Erzähltes Leben

Und wieder ist J-Dag

Jedes Jahr kommt das Weih­nachts­bier Jule­bry­gen, das belieb­teste däni­sche Sai­son­bier, mit einem enor­men Spek­ta­kel unters Volk. Der Tag sei­nes Erst-Ausschanks heißt in Däne­mark J-Dag. 2009 fiel er auf den 30. Oktober

Rechteinhaber: Kristian Ditlev Jensen, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Es ist der 30. Okto­ber 2009 und ganz Däne­mark war­tet auf diese Weihnachtsbierboten

Als inves­ti­ga­tiv arbei­ten­der Autor bie­tet sich mir eine ein­zig­ar­tige Chance: Ich bin der ein­zige Jour­na­list – nicht nur däni­sche, son­dern über­haupt – der in die­sem Jahr am J-Dag teil­neh­men darf. Jedes Jahr prä­sen­tiert die Carlsberg-Brauerei an die­sem Tag mit gro­ßem Spek­ta­kel ihr Weih­nachts­bier, das Tuborg Jule­bryg. In mehr oder weni­ger allen däni­schen Städ­ten ste­hen Junge und Alte bereit, um mit dem ers­ten Schnee­bier des Jah­res anzu­sto­ßen. In 38 Orten bekom­men 450 Gast­stät­ten von einem der 50 bis 60 Last­wa­gen Besuch, die an die­sem Abend in ganz Däne­mark das Weih­nachts­bier aus­fah­ren. Für viele Dänen beginnt sie an die­sem Abend, die wun­der­bare Vor­weih­nachts­zeit. Aber ist sie wirk­lich so wun­der­bar? »Ich glaube nicht, dass die Leute in der Advents­zeit betrun­ke­ner sind als sonst«, sagt mein Chauf­feur, denn ich habe, sehr ver­nünf­tig, das Auto ste­hen gelas­sen und mir ein Taxi geru­fen, um zur Braue­rei zu fah­ren. »Das Pro­blem ist eher, dass so viele Ama­teu­r­al­ko­ho­li­ker unter­wegs sind, die ihren Rausch nicht ein­schät­zen kön­nen. Das Weih­nachts­bier ist recht süß, davon lässt man schon mal ein oder zwei mehr durch die Kehle rin­nen. Und es ist stär­ker als nor­ma­les Pils.« Ich sehe im Rück­spie­gel, wie er eine Augen­braue hebt.

Als ich um 17 Uhr 45 am Gamle Carls­berg­vej 11 aus­steige, weiß ich außer­dem, was Taxi­fah­rer im Weih­nachts­mo­nat am schlimms­ten fin­den – also abge­se­hen davon, dass es schon am spä­ten Nach­mit­tag stock­dun­kel ist. Mein Chauf­feur sagte: »Das Schlimmste? Nein, das sind nicht die Leute von den Weih­nachts­fei­ern, die so welt­män­nisch tun, nach­dem sie sich betrun­ken haben. Am aller­schlimms­ten finde ich, dass ich mir jeden Nach­mit­tag anhö­ren muss, wie sich Ehe­leute in der wun­der­ba­ren Vor­weih­nachts­zeit strei­ten: wegen des Sei­ten­sprungs bei der Weih­nachts­feier, wegen der Geschenke für die Kin­der oder wegen des Nerz­man­tels, für den auch in die­sem Jahr kein Geld da ist, mit der Finanz­krise und allem.«

In der Frei­tags­bar, die in moder­ni­sier­ten Indus­trie­bau­ten auf dem Carlsberg-Gelände statt­fin­det, ist die Stim­mung, vor­sich­tig aus­ge­drückt, anders. Meh­rere hun­dert Carlsberg-Mitarbeiter in bes­ter Laune haben sich dort ver­sam­melt. Der Weih­nachts­bier­abend ist für sie Ehren­sa­che, sie bekom­men keine Krone dafür, dass sie hel­fen, das Weih­nachts­bier zu ver­tei­len, doch die Betei­li­gung ist jedes Jahr gewal­tig. Mehr als hun­dert Ange­stellte beka­men in die­sem Jahr eine Absage. Es gibt nicht genug Platz für alle.

In der klei­nen Frei­tags­bar, dort, wo es los­geht, riecht es irgend­wie komisch. Nicht nach Bier, son­dern nach … Pfer­de­äp­feln? »Ja, das sind Pfer­de­äp­fel. Willst Du die Stal­lun­gen sehen?«, fragt mich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­ar­bei­te­rin der Braue­rei. Danke, sehr gerne! Bin­nen Kur­zem ste­hen wir hin­ter dösen­den Gigan­ten: Das sind Jüt­län­der, gewal­tige Braue­rei­pferde, die noch immer jeden Tag die Bier­wa­gen durch die Stadt zie­hen. »Es gibt nur noch wenige Pfer­de­wa­gen«, sagt die Mit­ar­bei­te­rin. »Die fah­ren wie eine Lit­faß­säule als Wer­bung durch die Stadt. Eigent­lich wird das Bier mit Last­wa­gen aus­ge­lie­fert. Wenn man ehr­lich ist, sind Pferde in der Hin­sicht nicht beson­ders effek­tiv.«

