Erzähltes Leben Geschichten

Softeis und Heroin

Wer Kris­tian Dit­lev Jen­sen gute Geschich­ten erzählt, bekommt von ihm das Essen ­bezahlt. Dies­mal: Carl Chris­tian Ran­dow – ein ehe­ma­li­ger Alko­ho­li­ker und Dro­gen­ab­hän­gi­ger, der eine Kli­nik für Alko­hol­kranke lei­tet. Er erzählt, was Trin­ker und Jun­kies essen

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Nach etwa drei Tagen Wodka wirst du verrückt!

Vester­bro ist das rau­este Vier­tel von Kopen­ha­gen, die Ree­per­bahn der däni­schen Haupt­stadt. Hier sagt man, dass die Hardcore-Alkoholiker der Arbei­ter­klasse frü­her einen hal­ben Liter Sahne mit Dop­pel­rahm­stufe und eine Fla­sche Por­ter – ein dunk­les Bock­bier von Carls­berg – auf die Hei­zung neben ihr Bett gestellt haben, bevor sie abends schla­fen gin­gen. Am nächs­ten Mor­gen muss­ten sie dann nur noch die bei­den Zuta­ten in ein Glas gie­ßen, und das Früh­stück war fer­tig. Aber der Alkohol-Coach Carl Chris­tian Ran­dow, der schwe­ren Trin­kern wie­der auf die Beine hilft, sagt, dass das so nicht stimmt. Alko­ho­li­ker essen kein Bier mit Sahne.

Was isst denn ein Alko­ho­li­ker?
Die ein­fa­che Ant­wort lau­tet: Nichts.

Nichts?
Nun ja, wenn du auf der Straße, in Bars und in Knei­pen lebst, dann ist der Alko­hol dein Essen – viele unter­schied­li­che Sor­ten Alko­hol. Genau wie andere Leute ver­schie­dene Mahl­zei­ten zu ver­schie­de­nen Tages­zei­ten zu sich neh­men, habe ich, wenn ich etwas Süßes wollte, ein Guld Tuborg getrun­ken, wenn ich etwas Auf­bau­en­des brauchte, einen Cognac, und wenn mir nach etwas Schar­fem war, zum Bei­spiel mor­gens, dann habe ich meine soge­nann­ten Hausfrauen-Amphetamine zu mir genom­men: Kaf­fee mit Schnaps. Nach­mit­tags bin ich gern in Cafés geses­sen und habe Rot­wein geschlürft. Dabei habe ich geschrie­ben und alles als sehr poe­tisch emp­fun­den. Oder ich bin als arro­gan­ter Schnö­sel daher­ge­kom­men und habe einen Kaf­fee, einen Kur­zen und eine Zigarre bestellt!

Ich habe gehört, dass man nur von Wodka leben kann. Stimmt das?
Man kann nicht allein von Wodka leben, weil das viel zu doll rein­haut. Du wirst unbe­re­chen­bar und, ich würde sagen, nach etwa drei Tagen wirst du ver­rückt. Und des­we­gen lan­det man, wenn man nur so harte Sachen trinkt, ent­we­der in der Aus­nüch­te­rungs­zelle bei der Poli­zei oder in einer Irrenanstalt.

Wie viel hast du am Tief­punkt dei­ner Sucht getrun­ken?
In Wodka berech­net, etwa zwei Fla­schen am Tag. Also 180 bis 200 Zen­ti­li­ter Alko­hol. Aber, wie gesagt, ver­teilt auf alle mög­li­chen Sor­ten alko­ho­li­sche Getränke. Dabei muss man beden­ken, dass dies wäh­rend des End­sta­di­ums mei­nes Alko­ho­lis­mus war. Zu der Zeit habe ich mich bis zu drei­mal inner­halb von 24 Stun­den betrunken.

