Erzähltes Leben

Wie braun ist Bio?

Von NPD-Bauern, Öko-Diktatoren und dem rech­ten Rand der Bio-Szene

Bei der Getreideernte. Oesterreich. Photographie um 1930

Bei der Getrei­de­ernte. Oes­ter­reich. Pho­to­gra­phie um 1930

Man hat viel zu tun, wenn man ein guter Mensch sein möchte. Man sollte sich bewusst ernäh­ren, gerne mit viel Roh­kost und ein­hei­mi­schen, regio­na­len Pro­duk­ten, die selbst­ver­ständ­lich öko­lo­gisch erzeugt wur­den oder sogar bio­dy­na­misch. Am bes­ten natür­lich, man ist Vege­ta­rier, denn Tiere lei­den genau wie Men­schen und soll­ten des­halb die­sel­ben Rechte haben. Selbst­ver­ständ­lich muss man für den Schutz der Natur kämp­fen, also gegen Umwelt­ver­schmut­zung, Atom­kraft und, klar, warum nicht, Gen­tech­nik. Dazu passt Klei­dung aus öko­lo­gisch her­ge­stell­ten Natur­stof­fen, und weil die leicht schlechte Gerü­che annimmt, hört man bes­ser mit dem Rau­chen auf – das ist ohne­hin unso­zial und schlecht für den Pla­ne­ten. Zu all dem braucht es nur etwas Dis­zi­plin, aber die ist sowieso gut fürs spi­ri­tu­elle Wachs­tum. Am Ende ist man jeden­falls ein guter Mensch: ein dis­zi­pli­nier­ter, spi­ri­tu­el­ler, hei­mat­ver­bun­de­ner Vege­ta­rier, Nicht­rau­cher, Natur­schüt­zer und Tier­freund. Genau wie Adolf Hitler

Tren­ner

Gepflegte, saf­tige Fel­der, so weit das Auge reicht, unter­bro­chen nur durch ein paar male­ri­sche Baum­grup­pen. Hier kann man noch bis zum Hori­zont gucken, hier sieht man nachts die Sterne, hier bekommt man es mit, wenn sich die Zug­vö­gel am Him­mel in gro­ßen Scha­ren und mit viel Getöse auf die Reise machen. Hier müsste man mor­gens auf­wa­chen, im Dorf Kop­pe­low: zwei Stra­ßen und rund ein Dut­zend Bau­ern­höfe mit­ten im grü­nen Mecklenburg-Vorpommern.

Kein McDonald’s hier, keine Groß­stadt­kri­mi­na­li­tät und vor allem keine Gen­tech­nik, dank der Ent­schlos­sen­heit der Initia­tive für eine gen­tech­nik­freie Region Nebel/Krakow am See. So etwas wol­len die Bau­ern von Koppe­low, dar­un­ter einige Bio­bau­ern, hier nicht haben. In den Neun­zi­ger­jah­ren grün­de­ten sie ihre Initia­tive, und sie war ein vol­ler Erfolg. Die Presse berich­tete, die Nach­barn mach­ten mit. Das war grüne Basis­ar­beit, wie sie sein sollte. Hier waren keine Pro­fi­po­li­ti­ker aus Ber­lin am Werk, die immer nur Wind machen, wenn eine Wahl bevor­steht. Nein, das hat­ten echte Bau­ern geschafft, die die Sache sel­ber etwas anging. Man könnte den­ken, so ein Dorf sei ein Para­dies für Grüne und andere umwelt­be­wusste, links ori­en­tierte Men­schen. Doch irgend­wie blie­ben die Grü­nen fern. Oder im nie­der­baye­ri­schen Lands­hut: Dort ver­treibt ein Ver­ein von Bio­bau­ern und Umwelt­schüt­zern die Zeit­schrift Umwelt & Aktiv, in der es regel­mä­ßig um The­men wie Der Kampf ums Brot geht: »Die Meere sind nahezu voll­stän­dig leer­ge­fischt. Gutes Acker­land wird mit Bio­sprit­pflan­zen bebaut anstatt mit Grund­nah­rungs­mit­teln, wird mit Städ­ten zube­to­niert …« Das hört sich fast an wie aus den Pam­phle­ten des Bunds für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land (BUND). Doch die Umwelt & Aktiv-Redaktion warnt ihre Leser schon auf der Home­page, damit kein fal­scher Ein­druck ent­steht: »Den­ken Sie immer daran: Umwelt­schutz ist nicht grün, son­dern für uns, unsere Kin­der und unser Land lebenswichtig!«

Oh, Ent­schul­di­gung, habe ich Home­page gesagt? Ich meine natür­lich Heim­seite. Die Zeit­schrift hat auch keine E-Mail-, son­dern eine E-Post-Adresse. Und ihre Links hei­ßen Ver­weise. Die ver­wei­sen auch nicht etwa auf den BUND oder ähn­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, son­dern auf Ver­eine, die die alte ger­ma­ni­sche Reli­gion zu neuem Leben erwe­cken wol­len. Was auch immer das ist.

Und dann ist da noch ein klei­ner, bun­des­wei­ter Jugend­ver­ein, der in sei­ner Frei­bur­ger Erklä­rung die wich­tige Rolle, die Natur und rich­ti­ges Essen für ihn spie­len, so beschreibt: »Wir set­zen uns für einen ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Umgang mit der Natur ein. Unsere Natur­ver­bun­den­heit fin­det auch ihren Aus­druck in unse­rer Ernäh­rung …« Ein moder­nes, fort­schritt­li­ches Bekennt­nis. Nur der Name des Ver­eins klingt merk­wür­dig alt­mo­disch: Der Frei­bund. Wei­tere alt­mo­di­sche For­mu­lie­run­gen tau­chen in der Erklä­rung auf: »Die Idee der Nation ist für uns etwas Selbst­ver­ständ­li­ches … Wir begeis­tern uns für die Viel­falt des Volks­tan­zes und des Volks­lie­des … Unver­zicht­bare Werte sind für uns Treue, Zuver­läs­sig­keit, Mut, Kame­rad­schaft und Aufrichtigkeit.«

Tren­ner

Es ist schon eine merk­wür­dige Erfah­rung, ein biss­chen, als ob man auf der Straße einer schö­nen Frau hin­ter­her­pfeift und erst erkennt, wenn sie sich umdreht, dass es sich um einen Mann mit lan­gen Haa­ren han­delt: Nicht wenige Bio­bau­ern, Vege­ta­rier oder Tier– und Umwelt­schüt­zer, von denen man grund­sätz­lich annimmt, sie stün­den eher links, ent­pup­pen sich beim nähe­ren Hin­gu­cken als poli­tisch rechts. Der Frei­bund zum Bei­spiel ist die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion des 1961 vom Ver­fas­sungs­schutz wegen faschis­ti­scher Ten­den­zen ver­bo­te­nen Jugend­ver­eins Bund Hei­mat­treuer Jugend (BHJ). Und Umwelt & Aktiv wird vom Ver­ein Mid­gard ver­trie­ben, des­sen Ver­eins­vor­sit­zen­der Chris­toph Hofer ehe­mals nie­der­baye­ri­scher NPD-Bezirksvorsitzender war.