Die Geschichte des Weih­nachts­biers ist rela­tiv lang, gemes­sen an einer Markt­si­tua­tion, in der andau­ernd neue Bier­sor­ten ein­ge­führt und wie­der vom Markt genom­men wer­den. Dage­gen fei­ert das Weih­nachts­bier in die­sem Jahr sein drei­ßig­jäh­ri­ges Ju­biläum. Es begann damit, dass der Wer­ber Peter Wibroe so einen dus­se­li­gen Weih­nachts­mann im Pfer­de­schlit­ten zeich­nete, den Carls­berg für den Weih­nachts­gruß des Jah­res benutzte. Im fol­gen­den Jahr beka­men alle Bier­wa­gen die­sen Pfer­de­schlit­ten als Auf­kle­ber auf die Heck­klappe. Und zwei Jahre spä­ter erfand der Brau­meis­ter Per Kri­ger Lar­sen das Weih­nachts­bier. Er mischte die Rezepte von drei Bie­ren: Tuborg Guld, Fine Fes­ti­val und dunk­les Weiß­bier. Das letzte pro­du­zierte er ohne Zucker, aber statt­des­sen mit La­kritze. Das Ergeb­nis ist ein schwe­res, dunk­les, recht süßes Sai­son­bier, das sehr an das deut­sche Bock­bier erin­nert. Mit sei­nen 5,6 Pro­zent Alko­hol ist es so stark, als würde dich ein klei­nes Ren­tier treten.

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Das merkt man zwei Mit­ar­bei­tern bereits an, die laut lachend in der Frei­tags­bar ste­hen. Sie haben tat­säch­lich etwas zu fei­ern: Es ist fast zwan­zig Jahre her, dass der J-Dag zum ers­ten Mal statt­fand. Ursprüng­lich han­delte es sich um einen Able­ger des P-Dag: An die­sem Tag, an dem das Oster­bier Pås­ke­bry­gen in den Ver­kauf kommt, trin­ken sich die Stu­den­ten tra­di­tio­nell die Hucke voll. Und es gibt noch etwas zu fei­ern: Im ver­gan­ge­nen Jahr wurde der Begriff J-Dag offi­zi­ell in die däni­sche Recht­schrei­bung über­nom­men, defi­niert als: »Der Tag, an dem das Weih­nachts­bier einer Braue­rei in den Han­del kommt.»

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Tuborgs Weih­nachts­bier ist ein gro­ßes Bier. Am J-Dag steht das ganze Land Kopf, außer­dem hat sich das Bier in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren auch weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus ver­brei­tet. Inzwi­schen wird es in Ser­bien und in Island, in Tei­len Nord­deutsch­lands, in Nor­we­gen und sogar in der Tür­kei getrun­ken. Wäh­rend ich der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­to­rin der Braue­rei zuhöre, wird mir der erste Plas­tik­be­cher des Abends mit süßem, brau­nem, schäu­men­dem Bier in die Hand gedrückt. Hin­ter mir don­nert unter­des­sen eine Weih­nachts­re­klame von Tuborg vor­bei – mit kyril­li­schen Buchstaben.

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Bier, Kunst, Bier, Bun­nys, Bier, 250 Weih­nachts­wich­tel, Bier, noch mehr Bier … Und die Stim­mung ist spitze!

