Erzähltes Leben

Wie wollen wir essen?

Auf der Suche nach einem tol­len Restau­rant, erge­ben sich plötz­lich viel bes­sere Alternativen

Ver­kos­tun­gen, Event-Gastronomie, Din­ner­clubs – unsere Mög­lich­kei­ten, außer Haus zu essen, haben sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren enorm erwei­tert. Gerne wird behaup­tet, das läge an unse­rem stän­dig stei­gen­den Inter­esse am Essen – doch warum beschäf­ti­gen wir uns so inten­siv damit? Kann sein, dass es an einer wach­sen­den Sehn­sucht liegt: nach unver­mit­tel­ten sinn­li­chen Genüs­sen, nach Gemein­schaft und Über­ra­schun­gen. Aller­dings sind Restau­rants nur sel­ten geeig­net, diese Bedürf­nisse zu erfül­len. Und so suchen wir Alternativen

Wenn alle an einem Tisch sit­zen sol­len, muss der Tisch bei fast 120 Gäs­ten ziem­lich lang sein: die Kit­chen Gue­rilla auf St. Pauli

Es ist ein unge­müt­li­cher Abend im Früh­jahr, dun­kel, kalt, ver­reg­net, die Stra­ßen wie eva­ku­iert. Doch im Hin­ter­zim­mer eines klei­nen Ladens in Potsdam-Babelsberg stört das nie­man­den. Wir sind neun, die hier um einen impro­vi­sier­ten Tisch sit­zen: eine Rei­se­jour­na­lis­tin und ihr lus­ti­ger Mann, der irgend­was mit Immo­bi­lien macht, ein smar­ter Food­blog­ger aus Frank­furt, die char­mante Che­fin einer Geschirr­ma­nu­fak­tur, ein fast noch jun­ger Wein­händ­ler. Aber das alles weiß ich noch nicht, denn wir haben uns gerade erst gesetzt – noch sind wir neun Fremde, die sich in dem klei­nen Raum mit sei­ner win­zi­gen Küche zu einem Sieben-Gänge-Menü getrof­fen haben. Zur Begrü­ßung gab es einen fri­schen Ape­ri­tif auf einem Löf­fel: ein Sparkling-Mojito-Gelee. Nun sind die Wein­glä­ser gefüllt, das Gespräch plät­schert dahin, die Stim­mung ist ent­spannt. Und dann kommt das Essen.

Immer wenn mich etwas sehr glück­lich macht, habe ich den über­wäl­ti­gen­den Drang, jeman­den zu umar­men. Und ich glaube, ich bin mit dem Gefühl nicht alleine. An die­sem Abend geht mir das oft so: bei dem but­t­ri­gen Huhn mit Man­delk­ruste, Weiße-Schokolade-Kartoffelpüree und Kori­an­der, wäh­rend wir das zarte Birnen-Panna-Cotta mit Mascarpone-Reis und Kaffee-Öl essen, als das erste Des­sert ser­viert wird, The Last Snow­ball, eine Zitro­nen­creme mit Joghurt­kern, bestäubt mit Kokos­pu­der. Hier wird tat­säch­lich ein­ge­löst, was der Begriff Kom­po­si­tion oft ver­spricht, aber sel­ten hält: Ver­schie­dene Geschmä­cker, Aro­men und Tex­tu­ren ver­schmel­zen zu mehr als der Summe ihrer Teile, so wie die Instru­mente eines Orches­ters in den bes­ten Momen­ten zu einer Welle aus Klang, Licht und Hoff­nung wer­den kön­nen. Musik, die man essen kann. Wie mir geht es allen am Tisch. Der Abend ist beglei­tet von Aahs und Oohs, die zu ande­ren Gele­gen­hei­ten völ­lig über­trie­ben wir­ken wür­den. Und wäh­rend wir den Genuss tei­len, erzäh­len wir ein­an­der Geschich­ten aus unse­rem Leben, als säßen wir seit Jah­ren zusam­men: Ange­sichts der Freude schmel­zen die Gren­zen der Men­schen dahin. Ab und zu schal­tet sich auch Roberto ein, der Schöp­fer des Menüs, der zwei Schritte hin­ter uns die Gerichte fer­tig­stellt, in kaum mehr als der Skizze einer Küche: ein klei­ner Herd, eine win­zige Anrichte, ein Tisch – jedem Hob­by­koch triebe es die Trä­nen in die Augen. Wie macht er das nur? Ein höchst unwahr­schein­li­ches Kunst­stück. Aber Roberto Cor­tez ist ohne­hin eine höchst unwahr­schein­li­che Persönlichkeit.