Die Bio­bau­ern von Kop­pe­low wur­den von der rechts­ge­rich­te­ten Zei­tung Junge Frei­heit unfrei­wil­lig ent­larvt. Ein Jour­na­list besuchte Kop­pe­low sowie zwei wei­tere Dör­fer in der Nähe und war begeis­tert von dem, was er dort sah: die Aussteiger-Idylle, den Fami­li­en­zu­sam­men­halt, die Unab­hän­gig­keit von den Pro­duk­ten der glo­ba­li­sier­ten, groß­ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt­fir­men, die schö­nen, selbst gebau­ten Möbel: »Und so backen sie ihr Brot aus dem eige­nen Getreide und fer­ti­gen Klei­dung aus der Wolle ihrer Tiere. Auf den Tisch kommt, was der eigene Gar­ten her­gibt, und wenn es not­wen­dig ist, bauen sie auch ihre Häu­ser sel­ber. Ent­schlos­sen stem­men sie sich gegen die Ent­frem­dung der moder­nen Welt mit all ihren Dis­count– und Bau­märk­ten und ver­su­chen ihr Leben auf das Ursprüng­li­che zurück­zu­füh­ren.« Doch dann beging der begeis­terte Jour­na­list den Feh­ler, das Wort Art­a­ma­nen zu erwäh­nen. Die­ser Begriff wurde von dem anti­se­mi­ti­schen Schrift­stel­ler Wil­li­bald Hent­schel erfun­den, des­sen Idee es war, dass die Deut­schen in einer länd­li­chen, von der Zivi­li­sa­tion ver­schon­ten Uto­pie leben soll­ten, in einem Menschen-Garten, einer Stätte ras­si­scher Hoch­zucht, wo eine neue völ­ki­sche Ober­schicht her­an­ge­zo­gen wer­den konnte. 1923 for­mu­lierte er seine Vision: »Eine rit­ter­li­che deut­sche Kampf­ge­mein­schaft auf deut­scher Erde – ich nenne sie Artam«. Sein Ruf wurde gehört: In den fol­gen­den Jah­ren zogen bis zu 2000 Art­a­ma­nen in den Osten, wo das Land bil­lig war, und grün­de­ten Blut-und-Boden-Biohöfe.

Als der Junge-Freiheit-Journalist erfuhr, dass einer sei­ner Bau­ern in einem die­ser alten Häu­ser wohnte, konnte er seine Begeis­te­rung offen­sicht­lich nicht mehr zurück­hal­ten: »Kop­pe­low ist ein altes Art­a­ma­nen­dorf«, schrieb er. Es dau­erte noch zwei Jahre, bis die selt­same Nach­richt, dass hier Art­a­ma­nen leben, ins öffent­li­che Bewusst­sein durch­ge­si­ckert war. Doch dann war die Auf­re­gung groß.

Die Bau­ern wur­den auf einer öffent­li­chen Ver­samm­lung mit den Vor­wür­fen kon­fron­tiert, bald erschie­nen kri­ti­sche Zei­tungs­be­richte. Fir­men, die Kop­pe­lo­wer Bio­pro­dukte kauf­ten, stell­ten unan­ge­nehme Fra­gen. Irgend­wann musste der Bio­bauer, der gleich­zei­tig Vor­sit­zen­der der Initia­tive für eine gen­tech­nik­freie Region Nebel/Krakow am See war, zuge­ben, dass er tat­säch­lich alles andere als ein biologisch-dynamischer Gut­mensch war. Auch von sei­nem Pos­ten in der Bür­ger­in­itia­tive trat er zurück.

Für Ste­fan Kös­ter, NPD-Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern, der sich nach eige­nen Anga­ben über­wie­gend von Bio-Erzeugnissen ernährt, ist grün mit­nich­ten ein rein grü­nes Thema. »Es ist ein Hei­mat­thema«, betont er. »Und wir sind eine Hei­mat­par­tei. Man kann nicht für die Hei­mat aktiv wer­den, wenn man nicht für den Umwelt­schutz ein­steht. Wir haben sehr viele Maß­nah­men zum Schutz der Umwelt gestar­tet, zum Bei­spiel im Land­tag Maß­nah­men gegen Gen­kar­tof­feln und andere gen­ma­ni­pu­lierte Pflan­zen wie Gen­mais. Wir glau­ben, dass ein Volk nur in einer intak­ten Umwelt exis­tie­ren kann.«

Tren­ner

Wenn alar­mierte linke Medien über rechte Bio­bau­ern berich­ten, beschrei­ben sie das rechte Inter­esse an grü­nen The­men gerne als poli­ti­sches Kal­kül, als bloße Stra­te­gie, mit der Neo­na­zis Wäh­ler aus der respek­ta­blen bür­ger­li­chen Mitte gewin­nen wol­len. Als ob es undenk­bar sei, dass jemand, der nicht links steht, ein auf­rich­ti­ges Inter­esse an gesun­der Ernäh­rung ent­wi­ckeln könnte. Ich sage nur: Adolf Hit­ler. »Das ist Unfug«, sagt Kös­ter zum Thema Kal­kül. »Vor drei oder vier Jah­ren wurde eine Umfrage gemacht, und selbst zehn Pro­zent der Wäh­ler der Grü­nen fan­den, dass wir eine ver­nünf­tige Umwelt­po­li­tik machen.«

»In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ist das nicht mehr so ver­brei­tet, aber es gibt eine rechte Tra­di­tion in der Öko­lo­gie«, erklärt Alex Demi­ro­vic, Pro­fes­sor für Poli­ti­sche Wis­sen­schaft an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Ber­lin. »Bei den Grü­nen gab es ganz am Anfang auch Faschis­ten mit ras­sis­ti­schen Ideen.« Zum Bei­spiel Bal­dur Spring­mann, einst Mit­glied der SA und SS, nach Kriegs­ende bio­dy­na­mi­scher, pan­the­is­ti­scher Land­wirt in Schleswig-Holstein. In den Sieb­zi­gern fand Spring­mann sein Thema. Seine Akti­ons­ge­mein­schaft Unab­hän­gi­ger Deut­scher (AUD) war der Ver­such, so viele natio­na­lis­ti­sche Strö­mun­gen wie mög­lich zu ver­ei­nen. Das gelang ihr zwar nicht, doch dafür erkannte sie, ver­mut­lich sogar als erste bun­des­deut­sche Par­tei, die Popu­la­ri­tät von Umwelt– und Ernährungs­themen. Spring­mann war in Schleswig-Holstein Lan­des­vor­sit­zen­der, doch in den fol­gen­den Jah­ren wan­derte er rast­los von Par­tei zu Par­tei. Sein Ziel war anspruchs­voll: Er wollte Rechts­ex­tre­mis­mus, Öko­lo­gie und Spi­ri­tua­li­tät ver­bin­den. Spring­mann war auch dabei, als 1980 die Grü­nen gegrün­det wur­den. Und zwei Jahre spä­ter wie­der, als die Ökologisch-Demokratische Par­tei (ÖDP) ihre Arbeit aufnahm.