Zu der Zeit hast du also täg­lich ­getrun­ken?
Ich habe nie jeden Tag getrun­ken. Es gibt unter­schied­li­che Alkoholiker-Profile. Die Arbei­ter­klasse trinkt täg­lich, und das sind dann die Betrun­ke­nen, die man auf der Straße sieht. Ich habe exzes­siv in Schü­ben getrun­ken. Zunächst an ein paar Aben­den als ich viel­leicht 15 war. Dann ein gan­zes Wochen­ende lang. Und dann war ich schon don­ners­tags betrun­ken und habe vier Tage am Stück getrun­ken. So konnte ich an mei­nen nüch­ter­nen Tagen immer noch zur Uni gehen, meine Arbeit machen und so. Selbst wäh­rend der letz­ten drei Jahre, die ich als meine schlimmste Phase bezeich­nen würde, hatte ich immer noch nüch­terne Abschnitte – bis zu fünf Monate – in denen ich ver­sucht habe, mich zu erho­len, indem ich zum Bei­spiel zu Tref­fen der Anony­men Alko­ho­li­ker gegan­gen bin. Aber dann hatte ich Rück­fälle, oft­mals wegen Fami­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten. Wut war damals ein gro­ßes Pro­blem für mich.

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Wir sit­zen in einem Hamburger-Laden in Nør­re­bro in Kopen­ha­gen, einem ehe­ma­li­gen Arbei­ter­vier­tel, das inzwi­schen Stu­den­ten, diverse Immi­gran­ten aus aller Welt und Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger behei­ma­tet. Carl Chris­tian Ran­dow hat vor­ge­schla­gen, dass wir uns hier tref­fen – und hier essen. Etwas über­ra­schend, finde ich, da sein sozia­ler Hin­ter­grund alles andere als Arbei­ter­klasse oder arm ist. Der Mann, der zeit­weise von einer Mahl­zeit am Tag gelebt hat, ist mit einem sil­ber­nen Löf­fel im Mund gebo­ren wor­den. Oder, wie er sagt, »im größ­ten Haus von Gen­tofte«, der reichs­ten Gemeinde in der reichs­ten Gegend von Däne­mark, die nörd­lich von Kopen­ha­gen liegt. Sein Vater war Besit­zer einer Fleisch­ver­pa­ckungs­fa­brik. Seine Mut­ter ist eine schwe­di­sche Ade­lige. Aber jetzt sehen wir uns gemein­sam das Burger-Angebot an. Denn Bur­ger waren immer etwas Beson­de­res, als Carl Chris­tian noch, wie er es nennt, »ein akti­ver Alko­ho­li­ker« war.

Wenn ich vor einem Mahl wie die­sem saß, stand ich immer im Kon­flikt. Ich mochte den Geruch, und ich konnte mir auch den Geschmack vor­stel­len. Meine Geschmacks­knos­pen waren bereit. Aber den­noch war der Bur­ger etwas, das man bezwin­gen musste. Das kos­tete viel Ener­gie … Ich hatte zwar Hun­ger, aber gleich­zei­tig hatte ich das Gefühl, mein lee­rer Magen könnte nach, sagen wir mal, vier Tagen Alko­hol nichts ver­tra­gen. Meine Ein­ge­weide und inne­ren Organe taten weh.

Wie kommt es, dass Alko­ho­li­ker oft­mals kei­nen rich­ti­gen Appe­tit haben?
Die stim­mungs­ver­än­dern­den Eigen­schaf­ten von Alko­hol – wie Wodka und Whis­key, also Spi­ri­tuo­sen, von denen man high wird – ver­dre­hen einem sozu­sa­gen die Ein­ge­weide. Es ist wie mit der Haus­frau der 1960er, die Pil­len nahm, um abzu­neh­men. Sie wurde phy­sisch high – das waren immer­hin echte ­Amphet­amin­ta­blet­ten – aber, wich­ti­ger noch, sie wurde auch psy­chisch high, und wegen die­ses psy­chi­schen Hoch­ge­fühls war sie nicht mehr eins mit ihrem Kör­per. Sie ver­lor das Ver­lan­gen, ihre Bedürf­nisse zu stil­len, ihren Hun­ger, ihr Schlaf­be­dürf­nis etc. Es gibt meh­rere Sor­ten von Sucht. Einige suchen nach Befrie­di­gung, andere stre­ben nach einer Rea­li­täts­flucht – ich unter­lag der Erregungs-Sucht, ich musste mich high fühlen.