Zum gro­ßen Teil ist die Weihnachtsbier-Nostalgie in Däne­mark einem total ner­vi­gen Rekla­me­film zu ver­dan­ken, der jedes Jahr in sämt­li­chen Kinos sowie auf diver­sen Fern­seh­ka­nä­len des Lan­des läuft, bis jeder kurz vorm Durch­dre­hen ist. Mit einem Schlit­ten, vor den Rudolf gespannt ist, kommt ein klei­ner Weih­nachts­mann zum Sound von Jingle Bells anges­aust, wäh­rend ein alter Tuborg-Laster hupend in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung rum­pelt. Als das Auto vor­bei ist, geht dem Weih­nachts­mann mit Ver­spä­tung auf: Das da eben, das war doch der Bier­wa­gen! Mit dem Weih­nachts­bier! Sogleich wen­det er den Schlit­ten und rast dem flüs­si­gen brau­nen Gold hin­ter­her. Län­ger ist der Film nicht. In die­sem Jahr läuft er seit fünf­und­zwan­zig Jah­ren – ohne eine ein­zige Ver­än­de­rung! Jedes Jahr kurz vor Weih­nach­ten ist man ihn leid. Doch man freut sich jedes Jahr aufs Neue, was in gewis­ser Wei­ser noch irri­tie­ren­der ist, wenn er ab Novem­ber wie­der zu sehen ist. Hei­tere Mit­ar­bei­ter bei Carls­berg, so lang­sam sind sie gut auf­ge­wärmt. Die Stim­mung ist aus­ge­las­sen, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor sicht­lich stolz. »Das hier macht echt Spaß. Wie die klei­nen Kin­der freuen wir uns in jedem Jahr dar­auf. Und jedes Jahr gibt es bei Carls­berg rich­ti­gen Schnee!«, jubelt der kleine Mann. »Schnee? Rich­ti­ger Schnee?« Es sieht aus, als würde er gleich plat­zen. »War­ten Sie es nur ab!« Er ist auf­rich­tig erwar­tungs­voll. Tat­säch­lich steht am Ein­gang zum Carls­berg Haupt­ge­bäude, dort wo der offi­zi­elle Teil der Fes­ti­vi­tä­ten beginnt, um 18 Uhr 22 ein Mann, der an einer defek­ten Schnee­ma­schine her­um­fum­melt. Ich werfe dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor miss­trau­isch einen Blick zu, aber der schüt­telt nur lachend den Kopf. Diese Maschine meinte er offen­bar nicht, als er von »rich­ti­gem Schnee« sprach. Neben der Treppe zu den fei­ne­ren Räum­lich­kei­ten der Braue­rei hat sich bereits ein klei­ner Stau gebil­det, weil nach und nach die gro­ßen Last­wa­gen ankom­men. Spä­ter am Abend blo­ckie­ren sie voll­stän­dig den Ver­kehr. Ich betrete also um 18 Uhr 22 den Vor­raum des Gebäu­des und werde auf der Stelle fast wie­der hin­aus­ge­pus­tet. Drin­nen steht ein gan­zes Orches­ter von Hor­nis­ten im Wichtel-Outfit ein­schließ­lich Wich­tel­müt­zen mit Lich­tern in den Trod­deln und spielt eine ver­jazzte Ver­sion von Let it snow, let it snow, let it snow. Unter­des­sen haben die Leute ange­fan­gen, Weih­nachts­bier zu trin­ken und Fri­ka­del­len zu essen. Der erste ver­klei­dete Wich­tel, der mir begeg­net, ist die Pro­dukt­che­fin von Carls­berg. Die hüb­sche junge Frau im blauen Wich­tel­kos­tüm erklärt mir, ich müsse an der Schranke ein­che­cken. Anhand von Lis­ten wird jeder scharf kon­trol­liert, und nie­mand, wirk­lich nie­mand, gelangt auf einen Wagen, der sei­nen Platz nicht schon Wochen im Vor­aus bestä­tigt hat. Mein Name wird mehr­mals gegen­ge­checkt, weil er in der Liste ver­kehrt geschrie­ben ist. Ich werde auf Stre­cke 21 mit­fah­ren. Nor­ma­ler­weise ist eine Wich­tel­crew eine bunte Mischung aus bar­schen Braue­rei­ar­bei­tern, klei­nen Büro­an­ge­stell­ten und hohen Her­ren, denn am J-Dag sind bei Carls­berg alle gleich. Aber es scheint so, als führe ich auf einem Wagen mit den Spit­zen der Firma – angeb­lich, weil die Brauer heute in Fre­de­ri­cia auf Jüt­land leben, wo das Bier pro­du­ziert wird. Hier in der Haupt­stadt reprä­sen­tie­ren die Leute aus der Zen­trale des Brau­hau­ses den J-Dag. Neben mir gehö­ren zur Ladung unter ande­rem der Mar­ken­ma­na­ger für Tuborg Grün, der Mar­ke­ting­chef für Tuborg und der Kommunikations­direktor von Carls­berg. Mit dabei sind außer­dem der Chef der For­schung so­wie einige Mäd­chen, die in der Telefon­abteilung des Kun­den­ser­vice Anfra­gen beant­wor­ten. Die Uhr tickt, die Men­schen kön­nen augen­schein­lich kaum abwar­ten, dass es end­lich los­geht. Viele wis­sen offen­sicht­lich, dass uns in der Stadt ein groß­ar­ti­ger Emp­fang erwar­tet. Doch wir müs­sen noch ein biss­chen war­ten. Es ist 18 Uhr 41 und auf ein­mal ste­hen Feu­er­wehr­män­ner im Ein­gang. Ich will schon panisch wer­den, merke aber schnell – nicht zuletzt, weil alle so auf­ge­kratzt sind – dass nir­gends ein Feuer aus­ge­bro­chen ist. Die Feu­er­wehr bringt nur … den Schnee! Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor jubi­liert. »Jedes Jahr kommt die Feu­er­wehr und spritzt Feu­er­lösch­schaum auf die Straße, bis sie bis zum Ele­fan­ten­tor der Carlsberg-Brauerei von einer zehn Zen­ti­me­ter dicken Schicht bedeckt ist. Es sieht wirk­lich aus wie im Win­ter!« Als ich spä­ter nach drau­ßen gehe, muss ich ihm recht geben: Es sieht echt gut aus. Und die Feu­er­wehr steht immer noch bereit, sie ver­passt jedem Auto, das vor­bei­fährt, mit dem gro­ßen Feu­er­lösch­schlauch einen Sprit­zer Weih­nachts­schnee. Drin­nen fühlt man sich eben­falls wie im Weihnachts­himmel. Es gibt Frei­bier für alle, Weih­nachts­bier natür­lich, und warme Fri­ka­del­len, außer­dem schei­nen mit jeder Minute mehr hüb­sche junge Mäd­chen anzu­kom­men. Irgend­wann muss ich schließ­lich tief in den Plas­tik­be­cher schauen: Spielt mir das Weih­nachts­bier einen Streich? Plötz­lich bin ich umringt von bild­schö­nen Blon­di­nen, Brü­net­ten und Rot­schöp­fen. »Das sind unsere Bunny-Mädchen. Oder Wichtel-Bunnys. Oder … Unter wel­cher verdamm­ten Bezeich­nung lau­fen die eigentlich?«