Her­bert Gruhl gehörte eben­falls zu den Grün­dern der ÖDP. Gruhl fing als CDU-Politiker an, war Abge­ord­ne­ter im Bun­des­tag und schrieb 1975 den Best­sel­ler Ein Pla­net wird geplün­dert – Die Schre­ckens­bi­lanz unse­rer Poli­tik. Noch heute nen­nen viele nam­hafte Umwelt­schüt­zer sein Buch als Grund, warum sie in die Umwelt­po­li­tik gegan­gen sind. Gruhl beschrieb sich selbst als Natur­kon­ser­va­ti­ven, wurde aber oft und gerne als Öko­fa­schist beschimpft, weil er in Ein Pla­net wird geplün­dert behaup­tet hatte, dass der Staat im Falle einer öko­lo­gi­schen Krise die Auf­gabe habe, »eine Über­le­bens­stra­te­gie nicht nur zu kon­zi­pie­ren, son­dern auch rück­sichts­los durchzusetzen.«

Dies wurde ihm von so man­chem ehe­ma­li­gen Par­tei­freund und ande­ren kri­ti­schen Geis­tern als Ein­la­dung zu einer Öko­dik­ta­tur aus­ge­legt. Hinzu kam die Ein­stel­lung der ÖDP gegen­über Men­schen mit Migrations­hintergrund – eine Ein­stel­lung, die über­ra­schend häu­fig in Umwelt­schutz­theo­rien auf­taucht. In dem Posi­ti­ons­pa­pier Stel­lung­nahme zur Aus­län­der­frage der ÖDP schrieb er: »Die Bun­des­re­pu­blik gehört zu den am dich­tes­ten besie­del­ten Län­dern der Erde und kann aus die­sem Grunde mit Sicher­heit kein Ein­wan­de­rungs­land sein. Stö­run­gen des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts und die Zer­stö­rung natür­li­cher Lebens­räume gehen mit der Bevöl­ke­rungs­dichte Hand in Hand. Der posi­tive Effekt einer Ent­las­tung der Bevöl­ke­rungs­dichte durch Ver­min­de­rung der Gebur­ten darf aber auch nicht durch Zuwan­de­rung von außen wie­der besei­tigt wer­den.« Wäh­rend Spring­mann und Gruhl von Anfang an offen­bar nach rechts neig­ten, stand Rudolf Bahro ursprüng­lich ein­deu­tig links. 1977 schrieb Bahro eine mar­xis­ti­sche Ana­lyse der DDR, nach der die Füh­rung des Lan­des ihr Ziel ver­fehlt hatte. Dafür wurde er in Ost und West weit­hin bekannt, was für Bahro aller­dings nicht unbe­dingt gut war, denn er lebte im Osten. 1979 wurde er ausgebürgert.

Tren­ner

Im Wes­ten schloss sich Bahro schnell den gerade gegrün­de­ten Grü­nen an, wo er bald als unbe­que­mer Gesell galt. Er sprach gerne von der öko­lo­gi­schen Krise, als ob sie eine nahende Apo­ka­lypse sei, und nannte die Poli­tik eine Unsicht­bare Kir­che. 1991 unter­stellte der Züri­cher Ver­ein zur För­de­rung der Psy­cho­lo­gi­schen Men­schen­kennt­nis Bahro in einer Schrift mit dem Titel Der Faschis­mus der Neuen Lin­ken, er würde eine Öko­dik­ta­tur anstre­ben. Bahro stritt alles ab, doch die Vor­würfe häuf­ten sich, bis ihm seine frü­here Par­tei­freun­din Jutta Dit­furth völ­ki­sche Ideen vor­warf. Damit war seine poli­ti­sche Kar­riere so gut wie vorbei.

»Bahro war ein maß­geb­li­ches Mit­glied einer Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Grü­nen, in der viel Natur­mys­ti­zis­mus prak­ti­ziert wurde«, sagt Pro­fes­sor Demi­ro­vic. »Sie ver­gru­ben bei Voll­mond Kuh­hör­ner und betrie­ben Rituale, die ein natur­na­hes Ver­hält­nis her­stel­len soll­ten.« Wie wurde mit sol­chen Leu­ten umge­gan­gen? »Es wurde sehr viel dis­ku­tiert, und Faschis­ten wur­den schnell aus der Par­tei aus­ge­grenzt. Man kann sagen, dass sich die Grü­nen im Laufe ihrer Ent­wick­lung in zwei Rich­tun­gen abge­grenzt haben – nach extrem links und nach rechts gegen eine mystisch-konservative Natur­schutz­vor­stel­lung, die eigent­lich etwas Auto­ri­tä­res hat.« Hatte ich schon Adolf Hit­ler erwähnt?

Wenn auch kein gro­ßer Unter­schied zwi­schen Lin­ken und Rech­ten in ihrer Liebe zu anstän­di­gem Bio-Essen exis­tiert, so gibt es doch einen rät­sel­haf­ten Unter­schied in der Art von Vor­wür­fen, die man ihnen macht. Wäh­rend rechte Bio­bau­ern oft den Vor­wurf des Natio­na­lis­mus hören müs­sen, fällt doch nie das Wort Öko­fa­schist – die­ses Schimpf­wort ist den über-intellektualisierten Lin­ken vor­be­hal­ten. Warum eigentlich?

Der wet­ter­ge­gerbte, eigen­bröt­le­ri­sche Finne Pentti Lin­kola liebt den Wald und die Vögel, er lebt abge­schie­den als Fischer am Vanajavesi-See und macht sich beim Angeln seine Gedan­ken über Tiere, Men­schen und Umwelt. Die sind so radi­kal zukunfts­träch­tig und, das muss man sagen, tier­freund­lich, dass seine Anhän­ger ihn bewun­dernd den Fischer-Philosophen nen­nen – ein Titel, den ihm selbst Jesus Chris­tus nei­den müsste.