Wir bekom­men rie­sige Bur­ger, Zwie­bel­ringe und Mine­ral­was­ser. Und einen Salat. Carl Chris­tian lacht, als er gie­rig anfängt zu essen.

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Ich hätte nie­mals den Salat essen kön­nen, als ich noch getrun­ken habe. Der ist ein­fach inkom­pa­ti­bel mit der Ver­dau­ung eines Alko­ho­li­kers. Der Magen macht so was irgend­wann nicht mehr mit. Als Alko­ho­li­ker schwankt man zwi­schen Ver­stop­fung und Durch­fall. Das ist eine Neben­wir­kung von Alko­hol­miss­brauch, die nicht all­ge­mein bekannt ist. Selbst Leute, die jeden Tag ledig­lich eine Fla­sche Rot­wein trin­ken und behaup­ten, dass sie keine Pro­bleme haben, kämp­fen tat­säch­lich oft­mals mit einer sehr schlech­ten Ver­dau­ung, da Alko­hol den Säu­re­ge­halt im Magen stark erhöht.

Warum Bur­ger?
Mei­ner Mei­nung nach spie­geln sie ­wider, wie man sich fühlt, wenn man trinkt – nicht nur in Sachen Geld, son­dern auch in Sachen Fan­ta­sie. Man lebt so eine Art Fastfood-Leben. Mein ört­li­ches Lokal war das Zugar Baby, ein Café in Ves­ter­bro­gade, das es auch heute noch gibt. Die machen gute Bur­ger mit ech­tem Fleisch – ich hätte mich über­ge­ben, wenn die Bur­ger mit min­der­wer­ti­gem Rind­fleisch gemacht wor­den wären. Ich habe dann immer ganz viel Knob­lauch und Chili drauf­ge­tan. Das ist ein wei­te­rer Hin­weis auf Alko­hol­miss­brauch. Wenn dein gan­zer Kör­per vol­ler Gifte ist – ich habe damals auch stark geraucht – stump­fen deine Sinne ab. Aber wenn du alles mit Gewür­zen und Sau­cen über­tünchst, bekommst du einen gewis­sen kuli­na­ri­schen Kick. Zudem waren – und sind – Bur­ger aus mei­ner Sicht Fut­ter für die Seele. Das gilt für viele Leute. Meine Kin­der lie­ben auch Bur­ger. Und die sind defi­ni­tiv keine Alkoholiker!

Was hast du geges­sen, bevor du dich besof­fen hast?
Nor­ma­ler­weise habe ich meine Exzesse damit begon­nen, Gras zu rau­chen. Dann bin ich spä­ter am Nach­mit­tag oder am Abend auf Alko­hol umge­stie­gen. Aber statt zu essen, habe ich mich eher vor­sätz­lich aus­ge­hun­gert. Essen wird erst dann wie­der wich­tig, wenn du von dei­nem Trip run­ter­kommst. Wäh­rend du trinkst, Gras rauchst und andere Dro­gen nimmst, isst du viel­leicht mal ein Stück Kuchen zum Früh­stück und irgend­et­was Schnel­les am Nach­mit­tag. Aber du isst ins­ge­samt nicht viel mehr als eine rich­tige Mahl­zeit am Tag. Nach mei­nen Exzes­sen – und nach­dem ich mei­nen Bur­ger bei Zugar Baby ver­schlun­gen hatte – habe ich mich zu Hause unter einer Decke ver­kro­chen, Süßig­kei­ten geges­sen, Fern­se­hen geguckt und ver­sucht mich wie­der zusam­men­zu­rei­ßen. Trotz Kater und Ent­zugs­er­schei­nun­gen. Das hat meis­tens ein paar Tage gedauert.