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Die bei­den Carlsberg-Mitarbeiter mit ihren Wich­tel­müt­zen legen sich schließ­lich auf Wich­tel­mäd­chen fest. Das ist wohl die offi­zi­elle Bezeich­nung der ange­heu­er­ten Models, die mit­fah­ren, um den vie­len Gäs­ten, die über­all an den The­ken auf den Aus­schank war­ten, den Tag noch etwas leicht­le­bi­ger zu gestal­ten. Eine unse­rer wich­tigs­ten Auf­ga­ben wird sein, unsere Wich­tel­mäd­chen im Auge zu behal­ten, falls ange­trun­kene Kerle ver­su­chen soll­ten, sie zu küs­sen oder zu knut­schen. Ein­mal schnell in den Arm neh­men, mag noch ange­hen, ein Klaps auf den Hin­tern nicht. Dann müs­sen wir sofort ein­schrei­ten. »Wie viele Mäd­chen haben wir eigent­lich auf unse­rem Wagen?«, frage ich hoff­nungs­voll. »Eines«, erklärt die Produkt­chefin. »Die Crew ist jedes Jahr die­selbe. Es gibt einen Ober­wich­tel, ein Wich­tel­mäd­chen und sie­ben gewöhn­li­che Wich­tel, die die Schlep­pe­rei besor­gen.« »Und noch den Weih­nachts­baum«, ruft ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­ar­bei­ter. »Rich­tig, auf jedem Wagen ist auch noch ein Weih­nachts­baum.« »Ein rich­ti­ger Weih­nachtsbaum? Auf dem Last­wa­gen?«, frage ich ungläu­big. »Aber nein. Das ist eine Per­son«, sagt die Pro­dukt­che­fin, als müsste doch wohl jeder wis­sen, dass ein Weih­nachts­baum ein Mensch ist. Ich bin platt. »Und wer ist unser Weih­nachts­baum?«, frage ich. »Der am ver­rück­tes­ten ist. Nein, im Ernst, man wählt den aus, der am meis­ten Lust hat, her­um­zu­al­bern. Das ist nicht leicht zu erklä­ren, das muss man halt erlebt haben.« Die Pro­dukt­che­fin lacht. Mich fas­zi­niert, dass an die­sem Abend alle gleich sind. Das erin­nert mich an die däni­schen Weih­nachts­fei­ern, zu deren Tra­di­tion gehört, dass man dem Chef nach Strich und Faden die Mei­nung sagt, er dazu ein­fach nur lächelt – und am nächs­ten Tag ist alles ver­ges­sen. Das scheint zum Geist der Carlsberg-Brauerei zu gehö­ren. Genauso wie den alten Brau­meis­tern sehr daran gele­gen war, dem Volk zusam­men mit dem Bier auch Wis­sen­schaft und Kul­tur zu brin­gen, so waren sie, gemes­sen an ihrer Zeit, Für­spre­cher einer neuen Sicht auf ihre Mit­ar­bei­ter. Das fällt mir auf, als ich um 19 Uhr 11 beschließe, ein biss­chen her­um­zu­spa­zie­ren. Das alte Carlsberg-Haus ist unver­gleich­lich. Nicht weit von hier wurde in einem Labor die soge­nannte pH-Skala ent­deckt. Im Kel­ler unter mir liegt Bier von 1964, das man noch immer trin­ken kann – es soll ein wenig wie schwe­rer Port­wein schme­cken. Rings um mich gibt es Kunst in Hülle und Fülle. Der jün­gere Brauer Jacob­sen hielt nichts von der Wis­sen­schaft, ganz im Gegen­satz zu sei­nem Vater, dem älte­ren Brauer Jacob­sen. Der küm­merte sich in hohem Maße darum, wes­halb die Lei­tung von Carls­berg bis heute aus unter­neh­me­ri­schen Ama­teu­ren besteht – aus Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren. Der jün­gere Jacob­sen hin­ge­gen liebte die Kunst und ließ dafür die Alte Glyp­to­thek erbauen, die ich mir jetzt ansehe. Hier hän­gen über­all Gemälde, in den Ecken ste­hen Marmorskulp­turen. Schließ­lich gelange ich in eine Art Wan­del­halle, wo etwa 180 fast glei­che Por­träts von alten Män­nern in präch­ti­gen Anzü­gen hän­gen. Sie tra­gen Mon­okel und Lese­bril­len, rau­chen Zigar­ren und haben lange graue Bärte. Dazwi­schen hän­gen auch eini­ge Damen, her­aus­ge­putzt mit Bro­sche, Dia­dem und so wei­ter. Ich frage den Mann neben mir, ob das alles Direk­to­ren waren. Oder Mit­glie­der des Auf­sichts­rats? Fami­li­en­mit­glie­der? »Das waren alles ganz nor­male Mit­ar­bei­ter. Die meis­ten davon waren Brauer, aber es sind auch Bier­kut­scher dar­un­ter, Tech­ni­ker und Emp­fangs­se­kre­täre. Die Damen haben wohl vor allem in der Fla­schen­sor­tie­rung gear­bei­tet. Das war der Lohn dafür, dass sie fünf­zig Jahre bei Carls­berg ange­stellt waren. Ganz gleich wel­chen Rang man inne­hatte: Nach fünf­zig Jah­ren bekam man ein Por­trät in Öl von einem aner­kann­ten Künst­ler, und anschlie­ßend kam man an die Wand. Herz­li­chen Glück­wunsch zum Jubi­läum!