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Roberto Cor­tez und Katja Bremkamp

Bis er 25 war, arbei­tete der aus El Paso stam­mende 43-Jährige an einer Kar­riere als Rock­gi­tar­rist mit eige­ner Band. Dann konnte er wegen einer Krank­heit nicht mehr spie­len, und so ent­schloss er sich, inspi­riert von einem TV-Werbespot, Koch zu wer­den. Er ging in Aus­tin und spä­ter in Paris in die Lehre, zog nach L.A. und wurde auf einer Party, für die er gekocht hatte, von einer Agen­tur für Pri­vat­kö­che ent­deckt. Gleich sein ers­ter Job war ein Him­mel­fahrts­kom­mando: Er sollte bei Eddy Mur­phy vor­ko­chen. Der Hollywood-Star war damals dafür bekannt, dass er jede Woche sei­nen Koch raus­schmiss – kei­ner genügte ihm.

»Ich blieb acht Monate bei Eddy Mur­phy«, erzählt Roberto, ein sanf­ter, freund­li­cher Mann, der deut­lich jün­ger wirkt als er ist. »Und sobald man in die­sen Krei­sen bekannt ist, wird man rum­ge­reicht. Diese Leute ach­ten sehr auf den Schutz ihres Pri­vat­le­bens, die neh­men nicht gerne Fremde.« Zu sei­nen Kli­en­ten zähl­ten in der Folge unter ande­rem Anto­nio Ban­de­ras und Mela­nie Grif­fith, die Liste der Gäste, die er bekocht hat, ist der feuchte Traum einer Klatsch­re­por­te­rin: Bill Gates, Bono, Peter Gabriel, Iggy Pop, Naomi Camp­bell … Allein fünf Jahre reiste er mit Paul Allen um die Welt, dem zwei­ten Microsoft-Gründer. Wer schon immer wis­sen wollte, was man tut, wenn man zehn Mil­li­ar­den Dol­lar besitzt: Man beschäf­tigt einen Koch wie Roberto Cor­tez. Und wenn man seit Jah­ren vom Dispo lebt? Fährt man nach Potsdam.

Das ist eine wei­tere Unwahr­schein­lich­keit: einen sol­chen Koch an einem sol­chen Ort zu tref­fen. Dafür ist Katja Brem­kamp ver­ant­wort­lich, eine sehr kon­zen­trierte, etwas streng wir­kende Desi­gne­rin, die sich mit Tel­lern und Besteck beschäf­tigt, sehr spe­zi­el­lem Besteck: Mes­sern ohne Griff, Misch­for­men aus Gabeln und Löf­feln, Glas­löf­feln mit hoh­len Grif­fen, aus denen man zum Bei­spiel einen Des­sert­wein trin­ken bezie­hungs­weise löf­feln kann – eine ver­blüf­fend stim­mige Idee. Roberto hat sie vor eini­gen Jah­ren ange­spro­chen, ob sie Besteck für sein Essen desi­gnen wolle – aus der klei­nen Anfrage ent­wi­ckelte sich eine lang­jäh­rige Zusam­men­ar­beit. Der heu­tige Abend fin­det im hin­te­ren Raum ihres Geschäfts statt, das Essen wird mit ihrem Besteck serviert.

Die bei­den haben schon grö­ßere Events ver­an­stal­tet, unter ande­rem schu­fen sie für das Lon­don Design Fes­ti­val ein Menü mit Gefühls-Desserts: Man bestellte ein Gefühl, bekam ein ent­spre­chen­des Des­sert, und anschlie­ßend ein wei­te­res Des­sert, das das gegen­tei­lige Gefühl dar­stellte. Hier in Pots­dam ist alles etwas klei­ner: Der Name ihres Din­ner­clubs, Blushwhi­s­pers, ist bis­her kaum bekannt, und wie bil­lig neun­zig Euro für sie­ben Gänge plus Getränke sind, ver­steht man erst, wenn man erlebt hat, was man dafür bekommt. Aber wenigs­tens müs­sen sie kein eige­nes Restau­rant bespielen.