Tren­ner

Alles, was der Mensch in den letz­ten 100 Jah­ren geschaf­fen hat, meint Lin­kola, muss weg. Die mensch­li­che Bevöl­ke­rung der Erde sei ein Krebs­ge­schwür, das mit einem drit­ten Welt­krieg, Gebur­ten­kon­trolle oder zur Not auch Euge­nik auf einen Bruch­teil redu­ziert wer­den muss. Groß­städte müs­sen weg – mit Hilfe von Atom– oder Bio­waf­fen. Auch die Demo­kra­tie hat ihn sehr ent­täuscht, da sie nicht in der Lage ist, Umwelt­pro­bleme zu lösen. Lin­kola, der eines sei­ner Bücher der Baader-Meinhof-Gruppe gewid­met hat, fin­det, die Men­schen müss­ten gezwun­gen wer­den, umwelt­be­wusst zu leben. Unbe­lehr­bare könn­ten in Umer­zie­hungs­la­ger gesteckt wer­den, bis auch sie es kapiert haben.

Wenn Sie fin­den, dass Lin­kola ein wenig über­treibt: Er steht nicht alleine. Schauen Sie sich mal die Web­site der Bewe­gung für das frei­wil­lige Aus­ster­ben der Mensch­heit an. Dort heißt es vol­ler Hoff­nung: »Das lang­same Aus­ster­ben der mensch­li­chen Rasse durch frei­wil­li­ges Auf­ge­ben der Fort­pflan­zung wird es dem Leben auf der Erde ermög­li­chen, wie­der einen gesun­den Zustand zu errei­chen.« Auf die Frage Mei­nen Sie das wirk­lich ernst?, ant­wor­tet der Grün­der Les U. Knight, der sich selbst als Anar­chist bezeich­net: »Wir sind da wirk­lich vehe­ment.« Gleich­zei­tig gibt er zu, dass er viel ver­langt: »Klar, die Chan­cen ste­hen schlecht. Aber die Ent­schei­dung, sich nicht zu ver­meh­ren, ist trotz­dem rich­tig. Selbst wenn unsere Erfolgs­chan­cen nur eins zu hun­dert wären oder eins zu einer Mil­li­arde: Wir müss­ten es den­noch ver­su­chen. Es steht zu viel auf dem Spiel.«

Lin­kola und seine geis­ti­gen Ver­wand­ten sind zwar eine ver­schwin­dend geringe Gruppe von Ver­rück­ten, doch sie holen sich mora­li­sche und theo­re­ti­sche Unter­stüt­zung von Men­schen, die alles anders als ver­rückt sind. Etwa von dem Aus­tra­lier Peter Sin­ger. Er steht nach eige­nem Bekun­den poli­tisch links, ist beken­nen­der Vege­ta­rier und zudem ein renom­mier­ter Phi­lo­soph und Pro­fes­sor für Bio­ethik an der Prin­ce­ton Uni­ver­sity. Ein respek­tier­ter Gut­mensch also – der als Nazi beschimpft wird. Als Sin­ger auf einer schwe­di­schen Buch­messe spre­chen sollte, schrieb der Nazi-Jäger Simon Wie­sen­thal einen Pro­test­brief, in dem er Sin­ger vor­warf, er würde die Tötung von behin­der­ten Neu­ge­bo­re­nen recht­fer­ti­gen. Ähn­li­ches wurde von dem Prä­si­den­ten der ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal Fede­ra­tion of the Blind geäu­ßert, als Sin­ger seine Pro­fes­sur in Prin­ce­ton annahm. Sin­gers Vor­trag­s­ter­mine in aka­de­mi­schen Insti­tu­tio­nen in Saar­brü­cken, Mar­burg und Zürich muss­ten abge­sagt wer­den, weil die Pro­teste in der deut­schen Presse und von Behin­der­ten­ver­bän­den zu hef­tig wur­den. Wie konnte es so weit kommen?

Tren­ner

Sin­ger ist Anhän­ger eines ein­fluss­rei­chen eng­li­schen Phi­lo­so­phen des 18. Jahr­hun­derts, Jeremy Bent­ham, des­sen Ske­lett, adrett geklei­det und mit wäch­ser­nem Kopf, immer noch in einem Glas­kas­ten im Uni­ver­sity Col­lege Lon­don sitzt – genau wie es sich der Kämp­fer für das Frau­en­wahl­recht und die Lega­li­sie­rung der Homo­se­xua­li­tät in sei­nem Tes­ta­ment gewünscht hat. Bent­ham meinte, mensch­li­ches Han­deln müsse immer dar­auf abzie­len, so viel Gutes wie mög­lich für so viele Men­schen wie mög­lich zu errei­chen. Das klingt erst mal nach einem heh­ren Ideal, hat aber einen Haken, denn damit könnte man zum Bei­spiel die Ste­ri­li­sa­tion von geis­tig behin­der­ten Men­schen vor­schrei­ben, um zu ver­hin­dern, dass gene­ti­sche Defekte wei­ter­ge­tra­gen wer­den. Wenn man schon dabei ist, kann man natür­lich auch gleich Föten mit gene­ti­schen Defek­ten abtrei­ben. Und sollte ein sol­cher Säug­ling ver­se­hent­lich doch mal gebo­ren wer­den, bevor man den Defekt bemerkt, wäre es selbst­ver­ständ­lich eben­falls mög­lich, das Kind nach der Geburt zu töten. Übri­gens, habe ich schon Adolf Hit­ler erwähnt?

In einem sei­ner Bücher hat sich Sin­ger dazu hin­rei­ßen las­sen, anzu­deu­ten, dass extrem behin­dert gebo­rene Kin­der nicht nur sel­ber über­mä­ßig lei­den, son­dern auch das Gemein­wohl behin­dern. Sin­ger selbst sagt, er sei kein Nazi und auch kein Befür­wor­ter von Euge­nik, aber sol­che Sätze kann man durch­aus zu sei­nen Unguns­ten inter­pre­tie­ren. Aller­dings hat das Ganze nicht viel mit Bio zu tun … Bis man sein sehr ein­fluss­rei­ches Buch Die Befrei­ung der Tiere (1975) liest, das heute als Tier­schutz­klas­si­ker gilt. Krea­tu­ren, die Schmerz emp­fin­den kön­nen, meint Sin­ger, soll­ten genauso wie Men­schen behan­delt wer­den. Die­ses Prin­zip hält er für die kon­se­quente Fort­set­zung des Kamp­fes um die Men­schen­rechte im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert, gleich­zu­set­zen mit der Befrei­ung der Skla­ven. Für Tier­lieb­ha­ber ist das selbst­ver­ständ­lich eine knuffige Vor­stel­lung: Tiere aus ihrer Skla­ve­rei zu befreien und ihnen dann die glei­chen Rechte ein­zu­räu­men wie Men­schen. Aller­dings hätte das weit­rei­chende Kon­se­quen­zen. Jeder Leber­wurst­bro­tes­ser könnte als Mör­der ange­klagt wer­den. Und jeder Mensch, der einen Baum fäl­len oder einen Fluss begra­di­gen will, würde erst mal im Gericht den Anwäl­ten übel gelaun­ter Vögel und Biber gegenübersitzen.