« Der Mann, selbst bei Carls­berg ange­stellt, nickt aner­ken­nend. Auch ihn hält der ganz beson­dere Korps­geist gefan­gen, den die Ange­stell­ten so sehr zu schät­zen schei­nen. Es ist 19 Uhr 15, noch unge­fähr eine halbe Stunde bis zur Abfahrt. Auf einer klei­nen Bühne sind die Däne­mark­meis­ter im Freestyle-Rap zugange, sie begin­nen darum zu batt­len, wer am bes­ten disst. Das ist eine gelun­gene kleine Ein­lage. Sie soll aber auch dazu die­nen, unsere bereits nach­las­sende Auf­merk­sam­keit wie­der ein­zu­fan­gen. Wir erhal­ten jetzt näm­lich noch ein paar prak­ti­sche Anwei­sun­gen. »Trinkt in Maßen! Es wird ein fröh­li­cher Abend, das soll er auch sein, aber denkt auch immer daran, dass ihr arbei­tet und dass ihr Carls­berg reprä­sen­tiert!«, ruft ein blauer Wich­tel ins Mikro­fon. Jahr für Jahr ist die Presse am Tag nach dem J-Dag vol­ler Skan­dale, die Jour­na­lis­ten aus­ge­gra­ben haben. Immer gibt es irgendwo Schlä­ge­reien, immer fah­ren Leute alko­ho­li­siert Auto, über­haupt ist immer aller­hand los – ins­be­son­dere wenn man den Mor­gen­zei­tun­gen Glau­ben schenkt. Bei Carls­berg ver­sucht man, gegen die Pro­bleme anzu­ge­hen. Auf den Wich­tel­müt­zen steht: »Hacke­voll? Kein Kuss!« In die­sem Jahr ist man noch einen Schritt wei­ter gegan­gen. Durch eine Zusam­men­ar­beit mit der DSB, der Däni­schen Eisen­bahn­ge­sell­schaft, kön­nen am J-Dag alle gra­tis mit der S-Bahn fah­ren. Die Men­schen kön­nen ihr Auto ein­fach ste­hen las­sen, wenn sie zu viel Weih­nachts­bier genos­sen haben. »Jack, willst du ein Bier? Hahaha!« Der kor­pu­lente Mann mit Ton­sur grinst breit und schüt­telt dann betrübt den Kopf. Einer der ande­ren Mit­ar­bei­ter stößt mich mit dem Ell­bo­gen an und sagt so laut, dass Jack es hören muss: »Der trinkt kein Weih­nachts­bier. Der muss näm­lich noch fah­ren, der arme Teu­fel!« Der Bier­fah­rer lacht. »Auf kei­nen Fall trinke ich was, das kannst du aber glau­ben!« Auf der Stelle würde er gefeu­ert, schnup­perte er wäh­rend der Arbeits­zeit auch nur an einem Weih­nachts­bier. Kurz glaube ich, dass er unser Fah­rer ist, aber Jack ist bei Carls­berg etwas ganz Beson­de­res, eine Art Insti­tu­tion. Jack fährt näm­lich die Stre­cke 24, und damit den letz­ten der 24 Last­wa­gen, die aus der Kopen­ha­ge­ner Braue­rei rol­len. »Die ist echt gut, die 24. Fast wie Weih­nach­ten«, sagt er mit gera­dezu kind­li­chem Stolz. Jack erklärt mir, dass alle Bier­fah­rer heute Abend ihre eige­nen Autos am sel­ben Ort abge­stellt haben. Wenn die Arbeit getan ist, fah­ren sie gemein­sam zu dem Fest im Tivoli, in dem der J-Dag für die Mit­ar­bei­ter sei­nen Höhe­punkt fin­det. Ihre Autos holen sie mor­gen irgend­wann ab, denn nach der Tour wird heute Abend gemein­sam gefei­ert. »Und da geben wir rich­tig Gas«, sagt Jack und bewegt seine große Faust, als drü­cke er einen Schalt­knüp­pel in den nächs­ten Gang. Etwa zwan­zig Minu­ten vor Abfahrt ver­sam­melt sich die Gruppe der Tour 21. Man gelei­tet uns in einen schö­nen Saal vol­ler Skulp­tu­ren und Gemälde. Der Anblick ist über­wäl­ti­gend sur­real: Umge­ben von klas­si­scher Kunst ste­hen da circa 250 Men­schen mit künst­li­chen Bär­ten, blauen Wich­tel­müt­zen und rot-grau gerin­gel­ten Socken und