchs Blatt, genau in Herz und Lunge. Sofort tot. Brauchst aber ’ne hohe V-0.« Wenn Zuhö­rer dem kru­den Fachwörter-Mix nicht fol­gen kön­nen, lässt sich der Jäger nicht lange bit­ten: »V-0 ist die Geschwin­dig­keit des Pro­jek­tils beim Ver­las­sen des Laufs. Die Steck­dose ist die Nase des Tie­res. Auf die musst du vor dem Schuss zie­len, mit­zie­hen und abdrü­cken, dann triffst du mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit die Vor­der­achse, also das Schul­ter­blatt. Bei Schwei­nen ist das die sicherste Art, sie sofort zu töten. Lei­der sind dann die Schul­ter­blät­ter kaputt. Will man die zum Kochen ver­wen­den, sollte man zwei Zen­ti­me­ter hin­ter dem Blatt tref­fen. Bei Schwei­nen kann es aber sein, dass sie dann noch fünf­zig bis acht­zig Meter in den Wald laufen.«

Tren­ner

Wil­frieds Bekann­ten schät­zen den sta­bi­len 1,80-Meter-Mann, der gerne breit­schultrig, ruhig und gelas­sen mit einem Wei­zen­bier am Grill oder am Herd steht, um seine selbst geschos­se­nen Würste und spe­zi­ell mari­nier­ten Nackensteaks zuzu­be­rei­ten. Wil­frieds Wild ist so beliebt, dass es zur Tausch­wäh­rung gewor­den ist. Der Nach­bar bringt Schnitt­lauch für die Brat­wursther­stel­lung und bekommt Reh­bra­ten oder eine Mett­wurst. Der Wirt der Dorf­kneipe bekommt bei Gele­gen­heit Wild­schwein– oder Reh­keu­len. Für Rund­flüge über das Revier schenkt man dem befreun­de­ten Pilo­ten Natu­ra­lien. Und dafür, dass ein Bekann­ter in der Ernte aus­hilft, bekommt er Reh– und Wildschweinleber.

Rechteinhaber: Manuela Rüther, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Wil­frieds Hobbykeller

Jagen und Natu­ra­li­en­tausch pas­sen gut zusam­men. Kein Wun­der, denn sie waren die ers­ten Arten, sich zu ver­sor­gen und zu wirt­schaf­ten. Heute jedoch ist die Jagd für die meis­ten nicht mehr als ein teu­res Hobby. Tausch­ge­schäfte mit Natu­ra­lien und Dienst­leis­tun­gen schei­nen anti­quiert, auch wenn sie nach­voll­zieh­ba­rer und boden­stän­di­ger sind als die Geld­wirt­schaft. Dabei macht es steu­er­recht­lich kei­nen Unter­schied, ob man tauscht oder den Umweg über das Geld nimmt: Tausch­ge­schäfte in grö­ße­rem Stil müs­sen sowohl bei der Ein­kom­mens– als auch bei der Umsatz­steuer berück­sich­tigt wer­den. Sonst wird aus Freund­schafts­diens­ten schnell Schwarz­ar­beit und aus einem harm­lo­sen Tausch infor­mel­ler Han­del oder gar Schattenwirtschaft.

Aber warum ver­kauft Wil­fried seine Spe­zia­li­tä­ten nicht ein­fach? Zum Bei­spiel über das Inter­net? »Warum sollte ich? Eine Tages­stre­cke Wild­fleisch darf ich als Jäger sowieso abge­ben. Aber wollte ich mehr Fleisch oder gar Wurst ver­kau­fen oder auch nur ver­schen­ken, müss­ten meine Zer­lege– und Kühl­räume den EU-Hygienevorschriften für Schlacht­be­triebe genü­gen. Und dafür müsste ich reno­vie­ren, das lohnt sich nicht. Außer­dem müsste ich ein Gewerbe anmel­den. So ist doch alles bes­tens.« Mit bes­tens meint Wil­fried nicht nur, dass er mit sei­nem Hobby den Fleisch­haus­halt der gesam­ten Fami­lie abdeckt. Auch gesell­schaft­lich hat die Jagd für ihn viel zu bie­ten – Wil­frieds Bekann­ten­kreis hat sich deut­lich ver­grö­ßert. Befreun­dete Jäger nut­zen sein Kühl­haus und den Waf­fen­schrank, man stellt zusam­men Brat­würste her oder grillt Span-Wildschweine auf selbst kon­stru­ier­ten Dreh­spie­ßen. Die meis­ten die­ser Jäger sind boden­stän­dig und erstaun­lich expe­ri­men­tier­freu­dig. Kaum einer ent­spricht dem dun­kel­grü­nen Kli­schee des kon­ser­va­ti­ven Waid­manns, das sich beharr­lich hält.