Wenn Mensch und Tier gleich sind, muss man mög­li­cher­weise Bent­hams Idee ergän­zen: Nicht mög­lichst viel Gutes für die Men­schen sollte man tun, son­dern mög­lichst viel Gutes für alles Leben auf Erden. Muss also eine ein­zige kranke Anti­lope ster­ben, um eine ganze Löwen­fa­mi­lie zu ernäh­ren, ist das gerecht­fer­tigt – umge­kehrt darf dann aber auch ein ein­zi­ger Mensch ster­ben, wenn man damit einen Wald ret­ten kann. Auch das, sagt Sin­ger, habe er nicht gemeint. Und er kann es mit kom­pli­zier­ten phi­lo­so­phi­schen Erklä­run­gen bewei­sen. Doch die Vor­würfe Öko­fa­schist und Öko­zen­tri­ker wird er nicht mehr los.

Tren­ner

Öko­zen­trik, auch Land-Ethik genannt, geht auf den 1948 ver­stor­be­nen US-Förster und Umwelt­schüt­zer Aldo Leo­pold zurück. Der meinte, dass die Ethik nicht nur den Men­schen berück­sich­ti­gen muss, son­dern auch Tiere und Pflan­zen, also das Land ins­ge­samt bezie­hungs­weise die Umwelt. Er schrieb: »Eine Ethik der Umwelt ver­wan­delt die Rolle des Homo sapi­ens vom Erobe­rer der Umwelt-Gemeinschaft zu einem ganz ein­fa­chen Mit­glied und Bür­ger darin.«

In letz­ter Instanz heißt das: Wenn man Rehe zum Abschuss frei­ge­ben darf, um eine umwelt­schäd­li­che Über­po­pu­la­tion von Rehen zu ver­hin­dern, kann man das glei­che Prin­zip auch auf Men­schen über­tra­gen. Damit sind wir wie­der bei Pentti Lin­kola, der Bewe­gung für das frei­wil­lige Aus­ster­ben der Mensch­heit und der Euge­nik gelan­det. Und nun möchte ich doch mal Adolf Hit­ler erwähnen.

»Es gibt eine Sache, die ich den Essern des Flei­sches vor­aus­sa­gen kann«, ver­kün­dete der selbst ernannte Vege­ta­rier 1941 bedroh­lich in einem sei­ner aus­schwei­fen­den Tisch­ge­sprä­che. »Die Welt der Zukunft ist vege­ta­risch«. Kaum eine Vor­stel­lung jagt Vege­ta­ri­ern und Vega­nern mehr Schreck ein, keine Behaup­tung wird von ihnen vehe­men­ter abge­strit­ten als die, dass der Füh­rer einer von ihnen war.

His­to­ri­ker sind nicht ganz sicher, wie lange oder wie auf­rich­tig Hit­ler Vege­ta­rier war. Einer­seits berich­te­ten Augen­zeu­gen immer wie­der, dass er kein Fleisch aß und Sol­da­ten an der Front vor allem Roh­kost emp­fahl, was die bestimmt begeis­tert auf­ge­nom­men haben. Ande­rer­seits gibt es eine his­to­risch belegte, kom­pro­mit­tie­rende Epi­sode mit einer gebra­te­nen Taube. Fest steht, dass seine Vor­stel­lung von gesun­der Ernäh­rung zum poli­ti­schen Kon­zept gehörte: Er gab sich grün, weil sich viele Wäh­ler nur einen grü­nen Mes­sias vor­stel­len konnten.

Tren­ner

»Wis­sen Sie, dass Ihr Füh­rer Vege­ta­rier ist und dass er wegen sei­ner all­ge­mei­nen Hal­tung in Rich­tung zum Leben und sei­ner Liebe für die Welt der Tiere kein Fleisch isst?« hieß es in der Zeit­schrift Weiße Fahne. »Wis­sen Sie, dass Ihr Füh­rer ein mus­ter­gül­ti­ger Tier­freund ist?« Tier­schutz war in der Nazi­pro­pa­ganda so selbst­ver­ständ­lich, dass das Schäch­ten als ein wei­te­res Indiz dafür her­hal­ten musste, dass Juden ein­fach kei­nen Anstand haben. »Keine deut­sche Regie­rung hat je den Schutz der deut­schen Wäl­der erns­ter genom­men als das Dritte Reich und sein Reichs­forst­mi­nis­ter Göring«, schreibt der renom­mierte US-Historiker Simon Schama über die Umwelt­po­li­tik der Nazis in den Vor­kriegs­jah­ren. 1933 wurde das Reichs­tier­schutz­ge­setz ver­ab­schie­det, zwei Jahre spä­ter folgte das Reichs­na­tur­schutz­ge­setz, das so fort­schritt­lich war, dass es bis 1976 in der Bun­des­re­pu­blik überlebte.

Selbst im Gene­ral­plan Ost von 1942 wurde fein­sin­ni­ger Land­schafts­schutz betrie­ben. Mit Hilfe der neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse soll­ten die erober­ten Ost­ge­biete ein beson­de­res »Gepräge erhal­ten, damit der germanisch-deutsche Mensch sich hei­misch fühlt, dort sess­haft wird und bereit ist, diese seine neue Hei­mat zu lie­ben und zu verteidigen.«

Natur­schutz, Tier­liebe und Vege­ta­ris­mus sind den Nazis und den Grü­nen glei­cher­ma­ßen wich­tig, weil beide ihre Ideen aus der glei­chen Quelle schöp­fen: aus der Lebens­re­form­be­we­gung. Lebens­re­form, das waren unzäh­lige kleine Grup­pen, die wahl­weise die Abschaf­fung der Schul­me­di­zin, der Klei­dung, der Kon­ser­ven­büchse oder der übli­chen Reli­gio­nen for­der­ten. Mitte des 19. Jahr­hun­derts hatte plötz­lich jeder eine Lösung für die Pro­bleme der Moderne. Die Reform­ideen reich­ten von Bio-Essen bis zu Eso­te­rik. Auch Helena Petrovna Bla­va­t­s­kys berüch­tigte Theo­so­phi­sche Gesell­schaft, aus der Rudolf Stei­ners Anthro­po­so­phie her­vor­ging, wurde damals gegründet.