stem­peln sich gegen­sei­tig künst­li­che Küsse auf die Wan­gen, rot wie Lip­pen­stift. Bis wir alle umge­zo­gen und kampf­be­reit sind, ist es 20 Uhr 30. Meine Wich­tel­ja­cke lässt sich nicht ganz schlie­ßen, den Bart kann ich nicht über den Kopf zie­hen. Das ist offen­bar one size fits all, was nur man­chen passt und sicher in China ange­fer­tigt wurde. Als wir den Raum ver­las­sen, sehe ich, dass sich man­che beson­ders viel Mühe gege­ben haben. Ein Mann hat seine Haare blau gefärbt, andere haben die Mer­chan­di­se­pro­dukte der letz­ten Jahre mit­ge­bracht: In man­chen Jah­ren bekam man wei­che kleine Hüte, in ande­ren Schirm­müt­zen. Ein Typ rennt mit einem grell­blauen Cow­boy­hut herum, an dem Schnee­flo­cken hän­gen. Plötz­lich fällt mein Blick auf einen, den ich zu ken­nen glaube. Es ist tat­säch­lich der Mode­ra­tor der belieb­tes­ten däni­schen Früh­stücks­fern­seh­sen­dung. Über­haupt, ich kenne etli­che hier – da sind Schau­spie­ler, Radio­journalisten, Musi­ker. »Wir nen­nen sie die Promi-Gruppe«, erklärt mir ein Mäd­chen von Carls­berg. »Die kom­men jedes Jahr, aber wirk­lich nur, weil es ihnen irre viel Spaß macht. Die bekom­men dafür nichts und wir haben auch nichts davon. Aber sie sind begeis­tert und wir fin­den es super, sie dabei­zu­ha­ben – die dre­hen jedes Mal total auf, weil sie mal einen Abend ihre Ruhe haben. Sie sind schließ­lich ver­klei­det, sodass sie nie­mand erkennt – heute sind sie nur Wich­tel!« Um 20 Uhr 45 sind wir alle auf der Lade­flä­che. Eigent­lich ist das strengs­tens ver­bo­ten, sowohl von der Gewer­be­auf­sicht als auch von der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung, aber an die­sem Tag drü­cken die Behör­den ein Auge zu. Wir sit­zen auf einem Sta­pel Euro-Paletten, neben uns steht ein Ghet­to­blas­ter, aus dem laut­stark Weih­nachts­mu­sik dröhnt, die hier aller­dings völ­lig fehl am Platz scheint. Gemein­sam sin­gen wir den Weih­nachts­bier­song, der, sei­nen lyri­schen Qua­li­tä­ten nach zu urtei­len, von jemand mit einem gewal­tigen Rausch geschrie­ben wurde. Einige Weih­nachts­biere wer­den geöff­net und ver­teilt, sodass alle eins haben. Wir haben zwei Käs­ten nur für uns – das ent­spricht etwa sechs Bier pro Wich­tel. Wäh­rend der mit Bier voll bela­dene LKW über das Stra­ßen­pflas­ter von Ves­ter­bro hol­pert, legen wir uns einen Schlacht­plan zurecht. Maja ist der Ober­wich­tel. Sie hat sich mit der Stre­cke ver­traut gemacht und über­nimmt sogleich die Füh­rung. Wir sol­len eine Route bedie­nen, die sich auf die soge­nann­ten brau­nen Gast­stät­ten kon­zen­triert. Das sind alte Knei­pen, in denen es noch immer nach Rauch stinkt und die Gäste, meist ältere Män­ner, ihr Gemur­mel und die geschmack­lose Ein­rich­tung eins wer­den. Aber dies sind eben auch Orte, an denen eine gewisse Zusam­men­ge­hö­rig­keit, Gemüt­lichkeit und die Stamm­ti­sche für einen spe­zi­el­len Kopen­ha­ge­ner Geist ste­hen. Außer­dem sol­len wir ein ein­fa­ches, sehr volks­tüm­li­ches Restau­rant und ein paar eher chice Cafés ansteu­ern. Ein Typ namens Lars ist für die Musik zustän­dig. Bin­nen Kur­zem wird er Lars Christ­mas getauft. Unser Weih­nachts­baum heißt Kha­lil. Erst spät am Abend geht mir auf, dass die­ser ewig lächelnde, ewig tan­zende Weih­nachts­baum, der alle drückt und mit allen anstößt, kein gerin­ge­rer ist als Carls­bergs Vice Pre­si­dent for Group Sales, Mar­ke­ting and Inno­va­tion. Man hat ihn erst vor kur­zem aus den USA geholt und es fällt ihm noch schwer, auf Dänisch Fröh­li­che Weih­nach­ten, »glæ­de­lig jul« zu sagen. Aber was soll’s, für die nächs­ten fünf, sechs Stun­den ist er nichts wei­ter als ein blauer Weihnachtsbaum.