»Ein eige­nes Lokal ist für mich schon des­halb nichts, weil ich mich als Koch schnell lang­weile«, sagt Roberto Cor­tez. »Wenn du ein Restau­rant betreibst, musst du immer das­selbe machen, weil die Gäste einen bestimm­ten Stil erle­ben wol­len. Außer­dem herrscht in Restau­rants in der Regel Chaos, irgend­et­was geht immer schief. Viele Köche mit eige­nen Läden sagen: ›Ich bin ein Sklave mei­nes Restau­rants.‹ Die arbei­ten Tag und Nacht, sie­ben Tage die Woche. Das hält auch keine Bezie­hung aus. Des­halb habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob man nicht etwas ande­res machen könnte. Warum arbei­ten Köche immer nur in Hotels oder Restaurants?«

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Nun gut, dass dies aus­ge­rech­net ein Mann fragt, der einen Groß­teil sei­ner Kar­riere in pri­va­ten Küchen ver­bracht hat, ist wenig über­ra­schend. Doch die Frage ist nicht so abwe­gig: Die Art, wie wir öffent­lich essen, in Restau­rants, in denen jeder Gast an einem eige­nen Tisch sitzt und aus einer Spei­se­karte aus­wählt, auf was er Appe­tit hat, ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Von den Lagern der Jäger und Samm­ler bis zu den Wirts­häu­sern des Mit­tel­al­ters haben Men­schen immer zusam­men geges­sen – und immer das­selbe. Sicher, in den Städ­ten gab es auf Märk­ten Essen zum Mit­neh­men, Gar­kü­chen exis­tier­ten lange vor dem Restau­rant, und in Paris gab es bereits Anfang des 18. Jahr­hun­derts Ess­lo­kale. Dort wurde aber nur ein table d’hôte ange­bo­ten: Zu einer bestimm­ten Zeit wurde das Essen in gro­ßen Schüs­seln auf den Tisch gestellt und alle Gäste muss­ten es sich teilen.

Das erste Lokal Euro­pas, das im enge­ren Sinne als Restau­rant bezeich­net wer­den kann, wurde 1766 in Paris eröff­net. Mathu­rin Roze de Chan­toi­seau ser­vierte dort unter ande­rem eine angeb­lich beson­ders gesunde Suppe, eine Bouil­lon res­to­ra­tif, der wir bis heute den Namen sol­cher Eta­blis­se­ments ver­dan­ken. 16 Jahre spä­ter eröff­nete in Paris das La Grande Taverne des Lond­res, über das der Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph und Gas­tro­soph Jean An­thelme Brillat-Savarin schrieb, es sei das erste Lokal, das die wesent­li­chen Ele­mente eines Restau­rants ver­eine: »einen schö­nen Raum, ele­gante Kell­ner, eine gute Aus­wahl an Wei­nen und eine her­vor­ra­gende Küche.« Es gehört nicht viel Fan­ta­sie dazu, sich vor­zu­stel­len, warum vor allem die Ein­zel­ti­sche für die Gäste attrak­tiv waren: Bis dahin aßen in der Öffent­lich­keit nur wich­tige Per­sön­lich­kei­ten an einem eige­nen Tisch, zum Bei­spiel der König.

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Und dabei ist es geblie­ben. Selt­sam, oder? Wir kau­fen unsere Lebens­mit­tel auf dem Markt, in Fach­ge­schäf­ten, bei Aldi und im Inter­net. Wir kochen kom­pli­zierte Gerichte, weil wir Spaß dran haben, und ein­fa­che Haus­manns­kost, weil uns die eben­falls schmeckt. Wir laden Freunde zum Essen ein und wer­den ein­ge­la­den, wir tau­schen Rezepte und Ein­kaufs­tipps, behal­ten aber einige Geheim­nisse für uns. Manch­mal kochen wir ein klei­nes Meis­ter­werk, das wir ganz alleine essen, manch­mal holen wir etwas vom bes­ten Thai-Imbiss der Stadt und manch­mal bestel­len wir eine fette Pizza, die irgend­wie auch lecker ist. Wir essen gerne, und wir tun es auf viele ver­schie­dene Arten. Nur wenn wir aus­ge­hen wol­len, haben wir kaum eine Wahl: Wir gehen in ein Restaurant.