Was essen Hardcore-Drogenabhängige? Unter­schei­det sich das von Alko­ho­li­kern?
So weit ist es bei mir nie gekom­men. Wäh­rend mei­ner letz­ten Exzess-Phase habe ich ein­mal Heroin geschnupft, aber das hat mir nicht zuge­sagt. Was das Thema angeht, weiß ich also nur von mei­nen Kli­en­ten. Als ich mit den soge­nann­ten Dreifach-Fällen zu tun bekam – diese Men­schen sind kri­mi­nell und geis­tes­ge­stört und dro­gen­ab­hän­gig – habe ich her­aus­ge­fun­den, dass Hero­in­ab­hän­gige wochen­lang nur von Eis leben kön­nen. Alle Dro­gen auf Mor­phin­ba­sis unter­drü­cken das Hun­ger­ge­fühl. Von daher haben Abhän­gige nicht mehr das Bedürf­nis, nor­ma­les Essen zu sich zu neh­men und bevor­zu­gen Sachen wie Süßig­kei­ten und Joghurt. Man sieht sie oft auf der Straße mit einer Eistüte in der Hand. Eis ist sehr beliebt unter den Hardcore-Drogen­abhängigen. Einige trin­ken zudem noch, und die sieht man dann mit süßem Export­bier, das einen hohen Alko­hol– und Zucker­ge­halt hat. Mit ihren Hosen in den Knie­keh­len hocken sie in einer Art Skispringer-Haltung rum. Deren Pro­blem ist, dass sie – im Gegen­satz zu einem wie mir, der vor­her auf­ge­hört hat – jah­re­lang mit einem Kör­per­ge­wicht von 30 statt 80 Kilo leben kön­nen. Aller­dings ster­ben sie nicht durch Ver­hun­gern. Bevor es so weit kommt, bege­hen sie lie­ber kleine Straf­ta­ten, um an Geld zu kom­men. Oder sie klauen Süßig­kei­ten und Scho­ko­lade im Laden. Viel wahr­schein­li­cher ist es, dass sie an einer Über­do­sis ster­ben – einem Schuss in einen völ­lig geschwäch­ten und ver­nach­läs­sig­ten Kör­per ohne funk­tio­nie­ren­des Immun­sys­tem. Wenn man sol­che Leute im Super­markt Lebens­mit­tel klauen sieht – oft­mals neh­men sie teu­res, gefro­re­nes Fleisch wie Rump­steaks – dann ver­su­chen sie etwas mit­zu­neh­men, was sie ver­kau­fen kön­nen. Alles Geld wird dann in Dro­gen investiert.

Hat­test du jemals Fres­s­at­ta­cken – man hört manch­mal, dass man das von ­Haschisch bekommt?
Ich nie, aber ich weiß von ande­ren Leu­ten, die so rea­gie­ren. Ich war manch­mal tage­lang auf Dro­gen in der libe­ra­len Hippie-Gegend Chris­tia­nia hier in Kopen­ha­gen. Dann habe ich immer von Fala­fel gelebt.

Warum Fala­fel?
Fala­fel haben meh­rere gute Eigen­schaf­ten. Ers­tens: Sie sind bil­lig. Zwei­tens: Sie sind vor Ort zu haben. Und das ist so unge­fähr alles, was zählt. Auf der Straße lebst du im Hier und Jetzt …
Wenn Leute ihre Sucht hin­ter sich las­sen – wenn sie clean wer­den – wie ändern sich dann ihre Ess­ge­wohn­hei­ten?
Die Hel­fer in der Reha wis­sen, dass die Ex-Junkies ihre Kör­per sehr mies behan­delt haben. Von daher wird dort sehr auf gesun­des Essen und Vit­amine geach­tet, und oft wer­den auch pro­te­in­hal­tige ­Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel gege­ben. Nor­ma­ler­weise bekommt man eine Vitamin-B-Spritze. Das Essen in der Reha ist schwer und fett, ers­tens weil das befrie­di­gend ist, und zwei­tens weil die Pati­en­ten zuneh­men sol­len. Man geht schließ­lich nur zur Reha, wenn man kom­plett am Ende ist.

Die­ses Inter­view wurde Anfang März 2012 geführt, eine Woche bevor Carl Chris­tian Ran­dow ›15 Jahre tro­cken‹ fei­ern konnte. Sein ers­tes Buch über Behand­lungs­mög­lich­kei­ten von Alko­ho­lis­mus ist kos­ten­los online auf www.alcohol-coach.dk erhält­lich (auf Dänisch), und er berei­tet sich momen­tan auf eine Reihe von Fern­seh­sen­dun­gen zum sel­ben Thema vor.

Text & Schnapp­schüsse: Kris­tian Dit­lev Jensen
22. November 2012
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