Tren­ner

Die tra­di­tio­nel­len Treib– und Drück­jag­den mit anschlie­ßen­dem Kessel­treiben in der Dorf­kneipe gehö­ren für alle zum Pflicht­pro­gramm. Beim Kes­sel­trei­ben wird Schnaps getrun­ken und der Jagd­er­folg gefei­ert. »Ein­mal hat ein Jäger das Haupt, also den Kopf eines gerade erleg­ten Hir­sches mit­ten auf die Theke gestellt. Da war dann natür­lich alles voll Blut«, erin­nert sich Wil­fried. Der Wirt der Dorf­kneipe erzählt wei­tere Anek­do­ten. Irgend­wann haben sie einen frisch erleg­ten Hasen mit Brille, Filz­hut und Ziga­rette im Maul auf den Ziga­ret­ten­au­to­mat direkt gegen­über der Ein­gangs­tür gesetzt. Die Gäste seien irri­tiert und ange­ekelt gewe­sen. Die Jäger­runde hatte ledig­lich erklärt: »Meis­ter Lampe warte auf den Ober­trei­ber.« Es war ein Geschenk. Suchte man für Wil­fried eine Begriff, könnte man es mit Land­wirt­schaft­li­cher Gourmet-Jäger ver­su­chen. Er und seine Frau sind stolz dar­auf, dass sie inzwi­schen alles Mög­li­che mit Wild­fleisch zube­rei­ten: saf­tige Nacken­bra­ten, wür­zi­ges Gulasch, rosa gebra­tene Reh­rü­cken mit Kräu­tern, Reh­fi­lets vom Raclette-Grill, Wild­fri­ka­del­len, Kohl­rou­la­den oder Bolo­gne­se­sauce mit Wild­hack­fleisch. Frü­her haben sie fast nie Wild­fleisch geges­sen. Warum auch? Der Stall war doch vol­ler Haus­schweine. Heute dage­gen sei eben genug Wild da.

Komisch fin­den die bei­den nur, dass so viele Leute skep­tisch auf das Fleisch aus dem Wald rea­gier­ten. Man­che glaub­ten, Wild schme­cke wegen des Haut goût immer etwas streng. Sie seien davon über­zeugt, dass man es in But­ter­milch ein­le­gen müsse und es nur im Win­ter und nur mit Lor­beer, Wachol­der und Nelke essen könne. Wil­fried schüt­telt den Kopf. »Das ist alles Quatsch!«

Tren­ner

Doch kuriose Vor­ur­teile über Wild hal­ten sich bestän­dig. Der Haut goût, also ein fau­li­ger Beige­schmack, ent­stand frü­her, wenn die erleg­ten Tiere nicht hygie­nisch ver­ar­bei­tet wur­den. Im Win­ter ist mehr Wild im Han­del, weil die Haupt­jagd­zeit der meis­ten Wild­tiere zwi­schen Sep­tem­ber und Januar fällt. Außer­dem gab es frü­her weder Tief­kühl­tru­hen noch Kühl­schränke, und so war es nur in der kal­ten Jah­res­zeit sinn­voll, Tiere zu schie­ßen. Mit den domi­nan­ten Gewür­zen wollte man den Haut goût über­tö­nen, die Säure der But­ter­milch sollte das Fleisch zart machen. Bei­des erüb­rigt sich aber, wenn der Jäger das Wild hygie­nisch behan­delt und so lange im gut belüf­te­ten Kühl­haus rei­fen lässt, bis es zart ist.

Wil­fried ist sehr kri­tisch, er meint, dass sich die Jäger »auch selbst den Markt kaputt gemacht« hät­ten. Viele Waid­män­ner, meint er, wüss­ten zu wenig über die rich­tige Fleisch­ver­ar­bei­tung, es ginge ihnen in ers­ter Linie um das Schie­ßen und die Tro­phäen. Anstatt die Tiere vor­schrifts­mä­ßig zu ber­gen, ver­schwen­de­ten sie ihre Zeit mit Schnaps­t­rin­ken. »Wenn das Mus­kel­fleisch voll Blut läuft, hast du lau­ter Bak­te­rien drin, dann kannst du die Hälfte wegschmeißen!«