Vie­len Men­schen scheint das nicht mehr zu genü­gen. Genuss­mes­sen zie­hen in ganz Deutsch­land die Mas­sen an, auf Bio­bau­ern­hö­fen mit eige­ner Fleisch-, Brot– und Milch­pro­duk­tion drän­geln sich am Tag der offe­nen Tür die Städ­ter und, keine regio­nale Ver­an­stal­tungs­reihe kommt ohne kuli­na­ri­sche Events aus: In klei­nen Restau­rants auf dem fla­chen Land spie­len Streich­quar­tette Schu­bert und Mozart zu vier­gän­gi­gen Som­mer­me­nüs, bekannte, befreun­dete oder auch nur benach­barte Auto­ren lesen zwi­schen den Gän­gen lus­tige oder besinn­li­che Geschich­ten über die Wir­run­gen der Welt, und in jedem, aber auch wirk­lich jedem Gast­haus hän­gen Bil­der ört­li­cher Künst­ler. In den Städ­ten erfreut man sich der­weil an Event-Gastronomie: im Köl­ner Din­ner­club sin­gen die Kell­ner, dem Frank­fur­ter Cocoon ist der Club inklu­sive Star-DJ gleich ange­schlos­sen, außer­dem kann man dort im Lie­gen essen, was übri­gens auch in der Wanga Diner­ClubLounge geht, in Kirch­heim unter Teck – nein, ich weiß auch nicht, wo das ist. In Frank­reich gibt es inzwi­schen sogar eine ganze Bewe­gung, die Alter­na­ti­ven zum kon­ven­tio­nel­len Restau­rant­be­such bie­tet: Le Fooding.

Erfun­den hat den aus Food und Fee­ling zusam­men­ge­setz­ten Namen 1999 Alex­andre Cam­mas, ein Jour­na­list, den anfangs vor allem die gas­tro­no­mi­sche Hof­be­richt­er­stat­tung nervte. »Damals beschäf­tigte sich der kuli­na­ri­sche Jour­na­lis­mus in Frank­reich vor allem mit dem Kochen von Nie­ren und der Zart­heit der Pou­lar­den. Es zählte nur, was auf dem Tel­ler war. Aber wer lebt so? Und wer isst so? Wir woll­ten Köche mit Per­sön­lich­keit und Seele, nicht Tech­ni­ker der Tafel.« Also begrün­dete er einen Restau­rant­füh­rer, in dem statt der gro­ßen Namen wenig bekannte, inno­va­tive Lokale emp­foh­len wur­den. Ein win­zi­ger Schritt für die Mensch­heit – aber ein rie­sen­gro­ßer für Frankreich.

Für eine Bewe­gung, die sich die Frei­heit auf die Fah­nen geschrie­ben hat, und sei es nur die der Gas­tro­no­mie, ist das natür­lich trotz­dem ein etwas kläg­li­cher Anfang: noch ein Restau­rant­füh­rer. Doch seit­dem ist viel pas­siert. Le Foo­ding ist heute ein Ver­ein wie Slow Food, mit ver­netz­ten Mit­glie­dern und regel­mä­ßi­gen Ver­an­stal­tun­gen. Zu den all­jähr­li­chen Höhe­punk­ten gehö­ren Events, bei denen berühmte Köche kochen, nur eben nicht für einige wenige Restau­rant­be­su­cher in stei­fer Gar­de­robe auf schwe­rem Gestühl, son­dern für ein zahl­rei­ches, bun­tes, unüber­sicht­li­ches Volk, das sich auf Pick­nicks ver­gnügt oder in Clubs, wo zwi­schen­durch eine Moden­schau statt­fin­det und nach dem Essen getanzt wird. Das klingt nach Rock­fes­ti­vals für Leute, die für drei Tage laute Musik und Dixi-Klos zu alt sind – und das ist es wohl auch. So wie bei einem Musik­fes­ti­val der Auf­tritt der Lieb­lings­gruppe nur der Anlass zur Party ist, zum kurz­wei­li­gen, auf­re­gen­den, lus­ti­gen Tref­fen mit Gleich­ge­sinn­ten, so ist auch hier das Essen nur der Anfang des Spaßes.