So unter­schied­lich sie auch waren, eines hat­ten sie gemein­sam: Alle waren sie gegen das, was um sie herum pas­sierte. Und alle such­ten eine Uto­pie, die sie mit ein paar ein­fa­chen Schrit­ten zu Hause errei­chen konn­ten und die sich in der Regel mit den Wor­ten zurück in das gol­dene Zeit­al­ter umschrei­ben ließ. »Die dama­lige moderne Zivi­li­sa­tion, die sich ent­wi­ckelnde indus­tri­elle Gesell­schaft, all das schien bedroh­lich«, erklärt der Ber­li­ner His­to­ri­ker Hans Ber­ge­mann. »Zum Teil zu Recht, die Miets­ka­ser­nen in Ber­lin zum Bei­spiel waren Ursa­che gesund­heit­li­cher Pro­bleme. Doch der gesamte Pro­zess der Ver­än­de­rung und die Ent­frem­dung von einem ver­meint­lich idyl­li­schen länd­li­chen Leben, all das wurde von den Lebens­re­for­mern vehe­ment abgelehnt.«

Tren­ner

Man­che Uto­pien waren bizarr. So for­der­ten Hein­rich Pudor und Richard Unge­wit­ter für ganz Deutsch­land eine neue Nackt­kul­tur. »Der schlichte Gedanke dahin­ter war, dass sich Mann und Frau rich­tig sehen soll­ten, bevor sie sich zur Fort­pflan­zung zusam­men­fin­den, um ihre Vor­züge beur­tei­len zu kön­nen«, sagt Ber­ge­mann. »Man glaubte, dass dadurch gute und gesunde Kör­per zuein­an­der fän­den.« Unge­wit­ter schrieb, nicht ohne einen gewis­sen belei­dig­ten Unter­ton: »Würde jedes deut­sche Weib öfter einen nack­ten ger­ma­ni­schen Mann sehen, so würde sie nicht so vie­len exo­ti­schen frem­den Ras­sen nach­lau­fen … Aus Grün­den der gesun­den Zucht­wahl for­dere ich des­halb die Nackt­kul­tur, damit Starke und Gesunde sich paa­ren, Schwäch­linge aber nicht zur Ver­meh­rung kommen.«

Wenn sämt­li­che Deut­sche den gan­zen Tag lang nackt her­um­lie­fen, spe­ku­lierte man, würde das nicht nur einer ver­nünf­ti­gen Part­ner­wahl zugute kom­men – es würde auch die Sitt­lich­keit för­dern. »Nackt­kul­tur sollte dazu füh­ren, dass man sich beherrscht und sitt­li­cher wird«, erklärt Ber­ge­mann. »Eben weil es beim Mann diese große Angst gibt, dass er eine Erek­tion bekom­men könnte, muss er seine sexu­el­len Impulse beherr­schen ler­nen. Das muss er nicht, wenn er ange­zo­gen ist. Er kann seine schmut­zi­gen Gedan­ken verstecken.«

Bei einem gro­ßen Teil der Lebens­re­form ging es um die rich­tige Ernäh­rung. Vor allem die neu­mo­di­sche, indus­tri­elle Lebens­mit­tel­pro­duk­tion war vie­len suspekt. Ernäh­rungs­re­for­mer wet­ter­ten gegen Lebens­mit­tel aus Kon­ser­ven, gegen die frü­hen Fer­tig­pro­dukte Fleisch­ex­trakt und Brüh­wür­fel und gegen sin­kende Preise für Zucker und Weiß­mehl. Ärzte dekla­rier­ten Zivi­li­sa­ti­ons­kost als Haupt­ur­sa­che für viele Krank­hei­ten, sie pre­dig­ten die Vor­züge von Roh­kost und Voll­korn­pro­duk­ten und die Schäd­lich­keit von Tabak, Kaf­fee, Alko­hol und Zucker. Reform­häu­ser und biologisch-dynamische Land­kom­mu­nen schos­sen wie Pilze aus dem Boden. Mit ande­ren Wor­ten: genau wie heute.

Auch der Vege­ta­ris­mus ent­sprang der Lebens­re­form­be­we­gung. Nach­dem der Rechts­an­walt, Poli­ti­ker und Revo­lu­tio­när Gus­tav von Struve die demo­kra­ti­sche März­re­vo­lu­tion von 1848/1849 im Groß­her­zog­tum Baden schei­tern sah, fand er eine andere Mög­lich­keit, die Welt zu ändern. Inspi­riert durch Jean-Jacques Rous­seau grün­dete er 1868 Deutsch­lands ver­mut­lich ers­ten vege­ta­ri­schen Ver­ein. Ein Jahr spä­ter erschien sein Werk Pflan­zen­kost – die Grund­lage einer neuen Welt­an­schau­ung. Damit drückte er der vege­ta­ri­schen Bewe­gung ihren heils­brin­gen­den Stem­pel auf. Seit­her tru­gen Ver­eins­grün­dun­gen immer wie­der eso­te­ri­sche, spi­ri­tu­elle oder zumin­dest mora­lisch pene­trante Züge. Der Pfar­rer Edu­ard Balt­zer etwa, der den Ver­ein für natür­li­che Lebens­weise grün­dete, war Vege­ta­rier aus reli­giö­sen Moti­ven. Und eine der bekann­tes­ten vege­ta­ri­schen Land­kom­mu­nen nannte sich Eden. Der Aspekt des Heils war vie­len Lebens­re­for­mern gemein. »Durch die Gesun­dung des Ein­zel­nen wollte man eine Gesun­dung der Gesell­schaft errei­chen«, sagt Ber­ge­mann. »Und dabei legte jeder den Schwer­punkt ein biss­chen anders.« Auch poli­tisch. »Die Lebens­re­form­be­we­gung ist ein getreues Spie­gel­bild der Gesell­schaft jener Zeit«, meint Hans Ber­ge­mann. »Von anti­se­mi­ti­schen Krei­sen bis hin zum lin­ken Spek­trum war alles ver­tre­ten. Bestimmte Posi­tio­nen, die für uns heute undenk­bar sind, waren damals salon­fä­hig, wie zum Bei­spiel die Euge­nik.« Von der Lebens­re­form haben die Nazis aber nicht nur die Euge­nik über­nom­men. Hit­lers Vege­ta­ris­mus wie auch sein Anti-Alkoholismus, sein Sta­tus als über­zeug­ter Nicht­rau­cher wie sein Hang zur Roh­kost waren Ideen der Lebens­re­form. Auch die mus­kel­ver­liebte Kör­per­kul­tur der Natio­nal­so­zia­lis­ten stammt daher. Und die Idee des über­le­ge­nen Her­ren­men­schen aus dem geheim­nis­vol­len Nor­den wurde von Bla­va­t­s­kys Theo­so­phie mit­ge­formt. Aber nicht nur die Nazis hat die Lebens­re­form maß­geb­lich beein­flusst. Der Bio­la­den um die Ecke, der Turn­ver­ein, das vom Arzt emp­foh­lene Müsli am Mor­gen und der Schre­ber­gar­ten – alles Ideen aus jener Zeit.