Auch das Ver­sor­gen der Tiere zu Hause mach­ten viele falsch: Nach dem Auf­bre­chen müsse man das Tier unbe­dingt zwei Stun­den vor die Küh­lung hän­gen. Erst wenn die Toten­starre ein­ge­tre­ten sei, dürfe man es voll­stän­dig her­un­ter­küh­len. Wil­fried regen sol­che Schlam­pe­reien auf: »Wenn die Leute ein Mal schlecht behan­del­tes Wild oder gar das Fleisch eines ›rau­schi­gen‹ Kei­lers (einen Kei­ler in der Paa­rungs­zeit nennt man rau­schig, sein Fleisch ist dann nicht genieß­bar) geges­sen haben, ist das Ver­trauen dahin. Die essen das nie wie­der. Und beim nächs­ten Mal kau­fen sie ›Import-Wild‹ aus neu­see­län­di­scher oder ost­eu­ro­päi­scher Gatterhaltung.«

Tren­ner

Nach Anga­ben des Deut­schen Jagdschutz-Verbandes e.?V. wird etwa die Hälfte des in Deutsch­land ver­zehr­ten Wild­flei­sches aus dem Aus­land impor­tiert, das meiste aus Über­see. 2008 stan­den 22?000 Ton­nen hei­mi­schen Wild­fleischs 22?865 Ton­nen Import­ware gegen­über. Doch warum fliegt man ein Pro­dukt um die halbe Welt, obwohl es hier­zu­lande in aus­rei­chen­der Menge vor­han­den ist? Tors­ten Rein­wald vom DJV ver­mu­tet, dass der Han­del mit sei­nem nor­mier­ten Sor­ti­ment bestän­dige und in gro­ßer Menge ver­füg­bare Waren benö­tige. Das sei bei Wild­fleisch aus Deutsch­land aber schwie­rig, da es meist direkt vom Jäger und nicht über den Groß­han­del ver­kauft werde. Zudem unter­liege das Ange­bot sai­so­na­len Schwan­kun­gen. Für viele Super­märkte sei es des­halb ein­fa­cher, Wild­fleisch aus dem Aus­land zu ordern.

Laut Rein­wald ver­bes­sert sich das Image des hei­mi­schen Wil­des aber zuneh­mend. Zwi­schen April 2008 und 2009 haben die Deut­schen 25?900 Ton­nen ein­hei­mi­sches Wild­bret ver­zehrt, 18 Pro­zent mehr als im Vor­jahr. Am liebs­ten sei ihnen Wild­schwein (14?800 Ton­nen) und Reh (7800 Ton­nen) gewe­sen. Im Ver­gleich zum Gesamt­fleisch­ver­brauch von mehr als acht­zig Kilo­gramm pro Per­son und Jahr fällt der Wild­fleisch­kon­sum mit 2,9 Kilo­gramm pro Per­son aller­dings kaum ins Gewicht.

In der Dis­kus­sion ist auch, ob das Fleisch aus freier Wild­bahn beson­ders gesund oder eher gefähr­lich sei. Befür­wor­ter loben sei­nen nied­ri­gen Fett­ge­halt sowie den hohen Gehalt an Spu­ren­ele­men­ten und Mine­ral­stof­fen. Wild­tiere leben stress­frei, ihr Fleisch ist frei von Wachs­tums­hor­mo­nen und Medi­ka­men­ten. Skep­ti­ker befürch­ten dage­gen, dass Wild­fleisch stär­ker mit Mikro­or­ga­nis­men befal­len ist als das Fleisch von Haus­tie­ren und raten, es vor dem Ver­zehr unbe­dingt durch­zu­bra­ten. Außer­dem war­nen sie vor einer erhöh­ten Belas­tung mit Umwelt­gif­ten sowie davor, dass Wild durch die Reak­tor­ka­ta­stro­phe in Tscher­no­byl noch immer eine erhöhte radio­ak­tive Strah­lung aufweise.

Tren­ner

Laut einer Stu­die des Bun­des­amts für Strah­len­schutz aus dem Jahr 2004 ist die radio­ak­tive Belas­tung von Region zu Region und sogar von Wild­art zu Wild­art sehr unter­schied­lich: Wild­schweine im Baye­ri­schen Wald waren höher belas­tet als Rehe, da die Schweine gerne die außer­ge­wöhn­lich hoch belas­te­ten, unter­ir­disch wach­sen­den Hirscht­rüf­fel fres­sen. Ins­ge­samt schätzt das BFS die Strah­len­be­las­tung durch den Kon­sum von Wild­fleisch als gering ein. Sie sei ver­gleich­bar mit der Belas­tung durch die Höhen­strah­lung bei einem Langstreckenflug.