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Kris­tof Knauer

Dazu braucht es am Ende nicht ein­mal einen Club, einen DJ, eine Moden­schau oder sons­tige Sen­sa­tio­nen – eine große Tafel reicht völ­lig. Kris­tof Knauer hat im April in Karls­ruhe sein zwei­tes Under­ground Din­ner ver­an­stal­tet, für fünf­zig Gäste an einem Tisch.

»Es ist inter­es­sant, wie sich das über den Abend ent­wi­ckelt: Anfangs blei­ben alle unter sich und reden nur mit denen, mit denen sie gekom­men sind. Aber bereits nach dem ers­ten Gang unter­hal­ten sie sich mit Leu­ten, die ihnen gegen­über­sit­zen. Und im Laufe der Zeit ver­mischt sich das immer mehr, die Gäste ste­hen zwi­schen den Gän­gen in Grup­pen herum oder tau­schen ihre Plätze. Es gab Leute, die mit jedem Gast wenigs­tens kurz gespro­chen haben. Das ist auch für uns als Ver­an­stal­ter unheim­lich schön mit anzusehen.«

Kris­tof ist 25, stu­diert Archi­tek­tur und kocht gerne. Gemein­sam mit dem ebenso koch­be­geis­ter­ten Produkt­designstudenten Chris­tian Klotz kam er nach einem Silvester-Dinner für zwölf Freunde auf die Idee, dies auch mal für eine grö­ßere Gruppe zu tun. Im Dezem­ber 2009 mach­ten die bei­den mit ihrem ers­ten Under­ground Din­ner vier­zig Gäste glück­lich, für den zwei­ten Abend im April die­ses Jah­res waren die fünf­zig Plätze nach drei Tagen weg – ins­ge­samt hat­ten sie mehr als hun­dert Anfra­gen. Die Gäste über­wie­sen vorab 54 Euro für Essen und Getränke, sodass die bei­den Köche nichts vor­fi­nan­zie­ren muss­ten. Drei Tage gin­gen für Ein­kauf und Vor­be­rei­tun­gen drauf, an einem Sams­tag um 19.30 Uhr war es dann soweit: In der Ein­gangs­halle eines Fit­ness­stu­dios gab es unter ande­rem Hasen­pas­tete auf Prei­sel­beer­ge­lee, St. Jaques auf Erb­sen­pü­ree, Hibis­kus­schnee und Cra­cker und eine Erd­beer­kalt­schale mit Brioche.

»Wir waren über­rascht, wie viele Gäste wir nicht kann­ten«, erzählt Kris­tof. »Aber das war auch unsere Idee gewe­sen: wild­fremde Leute anzu­spre­chen und dann zu schauen, wer zu so einem Essen kommt.« Ursprüng­lich woll­ten sich die bei­den sel­ber mit den Gäs­ten unter­hal­ten. »Das ging bei der ers­ten Ver­an­stal­tung ganz gut, weil da ein Freund aus Stutt­gart dabei war, der uns viel Arbeit in der Küche abge­nom­men hat. Beim zwei­ten Abend haben wir zu zweit gekocht, da war das schwie­ri­ger.« Zum Kon­zept gehört auch, dass die Gäste beim Anrich­ten und Ser­vie­ren mit­hel­fen. »Das funk­tio­nierte beim ers­ten Mal eben­falls gut, weil wir unter­be­setzt waren. Dies­mal hat­ten wir sechs Hel­fer, da fühlte sich kei­ner mehr mit­ver­ant­wort­lich.« Auf der Web­site steht: Jeder Gast darf sich betei­li­gen. Muss aber nicht.

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Ange­sichts des Erfolgs wol­len Kris­tof und Chris­tian wei­ter­ma­chen, und natür­lich haben sie dar­über nach­ge­dacht, sol­che Abende pro­fes­sio­nell zu ver­an­stal­ten. Aber wie kann das gehen? Tja, gute Frage. Schon die finan­zi­elle Seite ist ein Pro­blem: Die bei­den Karls­ru­her muss­ten keine Miete zah­len und konn­ten sich auf die Hilfe von sechs Freun­den ver­las­sen, die allein für den Spaß mit­mach­ten. Wür­den sie mit ihrem Under­ground Din­ner Geld ver­die­nen, bekä­men die Hel­fer sicher­lich gerne ihren Teil. Ein Koch wie Roberto Cor­tez mag in der Lage sein, Preise zu for­dern, die so einen Abend trotz­dem ren­ta­bel machen, aber selbst wenn das Duo das eben­falls schaf­fen würde: Die »demo­kra­ti­sche Idee, dass ganz unter­schied­li­che Men­schen, vom Mana­ger bis zum Stu­den­ten, gemein­sam essen«, bliebe auf der Stre­cke. Und dann wäre da noch das Finanz­amt, das bei einer pri­va­ten Ver­an­stal­tung selbst­ver­ständ­lich nichts ver­lo­ren hat.