Tren­ner

Der Ehr­gei­zigste unter den Lebens­re­for­mern war der bis heute bei vie­len Men­schen hoch ange­se­hene Rudolf Stei­ner. Wäh­rend sich andere mit ihren Theo­rien auf ein­zelne Berei­che beschränk­ten, deckte seine Anthro­po­so­phie die ganze Palette ab, von Vege­ta­ris­mus bis Demo­kra­tie. Zur Behand­lung von Krebs erfand Stei­ner die Mis­telthe­ra­pie, die noch heute von man­chen Kran­ken­kas­sen bezahlt wird. Und um die Sitt­lich­keit zu för­dern, pro­pa­gierte er süßes Essen – wer viel Zucker zu sich nehme, so seine Theo­rie, komme nicht so schnell in Ver­su­chung und denke weni­ger an Sex. Des­halb seien auch Völ­ker, die viel Zucker essen, den Völ­kern mora­lisch über­le­gen, die wenig Zucker essen.

Alko­hol dage­gen sei nicht gut für den Geist, weil er selbst Geist sei – der Alko­hol kon­kur­riere mit der Spi­ri­tua­li­tät des Men­schen. Der geis­ti­gen Ent­wick­lung hin­ge­gen för­der­lich sei der Vege­ta­ris­mus, weil Tiere den Men­schen evo­lu­tio­när zu nahe ste­hen, um sie zu essen. Nach Stei­ner steht der Mensch auf der höchs­ten Evo­lu­ti­ons­stufe, dann kommt das Tier, dann die Pflanze. Wer Tiere isst, müsse des­halb sei­nen Geist nicht anstren­gen, weil der Mensch und das Tier nur eine Stufe von­ein­an­der ent­fernt sind. Pflan­zen hin­ge­gen ste­hen eine Stufe wei­ter unten und erfor­dern des­halb mehr geis­tige Anstren­gung. Nun denn.

Rudolf Stei­ner hatte auch eine Alter­na­tive zur Demo­kra­tie: Nach der soge­nann­ten Drei-Gliederungs-Idee, die er nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs als neue Staats­form vor­schlug, sollte die Welt von einer intel­lek­tu­el­len Exper­ten­e­lite geführt wer­den, die nicht demo­kra­tisch gewählt würde, son­dern vom Sach­ver­stand des Ein­zel­nen legi­ti­miert wäre. Viel­leicht auch, um zu ver­hin­dern, dass er sich in die­sem Sys­tem plötz­lich auf der Rück­bank wie­der­fand, sti­li­sierte sich Stei­ner selbst als spi­ri­tu­el­ler Füh­rer. »Er stellte sich gerne als Hell­se­her und Medium dar«, sagt Dr. Miriam Geb­hardt, Ver­tre­tungs­pro­fes­so­rin für Geschichte an der Uni­ver­si­tät Kon­stanz und Auto­rin der Bio­gra­fie Rudolf Stei­ner: Ein moder­ner Pro­phet. »Er hat sich früh­zei­tig sel­ber sti­li­siert und auf eigen­tüm­li­che Art sein Äuße­res ver­än­dert, mit einem schwar­zen Frack, einer Künst­ler­schleife, einer schwar­zen Locke, die ihm in die Stirn fiel. Er hat immer behaup­tet, dass er das, was er weiß, ersieht. Er sagte, er habe Zugang zu einem gehei­men Buch, der Akasha-Chronik, in dem alles geheime Wis­sen nie­der­ge­schrie­ben sei.« Zu die­sem gehei­men Wis­sen gehörte wohl auch die Bio-Landwirtschaft. »Es gab da einen Groß­grund­be­sit­zer, Graf Key­ser­lingk, in der Nähe von Bres­lau, der Stei­ner ein­lud«, erzählt Geb­hardt. »Stei­ner ver­an­stal­tete dort über 14 Tage einen Kurs, an dem viele Bau­ern teil­nah­men. Bei der Gele­gen­heit kam er auf die lus­tige Idee mit dem Dün­ger. Damals glaubte man, dass Über­dün­gung dazu führt, dass die Böden an Frucht­bar­keit ver­lie­ren. Er hatte die Idee, dass man Kuh­mist in ein Horn fül­len und bei bestimm­ten Pla­ne­ten­kon­stel­la­tio­nen begra­ben sollte. Spä­ter sollte man das Horn wie­der aus­gra­ben, den Kuh­mist ver­dün­nen und als Dün­ge­mit­tel benut­zen. Es war eine sehr spon­tane Aktion.«

»Er eig­nete sich nachts von den Bau­ern Wis­sen über Land­wirt­schaft an, denn er hatte selbst keine Kennt­nisse, und lehrte dann tags­über. Wenn einer zum Bei­spiel fragte, wie viel Land man mit einem ein­zi­gen Horn dün­gen könne, schaute er aus dem Fens­ter und sagte: ›Unge­fähr das, was man hier sieht.‹ Und seine Jün­ger haben das dann auf­ge­schrie­ben und nachgerechnet.«

Tren­ner

Vor der von Stei­ner erfun­de­nen bio­dy­na­mi­schen Land­wirt­schaft gab es schon öko­lo­gi­schen Land­bau, aber man hatte so viel Ver­trauen in Stei­ners Ein­ge­bun­gen, dass die bio­dy­na­mi­sche Land­wirt­schaft mit­samt ihren Kuh­hör­nern noch heute von rund 1400 Bio­bau­ern auf über 50 000 Hektar Flä­che prak­ti­ziert wird.

Warum Hit­ler die Anthro­po­so­phie ver­bot, nicht aber die bio­dy­na­mi­sche Land­wirt­schaft, ist unklar. »Eine Inter­pre­ta­tion ist, dass die Nazis diese Art von Pro­phe­ten als Kon­kur­renz ansa­hen«, sagt Miriam Geb­hardt. »Es sollte nur einen Pro­phe­ten geben. Hinzu kommt, dass die Anthro­po­so­phie im Gegen­satz zum Natio­nal­so­zia­lis­mus den Indi­vi­dua­lis­mus pflegte. Jeder Ein­zelne musste das eigene See­len­heil ver­fol­gen, nur das würde die Mensch­heit vor­an­brin­gen. Die Nazis dage­gen waren alles andere als indi­vi­dua­lis­tisch veranlagt.«

Die Ableh­nung war aber nicht unge­bro­chen. »Ande­rer­seits hat­ten die Leute um Hit­ler durch­aus Sym­pa­thien für den Lebens­re­form­ge­dan­ken«, so Geb­hardt. »Himm­ler zum Bei­spiel hatte Inter­esse an bio­dy­na­mi­scher Land­wirt­schaft.« Am Ende durf­ten die anthro­po­so­phi­schen Fir­men Deme­ter und Weleda beste­hen blei­ben. »Die bio­dy­na­mi­sche Land­wirt­schaft fand in der Zeit des National­sozialismus För­de­rer«, sagt Geb­hardt. »Des­halb konnte sie diese Zeit über­ste­hen, im Gegen­satz zu ande­ren Bewe­gun­gen wie der Psy­cho­ana­lyse, die sich nach dem Krieg ganz neu auf­bauen musste.«