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Um 20 Uhr 52 errei­chen wir das Café Høegh. Wir bekom­men schon im Wagen die aus­ge­las­sene Stim­mung mit, aber der Fah­rer macht nicht auf, wir müs­sen noch sie­ben Minu­ten war­ten – keine Sekunde vor 20 Uhr 59 bekommt das Volk sein Weih­nachts­bier. Als sich die Lade­flä­che senkt und wir mit den Bier­käs­ten auf den Schul­tern her­au­s­tän­zeln, begrüßt uns tie­ri­sches Gebrüll. Jedes Lokal bekommt zwei Käs­ten, die gra­tis ver­teilt wer­den. Mehr geht nicht, denn sonst ver­dient das Lokal an die­sem Tag nicht genug. Das Geran­gel um diese bei­den Käs­ten, und die schö­nen blauen Wich­tel­müt­zen, die wir ver­tei­len, ist rie­sig. »Gib mir eine Mütze! Eine Mütze für mich!«, ruft einer. »Biiiier!«, schreit ein ande­rer. »Ich HASSE Weih­nachts­bier!«, grölt ein Stu­dent und brüllt vor Lachen. Auch die zufäl­lig Vor­bei­kom­men­den blei­ben ste­hen und fra­gen nach einer Wich­tel­mütze. Es gibt bei Wei­tem nicht genug für alle. Vor uns hält ein wei­te­res Auto von Carls­berg. Ich denke schon, jetzt geht es schief, als ein paar junge Bur­schen anfan­gen, den LKW rhyth­misch anzu­sto­ßen, sodass er bedroh­lich schau­kelt, wäh­rend sie grö­len: »Ju-le-bryg! Ju-le-bryg!« Um 21 Uhr 03 kom­men die ers­ten Wich­tel zurück. Ich bin nicht mit hinein­gekommen, so viele Men­schen dräng­ten sich da. Der erste Wich­tel kul­lert mit einem Pur­zel­baum laut lachend auf die Lade­flä­che. Kha­lil tanzt mit sei­nen blauen Zwei­gen hin­auf, wäh­rend ein Mann ihm hin­ter­her­ruft, dass er auch ein Weih­nachts­baum sein will.