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Chris­tian Klotz

Aber ist so ein Under­ground Din­ner über­haupt eine pri­vate Ver­an­stal­tung? In Ber­lin gibt es seit eini­ger Zeit eine ganze Reihe soge­nann­ter Sup­per– oder Din­ner­clubs: Mehr oder weni­ger bril­lante Köche bie­ten in ihren Woh­nun­gen mehr oder weni­ger regel­mä­ßig mehr oder weni­ger ori­gi­nelle Menüs an, ein­ge­la­den wird per E-Mail oder über soziale Netz­werke wie Face­book, bezahlt wer­den Kos­ten­bei­träge bezie­hungs­weise Spenden.

In den USA, in Eng­land und Kanada gibt es das schon län­ger, aber in Deutsch­land ist es ein ver­gleichs­weise neues Phä­no­men, und so wird dar­über gerne berich­tet, zumin­dest in der Ber­li­ner Lokal­presse. Kein Text kommt dabei ohne zwei Hin­weise aus: Es ist ille­gal! Und es ist gefähr­lich! Letz­te­res, weil die Küchen nicht wie Restau­rant­kü­chen vom Gesund­heits­amt kon­trol­liert wer­den, und so könne vie­les pas­sie­ren: dass sich der Gast mit Bak­te­rien oder Sal­mo­nel­len ver­gif­tet, sich in den Fin­ger schnei­det mit ros­ti­gem Besteck oder ver­se­hent­lich das Brack­was­ser trinkt, mit dem die Blu­men gegos­sen werden.

Bull­shit, klar, schließ­lich kochen wir alle in Küchen, die nicht staat­lich geprüft sind, und leben immer noch. Die Frage nach der Lega­li­tät dage­gen ist nicht so ein­fach zu beant­wor­ten. Pri­vate Essen mit Freun­den sind natür­lich legal, auch mit Kos­ten­be­tei­li­gung. Wo die Freund­schaft endet, ist aller­dings unklar. Wer etwa über Face­book ein­lädt, kann behaup­ten, alle Men­schen am Tisch seien Freunde oder zumin­dest Freunde von Freun­den, schließ­lich ist dort jeder irgend­wie mit jedem befreun­det. Wer seine Gäste statt­des­sen über sei­nen Blog oder sei­nen pri­va­ten E-Mail-Verteiler fin­det, kann sich nicht auf den Begriff Freund beru­fen und wäre, tja: ille­ga­ler? Das klingt nach einem prima Fall für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt: Ist ein eige­ner Blog mit eini­gen Hun­dert Besu­chern weni­ger pri­vat als Face­book mit sei­nen Mil­lio­nen Usern? Eine klare Rege­lung für sol­che unre­gel­mä­ßi­gen Ver­an­stal­tun­gen gibt es jeden­falls nicht, aber noch gab es auch kei­nen Grund, sich damit zu beschäf­ti­gen: Bis­her hat sich nie­mand beschwert.

Damit das zumin­dest in Ham­burg so bleibt, hat die Ham­bur­ger Kit­chen Gue­rilla vor eini­gen Mona­ten eine GbR gegrün­det. Der Zweck des Unter­neh­mens ist der Lebens­mit­tel­han­del, was Miet­ko­chen ein­schließt und damit auch Ver­an­stal­tun­gen. So büro­kra­tisch hat­ten sich das Koral Elci, 31, und Olaf Deharde, 32, wohl kaum vor­ge­stellt, als sie im Herbst 2009 ihre Guerilla-Tätigkeit auf­nah­men. Damals kann­ten sich der Pro­dukt­de­si­gner und der Foto­graf schon lange, und auch mit dem Kochen für grö­ßere Grup­pen hat­ten sie sich schon inten­siv beschäf­tigt: Bereits 2002 hat­ten sie kurz die Idee gehabt, ein Zim­mer ihrer WG in ein Restau­rant zu verwandeln.