Tren­ner

»Wenn man das 20. Jahr­hun­dert betrach­tet«, resü­miert Hans Ber­ge­mann, »kann man sagen, dass es ein Sieg der Lebens­re­form war. Und das Bio-Essen von heute ist ein Teil davon.« Auch andere Ideen sind selbst­ver­ständ­lich gewor­den, etwa dass wir unse­ren Kör­per opti­mie­ren kön­nen. Die Hoff­nun­gen, die wir mit Sport ver­bin­den, aber auch unsere Bedürf­nisse nach Bräu­nung, Body­buil­ding und Schön­heits­chir­ur­gie, genau wie unser Schlank­heits­wahn, haben ihre Wur­zeln in der Lebens­re­form. Die Nackt­kör­per­kul­tur for­derte nicht nur Nackt­heit, son­dern auch die Befrei­ung aus der ein­en­gen­den Klei­dung des 19. Jahr­hun­derts. Dass Frauen heute keine Kor­setts mehr tra­gen, ist ein Sieg der Reform­klei­dung. Ohne Lebens­re­form keine Coco Cha­nel. »In der gesam­ten Mit­tel­schicht sind viele For­de­run­gen der Lebens­re­for­mer heute Stan­dard«, meint Ber­ge­mann. Das gilt auch beim Ein­kau­fen. »Kaum ein Kunde weiß, dass er, wenn er Pro­dukte von Deme­ter oder Weleda kauft, anthro­po­so­phi­sches Gedan­ken­gut mit­kauft«, sagt Geb­hardt. »Es gibt heute aber einen Unter­schied zu damals: Wir müs­sen die ganze Reli­gion nicht mit­neh­men. Wir reden von Ganz­heit­lich­keit, aber das ist nur ein Wort. Wir glau­ben nicht mehr, dass uns ein Flui­dum in unse­rem Kör­per mit dem Kos­mos ver­bin­det. Wir betrach­ten heute alles aus der Sicht des Kon­su­men­ten. Wir fin­den das Ver­spre­chen attrak­tiv, dass ein Pro­dukt in Hand­ar­beit, seriös und ver­trau­ens­wür­dig her­ge­stellt wird, weil wir Mas­sen­pro­duk­ten miss­trauen. Dazu kommt, dass wir uns damit sozial von ande­ren Gesell­schafts­schich­ten abset­zen kön­nen, die sich diese Pro­dukte nicht leis­ten kön­nen.« Auch Hel­mut Ernst, ehe­ma­li­ger Spre­cher der Kop­pe­lo­wer Initia­tive für eine gen­tech­nik­freie Region Nebel/Krakow am See, muss nicht die ganze Reli­gion mit­neh­men, nur weil er an Bio und die NPD glaubt. »Wir ver­ste­hen uns nicht als Art­a­ma­nen«, sagt er. »Wir sind nur ein paar Freunde, die in den Osten gezo­gen und in einem alten Art­a­ma­nen­dorf gelan­det sind. Die Art­a­ma­nen gibt es nicht mehr.«

Und die Kund­schaft kauft Bio nicht unbe­dingt, weil es links ist. »Es gab 2006 ein paar Pro­teste, als die Sache mit der NPD raus­kam«, erzählt der Bio­bauer, der sei­nen Wei­zen, Rog­gen, Hafer und Gerste zum größ­ten Teil an die über­re­gio­nale Erzeu­ger­ge­mein­schaft Bio­land Markt lie­fert. »Aber unterm Strich gab es keine gro­ßen Nach­teile. Auch in der Nach­bar­schaft und regio­nal gab es kaum Pro­bleme.« Schein­bar inter­es­siert es den Ver­brau­cher letzt­lich nicht, ob sein Rog­gen­bröt­chen eher links oder eher rechts steht. Haupt­sa­che, es ist gesund.

Text: Eric T. Han­sen
Foto: Ull­stein Bilderdienst

aus Effi­lee #14, Januar/Februar 2010

11. März 2011
Dieser Beitrag wurde in Erzähltes Leben veröffentlicht und getaggt , . Trackbacks are closed, but you can post a comment.

5 Kommentare

  1. Unabomber
    Am 4. März 2011 um 00:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wie braun ist BIO ? Mit die­sen schi­zo­iden Arti­kel geht es dem Autor doch nur zur Dif­fer­mie­rung der äußerst schwa­chen Öko-Bewegung. Grüne und Alter­na­tive ging es nie­mals um Öko­lo­gie.
    Unsere Lebens­um­welt geht aber jeden etwas an, um unsere Nach­fah­ren eine lebens­werte Umwelt zu hin­ter­las­sen. Wenn die Lin­ken (und Bol­sche­wis­ten) für unsere Nach­kom­men nichts tun wol­len oder kön­nen, dann wer­den eben die Rech­ten bzw. die Con­ser­va­ti­ven unsere Hei­mat schüt­zen (wobei hier nur die wert-u. natur­kon­ser­va­ti­ven gemeint sind ). Die Glo­ba­lis­ten, Ban­ken und Kon­zerne wer­den uns mit Sicher­heit in den Abgrund füh­ren. Der Autor hat nie­mals Gruhl gele­sen, sonst wüßte er, daß bis­her kei­ner an Gruhls öko­lo­gi­scher Weit­sicht her­an­kommt. Man kann nur hof­fen, daß die Rech­ten das Thema Öko­lo­gie und Hei­mat bes­ser ange­hen als die Linken.

  2. Sequenzer
    Am 21. März 2011 um 15:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Groß­ar­ti­ger Arti­kel, des­we­gen hatte ich mir das Heft gekauft.
    Es ist sehr wich­tig, diese Grund­la­gen bekannt­zu­ma­chen. Schließ­lich haben Voll­korn und Homöo­pa­thie in Deut­schalnd auch aus dem Grund, dass die nazis die­ses so för­der­ten, sol­che Erfolge!

  3. Susi Wilkat
    Am 9. August 2011 um 10:46 Uhr veröffentlicht | Permalink
  4. S.
    Am 28. Februar 2012 um 12:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Uner­träg­li­ches dümm­li­ches Geschreib­sel eines unter Ver­fol­gungs­wahn lei­den­dem Möchtegern-Gutmenschen… dass sowas hier auch noch eine Publi­ka­ti­ons­platt­form findet..!

  5. Jens
    Am 3. April 2012 um 08:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Siehe da, der Spie­gel hat das Thema nun auch für sich ent­deckt, biss­chen spät würde ich sagen.
    Spie­gel Online

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Das aktuelle Heft

  • Anzeige

  • Schneller Teller

  • Kleinanzeigen

  • Neueste Kommentare