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Um 21 Uhr 22 tref­fen wir bei dem volks­tüm­li­chen Restau­rant ein, das Klub­ben heißt. Im Klub­ben wer­den tra­di­tio­nelle däni­sche Gerichte in gro­ßen Por­tio­nen ser­viert. Die Men­schen sit­zen an lan­gen Tischen, man lässt es sich gut­ge­hen. Weil die Gast­stätte zum ers­ten Mal Weih­nachts­bier­be­such bekommt, hat man sich rich­tig ins Zeug gelegt. Als sich die Heck­klappe senkt, stiebt uns künst­li­cher Schnee ent­ge­gen, ein Mann spielt auf einer Zieh­har­mo­nika. Wir ren­nen hin und her, tei­len in der win­zi­gen Gast­stätte Bier aus und enden im Gar­ten, wo auch noch Leute sit­zen – unter Wär­me­lam­pen. Im Gar­ten dür­fen wir kein Bier aus­tei­len, weil eine Bestim­mung besagt, es sei nicht gestat­tet Bier, Wein und Schnaps auf gewöhn­li­chen Stra­ßen und Wegen aus­zu­tei­len. Als wir uns zurück­zie­hen, bedrän­gen uns die Men­schen: Sie wol­len Müt­zen! Sie wol­len Bier! Sofort! Lars Christ­mas ver­sucht es mit dem Argu­ment, Müt­zen gebe es nur für Mäd­chen. Damit geben sich die jun­gen Män­ner tat­säch­lich zufrie­den. Das Café Ciré ist moder­ner, aber dort ist es nicht weni­ger laut. Die Bar­kee­per haben sich die wahn­sin­nig häss­li­chen Weih­nachts­bier­pe­rü­cken vom letz­ten Jahr auf­ge­setzt, die Stim­mung ist wie bei einem Fami­li­en­fest. An einem Tisch sitzt eine grö­ßere Gruppe rei­fer Frauen, von denen einige so heiß sind, dass sie ver­su­chen, die Wur­zel unse­res Weih­nachts­bau­mes zu tät­scheln. Wenn man das so sagen darf. Um 22 Uhr 03 rol­len wir in Rich­tung Café Som­mer­fug­len. In dem win­zi­gen Wirts­haus im Kopen­ha­ge­ner Vor­ort Valby sind wir bei einer gesell­schaft­li­chen Schicht zu Gast, die fast in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist. Die Täto­wie­run­gen an den Armen stam­men gewiss von kei­ner Lifestyle-Reise nach Tahiti, son­dern aus Nyhavn, Kopen­ha­gens Hafen. Dar­ge­stellt sind Anker oder das Logo eines Fuß­ball­ver­eins. Hier las­sen wir es lang­sam ange­hen, gehen pin­keln und neh­men die Bier­fla­schen, um mit allen im Lokal anzu­sto­ßen. Es ist eine mun­tere Ver­samm­lung, deren Mit­glie­der mor­gen früh wahr­schein­lich stut­zen wer­den, wenn sie ihre Han­dys neh­men und dar­auf Fotos ent­de­cken, auf denen man sie in lie­be­vol­ler Umar­mung mit wild­frem­den Men­schen im Wich­tel­kos­tüm sieht. Drau­ßen kom­men wie­der Leute auf uns zu. Einer will wis­sen, ob wir einen aus­ge­ben? Lei­der dür­fen wir ihm kein Bier geben, weil er auf einer öffent­li­chen Straße steht. Aber über eine Wich­tel­mütze freut er sich auch. Kurz dar­auf kommt einer, der fragt, ob er »zwei, nein vier, nein, was sage ich, sechs Weih­nachts­biere« bekom­men kann? »Das ist, weil wir so einen Schach­club haben«, erklärt er. Einer von den Carls­ber­gern geht mit, um zu sehen, ob das stimmt. Kopf­schüt­telnd kommt er zurück. Schach­club stimmt. Aber er war nicht will­kom­men, weil bei einem Schach­tur­nier Ruhe und Nüch­tern­heit herr­schen müs­sen. Das Bier nah­men sie trotz­dem gerne – das kann man spä­ter trin­ken. Um 22 Uhr 30 schla­gen wir im Café HP auf, wo schon rich­tig Party ist. Es ist eine Art Bodega, mit vie­len pro­fes­sio­nel­len Gäs­ten – die Kum­pane an der Theke sehen aus, als wohn­ten sie in den ein­fa­chen, neon­hel­len Räu­men. Dafür grö­len sie den Weihnachtsbier-Song gleich mehr­fach, und wir machen, dass wir wei­ter­kom­men. Um 23 Uhr 01 ver­las­sen wir eine kleine Bar namens Ny-kro. Eine Dame will alle umar­men, wäh­rend es die Jun­gens auf eine Schlä­ge­rei um unser Wich­tel­mäd­chen Simone anle­gen. Es endet mit einem Kom­pro­miss, bei dem sie um Simone wür­feln! Falls ein Typ mit Namen Gey­sir zwei Sech­ser wür­felt, »bekommt er sie« – und Simone hat, bit­te­schön, die ganze Nacht zu blei­ben. Gey­sir wür­felt zwei Ein­sen und wir dür­fen fah­ren. Wir sto­ßen zum Abschied mit allen an und sind im Nu am Wagen, wo wir Leute ver­scheu­chen müs­sen, die mit­kom­men wol­len. Das Zuhause der Freunde heißt die Bodega, die unser letz­ter Halt sein wird. Weil wir bereits um 23 Uhr 19 dort sind, haben wir reich­lich Zeit, bevor wir abschlie­ßend Kurs aufs Tivoli neh­men. Der Inha­ber des Ven­ner­nes hjem hat aus den an sich beschei­de­nen Räum­lich­kei­ten viel gemacht. Das J-Dag-Programm bie­tet für 18 Uhr Papri­ka­ge­müse mit Kar­tof­fel­brei, ab Punkt 20 Uhr 59 ist Aus­schank des Weih­nachts­biers und für »etwa 23 Uhr« steht die Ankunft der Wich­tel­mäd­chen an, was in unse­rem Fall etwa gleich viele Wich­tel­frauen wie Wich­tel­män­ner bedeu­tet – und ein Wich­tel­mäd­chen. Plus ein tan­zen­der Weih­nachts­baum namens Kha­lil. Als die Uhr 23 Uhr 31 zeigt und wir »Nu er det jul igen, nu er det jul igen«, Jetzt ist wie­der Weih­nach­ten, mit allen Gäs­ten als Polo­naise getanzt haben und sogar drau­ßen auf der Rau­cher­ter­rasse waren, reicht es den Gäs­ten mit der Weih­nachts­mu­sik. »Nun stell ihn schon an!«, quen­geln die Gäste solange, bis der Inha­ber nach­gibt und wie­der spielt, was das Kampf­lied des Lokals zu sein scheint. Tra­di­ti­ons­ge­mäß gibt man beim letz­ten Halt die Wich­tel­aus­rüs­tung ab und der Weih­nachts­baum – minus Kha­lil – wird für ein gro­ßes Weih­nachts­bier vom Fass ver­kauft. Nach­frage herrscht auch nach Simo­nes blauen Strümp­fen mit den Schnee­flo­cken auf dem Strumpf­band. Aber die sind unver­käuf­lich. Als wir um 0 Uhr 09 im Zen­trum von Kopen­ha­gen ankom­men und lachend ins Tivoli gehen, bricht die Repor­tage jäh ab. Dem liegt ein tra­di­tio­nel­ler Kuh­han­del zugrunde, den die Jour­na­lis­ten und die Braue­rei seit Jah­ren machen: Wenn man ver­spricht, nicht über Carls­bergs After-Show-Party zu berich­ten, darf man mit­fei­ern. Ergo: Kein Wort über beschwipste Direk­to­ren, kilo­me­ter­lange Bier­the­ken­schlan­gen oder Nacht­mahl­zei­ten vom Bur­ger King auf der ande­ren Stra­ßen­seite. Als ich, es ist wohl 3 Uhr 20, schließ­lich über den Rat­haus­platz wanke, bie­tet sich mir ein ver­blüf­fen­der Anblick. In der ganz nor­ma­len Men­schen­menge trägt etwa jede zehnte Per­son eine blaue Wich­tel­mütze. Ich ver­zichte auf ein Night­cap in mei­ner Stamm­kneipe La Fon­taine und falle statt­des­sen ein­fach ins Bett.

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Am fol­gen­den Tag schrei­ben die Zei­tun­gen von einer Mas­sen­schlä­ge­rei unter den Kin­dern der Rei­chen in Hel­lerup sowie einem Kon­flikt zwi­schen Gym­na­si­as­ten und Ein­wan­de­rer­jun­gen, die in einem Gym­na­sium in Hel­singør den J-Dag mit­fei­ern woll­ten. Der Poli­zei­prä­si­dent von Fünen hin­ge­gen berich­tet gegen­über einer Nach­rich­ten­agen­tur, der J-Dag sei die­ses Jahr beun­ru­hi­gend ruhig verlaufen.

  • Text & Fotos: Kris­tian Dit­lev Jensen?
  • Über­set­zung: Sig­rid Engeler
29. Oktober 2012
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