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Drei von der Kit­chen Gue­rilla, von links: Koral Elci, Okan Faiti, Olaf Deharde

Beide sind kuli­na­risch vor­be­las­tet. Korals Vater hat in Istan­bul ein Restau­rant betrie­ben, »für mich gehörte das des­halb immer zusam­men: jagen oder ern­ten, zube­rei­ten, essen.« Und Olaf, der aus einer länd­li­chen Gegend Bre­mer­ha­vens stammt, ergänzt: »Das war bei mir ähn­lich. Wir haben Läm­mer gehabt, die ich mit der Fla­sche auf­ge­zo­gen habe. Aber mir war schon als Kind klar: Die wer­den spä­ter geschlachtet.«

Die bei­den lern­ten sich im Fami­li­en­eck ken­nen, ­einer Ham­bur­ger Sze­ne­kneipe, die Koral fünf Jahre betrieb, koch­ten mit­ein­an­der, wur­den Freunde. Immer wie­der spra­chen sie dar­über, für mehr Men­schen zu kochen, doch ein Restau­rant stand nie zur Debatte, erklärt Olaf: »Zum einen weil wir beide einen Beruf haben, den wir gerne aus­üben. Und zum ande­ren wis­sen wir sehr gut, wie hart es ist, ein Restau­rant zu betreiben.«

Statt­des­sen began­nen sie vor zwei Jah­ren, ab und zu für rund zwan­zig Gäste zu kochen. »Wir stell­ten aber bald fest, dass wir uns das nicht leis­ten konn­ten, und die Leute kamen sel­ten sel­ber auf die Idee, etwas dazu­zu­ge­ben. Sie frag­ten bloß immer: ›Sol­len wir was mit­brin­gen?’‹ Und wir sag­ten: ›Nein, bloß nicht, wir haben alles!‹« Koral lacht. Auf gut gemeinte Mit­bring­sel, die ihren Ansprü­chen kaum genü­gen wür­den, ver­zich­ten sie lie­ber. Im Herbst 2009 began­nen sie, in Restau­rants an deren Ruhe­tag kuli­na­ri­sche Abenteuer­reisen zu unter­neh­men. Anfangs gab es türkisch-norddeutsche Fusi­ons­kü­che, Lah­ma­cun mit Och­sen­zunge oder Börek mit Nord­see­krab­ben, doch das Spek­trum erwei­terte sich schnell.

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Ebenso schnell spra­chen sich die lus­tigen, lecke­ren Abende der Kit­chen Gue­rilla in der Szene rum, und so kamen zu einem Event im Juni mit grie­chi­schem Essen, bei dem der Soul-Kitchen-Star Adam Bous­dou­kos als DJ auf­trat, fast 120 Besucher.

Ein ­Rekord – aber auch ein Pro­blem. In der Arbeits­halle eines Hand­wer­kers auf St. Pauli saßen zwar immer noch alle Gäste zusam­men an zwei sehr lan­gen Tischen, doch es herrschte eine eher anonyme Atmo­sphäre, wie bei einem Kon­zert, wo man auch nicht mit jedem spricht. Für solch eine Masse Essen zu berei­ten, ist nicht ein­fach. Dass es den Gue­ril­las ohne eine Küche mit eini­gen Hel­fern und zwei Grills gelang, einen lecke­ren Abend zu gestal­ten, spricht für ihre logis­ti­schen und kuli­na­ri­schen Fähig­kei­ten – aber Gour­met­kü­che pro­duziert man so nicht.

Ande­rer­seits über­le­gen Olaf und Koral, von der Kit­chen Gue­rilla zu leben – und da brau­chen sie die Masse, oder? »Am liebs­ten wür­den wir rei­sen, kochen und dabei schauen, wo es wel­che Pro­dukte gibt – eine Art rei­sen­des Restau­rant mit Food-Scouting«, sagt Koral. »Das geht viel­leicht, wenn man mit einem Fern­seh­sen­der zusam­men­ar­bei­tet …« Hilf­reich könnte sein, dass sie schon jetzt Food-Scouting betrei­ben: Alles, was sie bei ihren Events auf­ti­schen, kommt von klei­nen Pro­du­zen­ten, die sie per­sön­lich ken­nen oder zumin­dest mal besucht haben. Viel­leicht kön­nen sie Ver­mitt­ler zwi­schen Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten wer­den, bei denen man feine Pro­dukte isst oder kauft, übers Inter­net, ver­steht sich. Aber eigent­lich sind sie keine Händ­ler, und noch ein Online-Shop für Pesto vom Ende der Welt und hand­ge­den­gelte Oli­ven­holz­löf­fel braucht nie­mand. Bis jetzt gilt also: »Wir sind froh, wenn wir kein Minus machen.«