Neben der Angst, Wild­fleisch könne gesund­heits­schäd­lich oder unap­pe­tit­lich sein, hängt dem Wild noch seine eli­täre Geschichte nach. Die Jagd wurde schon im frü­hen Mit­tel­al­ter zum Pri­vi­leg des Adels, seit dem 8./9. Jahr­hun­dert war es nur noch Lehns­her­ren, Lan­des­her­ren und Fürs­ten gestat­tet, zu jagen. Ein­fa­chen Bau­ern drohte das Abha­cken der rech­ten Hand oder der Tod durch den Strang, falls sie dabei erwischt wur­den. Spä­ter war dem hohen Adel die Hohe Jagd auf Scha­len­wild wie Hirsch und Wild­schwein und bestimm­ten Feder­wild­ar­ten wie Auer­wild, Stein­ad­ler, Kra­nich und Schwan vor­be­hal­ten. Der nie­dere Adel und die unte­ren Stände muss­ten sich dage­gen mit Nie­der­wild wie Reh, Feld­hase, Kanin­chen, Dachs, Fuchs oder Stock­ente zufrie­den geben. Die Ein­tei­lung in Hoch– und Nie­der­wild ist bis heute gebräuchlich.

Eine Frage des Stan­des ist die Jagd heute aber nicht mehr, eher eine Frage des Gel­des. Ein Jagd­re­vier zu pach­ten und die not­wen­dige Aus­rüs­tung zu kau­fen, ist nicht ganz bil­lig. Für sein Swarov­ski Rotpunkt-Zielfernrohr hat Wil­fried inklu­sive Mon­tage mehr als 2000 Euro bezahlt, die Waffe selbst kos­tete etwa 1500 Euro, das Zeiss-Fernglas lag gebraucht bei rund 500 Euro. Was so man­cher für sein Jagd­re­vier im Monat hin­blät­tere, sagt Wil­fried, »da könn­ten nor­male Leute von leben.« Die Preis­spanne rei­che von 6 bis 40 Euro pro Hektar und Jahr, je nach Region und Größe des Jagd­ge­bie­tes, nach Feld– und Wald­anteil und danach, wel­che Tiere dort vor­kä­men. Eine güns­tige Alter­na­tive sei, sich ein Jagd­re­vier zu tei­len oder ein soge­nann­ter Begehungsschein.

Tren­ner

Hier und jetzt auf Pan­orama sieht es nicht nach Frisch­fleisch aus. Wil­fried sitzt noch immer spä­hend auf der Kan­zel. Es wird hel­ler. Kein Schwein, kein Spie­ßer. Er macht sich auf den Rück­weg, wobei er noch dies und das erle­digt: Er schaut nach den Wil­dä­ckern, Fel­dern, die extra als Win­ter­fut­ter für das Wild ein­ge­sät wer­den. Er ver­steckt auf einer Kir­rung, einer Anlock­stelle für Wild, »um die Schweine im Wald zu hal­ten«, Mais unter Stei­nen und Baumstämmen.

»Hier haben die Schweine gebro­chen.« Wil­fried zeigt mit dem Gum­mi­stie­fel auf den dunk­len, auf­ge­wühl­ten Wald­bo­den. Unge­fähr zwei Mil­lio­nen Wild­schweine gibt es in Deutsch­land. Sie sind ver­fres­sen, schlau, enorm anpas­sungs­fä­hig und haben, bis auf den Jäger, kaum natür­li­che Feinde. Des­halb ver­meh­ren sie sich unge­hemmt, wüh­len auf der Suche nach Fut­ter alles um und ver­ur­sa­chen erheb­li­che Flur­schä­den, sehr zum Ärger der Land­wirte. Das Lieb­lings­fut­ter der Schweine, sagt Wil­fried, seien übri­gens Mäuse.

Der Jeep hol­pert den Wald­weg ent­lang. Hin­ter dem Jäger liegt der Wald, vor ihm die im Mor­gen­licht schim­mernde Hügel­land­schaft. Unten im Dorf ist noch kaum jemand auf den Stra­ßen. Wil­fried kauft beim Bäcker Bröt­chen. Er setzt sich in seine warme Küche, trinkt Kaf­fee und schnei­det dazu fin­ger­di­cke Schei­ben Wurst, die gute, dop­pelt geräu­cherte Fleisch­wurst, von der er nur noch eine hin­ten hat. Dann beginnt der Tag.

Text und Fotos: Manuela Rüther

aus Effi­lee #8 Januar/Februar 2010

9. Dezember 2009
Dieser Beitrag wurde in Erzähltes Leben veröffentlicht und getaggt , . Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>