Ende Juni fahre ich noch ein­mal zu Roberto Cor­tez nach Pots­dam. Was gehört zu einem gelun­ge­nen Essen? Olaf hatte gesagt: »Eine hüb­sche Frau.« Und gegrinst. Dann füg­ten die Gue­ril­le­ros hinzu: Gesel­lig­keit, eine Tisch-Idee, guter Wein. Und Musik, live oder vom DJ. Kris­tof Knauer will Gast­auf­tritte orga­ni­sie­ren: Win­zer ein­laden, die ihre Weine vor­stel­len, oder Köche, die ein oder zwei Gänge kochen. Roberto Cor­tez dage­gen scheint es vor allem ums Essen zu gehen. Er sagt: »Wenn ich eine Idee für ein Essen habe, koche ich es immer zuerst im Kopf, ändere es im Kopf – ich schme­cke alles im Kopf. Ich koche bei einem Din­ner immer auch Sachen, die ich nie zuvor ­gekocht habe. Ich habe schon mal ein sechs­gän­gi­ges Menu gekocht, von dem ich noch nie einen Teil gekocht hatte.«

Der Abend ist schön, ein mil­der Som­mer­tag, die akku­rat gefeg­ten Stra­ßen in Potsdam-Babelsberg wir­ken trotz­dem wie­der wie eva­ku­iert. Die Runde ist dies­mal etwas grö­ßer, alle sind auf Emp­feh­lung von frü­he­ren Gäs­ten gekom­men. Das Essen ist gran­dios, viel­leicht sogar einen Tick bes­ser als beim ers­ten Mal, das Risot­to mit Syrah-Kaffeesplitter-Sauce sollte nie enden. Die Gäste dage­gen … Nun ja, mehr als die Hälfte der Anwe­sen­den kennt sich und scheint nicht inter­es­siert am Aus­tausch mit Men­schen, denen die Tiefe, der Ernst und die Dring­lich­keit der Ver­wick­lun­gen in der Pots­da­mer Gesell­schaft fremd sind. Aber kein Pro­blem, wir kön­nen uns gut sel­ber unter­hal­ten. Schließ­lich gilt am Tisch wie stets im Leben: Nur wer mit­spielt, kann gewinnen.

Web­links

blushwhispers.wordpress.com
www.katjabremkamp.com
www.lefooding.com
www.undergrounddinner.de
www.kitchenguerilla.com

Text: Peter Lau
Fotos: Dawin Meckel

aus Effi­lee #12, September/Oktober 2010

24. März 2011
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3 Kommentare

  1. Am 24. März 2011 um 12:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schö­ner Artikel

  2. Am 25. März 2011 um 14:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Guter Arti­kel. Die Mas­sen­aus­spei­sung der Kit­chenGue­rilla für 120 Leute unter­schei­det sisch aller­dings optisch nicht so sehr von einem Zelt­fest der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr (mit abi­tio­nier­ten Buf­fet der länd­li­chen Haus­frauen). Hoch­klas­sig fand ich dage­gen als Kon­trast die Menüs von Roberto Cor­tez. Aller­dings gibt es auf blushwhispers.wordpress.com seit Okto­ber 2010 kein Menü mehr. 90 EUR Spende für so ein hand­werk­lich hoch­klas­si­ges Menü inkl. Wein ist auch viel zu wenig. Das kann sich finan­zi­ell nie aus­ge­hen und grenzt an Selbstausbeutung.

  3. Am 20. November 2012 um 11:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wer sich für Sup­per Clubs und Under­ground Restau­rants inter­es­siert, sollte mal bei Fun­tasty Adven­tures vor­bei­schauen: Ein Blog, der geheime Din­ner­ver­an­stal­tun­gen vor allem in Deutsch­land vor­stellt, davon gibt es näm­lich inzwi­schen einige. Und es wer­den immer mehr…

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